Faschismus-Broschüre: III. Marxistische versus reformistische Faschismustheorie

 

 

Es liegt außerhalb der Aufgabe dieser Broschüre, eine ausführliche kritische Abhandlung der verschiedenen bürgerlichen, reformistischen und ultralinken Faschismustheorien vorzunehmen. Wir wollen uns daher auf zwei Ansätze konzentrieren, die in den reformistischen Kreisen der ArbeiterInnenbewegung über breiten Einfluß verfügen: einerseits der Erklärungsansatz des Stalinismus und andererseits jener des austro-marxistischen Theoretikers Otto Bauer. Ebenso wollen wir in einem Exkurs die Faschismus-Theorie von Ted Grant genauer analysieren.

 

 

 

Stalinistische Definition

 

 

 

Die klassische reformistische Definition des Faschismus formulierte der damalige Vorsitzende der stalinistischen Komintern, Georgi Dimitroff, auf dem VII. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale:

 

Der Faschismus an der Macht, Genossen, ist (...) die offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistische Elemente des Finanzkapitals.“ [i]

 

Hinter dieser Formulierung – die sich noch heute großer Beliebtheit sowohl in der Kommunistischen Partei als auch Teilen der Sozialistischen Jugend erfreut [ii] – verbirgt sich ein völlig falscher Erklärungsansatz, der als theoretische Rechtfertigung einer opportunistischen Praxis dient. Die stalinistischen Theoretiker sprechen den üblichen Rangeleien und Machtkämpfen in den Reihen der herrschenden Klasse einen grundsätzlichen, die Gemeinsamkeiten überlagernden, Charakter zu:

 

Anhand dieser kurzen historischen Betrachtung sehen wir sehr gut, gegen wen der Faschismus gerichtet war und in wessen Interesse er arbeitete, nämlich im Interesse von Teilen des Kapitals (sic!) und gegen das Interesse aller Werktätigen. (...) An einer faschistischen Machtübernahme waren keineswegs alle Teile des Kapitals interessiert, sondern eben nur eine bestimmte Fraktion und das wieder nur in einigen Ländern. War zwar der Faschismus die Diktatur dieser einen Kapitalfraktion, so hörte der Kampf zwischen den Kapitalfraktionen keineswegs auf. Das kann man an den fortdauernden Auseinandersetzungen innerhalb des faschistischen Systems erkennen, so wurde Mussolini schließlich von seiner eigenen Partei entmachtet.[iii]

 

Der Faschismus an der Macht ist nicht bloß die Herrschaft eines bestimmten – des reaktionärsten – Teils der Bourgeoisie. Dies ist ein undialektischer, schematischer Versuch, die kapitalistische Klasse künstlich in verschiedene Fraktionen mit völlig unterschiedlichen Interessen aufzuteilen. Vielmehr dient der Faschismus an der Macht der Bourgeoisie, der herrschenden Klasse, in ihrer Gesamtheit.

 

Der marxistische Ökonom Sohn-Rethel, der das außergewöhnliche Privileg hatte, zwischen 1931 und 1936 als Wirtschaftswissenschaftler und Statistiker in den Planungsbüros – sozusagen dem intellektuellen Herz – der deutschen Großindustrie zu arbeiten („als Marxist in der Höhle der Kapitalisten“, wie es ein Journalist in der „ZEIT“ ausdrückte), lieferte aufschlußreiche Studien zur Interessenslage der deutschen Bourgeoisie in der Epoche des Nationalsozialismus. Darin weist er anhand zahlreicher Fallstudien und umfangreicher Statistiken nach, daß das Kapital als ganzes von der nationalsozialistischen Herrschaft profitierte und diese unterstützte. Natürlich, nicht alle Fraktionen unterstützten Hitler zum gleichen Zeitpunkt mit dem gleichen Enthusiasmus. Das Kapital ist von seinem Wesen her pragmatisch und vorsichtig und will nicht unnötig seine Profite riskieren. Das Risiko überläßt es dem politischen Abenteurern vom Schlage eines Hitlers oder Mussolini. Darüber hinaus ist der Kapitalist zuallererst Einzelkapitalist und erst dann begreift er bzw. sie sich als Teil der kollektiven Kapitalistenklasse. Aber all dies entspricht der Natur des Kapitalismus als eines System der in Konkurrenz zueinander stehender Privateigentümer. Deswegen schließen sich die Kapitalisten zu gemeinsamen Interessenverbänden zusammen und ermitteln dort einen „Durchschnitt“ ihrer Interessen und beauftragen und finanzieren eine eigene Politikerkasten damit, ihre Geschäfte für sie zu erledigen.

 

In einem Aufsatz über die unterschiedlichen Interessen der mehr auf den Weltmarkt und der mehr auf den Binnenmarkt orientierter Fraktionen der deutschen Bourgeoisie kommt Sohn-Rethel zu folgendem Schluß:

 

Die Abwendung von der Weltwirtschaft, auf deren rechtzeitige Erholung sich kein Vernünftiger mehr ernstliche Hoffnung machen konnte, nahm die Gestalt der Parole von der ‚Autarkie’ an. Solange allerdings das Brüning-Lager und das Harzburger Lager sich in dieser Gegensätzlichkeit zueinander befanden – ‚Weltwirtschaft’ und ‚Autarkie’ – mußte die Plattform geschaffen werden, auf der eine neue Gruppierung der Industrieinteressen stattfinden konnte, eine Gruppierung, die einer Konzentration aller maßgeblichen Teile des deutschen Monopolkapitals gleichkam. Dann ließ sich eine Regierung bilden, die die solide Macht in Deutschland vertrat und die hinter der fälligen imperialistischen Expansion Deutschlands die erforderliche Stoßkraft und die nötige Mobilisierung aller Ressourcen stellen konnte.[iv]

 

Wir haben schon oben in Tabelle 3 gezeigt, daß das Kapital als Ganzes von der faschistischen Herrschaft profitierte. Unzählige weitere Untersuchungen über die nationalsozialistische Wirtschafts- und Sozialpolitik bezeugen dies. Kein Wunder, profitierten doch alle Kapitalisten von der Verlängerung des Arbeitstages, dem Abbau des Arbeitsschutzes und der skrupellosen Steigerung der Produktivität. In den marxistischen Kategorien der politischen Ökonomie ausgedrückt ermöglichte die faschistische Ordnung eine dramatische Steigerung sowohl des relativen und noch mehr des absoluten Mehrwertes.

 

 

 

Volksfront-Politik

 

 

 

Für Stalin und seine intellektuellen Handlanger blieb der Faschismus immer ein unverständliches Buch mit sieben Siegeln. Zuerst beschrieb der Möchtegern-Theoretiker Stalin den Faschismus als „Zwilling der Sozialdemokratie“ und später denunzierten die StalinistInnen die Sozialdemokratie als „sozialfaschistisch“. Damit verkannten sie, daß obwohl Sozialdemokratie und Faschismus letztlich beide dem Kapitalismus dienen, sie nichtsdestotrotz in einem scharfen Gegensatz zueinanderstehen. Das natürliche Biotop der Sozialdemokratie ist die bürgerliche, parlamentarische Demokratie, die der Faschismus auslöschen möchte. Die Sozialdemokratie als reformistischer Teil der ArbeiterInnenbewegung ist für den Faschismus aus diesem Grund eine Gegnerin, den es zu vernichten gilt. Mit den sozialdemokratischen ArbeiterInnen gemeinsam gegen diese tödliche Gefahr zu kämpfen (und dabei auch diese von der reformistischen Bürokratie wegzubrechen) ist daher eine vorrangige Aufgabe im antifaschistischen Kampf. Genau das jedoch lehnte der Stalinismus in der Periode 1929-33 ab und behauptete, daß erstens der „Sozialfaschismus“ genauso bekämpft werden müsse und jede Zusammenarbeit mit der sozialdemokratischen Führung ein Verrat sei. Und zweitens unterschätzten sie damit vollkommen die Gefahr der faschistischen Machtergreifung. Unter der ebenso optimistisch wie einfältigen Parole „Nach Hitler kommen wir“ kündigten sie das baldige Ende des Nazi-Regimes an. Bekanntlich kam es anders.

 

Die veränderte weltpolitische Lage, die zunehmenden inner-imperialistischen Widersprüche – v.a. zwischen Nazi-Deutschland einerseits und Frankreich und Großbritannien andererseits – und die damit verbundene Kriegsgefahr zwangen die Sowjetbürokratie, den außenpolitischen Kurs um 180 Grad zu ändern und damit auch den der, mittlerweile zum verlängerten Arm Moskaus heruntergekommenen, Kommunistischen Internationale. Nun war nicht nur die Sozialdemokratie (das Vokabular des „Sozialfaschismus“ wurde kurzerhand aus den Propaganda-Broschüren gestrichen) ein respektabler Bündnispartner, sondern auch gleich noch die imperialistische Bourgeoisie!

