Griechenland: Eine moderne Halbkolonie (Kapitel III. Griechenlands gescheiterter Versuch, eine imperialistische Regionalmacht zu werden)

Anmerkung der Redaktion: Die Graphiken in diesem Dokument können nur in der oben als Download zur Verfügung stehenden pdf Version (Teil 1 bzw. Teil 2 für Kapitel III.4) eingesehen werden.

 

 

 

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Bisher wurde geschildert, wie Griechenland seit Erlangung seiner Unabhängigkeit ein kapitalistisch rückständiges Land war, wirtschaftlich und politisch vollkommen abhängig von imperialistischen Mächten – mit einigen speziellen Merkmalen wie den griechischen Reederei-Kapitalisten in der Diaspora. Deshalb charakterisieren wir Griechenland als entwickelte Halbkolonie mit besonderen Merkmalen.

 

Zwischen dem Beginn und dem Ende der 1980er Jahre fanden zwei wichtige Ereignisse historischen Ausmaßes für die griechische Bourgeoisie statt: der Beitritt zur EU und der Niedergang des Stalinismus am Balkan. Diese Ereignisse schufen eine historische Gelegenheit für die griechische Bourgeoisie, ihren abhängigen halbkolonialen Status zu überwinden und eine imperialistische Regionalmacht zu werden.

 

 

 

III.1 EU-Beitritt und die 1980er Jahre

 

 

 

Griechenland trat der Europäischen Union im Jahr 1981 bei. Das war das Ergebnis der wachsenden Rolle des westeuropäischen Imperialismus und des relativen Abstiegs der USA. Die griechische Bourgeoisie hatte gehofft, dass mit dem EU-Beitritt der abhängige Status des Landes überwunden und es in eine kleinere imperialistische Macht umgewandelt werden könnte. Die griechischen marxistischen Intellektuellen Stavros Mavroudeas und Dimitris Paitaridis bezeichneten dieses Projekt treffend als die neue Megáli Idéa der griechischen kapitalistischen Klasse. [1]

 

Griechenlands Beitritt zur EU beschleunigte den Modernisierungsprozess ein wenig, gleichzeitig erhöhte er die Abhängigkeit des Landes vom imperialistischen Monopolkapital und erweiterte noch mehr die Kluft in der Entwicklung der Produktivkräfte zwischen sich und den imperialistischen Ländern der EU.

 

Das zeigt sich in vielen Kennzahlen. Wie in Tabelle 4 ersichtlich wuchs Griechenlands BIP in den 1980er Jahren nur um 0,7% verglichen mit 2,4% vor der Zeit der EU-12. [2] Sein BIP pro Kopf sank sogar durchschnittlich um 0,3% verglichen mit einem durchschnittlichen Wachstum von 1,7% vor der Beitritt zur EU. Und auch die industrielle Produktion wuchs weniger (1,0%) als zuvor (1,6%).

 

 

 

Tabelle 4: Griechenlands Wirtschaft verglichen mit den EU-12, 1981-1990 (jährliche Durchschnittswerte) [3]

 

                                                                                                                                                Griechenland                       EU-12

 

Bruttoinlandsprodukt zum Marktpreis des Jahres 2000                                                      0.7                          2.4

 

Bruttoinlandsprodukt zum Marktpreis des Jahres 2000 je beschäftigter Person          -0.3                         1.7

 

Industrieproduktion; Bauwesen ausgenommen                                                                    1.0                          1.6

 

 

 

Die Produktion als Anteil des BIP sank von 25,3% (1973) auf 20,1% (1983) und 16,8% (1993). Diese Entwicklung wurde durch das Fehlen von Kapitalakkumulation verursacht, weil die Kapitalisten des Landes nicht genügend Profit im Bereich der Wertproduktion machten.

 

Es ist gerade die Entwicklung der Profitrate, die für unser Verständnis der längerfristigen Entwicklung der Wirtschaft eines Landes wie auch der Weltwirtschaft wesentlich ist. Als MarxistInnen suchen wir die zugrundeliegende Ursache für die Entwicklung des Kapitalismus weder im Finanz- oder Spekulationsbereich noch beim Konsum oder im Handel, sondern im Produktionsbereich, d.h. in jenem Bereich, in dem kapitalistischer Wert geschaffen wird. Wie bereits wiederholt in dieser Broschüre betont zeichnete sich aus historischen Gründen der griechische Kapitalismus traditionell durch eine chronische strukturelle Schwäche in der Kapitalakkumulation aus, die in eine entstellte Industrialisierung und Abhängigkeit von imperialistischen Monopolen mündete. Die grundlegende Ursache der kapitalistischen Krise wurzelt im inneren Widerspruch der abhängigen Produktion Griechenlands, sprich der Dynamik der Mehrwertrate im Verhältnis zum investierten Gesamtkapital, d.h. in der Entwicklung der Profitrate.

 

Wie Marx im Kapital Band III herausgearbeitet hat, heißt das grundlegend, dass auf lange Sicht der Anteil des Mehrwerts kleiner wird im Verhältnis zur Gesamtheit des in die Produktion investierten Kapitals (Maschinen, Rohmaterial usw. wie auch die den ArbeiterInnen gezahlten Löhne). Daher wird der Mehrwert, der potenziell zur Kapitalvermehrung verwendet werden kann, immer weniger. Das führt unausweichlich zu Störungen und Krisen, wie wir es seit den frühen 1970er Jahren und besonders seit dem Beginn der historischen Periode mit dem Ausbruch der kapitalistischen Krise 2008 erleben. Eine Reihe marxistischer Ökonomen haben zur historischen Tendenz des Falls der Profitrate gearbeitet und in einer Menge Publikationen gezeigt, dass dies die Ursache des Niedergangs der Weltwirtschaft ist.[4]

 

Das gilt auch für Griechenland. Der griechische marxistische Ökonom Dimitri Papadimitriou berechnete, dass die Profitrate zwischen 1958 und 1977 um fast 30% fiel, während sowohl die Mehrwertrate als auch die organische Zusammensetzung des Kapitals anstiegen. [5] (siehe Abbildung 5)

 

 

 

Abbildung 5: Griechenland: Mehrwertrate (RSV), Organische Zusammensetzung des Kapitals (OCC) und Profitrate (r) 1958-1977 [6]

 

 

 

 

 

 

 

So fiel das Nettoanlagekapital, ein Gradmesser dafür, wie viel Anlagevermögen nach Abzug des Wertverlusts bestehender Posten in die Wirtschaft investiert wurde, in den 1980er Jahren jährlich durchschnittlich um 0,17%, während es in den 1970ern durchschnittlich um 16% gewachsen war. Mit anderen Worten gab es in den 1980ern einfach keine größere Kapitalvermehrung in Griechenland.

 

Diese Entwicklung ging Hand in Hand mit einem bedeutenden Anstieg der Arbeitslosigkeit und einem Sinken der Reallöhne der ArbeiterInnenklasse. Die Arbeitslosigkeit stieg von 2,7% 1980 auf 6,7% 1989. 1993 stand sie bereits bei 10%. 1980 lag der durchschnittliche Lebensstandard in Griechenland um 7% unter dem ihrer europäischen KollegInnen; 1989 hatte sich der Unterschied auf 24% erhöht! [7]

 

In den 1980er Jahren musste die griechische Regierung, geführt von der bürgerlichen linkspopulistischen PASOK wiederholt mit staatskapitalistischen Maßnahmen wie Verstaatlichung bankrotter Unternehmen intervenieren, um politische und soziale Unruhen zu verhindern. [8]

 

Die Staatsschulden erhöhten sich daher von 22,3% des BIP in den 1980ern auf 64,2% 1989. Gegen diesen Rückschlag musste die griechische Regierung noch mehr Darlehen von den imperialistischen Banken aufnehmen. In nur fünf Jahren, zwischen 1981 und 1986, stiegen Griechenlands Auslandsschulden um mehr als das Doppelte von 7,9 Milliarden Dollar auf 17 Milliarden. Folglich betrugen diese 45% des BIP und die Zinszahlungen machten fast ein Viertel der Exporterträge aus. [9]

 

Stavros D. Mavroudeas, ein griechischer sozialistischer Ökonom, fasst die Auswirkungen von Griechenlands EU-Beitritt wie folgt zusammen:

 

Eine der ernsthaftesten Auswirkungen der Krise war die Schwächung der griechischen Industrie, was einen nachhaltig negativen Einfluss auf Griechenlands Position in der internationalen Arbeitsteilung und seine Zahlungsbilanz hatte. Sie hatte auch langfristig negative Effekte auf die innere Struktur des griechischen Kapitalismus. Die Öffnung der Wirtschaft verschlechterte auf mehreren Gebieten die Position des griechischen Kapitals. Es ist bezeichnend, dass 85% der Verschlechterung der Wettbewerbsposition in den Schlüsselbereichen der griechischen Industrie auf die Konkurrenzschwächung gegenüber der EU und nur zu 15% auf jene gegen andere Länder zurückzuführen ist. (…) Es wurde gezeigt, dass es seit 1985 einen Anstieg in den tatsächlichen Arbeitszeiten gibt, der sich immer mehr erhöhte. Dies - gepaart mit den Reallohnerhöhungen, die hinter der Produktivität zurückstanden – verstärkt den Prozess der Auspressung des absoluten Mehrwerts gerade im Fall Griechenlands. Das wird durch die Tatsache bekräftigt, dass – wie von Carchedi betont – die europäische Integration die weniger entwickelten Länder zwingt, die Auspressung des absoluten Mehrwerts zu steigern.”[10]

 

Er schlussfolgert: “Zusammenfassend demontierte der Anschluss des griechischen Kapitalismus an die europäische Integration seine bis dahin zusammenhängende und konkurrenzfähige Produktionsstruktur, ohne sie durch eine ebenso gute oder erfolgreichere zu ersetzen. Im Gegenteil wurde die griechische Wirtschaft in hohem Ausmaß ein Anhängsel seiner nordeuropäischen Partner.[11]

 

Kurz, der griechische EU-Beitritt förderte eine abhängige und verzerrte Form der Modernisierung, die den halbkolonialen Status Griechenlands eher noch steigerte.

