Hände weg von Tschetschenien! (1995)

 

von Michael Pröbsting

 

 

 

Vorwort der Redaktion: Im Folgenden veröffentlichen wir einen Artikel von Michael Pröbsting über den Freiheitskampf des tschetschenischen Volkes. Dieser wurde erstmals im Februar 1995 in der Zeitung "ArbeiterInnenstandpunkt" (Nr. 66) – dem Organ der gleichnamigen Organisation – veröffentlicht. Dies war die österreichische Sektion der Liga für eine revolutionär-kommunistische Internationale (LRCI) – der Vorläuferorganisation der 2011 gegründeten Revolutionär-Kommunistische Internationale Tendenz (RCIT). Genosse Pröbsting war damals führendes Mitglied von ASt und LRCI und ist heute Internationaler Sekretär der RCIT.

 

 

 

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In einem Eroberungskrieg von beispielloser Brutalität gelang es Jelzins Armee, Teile der kaukasischen Republik Tschetschenien zu unterwerfen. Durch ununterbrochenen Bombenterror, vergleichbar jenem in Dresden 1945, konnten sie nach wochenlangen Sturmangriffen und hoher eigener Verluste die Hauptstadt Grozny besetzen. Doch der Krieg geht weiter. Die tschetschenische Armee wird vom Süden des Landes aus und v.a. mittels einer Partisanentaktik den Kampf gegen die großrussischen Besatzer weiterführen.

 

Unsere volle Solidarität gilt dem tschetschenischen Volk und seinem Befreiungskampf. Wir fordern den sofortigen Abzug der russischen Besatzungstruppen. Moskau behauptet, daß der tschetschenische Präsident Dudajew ein Gangster sei. Daran ist was wahres dran. Dudajew übernahm die Macht in der Kaukasus-Republik im Herbst 1991, nachdem er Jelzins Gegencoup im August unterstützte. Er ließ sich kurz darauf zum Präsidenten wählen, ist jedoch alles andere als ein Demokrat. Bald begann er, systematisch jegliche Opposition zu unterdrücken. Doch Jelzin unterscheidet von Dudajew bloß, daß er kein kleiner, sondern ein großer Möchtegern-Diktator ist. Jelzin betreibt eine Politik für eine Klasse von neureichen KapitalistInnen, die ihr Geld fast ausschließlich durch kriminelle Geschäfte, Korruption und Spekulation machen. Sein Verteidigungsminister Grachow hat sich nachweislich Millionen Dollar, die für die Armee bestimmt waren, auf sein privates Bankkonto überweisen lassen. Der bürgerlichen Jelzin-Clique geht es nicht um Kriminalität, sondern um die Unterwerfung einer aufmüpfigen nationalen Minderheit und die Ablenkung von der eigenen Krise. Darüber hinaus besitzt Tschetschenien aufgrund seiner Lage (Erdölpipelines fließen durch das Land) einen hohen geostrategischen Wert.

 

Dudajew besitzt natürlich keine Strategie, wie die nationale Unterdrückung im Kaukasus längerfristig und stabil beendet werden kann. Sein nationalistisches und pro-kapitalistisches Konzept ist eine Sackgasse, wie die Entwicklung im gesamten Osten zeigt. Notwendig ist eine revolutionäre Politik, die das nationale Selbstbestimmungsrecht, die Solidarität mit den russischen ArbeiterInnen und Soldaten und eine freiwillige sozialistische Föderation der Kaukasus-Republiken und letztlich aller ehemaligen UdSSR-Staaten auf ihre Fahnen heftet.