Faschismus-Broschüre: I. Was ist Faschismus?

 

 

Oft wird der Begriff Faschismus verwendet, um besonders brutale Vorgangsweisen des Staatsapparates, diktatorische Herrschaftsformen oder rechte, rassistische Parteien zu bezeichnen. So verständlich dies als emotionaler Wutausbruch auch sein mag, so untauglich ist die Verwendung wissenschaftlicher politischer Kategorien als Schimpfwörter. Für uns MarxistInnen ist Faschismus kein Schimpfwort, sondern ein wissenschaftlicher politischer Begriff, um eine bestimmte reaktionäre politische Bewegung zu kennzeichnen. Ein inflationärer Gebrauch des Begriffs "Faschismus" würde letztlich nur das Einzigartige und besonders Bedrohliche von faschistischen Bewegungen verwischen.

 

Aber kommen wir nun zu unserer Definition des Faschismus, um sie danach genauer darzulegen und zu begründen:

 

Marxistische RevolutionärInnen bezeichnen jene reaktionären Kräfte als faschistisch, die die Organisationen der ArbeiterInnenbewegung vernichten und die bürgerliche Demokratie ausschalten wollen. Ihr Ziel ist die Errichtung einer totalitären Diktatur, um in Zeiten der kapitalistischen Krise die Herrschaft des Monopolkapitals – der großen Konzerne und Banken – aufrechtzuerhalten und ihren Interessen zu dienen. Dieses Ziel versuchen sie in erster Linie nicht auf dem parlamentarischen Weg oder durch einen bloßen Staatsstreich zu erreichen, sondern durch die Mobilisierung einer reaktionären, kleinbürgerlichen Massenbewegung auf der Straße sowie des systematischen Terrors gegen Linke und andere "Volksfeinde" wie z.B. Juden oder ImmigrantInnen.

 

 

 

Vom Monopolkapital gefördert...

 

 

 

In seiner gesamten Geschichte hat der Faschismus bewiesen, daß er den Interessen der herrschenden Klasse dient – also den Kapitalisten und den für diese arbeitenden Spitzen des Staatsbürokratie. Mussolini, Hitler, Franco u.a. waren nie in der Lage, die Macht durch die eigene Stärke ihrer Bewegung oder durch den Sieg bei Parlamentswahlen zu erobern. Nur durch die immense Finanzierung durch die Konzernherren – für die die Namen Krupp, Stinnes und Thyssen stellvertretend genannt seien – und durch den immensen Druck, den das Großkapital auf die führenden Kreise der bürgerlichen Systems ausübten, konnten Mussolini bzw. Hitler an die Macht gelangen.

 

Seit Beginn der revolutionären Krise 1918-1923 finanzierte das Monopolkapital rechtsradikale Kampforganisationen. Für die Reichen und Superreichen gab es vor dem Hintergrund der tiefgreifenden Krise des kapitalistischen Systems keine größere Gefahr als die revolutionär gesinnte Arbeiterschaft, die der kleinen Minderheit von Großkapitalisten die Kontrolle über die Wirtschaft entreißen und eine sozialistische Rätedemokratie errichten könnte, in der die wirtschaftliche und politische Macht direkt-demokratisch von unten nach oben ausgeübt wird. [i]

 

Bezeichnend für die Einstellung des Großkapitals gegenüber den Faschisten ist folgender Bericht eines rechtsradikalen Propagandisten über ein Treffen deutscher Monopolkapitalisten am 10. Jänner 1919:

 

Am gleichen Tag fand die nicht minder bedeutsame Sitzung des Führertums der Wirtschaft ... statt. Als ich Punkt 4 Uhr nachmittags ... erschien ... waren etwa 50 Herren da: Hugo Stinnes selbst, Albert Vögler, Ernst Borsig, Siemens, (....)  die ganze ‚haute volée’ der Industrie-, Handels- und Bankenwelt ... Als einziger Punkt auf der Tagesordnung stand: Referent Dr. Eduard Stadtler über ‚Bolschewismus als Weltgefahr’.