 

 

 

III.2 Kapitalistische Restauration am Balkan nach 1989 und griechische Kapitalexpansion

 

 

 

Die griechische Bourgeoisie erhielt noch eine weitere Chance, ihren rückständigen und untergeordneten Status zu überwinden. Der Sturz der stalinistischen Bürokratie im früheren Sowjetblock und die folgende Restauration des Kapitalismus bot eine unglaubliche Gelegenheit für griechische Kapitalisten. Sie eröffnete ihnen Ökonomien, die noch rückständiger und ärmer waren als ihre eigene und in denen daher griechische Kapitalisten eine hegemoniale Rolle spielen konnten. Außerdem konnte die griechische Bourgeoisie von der Migrationswelle aus den Balkanländern nach Griechenland profitieren, denn sie konnte die MigrantInnen als billige Arbeitskräfte ausbeuten. Diese Entwicklungen werden hier im Detail untersucht.

 

Traditionell tätigte Griechenland kaum Investitionen ins Ausland. Laut einer Studie von drei griechischen Akademikern “gab es bis zur Öffnung der Wirtschaften des Balkans Anfang der 1990er weniger als 10 griechische Unternehmen, die ins Ausland investierten.” [12]

 

An diesem Punkt ist auch festzuhalten, dass Griechenland im internationalen Vergleich nur eine kleine Rolle im globalen Monopolkapital innehatte. Noch im Jahr 1990 erhielt Griechenland verglichen mit anderen europäischen Ländern relativ wenige Investitionen aus dem Ausland. Laut einer Studie über Auslandsinvestitionen in Europa um 1990 erhielt Griechenland nur 1% aller Auslandsinvestitionen, die kamen aus Deutschland und den Niederlanden. In allen anderen größeren imperialistischen Ländern lag Griechenlands Anteil an deren Auslandsinvestitionen bei 0%! [13]

 

Mit der kapitalistischen Restauration begann jedenfalls Griechenlands Bourgeoisie, ihren Handel mit den Balkanländern zu steigern und wurde bald ein wichtiger Handelspartner für diese Länder. Außerdem begann sie ins Ausland zu investieren, v.a. in die benachbarten Balkanländer. In den 1990er Jahren wurden eher kleine Summen ins Ausland investiert. [14] Das ist auch an Abbildung 6 und 7 ersichtlich, in denen die Summe der griechischen Direktinvestitionen ins Ausland mit den Auslandsinvestitionen, die in Griechenland investiert wurden, verglichen wird. Griechenlands Auslandsinvestitionen waren im Vergleich zu Auslandsinvestitionen, die ins Land getätigt wurden, vernachlässigbar.

 

 

 

Abbildung 6: Auslandsdirektinvestitionen, 1990, 1995 und 2000 (Milliarden Dollars) [15]

 

 

 

 

 

 

 

Abbildung 7: Auslandsdirektinvestitionen als Prozentsatz des BIP, 1990-2000 [16]

 

 

 

 

 

 

 

Griechenland konnte dennoch zu einem dominanten Faktor in kleinen und armen Balkanländern wie Albanien und Mazedonien werden. 1999 war Griechenland in Mazedonien mit 34,5% Anteil an den gesamten ins Land getätigten Auslandsdirektinvestitionen bereits der größte Auslandsinvestor. [17]

 

In größeren Balkanländern wie Bulgarien blieben griechische Kapitalisten in den 1990ern eher kleine Auslandsinvestoren. Dort war Griechenland 1995 nur der achtgrößte Investor mit einem Anteil von 3,6% und 1999 der neuntgrößte mit 3,13%. [18]

 

Mit dem neuen Jahrtausend tätigten jedoch die griechischen Kapitalisten größere Auslandsinvestitionen. Mit der Zeit wurden sie in verschiedenen südlichen Balkanländern wichtige und sogar hegemoniale Auslandsinvestoren. Gemäß offiziellen Quellen wurden vor dem Beginn der Großen Rezession 2008 griechische Auslandsdirektinvestitionen in die Balkanländern auf ca. 7,2 Milliarden Dollar geschätzt. Davon wurde ein Drittel in Serbien investiert, ein Drittel in Rumänien und das verbleibende Drittel in Bulgarien, Albanien und die Republik Mazedonien. [19]

 

Griechenland war um 2000 herum der erste unter den Auslandsinvestoren in Albanien, der Republik Mazedonien und in Serbien, der drittgrößte in Rumänien und der viertgrößte in Bulgarien:

 

In Albanien ist Griechenland verantwortlich für 40% des investierten Auslandskapitals, was fast 550 Millionen Euro ausmacht und es wird geschätzt, dass fast 270 Unternehmen mit griechischer Beteiligung im Land ihren Sitz haben. In der Republik Mazedonien war Griechenland immer der Hauptinvestor mit einem Gesamtinvestitionskapital von über einer Milliarde Euro. Griechenland ist gegenwärtig (2009) auch Hauptinvestor in Serbien, da griechische Unternehmen fast 2,5 Milliarden Euro über 120 Firmen in ausschließlich griechischer Hand und über weitere 150 Joint-Ventures investiert haben. Griechenland ist auch der drittgrößte Investor in Rumänien mit 4.500 griechischen Firmen und einem Investitionskapital von insgesamt 3,1 Milliarden Euro. In Bulgarien nimmt Griechenland mit investiertem Kapital in Höhe von fast 2,2 Milliarden Euro den vierten Platz ein. Außerdem halten griechische Banken 26% des Gesamtvermögens des bulgarischen Bankensektors.”[20]

 

Ein anderer Autor übermittelt davon leicht abweichende Zahlen. Er meint, dass im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts Griechenland “der zweitgrößte Auslandsinvestor in Albanien und der drittgrößte in Bulgarien war. Griechenland ist der wichtigste Handelspartner der Republik Mazedonien. Es gehört zu den wichtigsten Investoren sowohl hinsichtlich des investierten Kapitals wie auch der Anzahl der investierenden Gruppen. In Rumänien lag Griechenland an achter Stelle hinsichtlich des investierten Kapitals und an vierter hinsichtlich der gegründeten Unternehmen.”[21]

 

2009 war Griechenland für 6% aller Auslandsdirektinvestitionen in die Balkanländer (außer Albanien) verantwortlich. Die höchsten Anteile lagen in Mazedonien (13%) und Serbien (10%). Griechische Auslandsdirektinvestitionen machten 41% der Gesamtinvestitionssumme nach Albanien aus. Das zeigt, dass Griechenland ein wichtiger Auslandsinvestor ist, doch der Anteil an den Auslandsdirektinvestitionen in die Balkanländer insgesamt beträgt weniger als 1/3 von dem Österreichs (der 19% ausmacht). (Siehe auch Abbildung 8)

 

Das griechische Kapital spielt trotzdem eine wichtige Rolle im Bankenbereich: “Von den griechischen Auslandszweiggesellschaften gehören vier zu den zehn Top-Banken in Bulgarien, drei zu den zehn Top-Banken in Serbien und zwei zu den zehn Top-Banken in Rumänien. Griechische Banken vereinen etwa 28% des Bankvermögens in Bulgarien auf sich, in Mazedonien etwa ein Viertel und in Rumänien und in Serbien jeweils etwa ein Sechstel.” [22]

 

Laut OECD waren Griechenlands Banken in der Wirtschaftskrise in Osteuropa seit 2008 schwer betroffen. “Darlehen aus Griechenland an diese Länder, hauptsächlich über die Zweigniederlassungen, liegen bei etwa 53 Milliarden Euro, d.h. 13% ihres Vermögens. Mit 17% des BIP ist das mit vielen anderen Ländern sehr vergleichbar, wenngleich wesentlich niedriger als in Österreich oder Belgien. Etwa 85% dieser Darlehen konzentrieren sich auf Bulgarien, Rumänien und die Türkei. Während griechische Banken in der Türkei einen relativ geringen Marktanteil haben (weniger als 5% des Vermögens), gehören sie in Rumänien und Bulgarien zu den größten ausländischen Kreditgebern.[23] (Siehe auch Abbildung 8)

 

 

 

Abbildung 8: Niederlassung des Bankenbereichs in Mittel und Südosteuropa [24]

 

 

 

 

 

Damit ist klar, dass das griechische Kapital in den 1990er Jahren und Anfang des 21. Jahrhunderts in einigen südlichen Balkanländern eine bedeutendere Rolle bei den Auslandsinvestitionen erlangen konnte. Daraus konnte es beträchtliche Extraprofite erziehlen.

 

Mit Beginn der Krise 2008 geriet das griechische Kapital unter massiven Druck. Es wurde für griechische Unternehmer immer schwieriger, neue Darlehen zu erhalten und folglich sanken auch ihre Auslandsinvestitionen.