 

Der damalige Generalsekretär Georgi Dimitroff präsentierte auf dem VII. Kongreß der Kommunistischen Internationale 1935 die neuen Doktrin. Die neue Faschismus-Theorie unterstellte, daß es Teile des Finanzkapitals gibt, die kein Interessen an der faschistischen Herrschaft haben und daher als Bündnispartner für einen antifaschistischen Kampf gewonnen werden können. Diese Orientierung ging in die Geschichte der ArbeiterInnenbewegung als Volksfront-Politik ein. In seinem Referat auf dem VII. Kongreß der Kommunistischen Internationale 1935 erklärte Stalin’s treuer Statthalter in der Komintern Dimitroff:

 

Unter bestimmten Umständen können und müssen wir dahin wirken, diese Parteien und Organisationen oder einzelne ihrer Teile, trotz ihrer bürgerlichen Leitung, für die antifaschistische Volksfront zu gewinnen. So steht es zum Beispiel gegenwärtig in Frankreich mit der Radikalen Partei ....[v]

 

In der Praxis bedeutete dies Bündnisse oder sogar Regierungskoalitionen, die die Sozialdemokratie, die Kommunistische Partei, im Falle Spaniens auch der Anarchisten, sowie kleinerer bürgerlicher Parteien – wie eben in Frankreich die Radikale Partei – umfaßten. Mit anderen Worten: eine Volksfront ist eine politische Zusammenarbeit der reformistischen Bürokratie mit Teilen der Bourgeoisie. Doch eine solche Zusammenarbeit hatte ihren Preis. Damit die herrschende Klasse eine Volksfront-Regierung toleriert, mußte diese ihre Loyalität gegenüber dem kapitalistischen Privateigentum, der imperialistischen Vaterlandsverteidigung und ihre resolute Feindschaft gegenüber jeder Form proletarischer Klassenunabhängigkeit und revolutionärer Politik unter Beweis stellen.

 

Das sollte sich für die Bürokratie als kein Problem erweisen. Schon nach dem I. Weltkrieg bewies die sozialdemokratische Bürokratie – ihrer pseudo-radikalen Theoretiker wie Otto Bauer und Friedrich Adler eingeschlossen – ihre Loyalität gegenüber der bürgerlichen Herrschaft. In Deutschland arbeiteten sie Hand in Hand mit den rechtsradikalen Freikorps und ließen hunderte KommunistInnen ermorden, unter ihnen Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Leo Jogiches und Eugen Leviné. In Österreich gelang ihnen die Demobilisierung der revolutionär gesinnten Arbeiterschaft durch die Bildung einer Regierungskoalition mit den Christlich-Sozialen während des Höhepunktes der revolutionären Krise 1919-1920. Und auch danach – in Opposition – ermöglichte sie durch ihr Stimmverhalten im Parlament die Beschlußfassung wesentlicher imperialistischer Raubverträgen wie z.B. die Genfer Protokolle 1922. Ebenso erlitten die ArbeiterInnen- und Soldatenräte, die hunderttausende revolutionär gesinnte ArbeiterInnen und Soldaten organisierten, ein typisch österreichisches Schicksal: unter der sozialdemokratischen Führung beschränkte sich diese potentielle Gegenregierung zur bürgerlichen Herrschaft auf Kommentare und prahlerische Deklarationen ... und entschlummerte schließlich bis zu ihrer Auflösung durch die Parteispitze 1923.

 

In den 1930er Jahren – während der revolutionären Krisen in Frankreich und Spanien – leistete die reformistische Bürokratie, deren Reihen nun durch den Stalinismus verstärkt wurden, durch ihre Praxis erneut einen Treueschwur auf die bürgerliche Herrschaft. So wurde Frankreich im Anschluß an den Wahlsieg der Volksfrontregierung im Juni 1936 von einer Welle revolutionärer Streiks und Fabrikbesetzungen erschüttert. Es entstand eine Situation, die der linke Sozialist Maurice Pivert so treffend mit den Worten „Jetzt ist alles möglich“ charakterisierte. Doch in dieser Situation warf die sozialdemokratische und stalinistische Bürokratie ihr ganzes politisches und organisatorisches Gewicht in die Waagschale, um die Streiks und die revolutionäre Situation zu beenden. Denn der scharfe Klassenkampfaufschwung gefährdete das Bündnis der Bürokratie mit der imperialistischen Bourgeoisie im eigenen Land.

 

Natürlich waren diese bürgerlichen Koalitionsparteien in der Volksfront nicht groß – sie repräsentierten in den Worten Trotzkis höchstens „den Schatten der Bourgeoisie“ – und die Hoffnungen der reformistischen Spitzen auf loyale Bündnispartner aus den Reihen des Kapitals wurden erwartungsgemäß enttäuscht. [vi]

 

In Wirklichkeit jagte die reformistische Bürokratie einem antifaschistischen Phantom in den Reihen der Bourgeoisie hinterher. Je irrelevanter diese Bündnispartner waren, umso bombastischer wurden sie in wortreichen Erklärungen aufgeblasen.

 

All dies war kein Zufall, sondern folgerichtige Konsequenz der Politik des Stalinismus. Mitte der 1930er Jahre hatte die Kommunistische Internationale schon lange aufgehört, eine revolutionäre Kraft darzustellen und war zu einer außenpolitischen Agentur der herrschenden Bürokratie in der Sowjetunion herabgesunken. Getarnt hinter Phrasen von der Weltrevolution und dem orthodoxen Marxismus bestand ihre Hauptaufgabe nun in erster Linie darin, die jeweiligen bürgerlichen, imperialistischen Bündnispartner der stalinistischen Bürokratie nach Leibeskräften zu unterstützen und die jeweiligen Gegner zu bekämpfen. Leitmotiv der stalinistischen Bürokratie war nicht die Verteidigung der Interessen der internationalen ArbeiterInnenklasse und die Vorantreibung der Weltrevolution, sondern der Machterhalt der Bürokratie samt ihrer Privilegien. Entsprechend wechselten – je nach weltpolitischer Veränderung – die Bündnispartner Moskaus. Waren diese 1935-39 die französische und britische imperialistische Bourgeoise und der Hauptfeind Hitler, wechselte Moskau seine außenpolitischen Prioritäten 1939-41 um 180 Grad und arbeitete nun mit Berlin und Rom zusammen. Nachdem Hitler ein undankbarer Zeitgenosse war und die Sowjetunion im Juni 1941 überfiel, mußte ein überrumpelter Stalin – der zuvor ¾ seines Offizierkorps hinrichten ließ aus Angst vor einer unabhängigen Opposition in der Roten Armee – erneut das Bündnis mit den USA und Großbritannien suchen. [vii] Mit dem Ausbruch des Kalten Krieges 1948/49 endete auch diese Allianz.

 

Die Volksfront-Politik war der Rubikon, den der Stalinismus überschritt, um seinen Frieden mit Imperialismus und bürgerlicher Ordnung zu schließen und zu einer reformistischen Kraft zu werden. Mit dem Ausverkauf der Revolutionen in Spanien, Frankreich und später Griechenland und dem Blutopfer von zehntausenden revolutionären ArbeiterInnen in der Kerkern der UdSSR und Spanien demonstrierte die Bürokratie in der Praxis ihre Bereitschaft zur loyalen Zusammenarbeit mit der imperialistischen herrschenden Klasse.

 

 

 

Austromarxistische Definition

 

 

 

Der Austromarxismus – also jene von der österreichischen Sozialdemokratie entstellte Version des Marxismus – ist die zweite einflußreiche Strömung im Lager des Reformismus, die sich neuerdings wieder v.a. in den Reihen der Sozialistischen Jugend (SJ) größerer Beliebtheit erfreut. Die austromarxistische Definition des Faschismus unterscheidet sich nicht grundsätzlich von der stalinistischen, wie wir gleich sehen werden. Beiden war bzw. ist die strategische Orientierung auf eine Zusammenarbeit mit Teilen der Bourgeoisie gemein, mit der man gemeinsam zuerst einmal einen sozialen, „antimonopolistischen“, friedlichen usw. Kapitalismus erkämpfen will bevor man sich an das Wagnis einer zweiten Etappe – in der es dann um den Sozialismus gehen soll – heranwagt. Kurz: der Reformismus verteidigt den Kapitalismus in der Praxis, während er in Worten vorgibt, einen „realistischen“ Plan für den Weg zum Sozialismus zu verfolgen.