 

Ich ließ nun eine Kampf- und Mahnrede auf die 50 Herren niedersausen ... Alle waren sichtliche betroffen. Da erhob sich in der Ecke rechts hinter mir ein kleiner Mann ... Es war Hugo Stinnes. In die geheimnisvolle Stille des Saales hinein sagte er ...: ‚Ich bin der Meinung, daß nach diesem Vortrag jede Diskussion überflüssig ist. Ich teile in jedem Punkt die Ansicht des Referenten. Wenn deutsche Industrie-, Handels- und Bankenwelt nicht willens und in der Lage sind, gegen die hier aufgezeigte Gefahr eine Versicherungsprämie von 500 Millionen Mark aufzubringen, dann sind sie nicht wert, deutsche Wirtschaft genannt zu werden. Ich beantrage Schluß der Sitzung und bitte die Herren Mankiewitz, Borsig, Siemens, Deutsch usw. usw. (er nannte 8 Namen) sich mit mir in ein Nebenzimmer zu begeben, damit wir sofort über den Modus der Umlage klarwerden können.’

 

Die ‚historische Summe’ war am gleichen Tag bewilligt. (...) Der sogenannte ‚Antibolschewistenfonds’ floß nun durch alle möglichen Kanäle in die Anfang Januar 1919 einsetzende gewaltige antibolschewistische Bewegung: ‚Generalsekretariat zum Studium und der Bekämpfung des Bolschewismus’, Antibolschewistische Liga’.... Bis in die Kasernen der aktiven Truppen, ja bis in die Kassen der sozialdemokratischen Parteien hinein!

 

Es kann jedenfalls kein Zweifel darüber bestehen, daß die Gründung jenes Fonds mit die entscheidende antibolschewistische Tat jener wild bewegten Revolutionszeit gewesen ist.[ii]

 

In den folgenden Jahren finanzierten und unterstützen die Kreise der Schwerindustrie Hitlers NSDAP mit gewaltigen Summen. Das gleiche vollzog sich in Italien in den frühen 1920er Jahren, wo das Kapital Mussolinis paramilitärische Schlägerbanden – die „Fasci di combattimento“ – als Geschenk des Himmels gegen die Welle von Arbeiterkämpfen bis hin Fabrik- und Landbesetzungen sahen. [iii]

 

Auch die Machteroberung selber ging nur mit Hilfe der kleinen Elite von Großkapitalisten vonstatten. Mussolinis theatralischer „Marsch auf Rom“ am 28. Oktober 1922 und die anschließende Übertragung des Postens des Ministerpräsidenten erfolgte erst, nachdem „das Einverständnis der großen Wirtschaftsorganisationen der Bourgeoisie mit einer faschistischen Regierung ebenfalls fest (stand).[iv] In seinem ausführlichen Werk über die faschistische Machteroberung brachte der italienischen Sozialist Angelo Tasca die übereinstimende Unterstützung der herrschenden Klasse für Mussolinis Putsch treffend auf den Punkt:

 

Mussolini ist also der Kandidat der Plutokratie und der großen Wirtschaftsverbände, der ‚Liberalen’ (...) und des Vatikans. Es dauert nur ein paar Stunden, und er war auch der Kandidat der Krone.[v]

 

Nur durch die geeinte Unterstützung der herrschenden Klasse konnte eine Partei, die im Parlament bloß 35 von 535 Abgeordnete – also ganze 6.5%! – stellte, an die Macht gelangen.

 

Ähnliches spielte sich in Deutschland ab. Zwar errang die Nazi-Partei dort bei den Wahlen mehr Stimmen. Ihren Höhepunkt verzeichnete die NSDAP im Juli 1932, wo sie 37.3% der Stimmen auf sich vereinigen konnte. Doch bereits drei Monate später verlor sie bei den Neuwahlen zwei Millionen WählerInnen und bekam nur noch 33.1% der Stimmen – deutlich weniger als die beiden ArbeiterInnenparteien, die Sozialdemokratie und die KommunistInnen, zusammen auf sich vereinigen konnten. Beunruhigt über einen drohenden Niedergang der Nazi-Partei als Knüppel gegen die ArbeiterInnenbewegung, bedrängten die führenden Kreise aus Schwerindustrie und Großgrundbesitz Präsident Hindenburg in einem Memorandum, Hitler die Regierungsgeschäfte zu übergeben. [vi]