 

Zum Beispiel flossen allein in den ersten neun Monaten des Jahres 2009 über 70 Millionen Euro griechischen Kapitals aus Mazedonien ab, gemeinsam mit ihren griechischen Besitzern der Kommunikationsunternehmen, die das Land verließen.“[25]

 

Griechenlands Anteil an den Auslandsdirektinvestitionen in Albanien halbierte sich: „Makroanalysen ergeben, dass die griechische Krise sich in niedrigeren Auslandsdirektinvestitionen in Albanien als üblich auswirkten – sie fielen von 53% des Gesamt-BIP 2006 auf 27% im Jahr 2011 - , was sich angesichts der gegenwärtigen Ereignisse in Griechenland noch verschlechtern wird. (…) Außerdem ging der Handel zwischen Albanien und Griechenland in den letzten Jahren drastisch zurück.“ [26]

 

Ebenso verlor Griechenland seine dominante Position als Handelspartner. Beispielsweise war Griechenland viele Jahre Albaniens zweitgrößter Exportmarkt, heute nimmt es nur noch den fünften Platz ein.

 

Eine ähnliche Entwicklung fand in Bulgarien statt. Zwischen 2008 und 2014 schrumpften bulgarische Exporte nach Griechenland um 1,9%, doch in dieser Periode stiegen Bulgariens Exporte in die EU insgesamt um 50%. Das griechische Auslandsinvestment in Bulgarien sank zwischen 2008 und 2014 um 7,6%. [27] Mit 2010 war Griechenland nur der drittgrößte Auslandsinvestor in Bulgarien und in Serbien, wo es davor eine Zeit lang die Nummer eins gewesen war. [28]

 

Gemäß aktueller Daten hat Griechenland, das in Mazedonien lange Zeit der größte Auslandsinvestor gewesen war, auch hier seine Führungsposition verloren und ist nun hinter den Niederlanden und Österreich mit einem Anteil von 11,64% die Nummer drei. [29]

 

Seit Beginn der Krise haben griechische Banken begonnen, ihre Auslandsfilialen an ausländische oder lokale Banken zu verkaufen. “Zum Beispiel verkündete die ATE Bank Pläne, ihre Mehrheitsanteile an der ATE Bank Rumänien mit Ende 2012 zu verkaufen und den rumänischen Markt zu verlassen.”[30]

 

Zusammenfassend nutzte das griechische Kapital mit einer gewissen Verspätung die Gelegenheiten, die die kapitalistische Restauration nach 1989 in den Balkanländern bot. Es wurde ein wichtiger Auslandsinvestor in Albanien, Mazedonien, Serbien, Bulgarien und Rumänien und konnte bedeutende Extraprofite aus diesen Ländern abziehen. Doch Griechenlands Auslandsinvestition blieb viel kleiner als die von anderen Ländern in Griechenland getätigten Investitionen. Mit dem Beginn der Krise 2008 gingen Griechenlands Auslandsinvestitionen stark zurück. Später werden wir diskutieren, wie diese Entwicklungen im Lichte der Frage, ob Griechenland ein imperialistisches oder halbkoloniales Land ist, zu bewerten sind.

 

 

 

III.3 Steigende Migration nach 1989

 

 

 

Eine weitere wichtige Entwicklung seit dem Zusammenbruch des Stalinismus war die steigende Migration nach Griechenland. Davor gab es wenige MigrantInnen in Griechenland: 1991 waren 167.276 MigrantInnen in Griechenland. [31] Wie im ersten Kapitel im Zusammenhang mit unserer Diskussion zu theoretischen Aspekten geschildert gehören MigrantInnen in ihrer überwiegenden Mehrheit zu den unteren Schichten der ArbeiterInnenklasse. Sie werden national unterdrückt und wirtschaftlich überausgebeutet.

 

Nach Schätzungen stieg der Anteil der – legal wie illegal lebenden – MigrantInnen bis zum Jahr 2001 auf 7,3% der Gesamtbevölkerung. Gegen Ende des ersten Jahrzehnts in diesem Jahrhundert wird diese Zahl mit mehr als einer Million oder 9-10% der Bevölkerung angenommen. Der Anteil der MigrantInnen an der ArbeiterInnenklasse ist noch bedeutend höher als der an der Gesamtbevölkerung – er beträgt 20% der Arbeitskräfte. MigrantInnen aus Albanien machen mehr als die Hälfte aller MigrantInnen in Griechenland aus (57,5%). Die zweitgrößte Gruppe ist aus Bulgarien, gefolgt von Einwandern aus Georgien, Rumänien und Russland. [32]

 

In unserer Studie zur Migration haben wir gezeigt, dass MigrantInnen üblicherweise weniger als die einheimischen Werktätigen verdienen, auch bei gleicher Qualifikation. Das ist auch in Griechenland der Fall, wie in Tabelle 5 ersichtlich.

 

 

 

Tabelle 5: Griechenland: Löhne nach Kategorien der Werktätigen [33]

 

                                                Lohn                                      Sozialversicherungs-                        Auszahlungsmodus

 

                                                                                                beiträge

 

                                                täglich   monatlich             täglich   monatlich                             täglich   monatlich

 

Facharbeiter

 

Griechisch                           5.0          153.0                      1.8          52.0                                        -               10.0

 

Hilfsarbeiter

 

Griechisch                           4.3          112.3                      1.5          -                                               1.0          -

 

Legale Facharbeiter

 

Migranten                            4.6          137.5                      1.2          30.0                                        1.5          45.0

 

Legale Hilfsarbeiter

 

Migranten                            -               109.5                      -               -                                               2.0          62.5

 

Illegale Facharbeiter

 

Migranten                            2.5          99.2                        -               -                                               1.5          40.0

 

Illegale Hilfsarbeiter

 

Migranten                                            3.5          125.0                      -               -                                               1.1          45.0

 

Quelle: Lianos et al (1996), CIDER Survey Phase I

 

 

 

In einer Studie 2005 schätzte die OECD, dass MigrantInnen wesentlich mehr Steuern und Sozialversicherungsbeiträge einzahlen, als sie in Form von Sozialleistungen etc. erhalten (ca. 1% des BIP). [34] Diese Entwicklung gleicht anderen Ländern wie Britannien oder Österreich, wie wir an anderer Stelle gezeigt haben. [35]

 

Ein weiterer Ausdruck der nationalen Unterdrückung von MigrantInnen – wie auch in anderen Ländern – ist die enorme Überrepräsentation von MigrantInnen unter den Gefängnisinsassen. Aufgrund von Griechenlands institutionalisiertem Rassismus sind MigrantInnen ein Ziel staatlicher Repression. Zwei griechische Akademiker, Leonidas K. Cheliotis und Sappho Xenakis, haben eine interessante Studie zu den Folgen der neoliberalen sozialen Katastrophe in Griechenland veröffentlicht und berichten Folgendes:

 

Zur Nationalität der verurteilten Gefangenen gibt es erst seit 1996 Aufzeichnungen. Von da an bis 2006 stiegen die jährlichen Fallzahlen nicht-griechischer Verurteilter um 140,5%, von 2.253 (oder 404 je 100.000 nicht-griechischer Einwohnern) auf 5.420 (oder 559 je 100.000 nicht-griechischer Einwohnern). Entsprechend stieg der Anteil von Nicht- Griechen an der Gesamtfallzahl der Verurteilten von 25,3% auf 41,1% - viermal höher als der geschätzte Anteil von Nicht- Griechen in der allgemeinen Landesbevölkerung. Hinsichtlich Niveau und Art der kriminellen Beteiligung von Nicht- Griechen bleibt vieles unbeantwortet, was die treibenden Kräfte hinter ihrer Überrepräsentation in der Gesamtfallzahl der verurteilten Gefangenen angeht. Zwischen 2000 und 2006 zum Beispiel lag die von der Polizei erfasste Rate nicht-griechischer Straftäter 1,6fach höher als die der Griechen, doch die Wahrscheinlichkeit einer Verurteilung zu Haft war für Nicht- Griechen 7,9mal höher als für Griechen. Im gleichen Zeitraum repräsentierten Nicht- Griechen durchschnittlich 43,2% der Gesamtfallzahl der wegen eines Drogendelikts verurteilten Straftäter, doch eine weitere Analyse der Polizeidaten zeigt, dass der Durchschnittsanteil von Nicht- Griechen bei den Drogendelikten nur bei 10,9% lag. Umgelegt auf eine Population von 100.000 lag im Verhältnis die durchschnittliche Wahrscheinlichkeit von Nicht- Griechen, wegen eines Drogendelikts in Haft zu kommen, 9,4mal höher als für Griechen, doch die Polizeiberichte wiesen den Anteil nicht-griechischer Straftäter bei Drogendelikten nur um 1,5mal höher aus als bei Griechen.”[36]

 

Zusammenfassend gelang es dem griechischen Kapitalismus, eine beträchtliche Schicht von MigrantInnen anzuziehen, die den Unternehmern als überausgebeutete, untere Schicht der ArbeiterInnenklasse dient. Diese Schicht wurde durch die letzte Krise nicht reduziert und das wird auch kaum passieren, da die Kriege und Katastrophen im Nahen Osten sicherstellen, dass noch mehr Flüchtlinge aus Ländern mit noch schlechteren Lebensbedingungen kommen werden.