 

In der Praxis bleibt man freilich meist bei der ersten Etappe – der Zusammenarbeit mit vorgeblich fortschrittlichen Teilen der herrschenden Klasse – stecken, wobei der Reformismus zuerst der Bourgeoisie seine Nützlichkeit unter Beweis stellt, indem er die ArbeiterInnen zurückhält und sogar die Unterdrückung von Arbeiteraufständen organisiert oder zumindest toleriert (z.B. Deutschland 1918/19, „Berliner Blutmai“ 1929, Wiener Justizpalastbrand im Juli 1927, Oktoberstreik 1950 in Österreich), um schließlich „undankbarerweise“ von den Herrschenden von den Regierungsbänken ausgestoßen oder ausgeschaltet wird. [viii]

 

Auch in Österreich ging diese Zusammenarbeit mit der Bourgeoisie sogar so weit, daß mit Karl Renner einer der namhaftesten Führer des Austromarxismus offen mit den nationalsozialistischen Machthabern kollaborierte. So rief er nicht nur nach Hitlers Einmarsch im März 1938 dazu auf, bei der „Volksabstimmung“ für den Anschluß an das Großdeutsche Reich zu stimmen. Weitgehend unbekannt ist, daß Renner im Sommer 1938 im Auftrage Berlins eine Broschüre verfaßte, in der er um Verständnis für Hitlers faschistische Expansionspolitik in Richtung Sudetenland und die Tschechoslowakei warb. [ix] 1945 verstand es Renner perfekt, sein Rückgrat nun ebenso geschmeidig gegenüber den alliierten Siegermächten zu krümmen und als Kanzler bzw. Bundespräsident dem österreichischen Kapitalismus neuerlich unschätzbare Dienst zu erweisen.

 

Die austromarxistische Führung paßte die Faschismus-Definition entsprechend ihren politischen Bedürfnissen einer strategischen Zusammenarbeit mit Teilen der Bourgeoisie im Rahmen einer Volksfront an. Da allerdings Otto Bauer – der namhafteste Theoretiker der Austromarxismus – und seine KollegInnen in der Regel die Oppositionsbänke besetzten und daher im Unterschied zur sowjetischen Bürokratie – der Machtzentrale des Stalinismus - die meiste Zeit der 1920er und 1930er Jahre in einem ungebrocheneren Verhältnis zur kämpferischen ArbeiterInnenbasis stand, zeichnen sich Bauers Schriften durch ein deutlich höheres und kritisches Niveau als die servilen, monotonen, von Lobhudeleien an den „großen Führer Stalin“ gespickten Propagandatexten der Kommunistischen Parteien.

 

Aber das kann nicht über die fatale Grundeigenschaft des Austromarxismus hinwegtäuschen: mehr noch als die „normale“ Sozialdemokratie oder der Stalinismus zeichnet er sich durch die eigentümliche Kombination wortreicher, marxistisch-gelehrter Erklärungen mit vollkommener Passivität in der politischen Praxis aus. Die akademisch-„marxistischen“ Analysen werden vielmehr noch als Erklärung oder besser gesagt Ausrede verwendet, um das Abwarten, das Abwiegeln, das Verstreichen lassen ausgezeichneter Kampfmöglichkeiten zu rechtfertigen. Die ArbeiterInnenklasse beschwichtigen und von jedem entschlossenen Kampfe abhalten, die routinehafte Organisierung harmloser Kampagnen und Petitionen als Ablenkung von der Organisierung wirklicher Klassenkämpfe, das zähneknirschende Zustimmen zum Verrat und Ausverkauf – das sind die politische Merkmale des Reformismus austro-marxistischer Prägung. In seinem 1921 verfaßten Artikel „Die Helden der Wiener Konferenz“ faßte Leo Trotzki den Charakter des Austromarxismus treffend zusammen und schlußfolgerte:

 

Der österreichische Marxismus ist unerschöpfbar, wenn es sich um das Ausfindigmachen von Ursachen handelt, welche die Initiative hindern und die revolutionäre Aktion erschweren. Der österreichische Marxismus ist die gelehrte und gespreizte Theorie der Passivität und der Kapitulation.[x]

 

Wie also definierte der austromarxistische Theoretiker Otto Bauer den Faschismus? Einerseits erfaßte er deutlicher als die stalinistischen Propagandisten den spezifischen Charakterzug des Faschismus – nämlich seine militante Mobilisierung des Kleinbürgertums auf der Straße – in einer Situation der inneren Krise und Schwäche der herrschenden Klasse:

 

...so ist auch der neue, der faschistische Absolutismus das Ergebnis eines zeitweiligen Gleichgewichtszustandes, in dem weder die Bourgeoisie dem Proletariat ihren Willen mit den alten gesetzlichen Methoden aufzwingen, noch das Proletariat sich von der Herrschaft der Bourgeoisie befreien konnte und beide Klassen daher unter die Diktatur der Gewalthaufen gerieten, die die Kapitalistenklasse gegen das Proletariat benutzt hat, bis sie sich schließlich selbst ihrer Diktatur unterwerfen mußte.[xi]

 

Andererseits betont er in seiner Analyse immer wieder, daß der Faschismus nicht der Bourgeoisie als Ganzes diene, sondern nur einem Teil:

 

...den Faschismus, der nichts anderes ist als die Diktatur der kriegerischen Fraktion der Kapitalisten- und Junkerklasse; (...) Die Diktatur eines kriegerischen Nationalismus in diesen Ländern schaltet aber alle pazifistischen Klasen und Klassenfraktionen aus dem Kräftespiel innerhalb der Nation aus.[xii]

 

Aber im weiteren Verlaufe der Entwicklung verengert sich die gesellschaftliche Basis der faschistischen Diktatur. (...)  So geraten große Fraktionen der herrschenden Kapitalistenklasse in Opposition gegen die Diktatur der regierenden faschistischen Kaste. Nur die gewaltgläubigsten, gewaltbedürftigsten Fraktionen der Kapitalistenklasse, diejenigen, denen die gewaltsame Niederhaltung des Proletariats im Innern und eine kühne, kriegerische Politik nach außen jedes wirtschaftliche Opfer und jedes Opfer des Intellekts wert sind, bleiben um die Diktatur geschart, bleiben ihre Stützen und ihre Herren zugleich. Die Diktatur des Kapitals mittels der aus der militärisch-nationalistischen Kriegsteilnehmerbewegung hervorgegangenen Herrenkaste verengert sich zur Diktatur der kriegerischen Fraktion der Kapitalistenklasse.

 

Die pazifistischen Elemente der Kapitalistenklasse, – die auf den Export angewiesene Fertigfabrikat-Industrie, die friedlichen Warenaustausch zwischen den Völkern braucht; der Handel, der durch die Kriegswirtschaft unterbunden wird; die Rentnerklasse, die den Sturz der Anlagepapiere im Kriegsfalle fürchtet, – werden in den Hintergrund gedrängt. Die kriegerischen Elemente der Kapitalistenklasse, vor allem die Rüstungsindustrien und die mit dem Offizierskorps versippte grundbesitzende Aristokratie, erlangen die Oberhand. Da das Kapital seine Diktatur mittels der kriegerischen Führerkaste ausübt, die aus der nationalistisch-militaristischen Kriegsteilnehmerbewegung hervorgegangen ist, obsiegen innerhalb der Kapitalistenklasse die kriegerischen Tendenzen.[xiii]

 

Die faschistische Konterrevolution bedeutet also den Übergang von der durch die demokratischen Institutionen beschränkten Klassenherrschaft der gesamten Bourgeoisie zu der unbeschränkten Diktatur der Großkapitalisten und der Großgrundbesitzer.[xiv]

 

Aus dieser Definition läßt sich dann natürlich problemlos ableiten, daß die ArbeiterInnenbewegung mit dem „pazifistischen“, „nicht-kriegerischen“, oder „anti-faschistischen“ Teil Bürokratie zusammenarbeiten sollen. In der Praxis führt das zur Zusammenarbeit mit dem „nicht-kriegerischen“ oder „anti-faschistischen“ Teil der Bourgeoisie und dem Ausverkauf der proletarischen Interessen. Denn in der Praxis war dieses Hoffen auf eine „vernünftige“ Fraktion der Bourgeoisie die Rechtfertigung dafür, die ArbeiterInnenklasse vom scharfen Klassenkampf abzuhalten, um nur ja nicht die fatamorganischen Bündnispartner in den Reihen der herrschenden Klasse zu verschrecken. Die herrschende Klasse wird jedoch durch den Rückzug der ArbeiterInnenklasse nur ermutigt und stellt immer frechere Forderungen. Das Vertrösten der ArbeiterInnenbewegung auf einen Kampf zu einem späteren, angeblich besseren Zeitpunkt endete in der Katastrophe des Februar 1934 und später Hitlers Einmarsch 1938. Aus dem angeblichen „Zu früh“ wurde ein blutiges „Zu spät“.