 

Dabei konnte sich das Monopolkapital das Versagen der Führung der ArbeiterInnenbewegung zunutze machen. Ihre Unfähigkeit bzw. Weigerung, die Macht in der revolutionären Krise 1918/1919 bzw. 1923 zu ergreifen, erlaubte den Nazis teilweise Einbrüche in die ArbeiterInnenklasse. So konnte die NSDAP einen ausreichend starken Rammbock bilden, mit dessen Hilfe das Monopolkapital die ArbeiterInnenklasse zerschlagen konnte.

 

 

 

...um dem Monopolkapital zu dienen

 

 

 

Der Faschismus an der Macht sollte die Erwartungen seiner Geldgeber keineswegs enttäuschen. Zwar mußte das Großkapital mit der Errichtung der Alleinherrschaft durch die rechten Führerparteien einer gewissen politischen Entmachtung zustimmen, doch konnte es gleichzeitig seine wirtschaftliche Macht umso mehr ausbauen. Die Verschärfung der Ausbeutung der ArbeiterInnenklasse nahm massiv zu. Während die Zahl der Arbeitsstunden und das Produktionsvolumen deutlich zunahmen, stagnierten die Löhne oder gingen – bereinigt um die Steigerung der Lebenshaltungskosten – sogar zurück. Das Resultat war eine massive Umverteilung von der ArbeiterInnenklasse zugunsten der Bourgeoisie innerhalb nur weniger Jahre. (siehe Tabellen 1-3)

 

Tabelle 1: Industrielles Produktionsvolumen (1928 = 100) [vii]

 

1933                       65,5

 

1936                       106,7

 

1939                       130,1

 

Tabelle 2: Anzahl der Lohnabhängigen, Produktionsvolumen, Arbeitsstunden (1932 = 100) [viii]

 

                                                                                                1932                       1937                       1938

 

Anzahl der beschäftigten Lohn- und                          100                         146                         155,2

 

Gehaltsempfänger (Arbeiter und Angestellte)        

 

Produktionsvolumen                                                       100                         199                         212,4

 

Arbeitsstunden (nur in Industrie)                                100                         202                         217

 

Tabelle 3: Einkommensverteilung 1932-1938, in Prozent des Volkseinkommens [ix]

 

                                                                                1932                                       1938

 

Löhne, Gehälter, Renten                 77,6%                                    63,1%

 

Unternehmensgewinne                                  17,4%                                    26,6%

 

Wir sehen also, daß die durch den faschistischen Terror erzwungene massive Steigerung der Produktivität der deutschen Arbeiterschaft in Form erhöhter Gewinne in die Taschen des Kapitals wanderte.

 

Besonders profitierte davon die Rüstungsindustrie, deren kommerzielle Interessen mit den Expansionsplänen des deutschen Gesamtkapitals und des faschistischen Staatsapparates fusionierten. Die Eroberungspläne Hitlers – v.a. gegen den degenerierten ArbeiterInnenstaat Sowjetunion – schlugen sich in massive Aufrüstung nieder und ließen die Kassen der Rüstungskapitalisten klingeln. (siehe Tabelle 4 und 5) Der marxistische Theoretiker und Führer der russischen Revolution 1917 Leo Trotzki sah im Unterschied zu den kurzsichtigen, stalinistischen Einfaltspinseln in den offiziellen Kommunistischen Parteien diese Entwicklung und die damit verbundene Bedrohung der Sowjetunion voraus. Bereits  1932, also vor der faschistischen Machtübernahme, warnte er: „Ein Sieg Hitler bedeutet: Krieg gegen die UdSSR“. [x]

 

Tabelle 4: Rüstungsausgaben, in Prozent des Volkseinkommens [xi]

 

1932:                      2%

 

1933:                      7%

 

1935:                      16%

 

1938:                      32%

 