 

Damit zusammenhängend muss auch die wachsende Anzahl der in Griechenland ankommenden Flüchtlinge gesehen werden. Die meisten von ihnen fliehen vor schrecklichen Bürgerkriegen in Syrien, im Irak und in Afghanistan. Wenn sie in Griechenland ankommen, werden sie gewöhnlich in Abschiebelagern und Registrierzentren zusammengepfercht, wo sie unter entsetzlichen Bedingungen leben. Der griechische Staat und die EU-Bürokraten leisten nur wenig finanzielle Hilfe an die lokalen Behörden. Die Faschisten, die zu einer starken Kraft in Griechenland geworden sind, wie die wiederholten Erfolge der Nazi-Partei Chrysi Avgi (Goldene Morgenröte) zeigen und die bei den letzten Wahlen die drittstärkste Liste wurde, greifen MigrantInnen und Flüchtlinge systematisch an (und töten sie immer wieder).

 

Schließlich gibt es nicht nur MigrantInnen, die nach Griechenland kommen, sondern auch – wie oben erwähnt – das seit Langem bestehende Phänomen der im Ausland lebenden griechischen MigrantInnen. Die Zahl der griechischen Diaspora schwankt zwischen drei und sieben Millionen Menschen.

 

Die Geldüberweisungen der MigrantInnen – die meisten von ihnen leben in den USA, Deutschland und Australien – nach Hause an die Familien bilden immer noch einen wesentlichen Beitrag zu Griechenlands Einkommen. Während die Überweisungen in den frühen 1970ern fast 4% betrugen, liegt die Summe 2001 immer noch bei 2,5% (siehe Abbildung 9).

 

 

 

Abbildung 9: Überweisungen der im Ausland lebenden griechischen Migranten als Prozentsatz des BIP [37]

 

 

 

 

 

 

 

Wie viele andere wirtschaftlich rückständige Länder hat auch Griechenland viele gut ausgebildete SpezialistInnen, wie etwa Ärzte, verloren, die ins Ausland gehen, um dort zu arbeiten. In Abbildung 10 ist zu sehen, dass Griechenland eine der höchsten Immigrations- und Auswanderungsraten unter den Ärzten aller OECD-Länder aufweist.

 

 

 

Abbildung 10: Immigrations- und Auswanderungsraten der Ärzte [38]

 

Prozent der Gesamtanzahl der Ärzte um 2000

 

 

 

 

 

 

 

III.4 Scheitern bei der Überwindung der Rückständigkeit und die Steigerung der Schulden an die imperialistischen Mächte

 

 

 

Versuchen wir nun eine allgemeine Einschätzung der Entwicklung des griechischen Kapitalismus zu geben sowie eine Analyse, ob es Griechenland gelungen ist, eine kleine imperialistische Regionalmacht zu werden. Es lässt sich dabei nicht vermeiden, auf einige Entwicklungen einzugehen, die in der nach 2008 begonnenen Periode der historischen Krise des griechischen Kapitalismus stattfanden. Doch alle Elemente, die zum Zusammenbruch des griechischen Kapitalismus zu diesem Zeitpunkt geführt haben, waren schon davor vorhanden und sind nicht plötzlich aus dem Nichts heraus entstanden.

 

In den vorangegangenen Kapiteln wurde dargelegt, dass Griechenland immer das ärmste der alten kapitalistischen Länder Europas war und immer noch ist – vielleicht mit Ausnahme Portugals (und unter Auslassung der ex-stalinistischen Staaten Osteuropas). In Tabelle 6 ist die historische Entwicklung von Griechenlands BIP pro Kopf zwischen 1820 und 1998 zu sehen – als Indikator für die Entwicklung der Produktivkräfte – im Vergleich zum Durchschnitt der westeuropäischen Staaten. Griechenland ist das ärmste Land mit einem Pro-Kopf-BIP von US$ 11.268 – weniger als Portugal, Spanien und Irland und etwa 63% des durchschnittlichen westeuropäischen Niveaus.

 

 

 

Tabelle 6: BIP pro Kopf (1990 international $) [39]

 

                                                                1820       1870       1913       1950       1973       1990       1998

 

Griechenland                                     666         913         1,592      1,915      7,655      9,984      11,268

 

Irland                                                    -               -               -               3,446      6,867      11,825   18,183

 

Portugal                                               963         997         1,244      2,069      7,343      10,852   12,929

 

Spanien                                                1,063      1,376      2,255      2,397      8,739      12,210   14,227

 

Gesamtwesteuropa                         1,232      1,974      3,473      4,594      11,534   15,988   17,921

 

 

 

Wie oben angemerkt wuchs Griechenland in der Zeit von 1950-73 rascher, aber im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts langsamer als andere europäische Länder (siehe Tabelle 7)

 

 

 

Tabelle 7: BIP pro Kopf Wachstumsraten (in Prozent) [40]

 

                                                1820–70                                1870–1913           1913–50                                1950–73                                1973–98

 

Griechenland                     0.63                        1.30                        0.50                        6.21                        1.56

 

Irland                                    -                               -                               -                               3.04                        3.97

 

Portugal                               0.07                        0.52                        1.39                        5.66                        2.29

 

Spanien                                0.52                        1.15                        0.17                        5.79                        1.97

 

Gesamtwesteuropa         0.95                        1.32                        0.76                        4.08                        1.78

 

 

 

Griechenlands Lebensstandard – im Vergleich zur Europäischen Union – fiel seit den späten 1970er Jahren dramatisch. Während Griechenland 1978 einen durchschnittlichen Lebensstandard von 83% des EU-Niveaus aufwies, war er um 2000 auf etwa 65% gefallen (siehe Abbildung 11)[41]

 

 

 

Abbildung 11: Griechenlands Lebensstandard im Vergleich zur Europäischen Union [42]

 

 

 

 

 

Dieser Trend hat sich bis heute fortgesetzt. 2013 war Griechenland immer noch das am wenigsten entwickelte Land unter den alten kapitalistischen Ländern Europas mit einem Produktivitätsniveau von gerade 66,9% des Durchschnitts der EU-15 (siehe Tabelle 8)

 

 

 

Tabelle 8: BIP zu aktuellen Marktpreisen pro Kopf 2013 [43]

 

                                                                                (EU-15 = 100)

 

Griechenland                                                     66.9

 

Irland                                                                    118.9

 

Portugal                                                               71.7

 

Spanien                                                                86.3

 

 

 

Einige bürgerliche Ökonomen haben betont, dass Griechenland in den 1990er Jahren einen Boom erlebt hat und dass das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts mit seinen Wachstumsraten über EU-Durchschnitt lag. Doch, wie der griechische marxistische Wissenschaftler Stavros D. Mavroudeas und andere hervorheben, war dieser “Boom” höchst künstlich und basierte auf billigen Krediten (hauptsächlich von ausländischen Kreditgebern) und Finanzspekulation.

 

Der griechische Kapitalismus versuchte, seine Position innerhalb der internationalen Arbeitsteilung zu stärken, indem er in den oberen Reihen der europäischen Integration teilnahm. Doch diese strategische Wahl war riskant, denn die schweren Auflagen für die nationale Währungs-, Industrie- und Handelspolitik schwächten die griechische Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den Euroländern, die sich durch produktive Überlegenheit auszeichneten, noch mehr. Zu Beginn verbesserten sich diese Probleme, weil – dank Euro – billige Kredite, die für künstliches Wachstum sorgen, gesichert werden konnten. Das wurde noch verstärkt durch die Organisation der Olympischen Spiele in Athen 2004, deren maßlose und überteuerte Arbeiten die Profitabilität der griechischen (und westlichen) Kapitalisten steigerte, aber gleichzeitig das fiskalische Defizit erhöhten. Wann immer die Kapitalakkumulation stockte, sprang Griechenland – direkt oder indirekt - ein und subventionierte. Die sich aufblasenden Auslandsschulden waren aufgrund der billigen Auslandskredite und der relativ hohen Wachstumsraten der griechischen Wirtschaft handhabbar. An der Spitze dieses griechischen Kapitalismus folgte in dieser Periode der internationale Trend aggressiver Kreditvergabe und fingierter Kapitalexpansion. Billige Kredite wurden wegen der niedrigen Zinsraten im Euro gefördert. Der Börsenmarkt wurde für kurze Zeit eine größere Quelle (doch nie die dominante) zur Unternehmensfinanzierung, wo seine Rolle und Größe üblicherweise minimal waren. Durch die künstliche (durch Abkommen von Regierungspolitik und Bankkartellen) Zinssenkung auf Einlagen hin zu negativen Zinsraten wurde die große Mehrheit der traditionellen Mittelklassesparer mit Versprechen höherer Erträge in den Börsenmarkt gedrängt. Genau in dieser Periode kollabierte die herkömmliche Neigung der Nachkriegszeit und Mittelklasse zum Sparen. (…) Insgesamt gab es keine signifikante strukturelle langfristige Veränderung in der griechischen Ökonomie bei den Finanzierungen. Der einzige Effekt war ein künstlicher Anstieg der Kapitalakkumulation durch fiktives Kapital und lasche Währungspolitik. (…) All diese unhaltbaren und konjunkturellen Faktoren führten zu einer ‘künstlichen Boom-Periode’ mit Wachstumsraten über dem EU-Schnitt. Diese ‘künstliche Boom-Periode’ hatte noch ein verstecktes Handicap: es gab einen enormen Anstieg unproduktiver Aktivitäten (v.a. bei Finanz und Handel), die die Grundlagen der internationalen Profitabilität erschütterten. Zusammenfassend war die Periode 1985-2007 durch kapitalistische Restrukturierungswellen gezeichnet, die der fallenden Profitrate und der Überakkumulation des Kapitals entgegenzuwirken bestrebt waren. (…) Die Krise 2007/08 setzte dieser Euphorie ein jähes Ende. Der ‘künstliche Boom’ brach zusammen und die dahinter schlummernde Profitabilitätskrise trat wieder hervor.” [44]

 

Die Angriffe auf die ArbeiterInnenklasse führten – trotz eines Anstiegs der Anzahl der Lohnarbeiter – zu einem Niedergang des Lohnanteils am Nationaleinkommen, noch bevor die große Krise 2008 begann. Zwischen 1980 und 2007 sank der Lohnanteil von 66% auf 58%, während der Kapitalanteil eine gegenteilige Entwicklung aufwies und von 34% auf 42% anstieg. [45]

 

Abbildung 12 zeigt, dass dieses Sinken des Lohnanteils die Fortsetzung eines Langzeittrends ist, der bereits in den späten 1960er Jahren begann, wie es auch in anderen kapitalistischen Ländern der Fall war.