 

Der ganze Bankrott der Bauer’schen Strategie kommt in einem Zitat aus einer, unter dem unmittelbaren Eindruck der Februar-Katastrophe vor 1934 verfaßten, Broschüre, in der sich offen eingestandene Naivität mit der Darlegung des ganzen Versagens der sozialdemokratischen Parteispitze verbindet:

 

Wir glaubten, noch durch Verhandlungen zu einer friedlichen Lösung kommen zu können. Dollfuß hatte versprochen (sic!), daß er binnen kurzem, Ende März oder anfangs April, mit uns über eine Verfassungs- und Geschäftsordnungsreform zu verhandeln: wir waren damals noch töricht genug, einem Versprechen Dollfuß zu trauen. Wir sind dem Kampf ausgewichen, weil wir den Land die Katastrophe eines blutigen Bürgerkrieges ersparen wollten. Der Bürgerkrieg ist elf Monate später trotzdem ausgebrochen, aber unter für uns wesentlich ungünstigeren Bedingungen. Es war ein Fehler, - der verhängnisvollste unserer Fehler.[xv]

 

Otto Bauers Politik in der Frage des Faschismus entsprach seiner allgemeinen politischen Theorie: Drei Viertel wortreiche, unverbindliche Weisheiten des Marxismus und der Rest politische Feigheit, sprich Rechtfertigung, warum der revolutionäre Klassenkampf gegen die Bourgeoisie zwar grundsätzlich richtig und wichtig sei, doch gerade jetzt, gerade in der gegenwärtigen Periode leider nicht zur Anwendung kommen könne, sondern auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden müsse.

 

Leo Trotzki warnte bereits vor dem Februar 1934 vor den Folgen der austromarxistischen Politik:

 

Die passiv-drohende, abwartend sich sträubende Politik der österreichischen Sozialdemokratie ist nichts anderes als die Vorbereitung der faschistischen Herrschaft.[xvi]

 

Trotz dieses für die österreichische ArbeiterInnenbewegung so verheerende Versagen des Bauer’schen Austromarxismus nimmt die Sozialistischen Jugend (SJ) positiv Bezug auf diese Tradition. So bezeichnet sie in ihrer Faschismus-Broschüre den Austromarxismus zustimmend als „demokratischen Weg zum Sozialismus“. [xvii] In Wirklichkeit bedeutete der Austromarxismus der „demokratische“ - lies: die ohnmächtige, den Spielregeln der bürgerlich-republikanischen Herrschaftsform angepaßte – Taktik der Sozialdemokratie ... und der sichere Weg in die Niederlage.

 

Auch heute – ohne eine unmittelbare faschistische Gefahr – sehen wir die selbe Logik des Reformismus in der Politik der SJ. Als ÖVP und FPÖ im Februar 2000 die Macht ergriffen trottete die SJ als Linksblinker hinter der Politik der Mutterpartei (und Geldgeberin) hinterher und entwickelte keine ernsthafte Widerstandperspektive. Unsere Losung des Generalstreiks für den Sturz der rechten Regierung stieß in den Reihen der SJ auf taube Ohren. Aber selbst auch nur punktuelle Streiks waren für die jungen SozialdemokratInnen ein Fremdwort. Als auf der Universität Anfang März 2000 ein Streik beschlossen wurden, boykottierte die SPÖ-StudentInnenorganisation VSStÖ – genauso wie das KPÖ-Pendant KSV – diesen Streik nach Strich und Faden mit dem Resultat, daß dieser nach einer Woche zusammenbrach. Man kann sich unschwer ausmalen, daß wenn die SJ-Führung schon damals bloß den „Mut zur Feigheit“ aber nicht den Mut zum Kampf aufbrachte, wie sie dann in einer weitaus bedrohlicheren und für das Leben der SJ-BürokratInnen gefährlicheren Situation den Schwanz einziehen wird.

 

Nein, die Lehre aus dem Februar 1934 und dem Februar 2000 muß lauten: Die rechte Gefahr kann nur mit den entschlossenen Methoden des Massenkampfes und des organisierten militanten Widerstandes besiegt werden.

 

 

 

Exkurs 2:

 

Die historische Schuld von KPD und SPD am Siege Hitlers

 

 

 

In linken Publikationen außerhalb des stalinistischen Spektrums wird in der Regel die Verantwortung des Stalinismus für Hitlers Sieg 1933 aufgrund ihrer ultra-linken, sektiererischen Politik betont. Die stalinistische Führung der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) bezeichnete damals die Sozialdemokratie als „sozialfaschistisch“. Konsequenterweise lehnte sie jede Zusammenarbeit mit der Führung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) ab. (siehe oben)

 

In der Tat trug die von Stalin geführte, zu dieser Zeit noch zentristische, Komintern eine wesentliche Verantwortung für den Sieg des Faschismus. Die KPD versammelte damals die große Mehrheit der revolutionär eingestellten ArbeiterInnen. Ihre Abwendung von der revolutionären Einheitsfronttaktik der frühen Komintern 1919-1923 machte es der Sozialdemokratie leicht, ihre Politik des Verrats ungestraft durchzuführen und dadurch letztlich die Nazis an die Macht gelangen zu lassen.

 

So richtig und wichtig also eine solche Kritik an der KPD auch ist, so darf sie nicht dazu führen, die noch größere Verantwortung der sozialdemokratischen Parteiführung für die kampflose Niederlage deutschen ArbeiterInnenbewegung zu verwischen. In puncto Sektierertum stand die SPD-Führung ihren GenossInnen an der Spitze der KPD um nichts nach. Obwohl die KPD annähernd gleich stark war wie die SPD – bei den letzten freien Wahlen im November 1932 erzielte die SPD 20.4% und die KPD 16.9% - lehnte die Parteiführung jede gemeinsame Aktion mit den „Bolschewisten“ und „Handlangern Moskaus“ ab und untersagte ihren Mitgliedern wiederholt jegliche Zusammenarbeit. [xviii]

 

Doch das sozialdemokratische Sektierertum beschränkte sich nicht bloß auf die Weigerung zu einer Zusammenarbeit. Die KPD-Führung kämpfte auf eine vollkommen untaugliche Weise gegen die Faschisten. Die SPD-Führung hingegen kämpfte auf eine durchaus taugliche Weise gegen die Kommunisten: so ließ der sozialdemokratische Polizeipräsident von Berlin, Zörgiebel, bei den Mai-Demonstrationen 1929 auf die unbewaffneten kommunistischen DemonstrantInnen schießen. Das Resultat waren 25 getötete und 36 schwer verwundete ZivilistInnen. [xix] Die Partei, die 1919 Luxemburg, Liebknecht und viele andere Revolutionäre ermorden ließ, stellte unzweifelhaft unter Beweis, daß sie noch immer derselbe Henker der bürgerlichen Konterrevolution geblieben war.

 

Diesem Einsatz des bürgerlichen Staatsapparates gegen die KommunistInnen lag das politische Selbstverständnis der Sozialdemokratie zugrunde. Trotzki charakterisierte den damaligen Unterschied zwischen den beiden Parteien mit folgenden Sätzen:

 

Die Kommunistische Partei ist eine proletarische, antibürgerliche Partei, wenn auch falsch geführt. Die Sozialdemokratie ist, ungeachtet ihres Arbeiterbestandes, eine vollständig bürgerliche Partei, unter ‚normalen’ Bedingungen vom Standpunkt der bürgerlichen Ziele aus sehr geschickt geführt, doch unter den Bedingungen der sozialen Krise zu nichts tauglich.[xx]

 

Der „Berliner Blutmai“ war in Wirklichkeit nur das Ergebnis der Politik der sozialdemokratischen Bürokratie als Hüterin der bürgerlichen Ordnung. Während die Kommunistische Partei Deutschlands – die nach der Kapitulation im revolutionären Jahr 1923 zunehmend unter stalinistische Kontrolle geriet – auf wenn auch unzureichende Weise für eine revolutionäre Umwälzung der kapitalistischen Ordnung kämpfte, verteidigte die sozialdemokratische Parteispitze diese bürgerliche Ordnung z.T. in Form der direkten Beteiligung an der Regierung, z.T. durch Sicherung der parlamentarischen Mehrheit im Reichstag. Die schweren Angriffe auf die ArbeiterInnenklasse – insbesondere im Zuge des Young-Planes –, der systematische Abbau demokratischer Rechte inklusive dem Bruch der Verfassung und die bonapartistischen Notstandsregierungen Brüning, Papen und Schleicher und schließlich auch die Wahl des erz-reaktionären Feldmarschalls und Wegbereiter Hitlers Hindenburg zum Präsidenten – all das wurde von der SPD-Führung aktiv mitgetragen und unterstützt.

 

Schließlich dürfen auch die Tatsachen nicht unerwähnt bleiben, daß die SPD-Fraktion im Reichstag am 17. Mai 1933 für Hitlers außenpolitische Erklärung stimmte und daß die sozialdemokratische Gewerkschaftsführung in einer Erklärung vom 19. April 1933 ihre Mitglieder zur Teilnahme an den faschistischen Mai-Aufmärschen aufrief! Dies waren keine Ausrutscher oder unter physischen Druck erzwungene Beschlüsse, sondern die Fortsetzung der bürgerlichen Politik der Sozialdemokratie, sich mit der jeweils herrschenden Fraktion der Bourgeoisie zu arrangieren und dadurch „das schlimmste zu verhindern.“ Bekanntlich jedoch führt die reformistische Politik des kleineren Übels unweigerlich zum größeren Übel – wie auch die SPÖ-Spitze im Jahre 2000 nach jahrelanger Koalition mit der ÖVP merken mußte und diese die Macht gemeinsam mit der Haider-FPÖ ergriff.