Tabelle 5: Rüstungsprofite der IG Farben in Millionen Reichsmark [xii]

 

1932                       47

 

1934                       68

 

1936                       140

 

1939                       240

 

Insgesamt stiegen die Profite sämtlicher Industrie- und Handelsunternehmen von 6,6 Milliarden Reichsmark im Jahre 1933 auf 15 Milliarden Reichsmark im Jahre 1938 an. [xiii]

 

Der Faschismus ist also nicht eine eigenständige politische Bewegung, die über den Klassengegensätzen steht oder die als eine kleinbürgerliche Bewegung sich sowohl gegen die Arbeiterklasse also auch gegen die Bourgeoisie richtet. Sie ist zuerst und vor allem eine Waffe der herrschenden Klasse gegen die Organisationen der ArbeiterInnenbewegung. Trotzki erkannte diese gesellschaftliche Funktion des Faschismus schon sehr früh und beschrieb sie 1924 folgendermaßen:

 

Faschismus ist die Kampforganisation der Bourgeoisie während und im Fall eines Bürgerkriegs. (...) Der Faschismus ist die Sturmabteilung der Bourgeoisie, sobald ihr die alte, an Legalität und Demokratie gebundene Staatsmaschinerie als untauglich erscheint, sobald sie eine Streitmacht braucht, um den Druck des Proletariats abzuwehren. In dieser Situation schafft sich die Bourgeoisie eine zu allem bereite Kampftruppe und trampelt auf ihrer eigenen Legalität und Demokratie herum, um ihre Macht aufrechtzuerhalten.[xiv]

 

 

 

Zerschlagung der ArbeiterInnenbewegung

 

Atomisierung der ArbeiterInnenklasse

 

 

 

Wir haben oben bereits darauf hingewiesen, daß der Faschismus keine „normale“ Diktatur darstellt, Der Faschismus unterscheidet sich von „gewöhnlichen“ bonapartistischen Polizei- und Militärdiktaturen dadurch, daß er die ArbeiterInnenklasse nicht nur einfach unterdrückt, sondern sie organisatorisch vollständig vernichtet. Im Gegensatz zum Regime des „normalen Kapitalismus“ begnügt sich der Faschismus nämlich nicht mit der Unterdrückung der ArbeiterInnen oder der Einbindung ihrer FührerInnen in das herrschende System. Er organisiert vielmehr eine kleinbürgerliche Massenbewegung, die er als gesellschaftlicher Rammbock benützt, um alle Elemente einer unabhängigen ArbeiterInnenbewegung (Parteien, Gewerkschaften, ...) zu zertrümmern.

 

Das Kapital entscheidet sich keineswegs leichtfertig für die faschistische Option – schließlich birgt diese gerade aufgrund ihres bürgerkriegshaften Wesens vor der Machtergreifung die permanente politische Unruhe und Instabilität in sich. Doch der Faschismus als Massenbewegung existiert nur in Perioden der zugespitzten Krise des Kapitalismus, der grundlegenden Erschütterung seiner politischen und ökonomischen Grundlagen. In solchen Perioden, in der die Macht der herrschenden Klasse ins Wanken gerät, ist diese verzweifelt auf der Suche nach einem politischen Handlanger, der mit allen materiellen und politischen Errungenschaften der ArbeiterInnenbewegung ein für alle Mal und gründlichst aufräumt – vom Kollektivvertrag und gesetzlichen Arbeitsschutz angefangen bis hin zu den Gewerkschaften und den Parteien der ArbeiterInnenbewegung. Das Ziel ist nicht die vorübergehende Ausschaltung, sondern die tiefgreifende und nachhaltige Auslöschung. Die Vernichtung der organisierten ArbeiterInnenbewegung stand auch klar und eindeutig im Vordergrund der faschistischen Tätigkeit vor der Machtergreifung sowie der ersten Phase dieser. Erst NACHDEM der Widerstand des Proletariats endgültig und nachhaltig vernichtet war, konnte der faschistische Staat die Ausrottung nationaler und religiöser Minderheit sowie seine Kriegspläne angehen.