 

 

 

Abbildung 12: Lohnanteil an der Wertschöpfung, 1964-1995 [46]

 

 

 

 

 

 

 

Die kapitalistische Krise hat die ArbeiterInnenklasse ebenso wie die unteren Schichten des traditionellen Kleinbürgertums und die ländlichen Armen getroffen. Folglich fand eine bedeutende Verschiebung in der Klassenzusammensetzung der griechischen Gesellschaft seit den frühen 1990er Jahren statt. Laut einer Studie des griechischen Marxisten Eirini Gaitanou ist die ArbeiterInnenklasse in den letzten zwei Jahrzehnten enorm gewachsen.

 

Eine neue Landschaft erscheint hinsichtlich der Klassenstruktur, die gemäß Sakellaropoulos basierend auf den Daten des griechischen Statistikdiensts für das vierte Trimester 2011 im Vergleich zu jene von 1991 sich folgendermaßen zusammensetzt:

 

1) eine Zunahme der Bourgeoisie (3,4% ausgehend von 1,4%) und der reichen ländlichen Schichten (0,6% ausgehend von 0,3%),

 

2) ein gewaltiger Niedergang der traditionellen kleinbürgerlichen Klasse (10,2% ausgehend von 21,5%) und der mittleren ländlichen Schichten (2,2% ausgehend von 3%),

 

3) eine geringe Zunahme der neuen kleinbürgerlichen Klasse (15,2% ausgehend von 13,2%), aufgrund der steigenden Nachfrage nach ihren Kompetenzen bei Leistungen der Kapitalrentabilität, parallel zur Anstrengung ihrer Unterwerfung unter die direkteste Kapitalausbeutung und -herrschaft,

 

4) eine wesentliche Zunahme der ArbeiterInnenklasse (62,2% ausgehend von 47,5%), und

 

5) eine bedeutende Abnahme der ländlichen besitzlosen Schichten (6% ausgehend von 13,1%).

 

Jedenfalls ist die Tendenz zur Intensivierung der Klassenpolarisierung klar, die zur Ausbildung einer Sozialstruktur führt, die jener anderer europäischer Länder ähnlich ist (kleine Anzahl an Bauern und ein kleines traditionelles Kleinbürgertum, stabiles Vorhandensein der neuen kleinbürgerlichen Klasse als Vollzugsorgan des Produktionsprozesses, eine breitere Bourgeoisie und eine heterogene/uneinheitliche, aber zahlreiche ArbeiterInnenklasse). Dieses Gesamtbild ist von der Klassenstruktur der meisten entwickelten Länder noch immer etwas entfernt.” [47]

 

Weiters bleibt die ökonomische Struktur rückständig und von kleinen Wirtschaftseinheiten beherrscht. Etwa 70% der in Griechenlands Privatsektor Beschäftigten arbeiten in Unternehmen mit 1-9 Mitarbeitern (Zahlen von 2009). Gleichzeitig arbeiten nur etwa 15% in Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern. Das ist noch rückständiger als die wirtschaftliche Struktur anderer, ärmerer halbkolonialer Länder wie Bulgarien oder der Türkei (in diesen Ländern arbeiten nur etwa 25% in kleinen Unternehmen und ca. 25-30% in Großbetrieben; siehe Abbildung 13)

 

 

 

Abbildung 13: Aufschlüsselung der Beschäftigung gemessen an Betriebsgröße (gesamter privater Beschäftigungssektor in %) [48]

 

 

 

Aristos Doxiadis, ein liberaler griechischer Ökonom, schreibt: “Es gibt kein anderes europäisches Land und kein anderes OECD-Mitglied, das im Verhältnis zur Bevölkerung so viele selbstständig Erwerbstätige und so viele Mikro-Arbeitgeber hat wie Griechenland. In Griechenland sind 57% der Erwerbstätigen in ‘nicht-finanziellen Wirtschaftsbetrieben’ entweder selbstständig oder in Firmen mit weniger als 10 Angestellten beschäftigt. Der entsprechende Wert in den EU-27 liegt bei 30%. Italien liegt mit 47% an zweiter Stelle, Portugal mit 42% an dritter. Frankreich liegt bei 27%, Großbritannien bei 21%, Deutschland bei 18%. Unser neuestes Vorbild, Dänemark, liegt bei 20%. Die Landwirtschaft ist noch fragmentierter. In der Region Corinthia verfügt der durchschnittliche Erzeuger von Tafeltrauben für den Export über weniger als drei Hektar und der größte über 20 Hektar. Die Konkurrenten der Bauern in Murcia, Spanien, verfügen je über mehr als 100 Hektar. Dasselbe gilt für Kalifornien, Südafrika, Chile, Ägypten. In der Gesamtwirtschaft sind nicht mehr als 9% der Beschäftigten in mehr als 250 Betrieben tätig; und das schließt Banken und Energiedienstleister schon mit ein.[49]

 

Laut einer Studie zu den Selbstständigen in den EU-27 (d.h. einschließlich der osteuropäischen EU-Mitgliedsstaaten), die Daten aus 2007 nutzte, waren 35,7% aller Beschäftigten in Griechenland nicht festangestellt, ein ähnlich hohes Niveau wies nur Rumänien auf (33,7%). Der Durchschnitt der EU-27 lag bei 16,9%. Die Selbstständigen machten 21,2% aller Beschäftigen in Griechenland aus, am nächsten kam Rumänien mit 19,7% (bei einem EU-27-Durchschnitt von 10,5%). [50]

 

Ein weiterer Indikator der Rückständigkeit des griechischen Kapitals ist der geringe Investitionsgrad in wissensbasierte Unternehmen im Vergleich zu anderen OECD-Ländern. In einer Liste der OECD rangiert Griechenland an letzter Stelle (siehe Abbildung 14)

 

 

 

Abbildung 14: Investition in wissensbasiertes Kapital und Beschäftigungsverteilung im Produktionsbereich in Griechenland, Internationaler Vergleich, 2009 [51]

 

 

 

 

 

In Abbildung 15 ist ebenso das niedrige Technologieniveau der griechischen Ökonomie im Vergleich mit anderen fortgeschritten kapitalistischen Ländern ersichtlich.

 

 

 

Abbildung 15: Technologisches Kapital [52]

 

Verhältnis des Anteils von technologischem Kapital zum BIP, EUR in 1986 = 100

 

 

 

 

 

 

 

Diese anhaltende Rückständigkeit Griechenlands Wirtschaft ist der zentrale Grund, warum das Land verglichen mit anderen europäischen Ländern immer relativ wenig Auslandsinvestition erfahren hat. Imperialistische Monopole haben logischerweise kein Interesse, Kapital in Unternehmen mit 0-9 Beschäftigten zu investieren! (Siehe Abbildung 16)

 

 

 

Abbildung 16: Auslandsdirektinvestitionen in Griechenland, Internationaler Vergleich 2009 und 2012 [53]

 

 

 

In Tabelle 9 ist ersichtlich, wie sehr die Rolle der Industrie in der Kapitalakkumulation des Landes in den Jahren 2000-2008 zurückgegangen ist (von 13% auf 7,8%). Gleichzeitig nahm die Bedeutung der Landwirtschaft zu – im Gegensatz zum langjährigen globalen und historischen Trend – und der parasitäre Finanz- und Immobilienbereich wurde dominant.

 

 

 

Tabelle 9: Struktur der Bruttokapitalbildung in Griechenland, 2000-2007 (in %) [54]

 

Wirtschaftssektor                                             2000                       2004                       2007

 

Landwirtschaft                                                  4,2                          4,2                          5,6

 

Industrie (inkl. Energie)                 13                           7,6                          7,8

 

Bauwesen                                                           1,3                          1,2                          2,2

 

Handel, Hotels, Transport                            20                           27,5                        24,1

 

Finanz und Immobilien                 37,5                        39,9                        43,1

 

Sonstiges                                                             23,8                        19,1                        16,9

 

 

 

Die Zunahme der Investitionen griechischer Kapitalisten im südlichen Balkan ist sicher eine wichtige Entwicklung, die das Potenzial des Landes aufzeigt, zu einer kleinen imperialistischen Macht zu werden. Doch derlei Phänomene müssen immer in ihrer Gesamtheit betrachtet werden, d.h. als “reiche Totalität von vielen Bestimmungen und Beziehungen. [55]

 

In diesem Lichte soll festgehalten werden, dass erstens seit dem Beginn der Krise 2008 Griechenlands Auslandsinvestitionen zurückgegangen sind. Es gibt hier ein statistisches Problem. Seit Beginn der Krise hat die Kapitalflucht in Griechenland stark zugenommen. Das verzerrt die Statistik enorm, denn Kapitalflucht wird oft als Auslandsinvestition maskiert. Doch auch wenn wir keine genauen Zahlen für diese maskierte Kapitalflucht haben, so gibt es doch eindeutige Angaben im kürzlich veröffentlichten Bericht vom Truth Committee on Public Debt (Wahrheitskomitee zu den Staatsschulden), das vom griechischen Parlament eingesetzt wurde. Nach diesem Bericht liegt der illegale Kapitalabfluss aus Griechenland zwischen 2003 und 2009 bei insgesamt €202,5 Milliarden (siehe Tabelle 10). Bemerkenswert ist die Tatsache, dass es sich hier bloß um die Summe der Kapitalflucht vor dem Beginn der Großen Rezession handelt!