 

Erst nachdem Hitler die sozialdemokratischen Annäherungsversuche zurückwies und die SPD im Juni 1933 verbieten ließ, entschloß sich die sozialdemokratische Parteiführung, den antifaschistischen Kampf vom Ausland aus zu führen – freilich als Anhängsel und Cheerleader des französisch und britischen Imperialismus, auf dessen Bajonetten sie nach 1945 schließlich wieder den Weg zurück in den Schoß der bürgerlichen Macht fand.

 

Umso unverständlicher mutet es an, wenn sich die SJ in ihrer Broschüre diplomatisch um diesen bürgerlichen Verrat herumwindet. Im Kapitel „Das Versgagen der Linken“ kritisieren sie zuerst scharf die KPD, um dann fortzusetzen „Die SPD agierte nicht viel besser[xxi] „Nicht viel besser“ ist es also kommunistische Arbeiter zu erschießen, reaktionäre Generäle an die Macht zu hieven, rechte, ohne parlamentarische Mehrheit und bloß mittels Notstandsdekreten regierende Präsidialregierungen zu unterstützen und brutale Sparpakete mitzutragen ... als wenn man auf unzureichende und falsche Art und Weise gegen eben all diese Verbrechen kämpft!

 

Natürlich kommt die sich links gebende SJ-Führung nicht umhin, die SPD für „ihr dauerndes Zurückweichen“ zu kritisieren. Aber sie umgeht all die notwendigen Schlußfolgerungen und Konsequenzen, nämlich daß:

 

* die SPD eine durch und durch bürgerliche Politik betrieb,

 

* die SPD in Zeiten der Krise aktiv die bürgerliche Herrschaft gegen revolutionäre Bestrebungen verteidigte und die kommunistischen Kader nach Möglichkeit ermorden ließ,

 

* die SPD also hauptverantwortlich dafür war, daß die deutsche Revolution scheiterte und so dem Faschismus der Weg geebnet wurde und

 

* daher eine revolutionäre, nicht-reformistische Partei als politische Alternative zur Sozialdemokratie notwendig gewesen wäre, um Hitler, Holocaust und Weltkrieg zu verhindern.

 

 

 

Exkurs 3:

 

Die Frage der Zukunftsperspektiven des Faschismus oder die Hoffnung auf die Vernunft der herrschenden Klasse und der reformistischen Bürokratie. Eine Kritik an der Ted Grant/CWI-Tradition

 

 

 

Eine der theoretischen Diskussionen zur Perspektiven des Faschismus in der Nachkriegsperiode dreht sich um die Frage seiner sozialen Basis. Einen Beitrag zu dieser Debatte leistete der linke Theoretiker Ted Grant und seine UnterstützerInnen. Grant ist britischer Marxist und historischer Gründer der Militant-Strömung, aus der heute das CWI (Österreich: SLP) und IMT (Österreich: Funke) hervorgegangen sind. Er stellte die These auf, daß der Faschismus nun nicht mehr zu einer Massenbewegung anwachsen können, weil mit dem weitgehenden Verschwinden des Kleinbürgertums auch seine Basis verlorengegangen wäre. Ebenso hätte die herrschende Klasse aus der Katastrophe des zweiten Weltkrieges gelernt und würde nun nicht mehr die Macht an einen Hitler oder Mussolini übergeben. Dementsprechend kann der Faschismus zwar noch ein gefährliches Bandenwesen treiben, aber nicht mehr an die Macht gelangen.

 

Die gesamte Situation ist aber nicht zu vergleichen mit der Periode zwischen den beiden Weltkriegen. Damals hatten die Faschisten eine riesige soziale Reserve in Form der Bauernschaft und des Kleinbürgertums, einschließlich der Studenten. Nun ist das alles anders. Die Arbeiterklasse ist tausendmal stärker als damals, die Bauernschaft ist fast gänzlich verschwunden, und große Teile der Angestellten - Lehrer, Beamte, Bankangestellte usw. - haben sich dem Proletariat angenähert.[xxii]

 

Der entscheidende Grund, weshalb der Faschismus heute nicht mehr an die Macht kommen kann, ist der, daß das Kleinbürgertum als Klasse kaum noch vorhanden ist. (...) Das heißt, das Kräfteverhältnis in der Gesellschaft hat sich stark zugunsten der Arbeiterklasse verschoben. (...) Nur wenn die kommenden Kämpfe zwischen der Arbeiterbewegung und herrschender Klasse in erneuten großen Niederlagen für uns enden, ist es überhaupt möglich, daß es wieder zu einer totalitären Diktatur kommt. Dies würde dann eine Militärregierung sein, die – im Unterschied zum Faschismus – keine Massenbasis in der Gesellschaft hat und daher von vornherein viel schwächer wäre.[xxiii]

 

Der Faschismus muß von seiner ganzen Natur her seine Hauptstreitkräfte aus dem ‚wildgewordenen Kleinbürgertum, die vom Kapitalismus ruiniert wurden’ beziehen. Das ist nur dort möglich, wo die Arbeiterbewegung durch ihre Führer gelähmt ist und darin versagt, dem gesamten Volk eine Alternative aufzuzeigen.

 

Jedenfalls hat sich die Situation seit der Zwischenkriegszeit vollständig geändert. Die herrschende Klasse hat eine scharfe Lektion gelernt, wie gefährlich für sie der Verlust der politischen Kontrolle und die Übergabe der Zügel des Staates an so verrückte Demagogen wie Hitler und Mussolini ist. Sie stehen daher ablehnend dem Gedanken gegenüber, in Britannien oder irgendeinem anderen Land die Macht an ihre unterwürfigen und verrückten Imitatoren zu übergeben.[xxiv]

 

„...es ist ausgeschlossen, daß die Bourgeoisie nach der Erfahrung mit Hitler und Mussolini jemals wieder die Macht an die faschistischen Wahnsinnigen übergeben wird.[xxv]

 

Auch nach dem Ausschluß von Ted Grant und seinen Anhängern 1991 [xxvi] hielt das CWI dessen Faschismus-Analyse aufrecht:

 

Die Bourgeoisie sieht in der Tat weder die Notwendigkeit noch ist es in der Lage, die faschistischen Hunde jetzt gegen die Arbeiterbewegung einzusetzen. Wir haben in der Vergangenheit die Gründe dafür vollständig analysiert warum die Bourgeoisie nie wieder (sic!) einem kleinbürgerlichen, faschistischen Emporkömmling wie Hitler oder Mussolini erlauben wird, die Macht zu übernehmen.[xxvii]

 

Die ganze Herangehensweise von Grant/IMT/CWI ist theoretisch falsch und praktisch gefährlich. Beginnen wir mit der Analyse. Der Ausgangspunkt von Grants Überlegungen ist das Schrumpfen des traditionellen Kleinbürgertums – der Bauernschaft und der Gewerbetreibenden – im modernen Kapitalismus der Nachkriegsepoche. Dies ist eine unzweifelhafte Tatsache.

 

Grant läßt jedoch vollkommen außer acht, daß die Entwicklungsdynamik der kapitalistischen Klassengesellschaft nicht durch eine geradlinigen Verschwinden des Kleinbürgertums bei gleichzeitig proportionalen Anwachsen des Proletariats gekennzeichnet ist. Sicherlich ist die ArbeiterInnenklasse sowohl absolut – in Zahlen - als auch relativ – im Verhältnis zu den anderen Klassen – gewachsen.

 

Gleichzeitig jedoch haben sich auch neue Mittelschichten herausgebildet – obere Schichten bei den Angestellten und den öffentlich Bediensteten. Hinzu kommt auch noch, daß der Kapitalismus teilweise die Herausbildung neuer „selbstständiger“ Schichten erzwingt, die höchste unsichere materielle Verhältnisse mit dem formalen Status als Selbstständige verbinden. Natürlich sind nicht all diese „neuen Selbständigen“ Teil des Kleinbürgertums, aber ein Teil muß schon dazu gerechnet werden. Insgesamt kann man in etwa sagen, daß in den imperialistischen Ländern ca. 70-75% der Beschäftigten zur ArbeiterInnenklasse gehören und sich der Rest – neben einer zahlenmäßig sehr schwachen Kapitalistenklasse – aus städtischen bzw. ländlichen Kleinbürgertum sowie Mittelschichten zusammensetzt. [xxviii]

 

In einer Periode der scharfen politischen Krise und des wirtschaftlichen Zusammenbruchs könnten – bei Versagen der ArbeiterInnenbewegung - diese Mittelschichten zu einem Rekrutierungspool für die Faschisten werden.

