IV. Die Führung, die wir haben und die Führung, die wir brauchen

 

Die Bourgeoisie, deren wirtschaftliche Grundlage durch den Niedergang des Kapitalismus ins Wanken gerät, überrollt die ArbeiterInnenklasse und die unterdrückten Völker mit einer Welle an Sparpaketen, Steuererhöhungen, Zinsauspressung und Rohstoffplünderung. Gleichzeitig unternimmt sie seit einem Jahrzehnt eine Welle militärischer Abenteuer unter dem Vorwand des „Krieges gegen den Terror“, die in Wirklichkeit nur dem Ausbau des geopolitischen Einflusses und der koloniale Plünderung für die jeweiligen Großmächte dient.


Die Volksmassen reagieren darauf mit erbittertem Widerstand. Bereits gegen den Irak-Krieg gingen Millionen auf die Straße – alleine am 15. Februar 2003 waren es weltweit 15-20 Millionen Menschen. Kein Gipfeltreffen der Mächtigen konnte ohne massive Gegenmobilisierungen stattfinden. In der neuen historischen Periode nahm der weltweite Klassenkampf neue Dimensionen an. Die Arabische Revolution fegte mehrere Diktatoren weg und erschüttert eine ganze Region. In Griechenland trat die ArbeiterInnenklasse alleine in den Jahren 2010/11 mehr als ein Dutzend Mal in den Generalstreik. In London und anderen Städten kämpften im August 2011 mehr als 30.000 Jugendliche, Schwarze und MigrantInnen fünf Tage lang auf der Straße gegen die britische Polizei. Millionen ArbeiterInnen beteiligten sich an Generalstreiks in Indien, Südafrika, Türkei, Spanien, Portugal und Italien. In unzähligen Städten weltweit besetzen AktivistInnen öffentliche Plätze und fordern wirkliche Demokratie und soziale Gerechtigkeit.


Aber die Regierungen verabschieden trotzdem ein drakonisches – sprich massives – Sparpaket nach dem anderen. Die Kapitalisten werfen trotzdem Millionen ArbeiterInnen auf die Straße und kürzen die Löhne. Die Banken plündern trotzdem die arbeitenden Massen und unterdrückten Völker aus. Und die Großmächte führen trotzdem Kriege.


Warum also hat unser Widerstand keinen Erfolg? Offenkundig scheitert es nicht am Kampfwillen der Massen. Das Problem ist vielmehr, dass an der Spitze der traditionellen Organisationen und der neuen Bewegungen keine revolutionäre Partei steht. Stattdessen werden sie von Kräften geführt, die unfähig oder unwillens sind, mit der bürgerlichen Ordnung zu brechen.

Die ArbeiterInnenbewegung wird von reformistischen Bürokratien kontrolliert, die mit ihrer Politik den Kampf der Massen verraten und verkaufen. Die traditionellen Parteien der „Sozialistischen Internationale“ sind in der Regel vollkommen verbürokratisierte, bürgerliche ArbeiterInnenparteien. (Zusätzlich befinden sich in dieser sogenannten „Sozialistischen Internationale“ auch zahlreiche offen bürgerliche Parteien in halb-kolonialen Ländern, die dort die Interessen eines Teils der Kapitalistenklasse vertreten.) Diese bürgerlichen ArbeiterInnenparteien stützen sich zwar noch auf einen Teil der ArbeiterInnenklasse als soziale Basis und haben – zumeist über die Gewerkschaften – organisierte Verbindungen zu diesen. Aber die sozialdemokratische Bürokratie ist über unzählige Posten und Privilegien mit dem bürgerlichen Staat verbunden und strebt stets nach kapitalistischen Regierungsämtern. Wenn es ihnen die Bourgeoisie gestattet, sind sie nur allzu gerne bereit, als Regierungspartei die brutalsten Sparpakete gegen die ArbeiterInnenklasse durchzudrücken (z.B. PSOE in Spanien, PS in Portugal, PASOK in Griechenland). Wenn sie in der Opposition sind, trachten sie danach, den Widerstand zu bremsen und in ungefährliche Bahnen zu lenken. Die Sozialdemokratie ist ein konterrevolutionäres Instrument, ein Handlanger der Bourgeoise, innerhalb der Reihen der ArbeiterInnenbewegung. Ihre Existenz nährt sich vom Fehlen einer revolutionären Partei, die den Massen eine Alternative bieten kann.