 

 

 

Tabelle 10: Illegaler Kapitalabfluss aus Griechenland (€ Milliarden) [56]

 

2003       2004       2005       2006       2007       2008       2009       2003-2009

 

41.2        31.8        0.0          33.0        53.1        2.8          40.5        202.5

 

 

 

Sogar die kapitalistische Nachrichtenagentur Bloomberg wies darauf hin, dass die große Kapitalflucht schon lange bevor SYRIZA an die Macht kam begann. Abbildung 17 zeigt die geschätzten Kapitalflüsse zwischen Griechenland und der Euro-Region als Prozentsatz des griechischen BIP (positive Werte sind Kapitalflüsse nach Griechenland).

 

 

 

Abbildung 17: Kapitalflucht aus Griechenland, 2010-2014 [57]

 

 

 

 

 

Ein zweiter Faktor, der unsere Einschätzung von Griechenlands Auslandinvestitionen in ihrer Gesamtheit bestätigt, ist, dass sie im Verhältnis zur gesamten Kapitalakkumulation relativ gering sind. Das trifft besonders dann zu, wenn die akkumulierten Investitionen in die Balkanländer ($7,2 Milliarden) und die akkumulierte Summe illegaler Kapitalabflüsse (€202 Milliarden 2003-09) miteinander verglichen werden. Weiters sind die Investitionen ins Ausland üblicherweise wesentlich geringer als die nach Griechenland. Mit anderen Worten ist Griechenland eher ein Land, in das ausländische Monopole investieren um Extraprofite zu lukrieren als ein aktives Kapitalexportland in andere Länder mit demselben Ziel.

 

In Tabelle 11 ist ersichtlich, dass Investitionen ins Ausland in den 1990er Jahren nur einen kleinen Teil von Griechenlands Kapitalbildung ausmachten. Während dieser Anteil im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts anstieg, blieb er am Ende dieses Jahrzehnts eher gering und die Kapitalflucht hatte schon begonnen.

 

 

 

Tabelle 11: Griechenland: Investitionsflüsse als Prozentsatz der Bruttokapitalbildung, 1990-2012 [58]

 

1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012

 

Zuflüsse  4,9 5,3 5,1 4,9 5,0 4,6 4,1 3,9 0,3 1,9 3,9 5,4 0,1 2,7 4,0 1,3 8,6 2,9 6,0 4,0 0,7 2,7 9,5

 

Abflüsse  0,1 -0,1 0,2 -0,1 0,1 0,2 -0,1 0,6 -1,0 1,8 7,6 2,1 1,9 0,9 2,0 2,9 6,5 7,2 3,2 3,4 3,1 4,2 -0,1

 

 

 

Der niedrige Anteil der abfließenden Auslandsinvestitionen an der Kapitalakkumulation des Landes zeigt, dass Griechenlands Kapitalexport und damit die relativ geringen Extraprofite, die aus solchen Investitionen gewonnen werden können, eindeutig kein Argument dafür liefern, dass diesem Land ein imperialistischer Klassencharakter zugesprochen werden könnte.

 

Außerdem wiesen nach den Berechnungen der UNCTAD Griechenlands Investitionen ins Ausland als Anteil der Bruttokapitalbildung in fast allen Jahren zwischen 1990 und 2012 den niedrigsten Prozentanteil im Vergleich mit allen anderen alten kapitalistischen Ländern Europas auf. Auch das bestärkt unsere Einschätzung, dass Griechenland kein imperialistisches Land geworden ist.

 

Auch wenn griechische Kapitalisten als Klasse gewisse Summen ins Ausland investieren, sind sie in einem weitaus höheren Ausmaß gezwungen, neue Auslandsdarlehen aufzunehmen oder ihre Unternehmen an ausländische Kapitalisten zu verkaufen.

 

Das Ergebnis war eine Schuldenexplosion sowohl im öffentlichen wie im privaten Sektor. Die OECD stellt fest, dass seit 1995 griechische Kapitalisten zunehmend gezwungen sind, ausländische Darlehen aufzunehmen:

 

Die Kreditvergabe an den Privatsektor stieg rasch an, besonders seit 1995, was die Verschuldung steigerte, v.a. gegenüber den ausländischen Kreditgebern.”[59]

 

Die Konsequenzen der hohen Schulden waren nachhaltig. Laut dem griechischen Ökonomen Euclid Tsakalotos haben die Zinszahlungen 1994 ein Niveau von über 40% der Gesamteinnahmen erreicht. [60]

 

Die zunehmenden Auslandsaktivitäten der griechischen Kapitalisten gingen Hand in Hand mit einem dramatischen Anwachsen ihrer Schulden bei ausländischen Finanzinstitutionen. Die Auslandsschulden im privaten Sektor stiegen schneller als jene der Regierung. Wie in Abbildung 18 ersichtlich wuchsen die Auslandsschulden zwischen 2003 und 2010 insgesamt um mehr als 100% auf ca. 185% des BIP.[61]

 

 

 

Abbildung 18: Bruttoauslandsschulden nach Sektor 2003 und 2010 (als Prozentsatz des BIP) [62]

 

 

 

 

 

Abbildung 19: Wirtschaft und Schulden Griechenlands[63]

 

 

 

Folglich musste Griechenland Mitte des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts die höchste Schuldendienstquote aller alten kapitalistischen Länder Europas begleichen. 2005 standen die Nettozinszahlungen als Prozentsatz der laufenden Einnahmen bei 11% (siehe Abbildung 20).

 

 

 

Abbildung 20: Schuldendienstquoten: Nettozinszahlungen als Prozentsatz der laufenden Einnahmen (exkl. Zinseinnahmen), 2005 [64]

 

 

 

 

 

 

 

Dies galt für die gesamte sogenannte “Boom”-Periode der griechischen Wirtschaft, während der das Land einen enormen Anteil seiner jährlichen Produktion als Zinsen an meist ausländische imperialistische Kreditgeber zahlen musste – mehr als jeder andere europäische Staat. Der griechische marxistische Wissenschaftler Thanasis Maniatis schreibt: “Griechenland liegt in allem über dem europäischen Durchschnitt, weil es einen beträchtlichen Betrag (fast das Doppelte des europäischen Durchschnitts) seines Produkts (6,9% des BIP) an seine (meist ausländischen) Kreditgeber in Form von Zinsen zahlt. Interessant ist, dass in der gesamten Periode die Zinszahlungen fast genauso hoch waren wie das Budgetdefizit, was heißt, dass das Primärbudget in all den Jahren im Durchschnitt ausgeglichen war.” [65]

 

Im Allgemeinen konnte das “griechische Modell” der Kapitalakkumulation nur mittels eines endlosen Anstiegs seiner Auslandsschulden funktionieren, weil die heimischen Rücklagen dauernd unter dem Investitionsniveau lagen (siehe Abbildung 21)[66]

 

 

 

Abbildung 21: Anteil der Rücklagen und Investitionen am BIP in Griechenland 1995 (Q1) bis 2008 (Q4) [67]

 

 

 

 

 

 

 

Als Ergebnis dieses Modells der kapitalistischen Akkumulation mussten Griechenlands Schulden natürlich fortwährend ansteigen. Bereits 1991 waren Griechenlands Staatsschulden unter den höchsten in Europa mit 70,4% des BIP. 2001 hatten nur Belgien und Italien höhere Schulden als Griechenland (100,1%) und seit 2007 hat es alle europäischen Länder überholt. [68]

 

Gleichzeitig nahm das Auslandskapital eine immer dominantere Stellung in der griechischen Wirtschaft ein. Auslandsinvestitionen wurden selten dazu verwendet, neue Unternehmen zu gründen (von bürgerlichen Ökonomen “Greenfield”-Investitionen genannt), sondern bestanden fast ausschließlich aus Fusionen mit und Übernahmen bestehender griechischer Firmen. Außerdem fließen diese fast gänzlich in nicht-exportierenden Branchen, wie Banken, Zementwerke und Dienstleistungen. [69]

 

In den wenigen Jahren von 2000 bis 2008 verdoppelten ausländische Monopole ihren Anteil im Bankensektor von 20% auf 40% (siehe Abbildung 22). Andere Quellen behaupten, dass der Auslandsanteil an größeren griechischen Banken bis 2007 auf fast 50% anstieg. [70]

 

 

 

Abbildung 22: Anteil an Bankkapital, 2000 und 2008 (in %) [71]

 

 

 

 

 

Mit anderen Worten wurden die griechischen Banken, während sie immer mehr Auslandsaktivitäten tätigten, selbst immer weniger “griechisch”, weil ausländische Monopole immer größere Anteile ihres Bestands aufkauften.