 

Grant und seine Anhänger ignorieren vollkommen diese widersprüchliche Entwicklung im imperialistischen Kapitalismus, auf die bereits Trotzki selber hingewiesen hat:

 

Indem die Autoren des Manifest sich hauptsächlich auf das Beispiel der englischen „industriellen Revolution“ bezogen, machten sie sich eine zu geradlinige Vorstellung von dem Auflösungsprozeß der Mittelklassen in der Form einer völligen Proletarisierung des Handwerks, des Kleinhandels und der Bauernschaft. In Wirklichkeit sind die elementaren Kräfte der Konkurrenz weit davon entfernt, dieses zugleich fortschrittliche und barbarische Werk vollendet zu haben. Das Kapital hat das Kleinbürgertum schneller ruiniert, als proletarisiert. Außerdem strebt die bewußte Politik des bürgerlichen Staates seit langem danach, die kleinbürgerlichen Schichten künstlich zu erhalten. Indem die Entwicklung der Technik und die Organisierung der Großproduktion eine organische Arbeitslosigkeit erzeugen, bremsen sie im Gegensatz die Proletarisierung des Kleinbürgertums. Gleichzeitig hat die Entwicklung des Kapitalismus das Heer von Technikern, Verwaltern, Handelsangestellten, mit einem Wort, von allem, was man die „neue Mittelklasse“ nennt, außerordentlich vermehrt. Das Ergebnis hiervon ist; dass die Mittelklassen, deren Verschwinden das Manifest so kategorisch vorhersieht, selbst in einem so hochindustrialisierten Land wie Deutschland ungefähr die Hälfte der Bevölkerung ausmachen.[xxix]

 

Aber auch das traditionelle Kleinbürgertum spielt heute noch politisch eine Rolle, die die Großbourgeoisie z.B. in der EU und Japan nicht missen möchte. Das sind nicht nur die Bauern selbst, sondern die ganze dörfliche Gesellschaft mit Lehrern, Pfaffen und Dienstleistungen, die um die Bauern und die ländliche Gesellschaft kreist. Der Pakt zwischen Klein- und Großbürgertum führte etwa dazu, dass die „liberale“ Liberaldemokratische Partei in Japan ganz unliberal die heimischen Bauern vom Weltmarkt mittels Zöllen abschottete.

 

In seiner Einleitung zu Otto Rühles „Kurzfassung“ von Marx’s Kapital, zieht Trotzki eine allgemeine Bilanz der Entwicklung des modernen Kapitalismus und entwickelte diesen Gedanken weiter:

 

Es ist wahr, die Entwicklung des Kapitalismus hat im selben Moment das Anwachsen der Armee von Technikern, Geschäftsführern, Beamten, Medizinern, mit einem Wort jener, welche man ‚die neue Mittelklasse’ nennt, beträchtlich gefördert. Aber diese Schichte, deren Anwachsen schon Marx kein Mysterium war, ähnelt der alten Mittelklasse wenig, die im Besitz ihrer eigenen Produktionsmittel eine fühlbare Garantie ökonomischer Unabhängigkeit fand. Die ‚neue Mittelklasse’ ist von den Kapitalisten abhängiger als die Arbeiter. In der Tat steht sie in hohem Maße unter der Vorherrschaft dieser Klasse. Im Übrigen ist eine beträchtliche Überproduktion an dieser ‚neuen Mittelklasse’ festzustellen, mit ihrer Folge: soziale Degradation.[xxx]

 

In ihrer blauäugigen, auf den objektiven Prozeß der Geschichte hoffenden Sichtweise ähneln Grant/Woods/CWI ihrem geistigen Ahnherrn, Karl Kautsky. Auch dieser schloß aufgrund der voranschreitenden Industrialisierung und entsprechender Proletarisierung einen Sieg des Faschismus aus ... und zwar in Deutschland im Jahre 1927!

 

Sollen die Faschisten eine politische Wirkung üben, müssen sie in großer Zahl auftreten – in Italien mit 39 Millionen Einwohnern etwa ein halbe Million. In Deutschland müßten sie, um dieses Verhältnis zu erreichen, fast eine Million stark sein. In einem industrialisierten Land ist eine so große Zahl von Lumpen in den besten Mannesjahren für kapitalistische Zwecke nicht aufzutreiben.[xxxi]

 

Hinzu kommt auch noch der für die CWI/IMT-Tradition typische falsche Ökonomismus, wonach die ArbeiterInnenklasse sozusagen immun gegen den faschistischen Virus wäre. Vergessen wir nicht die in Tabelle 6 angeführte Statistik über die soziale Zusammensetzung der NSDAP-Mitgliedschaft. Auch wenn Arbeiter hier klar unterrepräsentiert (nur 28,1% der Mitglieder bei einem Anteil von 45,9% unter den Berufstätigen) und die privilegierten bzw. kleinbürgerlichen Schichten eindeutig überrepräsentiert sind, so machen erstere nichtsdestotrotz einen beträchtlichen Anteil bei den Nazi-Mitgliedern aus. Würden heute ein ähnlicher Anteil von Arbeitern bei den Nazis sein, würde dies aufgrund des gewachsenen Gewichts der ArbeiterInnenklasse den Faschisten eine beträchtliche Basis liefern. Gerade bei den untersten Schichten, in denen lange Arbeitslosigkeit und Demoralisierung vorherrschen und mit denen die reformistische organisierte ArbeiterInnenbewegung schon lange den Kontakt verloren hat, könnte der Faschismus in einer scharfen Krisensituation eindringen. Die z.T. beträchtliche Verbreitung rechtsradikalen und rassistischen Gedankengutes unter Teilen der Jugendlichen ist ein alarmierender Indikator für diese Gefahr.

 

Die Herausbildung und Radikalisierung von solchen Formationen wie dem rechten Flügel in der Haider-Bewegung um Mölzer, Stadler und Strache, der NPD in Sachsen, der Front National von Le Pen in Frankreich, den christlichen Fundamentalisten bei den US-Republikanern usw. weist auf ein Potential für eine faschistische Bewegung hin. Das bedeutet nicht, daß all diese Kräfte heute bereits als faschistische zu bezeichnen sind. Aber das Potential zu leugnen, daß sich aus solchen Organisationen heraus unter veränderten Bedingungen eine faschistische Massenbewegung herausbilden könnte, wäre krimineller Leichtsinn!

 

Noch seltsamer mutet jedoch das Argument Grants an, wonach die herrschenden Klasse sozusagen aus dem Schaden klug geworden wäre und jetzt nicht mehr auf den Faschismus setzen würde. Als wäre die Bourgeoisie ein nach einem gesamtgesellschaftlichen, langfristig angelegten, vernünftigen Plan handeln?! Auch in den 1920er und 1930er Jahren war sich die herrschende Klasse durchaus bewußt, daß Hitler und Mussolini ein abenteuerliches Programm vertraten. Deswegen haben sie den Faschismus zwar gefördert, aber zuerst nur als Gegenmittel gegen das „bolschewistische Gift“ des Klassenkampfes und nicht als Partei der Macht. Erst als sie aufgrund der auswegslosen Krisensituation keinen anderen Ausweg mehr sahen, übergaben sie dem Faschismus die Macht und erhofften sich von seinem kühnen Programm der totalen Offensive sowohl gegen die eigene ArbeiterInnenklasse als auch gegen die imperialistischen Konkurrenten die Lösung all ihrer Probleme. Glauben Grant, Funke und SLP tatsächlich, daß die Bourgeoisie in Zukunft nicht mehr in eine ähnlich verzweifelte Situation geraten werden? Dieses Grundgesetz bürgerlicher Politik gilt heute genauso wie vor 70, 80 Jahren. Je schwieriger, auswegsloser die Lage für die herrschende Klasse wird, um so mehr wird sie sich nach verzweifelten, aggressiven, radikalen Lösungen umschauen, um so offener ist sie für eine abenteuerliche, faschistische Lösung.