 

Dementsprechend konzentrierten sich die faschistischen Schlägerbanden auf den bewaffneten Kampf gegen die ArbeiterInnenbewegung. Der ehemalige Führer der Kommunistischen Partei Italiens, Angelo Tasca, bringt im Anhang seines Buches über den Aufstieg des Faschismus eine Dokumentation über das Ausmaß der rechten Terrors. Alleine im ersten Halbjahr 1921 zerstörten die faschistischen Banden im Rahmen ihrer sogenannten „Strafexpeditionen“ mindestens 726 offizielle Gebäude der ArbeiterInnenbewegung. [xv] In „Mein Kampf“ beschreibt Hitler höchstpersönlich die erfolgreiche Taktik seiner SA-Horden, Veranstaltungen der Gewerkschaften und der linken Parteien zu überfallen und die schlechte organisierten Gegner zu überrumpeln. Der Abschluß dieser Terrorkampagne war die Verhaftung und Ermordung von hunderttausender ArbeiteraktivistInnen in den Konzentrationslagern. Die organisierte Vorhut des deutschen Proletariats wurde nach dem 30. Januar 1933 innerhalb weniger Monate ausgeschaltet und vernichtet.

 

Der Faschismus kann nicht zu jeder Zeit und unter jeder Klassenkräftekonstellation an die Macht gelangen. Entfaltet die ArbeiterInnenklasse die ganze Macht ihrer Mobilisierung, ihrer Kampfkraft und Organisationsstärke, so kann sie den faschistischen Mob mit Leichtigkeit hinwegfegen. Deswegen droht der ArbeiterInnenklasse die faschistische Gefahr nicht am Höhepunkt ihres Kampfes – wie es die ängstlichen Reformisten behaupten -, sondern nach der Demobilisierung des Kampfes durch die offiziellen FührerInnen. Der italienische Reformist Filippo Turati bezeichnete den Faschismus daher richtigerweise als die „posthume und präventive Konterrevolution“. Diese treffliche Formulierung bringt den zweifachen Charakter der faschistischen Konterrevolution zum Ausdruck: nämlich Konterrevolution NACH dem Überschreiten des Höhepunktes einer revolutionären Arbeitermobilisierung zu sein und gleichzeitig VORBEUGENDE Konterrevolution vor einem neuerlichen scharfen Aufschwung des Klassenkampfes.

 

 

 

Militante Bewegung auf der Straße

 

 

 

Damit kommen wir auch schon zum nächsten wesentlichen Merkmal des Faschismus: Im Unterschied zu rechtskonservativen, reaktionär-bonapartistischen Kräften überläßt er die Bekämpfung der ArbeiterInnenbewegung nicht den Organen des bürgerlichen Staatsapparates. Polizei, Justiz, Armee und Geheimdienst sind die üblichen Mittel zur Sicherung der kapitalistischen Herrschaft. In revolutionären Situationen – wie etwa der massiven Wirtschaftskrise in der Zwischenkriegszeit – können die Massenproteste der ArbeiterInnenklasse kommt es jedoch immer wieder vor, daß die herrschenden Klasse diesen Wiederstand nicht mehr mit dem traditionellen Methoden niederhalten kann. Diese Rolle übernehmen dann faschistische Schlägerbanden.

 

Die faschistische Mobilisierung auf der Straße spielt eine ganz zentrale Rolle für die spezifische Funktion des Faschismus und hebt sie entscheidend von anderen Formen reaktionärer Politik ab. Denn in Perioden der sozialen Krise des Kapitalismus sind die traditionellen Mittel der bürgerlichen Herrschaftsausübung – Polizei, Militär, Justiz, des gesamte Staatsapparat – oft bereits zu sehr ausgehöhlt und geschwächt. Ein unregelmäßig ausgezahltes und schrumpfendes Gehalt vor dem Hintergrund ausufernder Staatsdefizite, schwindende Loyalität vieler Staatsdiener gegenüber der Regierung usw. – all das macht den Staatsapparat nur bedingt einsatzfähig.