 

Ausländische Konzerne machen auch 27% der Beschäftigung in Betrieben mit mehr als 250 Angestellten, 33% der bezahlten Körperschaftssteuer und die große Mehrheit der Firmengewinne aus. 2009 entfielen 86% (!) der Nettoprofite der Großbetriebe (mehr als 250 Beschäftigte) auf Betriebe unter ausländischer Kontrolle. Seither ist dieser Anteil sicherlich noch weiter gestiegen. Das zeigt, dass das Kapital in Griechenland – außerhalb der rückständigen, kleinen Bourgeoisie – völlig vom ausländischen Monopolkapital beherrscht wird. [72]

 

Phänomene in ihrer Gesamtheit zu betrachten heißt, dass wir Griechenlands steigende Investitionen ins Ausland mit den steigenden Investitionen des Auslands in Griechenland vergleichen müssen wie auch die wachsenden Auslandsschulden des Landes. Abbildung 23 zeigt, dass Griechenlands Nettoauslandsvermögen (d.h. sein Gesamtvermögen minus der Gesamtbelastungen) immer negativ war und dass dies seit 2000 noch mehr zugenommen hat. Griechenland nimmt in dieser Hinsicht die schlechteste Position unter den westlichen kapitalistischen Ökonomien ein, mit Ausnahme Portugals.

 

 

 

Abbildung 23: Nettoauslandsvermögen Griechenlands und anderer OECD-Staaten [73]

 

 

 

 

 

Die hier gezeigten OECD-Angaben gelten für das Jahr 2010. Es ist daher anzunehmen, dass die Situation sich angesichts des dramatischen Absturzes der griechischen Wirtschaft in den letzten fünf Jahren noch weiter verschlechtert hat. Zwar liegen keine Zahlen vor, die mit diesen OECD-Zahlen verglichen werden können, doch nach Angaben der Statistikabteilung der Bank of Greece lag Griechenlands langfristige Bruttoauslandsverschuldung im Juli 2015 bei €226,8 Milliarden in Krediten und weiteren €36,1 Milliarden in Schuldensicherheiten.

 

Noch ein Zeichen dieser Entwicklung ist das rapide Wachstum von Griechenlands Zahlungsbilanzdefizit. Am Ende des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts erreichte es bereits 15% des BIP, schlechter als Irland, Portugal oder Spanien (siehe Abbildung 24).

 

 

 

Abbildung 24: Zahlungsbilanz (in % BIP) [74]

 

 

 

 

 

 

 

Schließlich ist es wichtig, die Entwicklung eines Landes unter einem historischen Gesichtspunkt zu bewerten. Griechenland war immer ein abhängiges, halbkoloniales Land, wenngleich mit einigen besonderen Kennzeichen, die das Gesamtbild etwas abmilderten (d.h. die griechischen Reedereien). In den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts ging Griechenland daran, sich zu einer kleinen imperialistischen Regionalmacht aufzuschwingen, indem es Kapital in einige südliche Balkanländer exportierte und gewaltige Mengen von MigrantInnen aufnahm. Doch Griechenlands Abhängigkeit von den imperialistischen Monopolen nahm in derselben Zeit genauso zu. Die globale kapitalistische Krise seit 2008 bildet außerdem einen historischen Maßstab, um den Klassencharakter Griechenlands als Ganzes zu beurteilen. Derartige historische Ereignisse sind immer bedeutsam für das Erkennen möglicher Veränderungen im Klassencharakter eines Landes.

 

Die Entwicklungen Griechenlands in den letzten sieben Jahren haben über jeden Zweifel hinaus gezeigt, dass das Land nicht stark genug war, der völligen Unterjochung durch die EU standzuhalten. Griechenland wurde gezwungen, seine Wirtschaft und sogar Teile seines Territoriums (einige Inseln) für den Ausverkauf an Auslandsinvestoren zu öffnen. Griechenland wurde von der EU-Troika seiner souveränen Rechte, eigenständige politische und ökonomische Entscheidungen zu treffen, selbst der Form nach beraubt.

 

Kurz, alle imperialistischen Vorstöße, die Griechenland von Beginn der 1990er Jahren bis 2009 gemacht hat, gingen nicht weit genug und fanden viel zu spät statt.

 

Schließlich muss hinzugefügt werden, dass die Physiognomie von Griechenlands Ökonomie immer stark auf die Bedürfnisse der imperialistischen Monopole ausgerichtet war, wie sich das in seinem Fokus auf den Handel, den Tourismus etc. zeigt. Auch war der griechische Staatsapparat immer ein williges Instrument für die Pläne der Großmächte, wie man z.B. sehen konnte, als Venizelos seine Armee gegen Sowjetrussland und die Türkei entsandte oder als griechische Truppen Britannien im griechischen Bürgerkrieg (1946-49) und später der NATO im Kalten Krieg gegen die UdSSR dienten.

 

Nicos Mouzelis merkte zutreffend an: “Und natürlich kann man ähnlich argumentieren, wenn man das Verhältnis Abhängigkeit versus Dominanz zwischen Griechenland und weiter entwickelten kapitalistischen Ländern betrachtet. Wie Furtado betonte, bedeutet Ausbeutung und Vorherrschaft zentraler über periphere Länder nicht nur oder notwendigerweise gierige ausländische Betriebe, die dem Land mehr nehmen als geben oder eine lokale Kompradoren-Bourgoisie, die ihre Anordnungen direkt aus London oder New York erhält. Die Tatsache etwa, dass Griechenland Technologie- und Konsumformen übernommen hat, die eher den Entwicklungserfordernissen fortgeschrittener industrieller Gesellschaften entsprechen, beinhaltet eine Abhängigkeit und ‘Verrenkung’ der griechischen Ökonomie, die nicht nur dadurch überwunden werden kann, dass man sich hart gegenüber Unternehmen oder irgendwelchen Interessensgruppen zeigt.”[75]

 

In Anlehnung an die im ersten Kapitel angeführten Kategorien imperialistischer Unterdrückung und Überausbeutung kann Folgendes festgehalten werden: Die griechische Bourgeoisie agiert wie ein kleinerer “imperialistischer” Ausbeuter und nationaler Unterdrücker gegenüber einigen südlichen Balkanländern wie Mazedonien, Albanien etc. sowie auch innerhalb des Landes gegenüber seinen MigrantInnen. Es gelingt ihm daher, einige Extraprofite via Kapitalexport über die Grenzen wie auch via Werttransfer aus der Ausbeutung der MigrantInnen zu lukrieren. Gleichzeitig aber wird Griechenland von den imperialistischen Monopolen und Großmächten überausgebeutet und politisch unterdrückt. Historisch betrachtet fand die imperialistische Überausbeutung Griechenlands in Form von Extraprofiten, die aus imperialistischen Darlehen (d.h. Geldkapital) gewonnen wurden, statt sowie dem Werttransfer via Überausbeutung vieler griechischer MigrantInnen in Westeuropa, den USA und Australien. Mit den steigenden Auslandsdirektinvestitionen in Griechenland hat die imperialistische Überausbeutung auch die Form von Extraprofiten via Kapitalexport (d.h. produktives Kapital) angenommen.

 

Es kann keinen Zweifel geben, dass die Gewinne des griechischen Kapitalismus aus seiner Überausbeutung einiger südlicher Balkanländer und der MigrantInnen im eigenen Land viel geringer und bedeutungsloser sind als die riesigen Beträge an Extraprofiten, die die Imperialisten aus ihrer Überausbeutung Griechenlands erlangen. Griechenland ist wie ein Kleinbauer, der einen Knecht und eine Magd ausbeutet, doch selbst wird er von den Banken, denen er sein Leben lang den Großteil seines Einkommens zahlen muss, noch viel mehr ausgebeutet.

 

Wir halten daher noch einmal fest, dass Griechenland im Wesentlichen ein entwickeltes halbkoloniales Land ist, beherrscht und abhängig vom ausländischen imperialistischen Monopolkapital.

 

In Kapitel V werden wir diskutieren, dass diese verschiedenen Unterdrückungsformen wichtige Konsequenzen für das revolutionäre Programm in Griechenland haben. MarxistInnen müssen gegen die Unterdrückung der Balkanländer und der MigrantInnen durch griechische Kapitalisten kämpfen, während sie gleichzeitig das Land gegen die imperialistischen Monopole verteidigen.

 



[1] In einem breiteren Sinn brachte die Teilhabe an der europäischen Integration vorübergehend die ‚Große Idee’ des griechischen Kapitalismus hervor, eine bedeutsame imperialistische Regionalmacht zu werden. (Stavros Mavroudeas and Dimitris Paitaridis: The Greek crisis A dual crisis of overaccumulation and imperialist exploitation, in: Stavros Mavroudeas (Editor): Greek Capitalism in Crisis. Marxist Analysis, Routledge, News York 2015, S. 169)

[2] Die EU-12 waren die alten Mitgliedsstaaten der Europäischen Gemeinschaft, bevor die osteuropäischen Länder und auch Österreich, Schweden, Finnland usw. in den 1990er und 2000er Jahren beitraten.

[3] Europäische Kommission: European Economic Forecast Autumn 2006, Statistical Annex of European Economy, S. 48-52

[4] Siehe z.B. Guglielmo Carchedi: Behind the Crisis. Marx’s Dialectics of Value and Knowledge, Leiden 2011; Andrew Kliman: The Failure of Capitalist Production. Underlying Causes of the Great Recession, London 2011; Michael Roberts: The Great Recession. Profit cycles, economic crisis. A Marxist view (2009); Michael Roberts: A world rate of profit. Globalisation and the world economy (2012); Michael Roberts: Revisiting a world rate of profit (2015); Alan Freeman: The Profit Rate in the Presence of Financial Markets: A Necessary Correction (2013); Esteban Ezequiel Maito: The historical transience of capital The downward trend in the rate of profit since XIX century (2014).