Ebenso ist die Gewerkschaftsbürokratie – unabhängig davon, ob sie offiziell einer Partei nahesteht oder formell parteiungebunden ist – aufgrund ihrer engen Verbindungen mit Staat und Kapital im besten Fall eine widerstrebende und bremsende Kraft im Widerstand gegen die Angriffe der herrschenden Klasse. Die Bürokratie beißt natürlich nicht die Hand, die sie füttert. Daher hat sie kein eigenes Interesse, ernsthafte Klassenkämpfe zu initiieren. Sie versucht vielmehr Kämpfe der ArbeiterInnen zur Verbesserung ihrer Verhandlungsposition mit Staat und Kapital auszunützen und sie zu diesem Zweck zu kontrollieren.


Die stalinistischen und ex-stalinistischen Parteien unterscheiden sich von ihren sozialdemokratischen Zwillingen eventuell in ihrer Rhetorik, aber nicht bezüglich des grundlegenden Charakters ihrer Politik und ihrer Natur als bürgerliche ArbeiterInnenparteien. Sie haben in der Vergangenheit bewiesen, dass sie bereit sind, die kapitalistische Politik der Angriffe auf die werktätigen Massen und auch imperialistische Kriege aktiv mitzutragen und notfalls mit Polizeigewalt durchzusetzen. Die jahrzehntelang regierende CPI(M) in West-Bengalen (Indien) oder die innerhalb des ANC tätigen SACP in Südafrika sind ebenso Beweise dafür wie das Mitwirken der PCF in der französischen Regierung Jospin (1997-2002), der Rifondazione Comunista in Italiens Regierung Prodi, der Linkspartei/PDS in der Berliner Landesregierung oder der KKE in der Koalitionsregierung mit ND und PASOK 1990/91.


In zahlreichen halb-kolonialen Ländern üben bürgerliche und kleinbürgerliche nationalistische und populistische Kräfte einen führenden Einfluß in Widerstandsbewegungen aus. Die Unterdrückung und Ausbeutung dieser Länder durch den Imperialismus und ihre Handlanger vor Ort erzeugen oft einen breiten Widerstand unter den Volksmassen und katapultieren solche Parteien manchmal in Positionen, wo sie an der Spitze dieses Wiederstandes stehen. Islamistische Bewegungen wie die afghanischen Taliban, die Hisbollah in Libanon oder die palästinensische Hamas sind ebenso Beispiele hierfür wie die Tamil Tigers in Sri Lanka. Vor dem Hintergrund scharfer Klassenkämpfe kommt es auch vor, dass diese Parteien – entgegen ihren ursprünglichen Absichten – gezwungen sind, imperialistische Konzerne und einheimische Privatunternehmen zu verstaatlichen. (Siehe z.B. die bolivarische Bewegungen von Hugo Chavez in Venezuela oder die Regierungen in Bolivien und in Ecuador)


Doch einmal an der Macht degenerieren diese kleinbürgerlichen Bewegungen zu (staats-)kapitalistischen Parteien der herrschenden Klasse, die die ArbeiterInnenklasse und Bauernschaft von der politischen Entscheidungsfindung ausschließen und unterdrücken. Der Werdegang zahlreicher ehemaliger Widerstandsbewegungen zeigt dies unwiderlegbar. (FLN in Algerien, ZANU-PF in Zimbabwe, die FMLN und die Sandinisten in Zentralamerika, die Baath-Parteien und zahlreiche andere Militärputschisten in der arabischen Welt usw.) Die Ursache dafür liegt darin, dass kleinbürgerliche Bewegungen – wenn sie an die Macht kommen – von ihrem Wesen her zu Verteidigern der bürgerlichen Ordnung werden und werden müssen.