 

Die deutsche Reichswehr beispielsweise erstellte im November 1932 eine „kriegsspielartige Studie“, in welcher die Ausrufung und Durchsetzung des Ausnahmezustandes geprobt wurde. Das Ergebnis war für die Armeeführung niederschmetternd, zu sehr hatte die Zersetzung des Staatsapparates bereits um sich gegriffen. Der Leiter der Studie - der spätere Botschafter Ott - schloß seinen Bericht mit den Worten: „Es ist daher die Pflicht des Reichswehrministers, die Zuflucht der Reichsregierung zum militärischen Ausnahmezustand zu verhindern.[xvi]

 

Natürlich gibt es eine massive Zusammenarbeit zwischen den Staatsorganen und den Faschisten, so wie es auch manchmal vorübergehende Konflikte geben kann. Aber die besondere Gefahr des Faschismus besteht in seiner Funktion als wuchtiger, gewaltsamer Rammbock gegen die ArbeiterInnenbewegung.

 

 

 

Reaktionäre Mobilisierung der Mittelschichten

 

 

 

Damit sind wir schließlich auch beim letzten entscheidenden Merkmal des Faschismus angelangt: der reaktionären Mobilisierung des Kleinbürgertums und der Mittelschichten. Trotzki beschrieb das Verhältnis von Kleinbürgertum und Finanzkapital folgendermaßen:

 

Der Faschismus ist ein spezifisches Mittel, das Kleinbürgertum im sozialen Interesse des Finanzkapitals zu mobilisieren und zu organisieren.[xvii]

 

Die kapitalistische Krise vernichtete die Ersparnisse und die Lebensexistenz dieser Schichten in und bot ihnen keine Zukunftsperspektive. Der Weg der Proletarisierung – also eine Zukunft als Lohnabhängige – war ihnen versperrt, weil die Krise nicht nur das Kleinbürgertum ruinierte, sondern auch das Proletariat in bittere Armut stürzte.

 

Insbesondere trifft dies die kleinbürgerliche Jugend. Der marxistische Theoretiker Alfred Sohn-Rethel merkt zurecht an:

 

Dabei war die Jugend dieser Mittelschichten bereits einen Schritt weiter in der Deklassierung als ihre Eltern. Sie befand sich schon definitiv in der Lage von Lohn- und Gehaltsabhängigen, arbeitslosen aber, denen vom Augenblick ihrer Schulentlassung nur die aussichtslose Zukunft ins Gesicht starrte. Im Hause ihrer Eltern fanden sie sich ohne Geld und ohne Beschäftigung zur Monotonie der Untätigkeit verdammt. Die SA rekrutierte sich überwiegend aus Arbeitslosen, aber nicht aus solchen proletarischer Herkunft, sondern eben vorwiegend kleinbürgerlicher Herkunft.[xviii]

 

Der Faschismus war daher von der sozialen Zusammensetzung eine überwiegend kleinbürgerliche Bewegung. Zwar gelang den Nazis ein teilweiser Einbruch in die ArbeiterInnenklasse, aber dies ändert nichts daran, daß die – wenn auch oft durch die kapitalistische Krise deklassierten – Elemente der Mittelschichten und des Kleinbürgertums die soziale Zusammensetzung der Parteimitgliedschaft prägten. (siehe Tabelle 6)

 

Tabelle 6: Anteil sozialer Schichten an der NSDAP-Mitgliedschaft und in der Gesellschaft, 1930 [xix]

 

                                                                Gesellschaft                                                        NSDAP

 

Arbeiter                                                45,9%                                                                    28,1%

 

Angestellte                                          12,0%                                                                    25,6%

 

Selbständige                                       9,0%                                                                       20,7%

 

Bauern                                                  10,5%                                                                    14,0%

 

Beamte                                                  5,1%                                                                       8,3%

 

Sonstige                                                17,4%                                                                    3,3%

 

1935 waren 5% der Arbeiter, 8% der Bauern, 12% der Angestellten, 15% der Selbständigen und 21% der Beamte NSDAP-Mitglieder. [xx] Ähnliche Zahlen lassen sich auch für Österreich feststellen [xxi]

 