 

An die „Vernunft“ der Bourgeoisie zu glauben ist genauso naiv und unabgebracht, wie der Glaube der Reformismus und des Keynsianismus, daß das Kapital aus der folgenschweren Wirtschaftsdepression der Zwischenkriegszeit gelernt hätte und deswegen von nun an solche Krisen mittels staatlicher Steuerung vermeiden werde. Grant und seine Anhänger in Funke und SLP haben offenkundig vergessen, daß der Kapitalismus sowohl ökonomisch als auch politisch ein anarchisches, chaotisches System ist. [xxxii] Ein bißchen weniger Vertrauen in die Vernunft des Kapitalismus und etwas mehr kritische Einsicht in die wachsenden Widersprüche dieses Systems wären für Grant & Co. durchaus angebracht. [xxxiii]

 

Dieses Vertrauen in die Vernunft des Kapitals paart sich mit einem ähnlich illusionären Vertrauen in die Vernunft der reformistischen Bürokratie. So schrieb Grant:

 

Die Faschisten konnten sich den Luxus eines Krieges nur leisten, weil die Heimatfront, die allerwichtigste Front, zeitweilig gesichert war durch die Atomisierung und Kraftlosigkeit der Arbeiterklasse und durch die psychischen Auswirkungen des Verrats der Arbeiter an Hitler ohne jeden Kampf. Eine Wiederholung dessen ist äußerst unwahrscheinlich. Alleine aus ihren eigenen Erfahrungen heraus würden die Führer (sic!) der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften zumindest den Weg ihrer österreichischen und spanischen Genossen einschlagen, den Bürgerkrieg, anstatt sich feige dem Faschismus unterzuordnen.[xxxiv]

 

Wiederum: die reformistische Bürokratie kapitulierte nicht deswegen vor dem Faschismus, weil sie nicht klug genug war, sondern weil sie ... eine reformistische Bürokratie ist! Es entspricht der Natur dieser bürokratischen Kaste, daß sie eine passive Schichte ist, die unentwirrbar – über unzählige Posten und Privilegien - an das kapitalistische System gebunden ist und daher zuallererst einmal von den Interessen und Stimmungen in der Bourgeoisie abhängig ist. Doch das ist nicht der einzige Druck. Denn sie ist auch gleichzeitig über die Partei und die Gewerkschaft mit ihrer ArbeiterInnenbasis verbunden. Der Druck dieser proletarischen Basis kann das Ausmaß und das Tempo des Verrats der Bürokratie beeinflussen, aber er kann nicht aus Saulus einen Paulus machen, kann nicht eine feige, kleinbürgerliche Schicht von Postenrittern in eine kampfstarke, entschlossene und selbstlose Gruppe von ArbeiterInnen verwandeln.

 

Deswegen kann jeder, der auch nur ein wenig über Geschichte bescheid weiß, über Grant’s Behauptung nur lächeln. Im Februar 1934 liefen die Führer der österreichischen Sozialdemokratie davon. Es waren die ArbeiterInnen in den Betrieben und im Republikanischen Schutzbund, die Widerstand leisteten. Ähnlich wagten die spanischen Reformisten nur deswegen den Widerstand gegen den Franco-Putsch, weil ein spontaner Aufstand durch das Land ging. Aber im Laufe des Bürgerkrieges bewies die Bürokratie weit mehr Standvermögen im Kampf gegen die revolutionären ArbeiterInnen als gegen Franco. Systematisch unterdrückten und verhafteten sie linke, trotzkistische und anarchistische AktivistInnen und im Mai 1937 ging sie in Barcelona mit offener militärischer Gewalt gegen die Arbeiterschaft vor. Als sich jedoch Francos Schergen dem letzten Regierungssitz, Valencia, näherten, kapitulierte die Bürokratie.

 

Grant und seine Anhänger wollen an den Kampfgeist der Bürokratie glauben, weil sie davon überzeugt sind, daß die Sozialdemokratie zu einer revolutionären, sozialistischen Kraft reformiert werden kann. Daher verbringen sie auch schon Jahrzehnte am linken Flügel innerhalb der reformistischen Parteien. Mit der gleichen tagträumerischen Logik nehmen sie auch an, daß der Kapitalismus friedlich, ohne Gewaltanwendung und Bürgerkrieg, gestürzt werden könne. Daher auch die naive, unkritische Jubelpropaganda des Funke für das Regime von Hugo Chavez in Venezuela. [xxxv] Tatsache jedoch ist, daß die Bürokratie sich noch nie in der Geschichte in einer revolutionäre Kraft verwandelte, jedoch sich immer wieder als offen konterrevolutionärer Faktor entpuppte, der mit der Waffe in der Hand die Revolution bekämpfte. Ähnlich verhält es sich mit der Grant’s reformistischer Hoffnung auf einen friedlichen Übergang zum Sozialismus. Immer verteidigte die herrschenden Klasse ihre Macht mittels Einsatz organisierter, bewaffneter Gewalt. [xxxvi]

 

Das alles ist ein gutes Beispiel für den fatalistische Optimismus des Zentrismus: die ArbeiterInnenklasse wird immer stärker und mächtiger, sodaß sich der Faschismus gar keine Massenbasis schaffen könne. Die Bourgeoisie habe die Lehren der Zwischenkriegszeit gelernt, sodaß sie nicht mehr den Nazis die Macht übergeben werde. Die reformistischen Führer der ArbeiterInnenbewegung haben die Lehren der Zwischenkriegszeit gelernt, sodaß sie nicht mehr widerstandslos vor den Faschisten kapitulieren werden. Eine Illusion folgt der anderen. Das Prinzip Hoffnung statt revolutionärer Realismus regiert die gedankliche Welt des Zentrismus. In Wirklichkeit kann nur der energische Aufbau einer revolutionären Partei national und international Krieg und Faschismus ein für alle mal aus der Welt schaffen.

 



[i] Georgi Dimitroff: Die Offensive des Faschismus und die Aufgaben der Kommunistischen Internationale im Kampf für die Einheit der Arbeiterklasse gegen den Faschismus, in: VII. Kongreß der Kommunistischen Internationale (1935). Referate und Resolutionen; Berlin 1975, S. 93.

[ii] Siehe z.B. Tom Eipeldauer: Der Schoß aus dem das kroch...; Schwerpunkt: Faschismustheorie; in: UNITAT 3/2004, S. 5. UNITAT ist die Zeitung des Kommunistischen StudentInnenverbandes (KSV), der KPÖ-StudentInnenorganisation. Nebenbei bemerkt ist dieser Artikel ein vortreffliches Beispiel dafür, in welch umgekehrten Verhältnis die Anzahl der verwendeten Fremdwörter und soziologischer Begriffe zur Tiefe der inhaltlichen Aussage stehen können. In der SJ ist v.a. der stalinistische Stamokap-Flügel eifriger Verfechter der Dimitroff’schen Weisheiten. Siehe z.B. Hannes Puwein: Das Wesen des Faschismus, http://www.stamokap.org/wesenfasch.html

[iii] Hannes Puwein: Das Wesen des Faschismus, http://www.stamokap.org/wesenfasch.html

[iv] Alfred Sohn-Rethel: Zur Interessenslage der deutschen Industrie in der Krise; in: Industrie und Nationalsozialismus, Berlin 1992, S. 63

[v] Georgi Dimitroff: Die Offensive des Faschismus und die Aufgaben der Kommunistischen Internationale im Kampf für die Einheit der Arbeiterklasse gegen den Faschismus, in: VII. Kongreß der Kommunistischen Internationale. Referate und Resolutionen, Berlin 1975, S. 118.

[vi] Detaillierte Untersuchung der politischen Entwicklungen in Frankreich sowohl im Zeitraum 1934-36 als auch danach bis 1939 sowie des Versagens der offiziellen Organisationen der ArbeiterInnenbewegung sowie ihrer zentristischen Anhängsel finden sich in folgenden Büchern von Leo Trotzki: Wohin geht Frankreich? (1934-36); On France, New York 1979; The Crisis of the French Section (1935-36), New York 1977

[vii] Siehe dazu den informativen Artikel von Max Lasser: Vor 65 Jahren - Der Angriff Nazideutschlands auf die UdSSR; in: ArbeiterInnenstandpunkt Nr. 145 (September 2006)

[viii] Eine Kritik des Austromarxismus vom revolutionär-marxistischen Standpunkt veröffentlichten wir in unserer LSR- Broschüre „Sozialdemokratie und Austromarxismus“. Darin haben wir eine ausführliche Arbeit von Josef Frey, dem Führer der österreichischen Trotzkisten, aus dem Jahr  1937 abgedruckt („Integraler Sozialismus – ein neuer Weg? Antwort an Otto Bauer“). Ebenso findet sich darin ein Artikel von Michael Pröbsting: Die Theorie und Praxis des Austromarxismus: Österreichische Passivität ohne Marxismus“. Die Texte können  über unsere Kontaktadresse bezogen werden. Ebenso lesenswert ist die Kritik des deutschen Trotzkisten Eugen Bauer (Pseudonym für Erwin Ackerknecht). Einen kurzen und guten Überblick über den Austromarxismus bietet auch die Schrift von Raimund Löw, Siegfried Mattl, Alfred Pfabigan: Der Austromarxismus. Eine Autopsie; Frankfurt a.M. 1986 (Zu dieser Zeit diente Löw noch nicht als bürgerlicher Korrespondent des ORF, sondern bemühte sich um einen marxistischen Standpunkt, was ihm freilich damals schon an der Spitze der „Gruppe Revolutionäre Marxisten“ – heute SOAL – nur teilweise gelang.) Schließlich sei noch das fakten- und zitatenreiche Buch von Christoph Butterwegge erwähnt: Austromarxismus und Staat; Marburg 1991

[ix] Karl Renner: Die Gründung der Republik Deutschösterreich, der Anschluß und die Sudetendeutschen. Dokumente eines Kampfes ums Recht (Wien 1938); Wien 1990. Die offizielle SP-Parteibürokratie bemühte sich immer um Vertuschung dieses so schändlichen wie peinlichen Werkes Renners. Eduard Rabofsky (KPÖ) gebührt der Verdienst, diese Broschüre Renners mit einem ausführlichen Vorwort neu im Globus-Verlag herausgebracht zu haben.