Eine gefährliche Entwicklung der jüngeren Vergangenheit ist die offene oder halb-offene Unterstützung für das imperialistische China durch (klein)bürgerliche Kräfte, die sich als sozialistisch bezeichnen. (z.B. Teile der stalinistischen Parteien, Chavez und die bolivarische Bewegung) Die ArbeiterInnenklasse hat nicht das geringste Interesse daran, eine Fraktion des Monopolkapitals (z.B. China und seine Verbündeten) gegen eine andere (z.B. USA) zu unterstützen! Die Unterstützung von Teilen des Reformismus für die aufstrebende Großmacht China ist nichts anderes als „Sozialimperialismus“ – sprich eine imperialistische Politik, getarnt mit sozialen oder gar „sozialistischen“ Phrasen.


Auch in den demokratischen Protestbewegungen in der westlichen Welt üben kleinbürgerliche Kräfte mit reformistischen, pazifistischen und populistischen Ideen einen zentralen Einfluß aus. Es liegt im Wesen des Kleinbürgertums, die Zähmung des Kapitalismus statt seiner Zerstörung zu bevorzugen. Ihre Ideen der Regulierung der allmächtigen Banken und Konzerne durch kapitalistische Gesetze und Parlamente, die naiven Doktrin des Pazifismus und des Konsensprinzip bei der Entscheidungsfindung usw. sind Ausdruck des führenden Einflusses von VertreterInnen der liberalen Mittelschicht und Intelligenzija (die Schicht der sogenannten „Intellektuellen“) und der politischen Unerfahrenheit der Bewegungen.


Damit einher gehen auch die von zahlreichen Linksreformisten und Zentristen genährten Illusionen über die Möglichkeit, tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen mittels einer Verfassungsgebenden Versammlung herbeiführen zu können. Weitere Beispiele sind die Illusion der Einführung einer „partizipativen Demokratie“ im Kapitalismus, durch die angeblich das Volk mitbestimmen könne (PT in Brasilien, WSF/ESF) oder die Reform und Kontrolle des bürgerlichen Staatsapparates durch räte-demokratische Organen. Die Geschichte hat diese kleinbürgerlichen Theorien einer „radikalen Demokratisierung“ ohne Diktatur des Proletariats und einer „institutionalisierten Doppelmacht“ als gefährliche Tagträumereien bloßgestellt. Sie haben das Proletariat bloß fehlgeleitet und somit in seinem Befreiungskampf behindert und geschwächt.


Die verschiedenen Varianten des Zentrismus sind in der Regel in Worten radikaler, in der Praxis aber unfähig und unwillens eine tatsächliche Alternative zu den kleinbürgerliche Führungen aufzubauen. Ihre Programme und ihre Praxis wiederspiegeln in der einen oder anderen Form bürgerliche Vorurteile und Anpassung an die Arbeiterbürokratie (Gewerkschaftsführungen, ReformistInnen, etc.). Der Zentrismus verkörpert letztlich einen bürgerlichen Einfluß in der ArbeiterInnenbewegung, der durch seine Schwankungen und sein Zurückschrecken vor dem konsequenten Weg des Klassenkampfes das Proletariat letztlich verrät. Als Beispiele dafür seien genannt:


* die utopische, an der Wirklichkeit vorbeigehende, Theorie des friedlichen Übergangs zum Sozialismus;


* Die Lüge, dass die demokratische Revolution ohne sozialistische Revolution abgeschlossen und diese beiden in getrennte Etappe unterteilt werden können;


* die lächerliche Hoffnung in die Reformierbarkeit kleinbürgerlicher und bürgerlicher Kräfte wie der Gewerkschaftsbürokratie, sozialdemokratischer oder bürgerlich-populistischer Parteien in konsequent sozialistische Kräfte. Das bedeutet die Hoffnung, sie zu konsequenten Kämpfern für die Befreiung machen zu können. Das ist jedoch genauso „realistisch“ wie einen Tiger zum Vegetarier zu machen;