Doch die vom System enttäuschten kleinbürgerlichen Massen hätten nicht für die faschistische Bewegung gewonnen werden können, hätten Hitler oder Mussolini offen ihre Ziele verkündet. Dazu bedurfte es eines ideologischen Bindeglieds, einer Vermengung des rabiaten Antimarxismus mit einer aufgeblähten nationalistischen und rassistischen Ideologie sowie pseudo-revolutionärer, „anti-kapitalistischer“ Phrasen. Um dem Haß und der Verzweiflung der Mittelschichten ideologischen Ausdruck zu verleihen, mußte der radikale Aufschrei weg von seinem Klassenbezug – sprich weg von den Monopolen, Banken und Kredithaien – und hin zu nationalen Feinden gelenkt werden. Darin besteht auch das faschistische Opium für die Mittelschichten: Statt den Finger auf die Klassengegensätze legen - Rassenwahn und nationalistische Hysterie.

 

Der Antisemitismus – als eine besondere Form des Rassismus – spielte für Nationalsozialismus in Deutschland eine zentrale Rolle. Er ist jedoch für den Faschismus nicht notwendigerweise konstitutiv. Der italienische Faschismus beispielsweise kam fast zwei Jahrzehnte ohne Antisemitismus aus – der italienische Chauvinismus feierte seine „triumphalen Heldentaten“ in seiner Terrorherrschaft in der libyschen Kolonien, seinen nationalistischen Exzessen gegen die slowenische Minderheit und seinem Eroberungsfeldzug gegen Äthiopien. Erst 1938 übernahm Rom unter dem Druck Deutschlands die judenfeindlichen Nürnberger Gesetze. Ebenso existierte mit Wladimir Jabotinsky und seiner „Revisionistisch-Zionistischen Partei“ eine jüdisch-zionistische Variante des Faschismus.

 

In seinem Artikel „Portrait des Nationalsozialismus“ hat Trotzki der ideologischen Verwirrung und Aggressivität des faschistischen Kleinbürgertums ein unnachahmliches Denkmal gesetzt:

 

Heruntergekommene, Verarmte, Leute mit Schrammen und frischen blauen Flecken fanden sich genug. Jeder von ihnen wollte mit der Faust auf den Tisch hauen. Hitler verstand das besser als die anderen. Zwar wußte er nicht, wie der Not beizukommen sei. Aber seine Anklagen klangen bald wie Befehl, bald wie Gebet, gerichtet an das ungnädige Schicksal. Todgeweihte Klassen werden - ähnlich hoffnungslosen Kranken - nicht müde, ihre Klagen zu variieren und Tröstungen anzuhören. Alle Reden Hitlers sind auf diesen Ton gestimmt. Sentimentale Formlosigkeiten, Mangel an Disziplin des Denkens, Unwissenheit bei buntscheckiger Belesenheit - all diese Minus verwandelten sich in ein Plus. Sie gaben ihm die Möglichkeit, im Bettelsack "Nationalsozialismus" alle Formen der Unzufriedenheit zu vereinen und die Masse dorthin zu führen, wohin sie ihn stieß.

 

Auf der Ebene der Politik ist der Rassismus eine aufgeblasene und prahlerische Abart des Chauvinismus, gepaart mit Schädellehre. Wie herabgekommener Adel Trost findet in der alten Abkunft seines Bluts, so besäuft sich das Kleinbürgertum am Märchen von den besonderen Vorzügen seiner Rasse.[xxii]

 

All dies zeigte das Versagen der reformistischen und zentristischen Führung der ArbeiterInnenbewegung (SPD bzw. Stalin’s KPD). Aufgrund ihrer antirevolutionären Politik konnten sie der ArbeiterInnenklasse keine Perspektive für eine Überwindung der Übel des Kapitalismus weisen und trieben somit die rückständigsten Elemente in Hitler’s Arme. Und sie waren ebenso unfähig, das Kleinbürgertum als einen Bündnispartner des Proletariats zu gewinnen, sondern erlaubten es den Faschisten, dieses zu einem blinden Rammbock des Monopolkapitals zu machen.