[x] Leo Trotzki: Die Helden der Wiener Konferenz (1921), in: Leo Trotzki: Österreich an der Reihe. Kleine Schriftenreihe zur österreichischen Arbeiter/innen/geschichte (AGM), S. 8

[xi] Otto Bauer: Zwischen zwei Weltkriegen? (1936), in: Werkausgabe, Band 4, S. 149

[xii] Otto Bauer: Zwischen zwei Weltkriegen? (1936), in: Werkausgabe, Band 4, S. 222

[xiii] Otto Bauer: Zwischen zwei Weltkriegen? (1936), in: Werkausgabe, Band 4, S. 154f.

[xiv] Otto Bauer: Zwischen zwei Weltkriegen? (1936), in: Werkausgabe, Band 4, S. 152

[xv] Otto Bauer: Der Aufstand der österreichischen Arbeiter. Seine Ursache und seine Wirkungen (1934), Wien 1974, S. 25f.

[xvi] Leo Trotzki: Brief an einen österreichischen Genossen (1933); in: Schriften über Deutschland, Frankfurt a. M. 1971, Band 2, S. 498

[xvii] siehe: Florian Wenniger: Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Die Geschichte des Faschismus in Österreich. Herausgeber: Sozialistische Jugend Österreich, Wien 2004, S. 20

[xviii] Siehe dazu auch die im Anhang abgedruckte Chronik der verhängnisvollen Ereignisse 1929-33 in Leo Trotzki: Schriften über Deutschland, Band 3, S. 900-927

[xix] Dieses Verbrechen der Sozialdemokratie ging in die Geschichte der ArbeiterInnenbewegung als „Berliner Blutmai“ ein. Siehe dazu u.a.: Ossip K. Flechtheim: Die KPD in der Weimarer Republik, Frankfurt a. M. 1976, S. 253f., Ernst Laboor: Der Kampf der deutschen Arbeiterklasse gegen Militarismus und Kriegsgefahr 1927-1929, Berlin 1961, S. 261-296

[xx] Leo Trotzki: Was nun? Schicksalsfragen des deutschen Proletariats (1932); in: Schriften über Deutschland, Frankfurt a. M. 1971, Band 1, S. 192

An anderer Stelle legte Trotzki dar, daß seine Hauptkritik des stalinistisch-zentristischen Kurses gerade dessen völlige Impotenz war, der Sozialdemokratie ihre Kontrolle über die ArbeiterInnenklasse zu entreißen:

Es ist nicht an uns, die Politik der deutschen Stalinisten zu verteidigen! Aber ihre hauptsächliche Schuld besteht darin, daß sie der Sozialdemokratie die Möglichkeit gegeben haben, trotz allen von ihr begangenen Verbrechen und allem von ihr begangenen Verrat sich ihren Einfluß auf den entscheidenden Teil des Proletariats zu bewahren und diesem die Taktik der schändlichen und verhängnisvollen Kapitulation aufzudrängen.“ (Leo Trotzki: An der Reihe ist Österreich (1933): in: Schriften über Deutschland, Frankfurt a. M. 1971, Band 2, S. 508)

Mitte der 1930er Jahre legte der Stalinismus seinen bürokratisch-zentristischen – sprich zwischen Opportunismus und Ultralinkstum schwankenden – Kurs ab und degenerierte zu einer vollständig reformistischen Partei. Während Stalin’s krude Definition der Sozialdemokratie als „Zwilling des Faschismus“ dem geistigen Delirium der Bürokratie als der politischen Realität entsprach, verkamen die Kommunistischen Parteien vielmehr zum „Zwilling der Sozialdemokratie“.

[xxi] Florian Wenniger: Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Die Geschichte des Faschismus in Deutschland und Österreich. Herausgeber: Sozialistische Jugend Österreich, Wien 2003, S. 31

[xxii] Ted Grant/Alan Woods: Marxismus und der Staat (1996), http://www.derfunke.at/theorie/TG_mrxstaat.htm

[xxiii] Jugend für Sozialismus. Ein Ausweg aus der kapitalistischen Sackgasse, (Herausgeber: VORAN), Essen 1988, S. 37. Die UnterstützerInnen der damals noch nicht gespaltenen CWI-Tendenz in Deutschland gruppierten sich damals um die Zeitung VORAN.

[xxiv] Ted Grant: Britain in Crisis (1977), on: The Unbroken Thread, London 1989, S. 520 (unsere Übersetzung)

[xxv] Tactics in the Struggle against Fascism and Racism”, Statement des “Committee for a Marxist International”, London, 22.6.1994, (These 4); die von den österreichischen Grant-Anhängern veröffentlichte und leicht abgeänderten Version dieser Erklärung findet sich in “Der Funke”, Nr. 4 (1994), S.13

[xxvi] Ted Grant, Alan Woods und ihre Tendenz nennen sich jetzt „International Marxist Tendency” und setzen die alte Politik der langfristigen Arbeit innerhalb der Sozialdemokratie mit allen damit verbundenen opportunistischen Verrenkungen fort. Das CWI hingegen hat das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und hat nicht nur die Sozialdemokratie verlassen, sondern spricht dieser nun jeglichen Charakter als (bürgerliche) ArbeiterInnenpartei ab. Ein klassisches Beispiel, wie nahe Opportunismus und Sektierertum oft beisammen liegen. Die österreichischen Unterstützer der Grant/Woods-Tendenz IMT sammeln sich um die Zeitschrift „Der Funke“ und die Mitglieder des CWI in der Sozialistischen LinksPartei (SLP).

[xxvii] Committee for a Workers International (CWI): A World in Crisis. The Resolutions and Conclusions of the 6th World Congress of the Committee for a Workers International (1993), London 1994, S. 75. Die gleiche Logik findet man auch in anderen Publikationen des CWI zum Thema Faschismus. (Siehe Militant Labour: Against Racism and Fascism, London 1993, S. 10f.; Socialism Today, March 1997, S.16)

[xxviii] siehe dazu auch: Markus Lehner: Arbeiterklasse und Revolution. Thesen zum marxistischen Klassenbegriff; in: Revolutionärer Marxismus Nr. 28, S. 3-42

[xxix] Leo Trotzki: 90 Jahre Kommunistisches Manifest (1938); in: Leo Trotzki: Denkzettel. Politische Erfahrungen im Zeitalter der permanenten Revolution (Hrsg.: Issac Deutscher/George Novack/Helmut Dahmer), Frankfurt a. M. 1981, S. 335

[xxx] Leo Trotzki: Marxismus in unserer Zeit (1939), (Hrsg.: Internationale Kommunistische Liga) Wien 1987, S. 8f.

[xxxi] Karl Kautsky: Die materialistische Geschichtsauffassung (1927), Gekürzte Ausgabe, Berlin 1988, S. 518

[xxxii] Siehe dazu auch folgende Publikationen unserer Organisation: Michael Pröbsting: „Krieg, globaler Kapitalismus und Widerstand“ (Broschüre des ArbeiterInnenstandpunkt, 2004) sowie Michael Pröbsting: „Amerikanisierung oder Niedergang. Perspektiven des imperialistischen Projekts der Europäischen Union“ (Broschüre des ArbeiterInnenstandpunkt, 2004); Keith Harvey: Globalisation: „The Contradicitions of late Imperialism“; in: Fifth International Nr. 1 (2003). All diese Publikationen können über unsere Kontaktadresse bezogen werden.

[xxxiii] Dieses blinde Vertrauen in eine „objektive Vernunft“ schlägt sich auch in dem – sagen wir einmal ungewöhnlichen – Titel eines philosophischen Buches von Grant/Woods und dem gleichlautenden Namen des Theoriejournals des „Funke“. In Wirklichkeit existiert eine solche, über den Klassen stehende, „objektive Vernunft“ nicht, sondern nur die Interessen antagonistischer Klassen und die diesen Interessen folgende Vernunft. Daher gibt es auch keinen „Aufstand der Vernunft“, sondern nur einen Aufstand der bewaffneten ArbeiterInnenklasse, also der „proletarischen Vernunft“.

[xxxiv] Ted Grant: Die deutsche Wiederbewaffnung aus der Sicht der britischen Sozialisten (1954), (Herausgegeben von VORAN 1991), S. 14 (In der von den britischen Anhängern von Ted Grant herausgegebenen Sammlung seiner Schriften „The Unbroken Thread“ findet sich die Stellen auf S. 156.)

[xxxv] Siehe dazu auch unsere Kritik: Martin Seelos & René Repp: Venezuela’s Serpentinen zur Revolution, in: ArbeiterInnenstandpunkt Nr. 135 (September 2004)

[xxxvi] Siehe dazu auch unsere Kritik der Grant’schen Theorie: Voran, Vorwärts und die Militant-Tendenz. Bruch und Kontinuität einer Wende; in: Revolutionärer Marxismus Nr. 12, S. 20-33