* die opportunistische (an nicht-revolutionäre Kräfte anpassende) Nachtrab-Theorie, dass der „objektive Prozeß“ Revolutionäre von der Verantwortung der Führung befreien würde. Vor allem von der Verantwortung, die notwendigen Schritte des Kampfes in Agitation und Propaganda darzulegen und offen für die Ersetzung der bestehenden Führungen durch eine revolutionäre Alternative einzutreten. So zum Beispiel für die Ersetzung der sozialdemokratischen Verräterparteien durch revolutionäre, somit bolschewistische Massenparteien.


Daher versagt der Zentrismus in den entscheidenden Situationen, wo der Druck der Bourgeoisie und der Bürokratie am stärksten und die Notwendigkeit des offenen revolutionären Kampfes gegen diese am dringlichsten ist. Um nur einige wenige Beispiele der jüngsten Vergangenheit zu erwähnen: Das Versagen der französischen NPA im Herbst 2010 während der Massenproteste gegen die Pensionsreform, offen für den unbefristeten Generalstreik und die Ersetzung der bestehenden Gewerkschaftsbürokratie durch die Basisorgane, einzutreten; das feige Abtauchen faktisch der gesamten Linken während des Aufstandes der Armen in Britannien; die Anpassung vieler Zentristen an den kleinbürgerliche Demokratismus und Pazifismus in der Arabischen Revolution und der Occupation-Bewegung oder die Anbiederung zahlreicher Organisationen an den Bolivarismus von Chavez. Der Zentrismus ist daher keine Spielart des Marxismus, er steht auch nicht in seiner Tradition, sondern revidiert und verfälscht diesen. Er ist eine schwankende, sich an andere Klassenkräfte anpassende, kleinbürgerliche Strömung, die von den Bolschewiki-Kommunisten daher mit aller Konsequenz politisch bekämpft wird. Der Zentrismus steht den Bolschewiki-Kommunisten somit nicht näher als andere klassenfremde (nicht-proletarische) Kräfte. Wer starke Worte verwendet, aber nie die entsprechenden Taten setzt wenn es darauf ankommt, ist ebenso unbrauchbar, wie alle, die sich nicht zu solch starken Worten durchringen können. Und es liegt an uns dafür Sorge zu tragen, dass unsere Klasse nicht ausbaden muss, was solche zentristischen Prahlhälse von sich geben und ihnen daher nicht im Klassenkampf ins Verderben folgt.


Angesichts der Schwäche der revolutionären Kräfte ist es keine Überraschung, dass sich ein Teil der kämpferischen Jugendlichen und auch einige ArbeiterInnen dem Anarchismus zuwenden. Dieser Zulauf ist eine Strafe für die Verbürokratisierung der ArbeiterInnenbewegung und den Verrat ihrer Führungen in der Vergangenheit. Nichtsdestotrotz ist dieses Engagement junger AktivistInnen in den Reihen des Anarchismus fehlgeleitet. Denn ohne revolutionäre (nicht verbürokratisierte!) Partei ist kein revolutionärer Sturz des Kapitalismus möglich. Ohne Hinwendung zur ArbeiterInnenklasse in den Betrieben, ohne Taktik gegenüber den Organisationen der ArbeiterInnenbewegung, kann die ArbeiterInnenklasse nicht für die Revolution gewonnen werden. Ohne diszipliniertes Vorgehen bei Demonstrationen und Straßenkämpfen können sich leicht Polizeiprovokateure in die Reihen der Demonstration einschleichen und konterproduktive Aktionen setzen. Ohne Diktatur des Proletariats kann die Konterrevolution nicht zerschlagen werden. Nicht die individuelle Aktion, sondern der kollektive, organisierter Aufstand unter einer klaren Führung der erfahrensten und konsequentesten KämpferInnen aus den eigenen Reihen wird unsere Klasse zu ihrer Befreiung leiten.