 



[i] Ein guter Überblick über die wirtschaftliche Krise des deutschen Kapitalismus vor 1933 findet sich in „Faschismus – eine historisch-materialistische Analyse“; in: Ergebnisse & Perspektiven Nr. 9 (1979), S. 5-8

[ii] Eduard Stadtler: Als Antibolschewist 1918/19; zitiert in: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Berlin 1966, Band 3, S. 539f. Interessant an diesem Zitat ist auch die Aussage, daß die „antibolschewistischen“ Gelder des Monopolkapitals auch in die Kassen der Sozialdemokratie flossen. Damit zeigt sich einmal mehr, wie haltlos die Behauptungen der heutigen AustromarxistInnen der SJ ist, wonach die Sozialdemokratie der Zwischenkriegszeit wohl einige Fehler gemacht hätte, aber im großen und ganzen für die Interessen der ArbeiterInnenklasse eingestanden wäre. In Wirklichkeit – und das bestätigt hier ein offener Vertreter der Reaktion – handelten die Spitzen der Sozialdemokratie im Einvernehmen mit dem Großkapital im Interesse der Rettung des kapitalistischen Systems und waren bereit, dafür kämpferische ArbeiterInnen zu unterdrücken, ins Gefängnis zu werfen und notfalls – wie z.B. Liebknecht, Luxemburg, Jogiches und Leviné – ermorden zu lassen.

[iii] Siehe dazu: Daniel Guerin: Fascism and Big Business (1936), New York 1973, S. 21-40

[iv] Ignazio Silone: Der Faschismus (1934), Frankfurt a. M. 1984, S. 141

[v] Angelo Tasca: Glauben, gehorchen, kämpfen. Aufstieg des Faschismus in Italien (1938), S. 336f.

[vi] Das Memorandum vom 19.11.1932 ist abgedruckt in: Reinhard Kühnl: Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten, Köln 1987, S.161ff.

[vii] Siehe: Franz Neumann: Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944 (1944), Frankfurt a. M. 1993, S. 408

[viii] Siehe: Claus Radt: Der deutsche Faschismus. Mythos und Wirklichkeit, Frankfurt a. M. 1987, S. 150

[ix] Siehe: Claus Radt: a.a.O. S. 149

[x] So der Titel eines Artikels; in: Leo Trotzki: Schriften über Deutschland, Band 1, S. 308

[xi] Claus Radt: a.a.O. S. 151

[xii] Claus Radt: a.a.O. S. 151

[xiii] Ernest Mandel: Trotzkis Faschismustheorie; in: Leo Trotzki: Schriften über Deutschland, Band 1, S. 20

[xiv] Leo Trotzki: Faschismus und Reformismus (1924); in: Schriften über Deutschland, Band 3, S. 721

[xv] Angelo Tasca: Glauben, gehorchen, kämpfen. Aufstieg des Faschismus in Italien (1938), S. 439

[xvi] Aufzeichnung des Botschafters a. D. Ott über das „Kriegsspiel“ der Reichswehrführung von Ende November 1932 (gefertigt am 15. Dezember 1947); in: Reinhard Kühnl: Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten, Köln 1987, S.170ff.

[xvii] Leo Trotzki: Bonapartismus und Faschismus (1934), in: Schriften über Deutschland, Band 3, S. 681

[xviii] Alfred Sohn-Rethel: Zur Klassenstruktur des deutschen Faschismus; in: Industrie und Nationalsozialismus, Berlin 1992, S. 160

[xix] Siehe: Claus Radt: a.a.O. S. 139

[xx] Siehe: Claus Radt: a.a.O. S. 140

[xxi] Siehe: Gerhard Botz: Arbeiterschaft und österreichische NSDAP-Mitglieder (1926-1945); in: Rudolf G. Ardelt/Hans Hautmann (Hrsg.): Arbeiterschaft und Nationalsozialismus in Österreich, Wien 1990, S. 29-48

[xxii] Leo Trotzki: Portrait des Nationalsozialismus (1933), in: Schriften über Deutschland, Band 2, S. 573 bzw. 576