Die Bolschewiki-Kommunisten sagen: Bürokratie und kleinbürgerliche Demokraten können die ArbeiterInnenklasse und die Unterdrückten nicht zum Sieg führen. Sie verfolgen eine Politik des Stellvertreterkampfes, bei dem ein abgehobener Vortrupp (Guerillakämpfer, aufgeklärte Funktionäre etc.) für die Massen kämpft und diese den Vortrupp bloß unterstützen, anstatt die Massen selber zu organisieren und zur Trägerin des Kampfes zu machen.


Ihre Politik beschränkt sich auf die Vertreibung dieser oder jener ausländischen Besatzungsmacht, die Erringung einer tatsächlichen Demokratie ohne Umwälzung der Eigentumsverhältnisse, die Enteignung dieser oder jener Kapitalgruppe. Doch das ist alles eine Illusion. Stürzt man nicht die Bourgeoisie als ganzes und zerschlagt ihren Staatsapparat, bricht man nicht vollständig mit dem Imperialismus, verbindet man nicht die demokratische Revolution mit der Enteignung der Kapitalisten – dann bleibt die Revolution unvollständig und degeneriert schließlich. Schreitet die Revolution nicht bis zur tatsächlichen Machtergreifung der ArbeiterInnenklasse voran, dann endet sie unweigerlich in der Wiedererrichtung der Herrschaft bürgerlicher Kräfte, dann endet sie mit dem Scheitern nicht nur der sozialistischen, sondern auch der demokratischen Revolution.


Kurz und gut, die heute vorherrschenden Kräfte in den Widerstandsbewegungen besitzen kein realistisches Programm, um die Macht der Kapitalistenklasse und der imperialistischen Großmächte zu brechen und das Proletariat an die Macht zu bringen. Solange diese Kräfte an der Spitze des Kampfes stehen, werden wir verlieren.


Wir appellieren an die AktivistInnen in den reformistischen und zentristischen Parteien, in den demokratischen Protestbewegungen und im Lager des Anarchismus: der Kampf für die Abschaffung jeglicher Form von Ausbeutung und Unterdrückung erfordert die Abschaffung von Klassen und Staat. Dies ist nur auf der Grundlage eines wirklich kommunistischen Programms und in den Reihen einer tatsächlichen revolutionären Kampfpartei der ArbeiterInnenklasse möglich. Schließt Euch uns an!


Die revolutionäre Kampfpartei stützt sich auf eine wissenschaftliche Analyse der Bedingungen des Klassenkampfes und ein revolutionäres Programm. Sie organisiert die politisch bewußte, kämpferische Vorhut des Proletariats und aller Unterdrückten und erklärt den in der ArbeiterInnenbewegung noch vorherrschenden Bürokratien offen den Krieg. Sie basiert auf dem Prinzip des Demokratischen Zentralismus, das bedeutet: demokratische Entscheidungsfindung innerhalb der Partei, geschlossenes Umsetzen dieser Entscheidungen und Vertreten derselben nach außen.


Die revolutionäre Partei kann nur dann tatsächlich die Rolle eines Kampfinstrumentes gegen die Ausbeutung und Unterdrückung spielen, wenn sie in der ArbeiterInnenklasse fest verankert ist, ihre Vorhut (die kämpferischsten und fortschrittlichsten Teile) organisiert und wenn sie auch die unterdrückten Schichten miteinschließt. Daher nimmt die Organisierung der Frauen, nationalen Minderheiten, Jugendliche usw. einen zentralen Stellenwert ein.


Eine solche Partei existiert heute noch nicht. Genau genommen besitzt unsere Klasse seit Mitte des 20. Jahrhunderts keine Avantgardepartei mehr. In dieser tiefen Führungskrise – verbunden mit den Möglichkeiten der imperialistischen Bourgeoisie zur systematischen Bestechung der Arbeiterbürokratie und –aristokratie – ist auch die letztendliche Ursache zu suchen für die außergewöhnliche Verbürgerlichung der ArbeiterInnenbewegung und die Entrevolutionierung des Marxismus in der Fassung, wie er vom Linksreformismus, Zentrismus und den linken AkademikerInnen verzerrt wird, in den vergangenen Jahrzehnten.


Die unmittelbare, dringlichste Aufgabe besteht daher darin, bolschewistische Aufbauorganisationen national und international zu schaffen, aus denen dann eine solche Partei erwachsen kann. Diese Aufbauorganisationen haben die Aufgabe, durch die Teilnahme an den Klassenkämpfen und die beharrliche Verbreitung der revolutionären Ideen zahlreiche AktivistInnen auf der Grundlage des revolutionären Programms zusammenzuschließen. Zu diesem Zweck arbeiten sie auf der Grundlage des bolschewistischen Organisationsmodells – dem Demokratischen Zentralismus. Sie entspringen somit aus den Reihen der KlassenkämpferInnen, sammeln die Erfahrungen des Kampfes und stärken mit höchster Aufopferung für die Revolution die Kampfkraft der ArbeiterInnenklasse. Die revolutionären Aufbauorganisationen bringen von Beginn an KlassenkämpferInnen hervor, die am zähesten, kämpferischsten und unversöhnlichsten jeder nicht-proletarischen Kraft entgegenstehen, so „links“ sie sich auch präsentieren mag. Dementsprechend ist es die Aufgabe der bolschewistischen Aufbauorganisation, sich in erster Linie aus den fortschrittlichsten und kämpferischsten Teilen der ArbeiterInnenklasse zu rekrutieren. Wie ein Läufer, der sein Training lange vor dem eigentlichen Wettkampf mit allen Mitteln vorbereitet, strebt unsere Organisation an, die Vorbereitung der Revolution mit ebenso vielen Mühen und Entbehrungen durchzuführen, wie es uns die Revolution selbst abverlangen wird.


Ein wichtiges Instrument zur Überwindung der Führungskrise der ArbeiterInnenklasse ist die marxistische Einheitsfronttaktik. Revolutionäre treten für die größtmögliche Einheit des Proletariats im Kampf für seine Rechte ein. Sie tragen auch der Tatsache Rechnung, dass heute nach wie vor viele ArbeiterInnen in der einen oder anderen Weise Hoffnungen in die traditionellen Führungen setzen und dass ihre Erkenntnis des verrotteten Charakters dieser Führungen nicht alleine durch revolutionäre Propaganda erreicht werden kann, sondern v.a. die Erfahrungen in der Praxis voraussetzt. Sie schlagen daher den anderen Organisationen der ArbeiterInnenbewegung den gemeinsamen Kampf für konkrete Forderungen vor. Das zentrale Ziel ist der Kampf Schulter an Schulter mit den einstweilen noch den kleinbürgerlichen Führungen folgenden ArbeiterInnen. Dabei gilt es vor allem auch den Aufbau von gemeinsamen Einheitsfrontorganen an der Basis (Aktionskomitees in den Betrieben, Stadtteilen und Ausbildungsstätten, gemeinsame ArbeiterInnenmilizen usw.) voranzutreiben. Zu diesem Zweck richten sie den Vorschlag zur Bildung einer Einheitsfront vor allem an die Basis der nicht-revolutionären Parteien und Organisationen, aber auch an deren offizielle Führungen. Diese Taktik kann auch eine kritische Wahlunterstützung für nicht-revolutionäre Kräfte beinhalten. Der gemeinsame Kampf darf RevolutionärInnen niemals dazu verleiten, auf die notwendige Kritik an der unzureichenden Politik der kleinbürgerlichen Führungen zu verzichten und insbesondere sie dann scharf zu kritisieren, wo sie einen Kampf verraten. Vielmehr ist die Einheitsfronttaktik für Bolschewiki-Kommunisten nur unter der Voraussetzung gerechtfertigt, wenn sie mit der Bereitschaft einhergeht, umgehend und ohne Scheu jeden Verrat der falschen Führung zu entlarven. Nur durch die Anwendung einer solchen Einheitsfrontaktik können die Bolschewiki-Kommunisten letztlich erfolgreich große Teile der heute noch unter reformistischer Führung stehenden ArbeiterInnen von der Bürokratie wegbrechen und sie für eine revolutionäre Perspektive gewinnen.


Die Anwendung einer prinzipienfesten, aber flexiblen Einheitsfronttaktik ist auch deswegen wichtig, weil der Verschärfung der Klassengegensätze schneller vor sich geht als die revolutionäre Organisierung des Proletariats. Daher ist es durchaus möglich, dass sich die Aufschwünge des Klassenkampfes auf der Ebene des Massenbewußtseins zuerst Ausdruck verschaffen durch das Mittel neuer reformistischer oder zentristischer Formationen. Die Gründung der NPA in Frankreich oder sozialistischer Initiativen in Ägypten sind Beispiele dafür. Die Bolschewiki-Kommunisten treten für eine aktive Beteiligung an solchen Initiativen ein insofern sie den politischen Radikalisierungsprozeß eines Teils der ArbeiterInnenklasse ausdrücken. Gleichzeitig dürfen solche noch nicht revolutionäre Organisationen nicht als politische Lösung dargestellt werden. Vielmehr gilt es, offen für eine revolutionäre Ausrichtung einzutreten und davor zu warnen, dass solche Initiativen unweigerlich in einer Sackgasse enden müssen, wenn sie nicht auf eine revolutionäre Grundlage gehoben werden. (siehe z.B. das traurige Schicksal der NPA) Das wird unweigerlich zu einem Bruch mit Teilen eines solchen Projektes führen müssen. Die Bolschewiki-Kommunisten scheuen solche Brüche nicht, da sie als oberstes Ziel die Stärkung der Kampfkraft des Proletariats ansehen und wissen, dass dies auch in Brüchen mit ehemaligen MitstreiterInnen einhergehen wird.


In Ländern, in denen überhaupt keine – also nicht einmal eine reformistische – ArbeiterInnenpartei existiert (z.B. in vielen halb-kolonialen Ländern oder den USA), treten Bolschewiki-Kommunisten für den Aufbau einer unabhängigen ArbeiterInnenpartei ein. Eine ähnliche Taktik kann gerechtfertigt sein, wenn fortschrittliche Teile der ArbeiterInnenklasse sich von den etablierten verbürgerlichten ArbeiterInnenparteien wegentwickeln und nach einer politischen Alternative suchen. Wir wenden uns an kämpferische Gewerkschaften, Bewegungen für Demokratie und soziale Gerechtigkeit, politische Organisationen, und alle ArbeiterInnen und Unterdrückten, die nach einer Alternative zum Reformismus suchen, und rufen sie auf, neue ArbeiterInnenparteien aufzubauen. Ebenso rufen wir sie auf, gemeinsam mit uns eine Fünfte ArbeiterInnen-Internationale zu schaffen.


Wir kämpfen für eine Fünfte Internationale, die einen revolutionären und proletarischen Charakter besitzt. Wir treten daher von Anfang an für ein revolutionäres Programm ein. Im Gegensatz zur IMT, dem CWI oder der Vierten Internationale weisen wir das Etappen-Modell einer neuen Internationalen zurück, das diese zuerst auf einer link-reformistischen, dann auf einer zentristischen und irgendwann einmal auf einer revolutionären Basis errichten möchte.


Wir sind uns natürlich im klaren darüber, dass solche neuen nationalen Parteien bzw. eine Fünfte Internationale unter den gegenwärtigen Bedingungen einen widersprüchlichen Klassencharakters hätte, da sie nicht nur revolutionäre, sondern auch reformistische und zentristische Kräfte beinhalten würde. Dies wäre eine Internationale, deren FührerInnen in einer Reihe von Klassenkämpfen versagen oder sogar auf der anderen Seite der Barrikaden gegen die ArbeiterInnen stehen würden.


Bolschewiki-Kommunisten würden in einem solchen Fall von Beginn an die Rolle einer revolutionären Oppositionsfraktion einnehmen und müßten daher einen scharfen Kampf innerhalb solcher Parteien bzw. der Fünften Internationale gegen eine reformistische, zentristische, populistische Führung führen. Ihr Ziel wäre es, diese Parteien für ein revolutionäres Programm zu gewinnen. Selbstverständlich muss dies auf eine pädagogische Art getan werden, welche die Illusionen vieler ArbeiterInnen in Rechnung stellt, um zu vermeiden, dass sie sich unnötig vom ersten Tag an isolieren. Das Ziel besteht darin, linke Kräfte, sich neu radikalisierende ArbeiterInnen und Jugendliche zu sammeln und sie nach links und hin zu einem revolutionären Weg zu führen. Während sich die Bolschewiki-Kommunisten ein unabhängiges Profil als Organisation mit ihrem vollen Programm bewahren, müssen sie gleichzeitig versuchen, breitere Kräfte in eine Opposition gegen eine eventuelle reformistische Führung einzubeziehen. Letztlich ist es das Ziel, eine Fünfte Internationale aufzubauen, die tatsächlich den Interessen der ArbeiterInnenklasse dient und in der daher kein Platz für Kräfte ist, die im Befreiungskampf dem Klassenfeind dienen.


Gegenwärtig befinden wir uns in einer Aufschwungsphase der revolutionären Periode. Wie lange diese noch anhält, hängt von verschiedenen Faktoren ab, die im Kampf selber entschieden werden. Jedenfalls muss davon ausgegangen werden, dass gerade aufgrund des Fehlens einer revolutionären Vorhutpartei die ArbeiterInnenklasse fast unausweichlich verschiedene Rückschläge erleben wird und wir uns in dieser historischen Periode auf einen längeren Kampf mit revolutionären Aufschwüngen, Abschwungsphasen und konterrevolutionären Ebben einstellen müssen.


Was wir jedoch aufgrund der geschichtlichen Erfahrungen schon jetzt sagen können, ist folgendes: Der rechtzeitige Aufbau einer revolutionären Kampfpartei entscheidet über das Schicksal der Revolution und damit der Emanzipation der ArbeiterInnenklasse und der Unterdrückten. Nur wenn die ArbeiterInnenklasse an ihrer Spitze eine Avantgardepartei hat, die bewußt die Lehren vergangener Revolution und Niederlagen verarbeitet und die Strategie der permanenten Revolution in der Praxis anzuwenden versteht, kann sie die Macht erobern und gegen die bürgerliche Konterrevolution und imperialistische Gefahren verteidigen.


Die klassenbewußten ArbeiterInnen haben bislang viermal in der Geschichte des modernen Klassenkampfes eine Internationale – eine revolutionäre Weltpartei – geschaffen: Die I. Internationale unter Marx und Engels 1864-1876; die 1889 gegründete II. Internationale, die 1914 durch ihre Unterstützung für die imperialistischen Mächte im Weltkrieg zu einer offen pro-kapitalistischen Kraft wurde; die 1919 unter Führung von Lenin und Trotzki ins Leben gerufene III. Internationale, die der stalinistischen Bürokratie zum Opfer fiel und ab 1924 degenerierte; und schließlich die aus dem Kampf der Linken Opposition von Trotzki gegen den Zentrismus und Reformismus hervorgegangene Vierte Internationale, die – geschwächt von den Verfolgungen durch Faschismus und Stalinismus – an den Herausforderungen der Nachkriegsperiode scheiterte und 1948-51 als revolutionäre Internationale zu existieren aufhörte.


Heute stehen wir vor der Aufgabe, zum fünften Mal eine Weltpartei der sozialistischen Revolution aufzubauen, um ein für alle Mal dem Kapitalismus den Garaus zu machen. Deswegen tritt die RCIT für den Aufbau der revolutionären Fünften ArbeiterInneninternationale ein!

 

 


Kapitel 3: Die Welt für die wir kämpfen

Weiter: Kampf um die Gewerkschaften