[5] Dimitri Papadimitriou: The Political Economy of Greece. An Empirical Analysis of Marxian Economics, in: European Journal of Political Economy 6 (1990), S. 198.

[6] Dimitri Papadimitriou: The Political Economy Of Greece, S. 194

[7] Nikos Tsafos: Did the 1980s Ruin Greece? September 12, 2010, http://www.greekdefaultwatch.com/2010/09/did-1980s-ruin-greece.html; Dimitri G. Demekas and Zenon G. Kontolemis: Unemployment in Greece: A Survey of the Issues, Working Paper, International Monetary Fund 1996, S. 2; Siehe auch Heinz-Jürgen Axt: Modernisierung durch EG-Mitgliedschaft? Portugal, Spanien und Griechenland im Vergleich; in: Michael Kreile (Ed.): Die Integration Europas, Politische Vierteljahreszeitschrift, Sonderheft 32/1992, Westdeutscher Verlag, S. 213

[8] Siehe dazu z.B. Yannis Caloghirou, Yannis Voulgaris and Stella Zambarloukos: The Political Economy of Industrial Restructuring: Comparing Greece and Spain, in: South European Society and Politics, Bd. 5, No. 1, 2000, S. 76-83

[9] James Petras: The Contradictions of Greek Socialism, New Left Review I/163 (May-June 1987), S. 14

[10] Stavros D. Mavroudeas: Greece and the EU: capitalist crisis and imperialist rivalries, 2010, S. 10

[11] Stavros D. Mavroudeas: Greece and the EU: capitalist crisis and imperialist rivalries, 2010, S. 18. Diese Beobachtungen sind umso bemerkenswerter, da Mavroudeas im Gegensatz zu uns Griechenland als ein imperialistisches Land betrachtet: “Das hat es nicht zu einer abhängigen Ökonomie gemacht – im Sinn der üblicherweise angewandten Dependenztheorie. Der griechische Kapitalismus blieb eine mittelmäßig entwickelte und imperialistische Ökonomie. Doch im Vergleich zu seinen entwickelteren Partnern wurde er abgewertet. (S. 18)

[12] Dimitrios Maditinos, Dimitrios Kousenidis and Dimitrios Chatzoudes: Foreign Direct Investment (FDI) in the Balkans: The Role of Greece; in: Anastasios G. Karasavvoglou (Editor): The Economies of the Balkan and Eastern Europe Countries in the Changed World, Cambridge Scholars Publishing, 2011, S.210

[13] See Stephen Thomsen and Stephen Woolcock: Direct Investment and European Integration. Competition among Firms and Governments, The Royal Institute of International Affairs, Pinter Publishers, London 1993, S. 48

[14] Zu den Schwierigkeiten für das griechische Kapital in den Balkanländern in den 1990ern siehe z.B. Lois Labrianidis, Antigone Lyberaki, Platon Tinios and Panos Hatziprokopiou: Inflow of Migrants and Outflow of Investment: Aspects of Interdependence between Greece and the Balkans; in: Journal of Ethnic and Migration Studies, Bd. 30, No. 6 (2004), S. 16-23

[15] UNCTAD: FDI in brief: Greece. Outflows up, decline in inflows in 2002, S. 1

[16] UNCTAD: FDI in brief: Greece. Outflows up, decline in inflows in 2002, S. 1

[17] Trajko Slaveski, Pece Nedanovski: Foreign Direct Investment in the Framework of Cross-Border Co-Operation in Selected Balkan Countries, 2001, S. 4

[18] Lois Labrianidis: The Opening of the Balkan Markets and consequent Economic Problems in Greece, in: Modern Greek Studies Yearbook Bd. 12/13, 1996/97, University Of Minnesota, S. 232 and Trajko Slaveski, Pece Nedanovski: Foreign Direct Investment in the Framework of Cross-Border Co-Operation in Selected Balkan Countries, S. 8

[19] Bureau of Economic, Energy and Business Affairs: 2010 Investment Climate Statement – Greece, March 2010, http://www.state.gov/e/eeb/rls/othr/ics/2010/138073.htm; see on this also Dimitris Chatzoudes and Despoina Kaltsidou: Greek Foreign Direct Investment (FDI) in Turkey (2006), S. 8-10

[20] Dimitrios Maditinos, Dimitrios Kousenidis and Dimitrios Chatzoudes: Foreign Direct Investment (FDI) in the Balkans: The Role of Greece; in: Anastasios G. Karasavvoglou (Editor): The Economies of the Balkan and Eastern Europe Countries in the Changed World, Cambridge Scholars Publishing, 2011, S. 216

[21] Kostas Ifantis: Greece and Southeastern Europe (2015), S. 163

[22] Persephone Economou and Margo Thomas: Greek FDI in the Balkans: How is it affected by the crisis in Greece? Columbia FDI Perspectives, No. 51, November 21, 2011, S. 1-2

[23] OECD Economic Surveys: Greece, July 2009, S. 40

[24] OECD Economic Surveys: Greece, July 2009, S. 41

[25] Dimitrios Maditinos, Dimitrios Kousenidis and Dimitrios Chatzoudes: Foreign Direct Investment (FDI) in the Balkans: The Role of Greece; in: Anastasios G. Karasavvoglou (Editor): The Economies of the Balkan and Eastern Europe Countries in the Changed World, Cambridge Scholars Publishing, 2011, S.218

[26] Albanians and the Greek Crisis: A Briefing of Economic and Social Concerns, Balkanist, July 13, 2015, http://balkanist.net/albania-economic-social-concerns/

[27] Balkan Economic Forum: Balkan Economic Development Outlook, Athens 2015, http://www.balkaneconomicforum.org/wp/balkan-economic-development-outlook/

[28] Saul Estrin and Milica Uvalic: Foreign direct investment into transition economies: Are the Balkans different? LEQS Paper No. 64/2013, July 2013, S. 24

[29] Lindita Muaremi, Rigersa Konomi, Sindise Salihi: Foreign Direct Investment in Macedonia; in: European Scientific Journal, Vol. 11, No.4 (February 2015), S. 64

[30] Persephone Economou and Margo Thomas: Greek FDI in the Balkans: How is it affected by the crisis in Greece? Columbia FDI Perspectives, No. 51, November 21, 2011, S. 2

 

[31] Vasileios K. Siokorelis: Economic Effects of Migration from Albania to Greece, in: Journal of Identity and Migration Studies, Vol. 5, No. 1, 2011, S. 118

[32] Ioannis Cholezas, Panos Tsakloglou: The Economic Impact of Immigration in Greece: Taking Stock of the Existing Evidence, Institute for the Study of Labor, October 2008, S. 6-7

[33] Ioannis Cholezas, Panos Tsakloglou: The Economic Impact of Immigration in Greece: Taking Stock of the Existing Evidence, Institute for the Study of Labor, October 2008, S. 13

[34] OECD Economic Surveys: Greece, September 2005, S. 135

[35] Siehe dazu Michael Pröbsting: Migration and Super-exploitation: Marxist Theory and the Role of Migration in the present Period of Capitalist Decay, in: Critique Vol. 43 No. 3 (August 2015), S. 313-330; siehe auch The Great Robbery of the South, S. 184-188

[36] Leonidas K. Cheliotis and Sappho Xenakis: What’s neoliberalism got to do with it? Towards a political economy of punishment in Greece, in: Criminology & Criminal Justice Vol. 10, No. 4 (2010), S. 358

[37] OECD Economic Surveys: Greece, September 2005, S. 136

[38] OECD Economic Surveys: Greece, July 2009, S. 98

[39] Angus Maddison: The World Economy, Volume 1: A Millennial Perspective, Volume 2: Historical Statistics, Development Centre Studies, Paris 2006, S. 185

[40] Angus Maddison: The World Economy, S. 186. Siehe auch Heinz-Jürgen Axt: Süderweiterung der Europäischen Gemeinschaft: Erfahrungen mit der asymmetrischen Integration; in: Cord Jakobeit and Alparslan Yenal (Ed.): Gesamteuropa. Analyse, Probleme und Entwicklungsperspektiven, Leske + Budrich, Opladen 1993, S. 432

[41] Siehe dazu auch Nicos Christodoulakis und Sarantis Kalyvitis: Structural funds: growth, employment, and the environment: modelling and forecasting the Greek economy, Springer Science+Business Media, New York 2001, S. 2

[42] OECD Economic Surveys: Greece, September 2005, S. 34. Es sei daran erinnert, dass die Linie in der Abbildung für die Jahre ab 2003 nur optimistische Spekulationen bürgerlicher ÖkonomInnen für künftige Entwicklungen sind und keine Tatsachen

[43] European Commission: European Economic Forecast Spring 2015, Statistical Annex of European Economy, in: EUROPEAN ECONOMY 2|2015, p. 26

[44] Stavros D. Mavroudeas: The Greek Saga: Competing Explanations of the Greek Crisis, Economics Discussion Papers 2015-1, University of Macedonia, 10 February 2015, S. 30-31

[45] Stella Balfoussias: Potential Output Growth in Greece, in: Stella Balfoussias, Panos Hatzipanayotou, Costas Kanellopoulos (Editors): Essays in Economics. Applied Studies on the Greek Economy, Centre of Planning and Economic Research, Athens 2011, S. 43

[46] Euclid Tsakalotos: The Political Economy of Social Democratic Economic Policies: The PASOK Experiment in Greece, in: Oxford Review of Economic Policy, Vol. 14, No. 1, 1998, S. 125

[47] Eirini Gaitanou: An examination of class structure in Greece, its tendencies of transformation amid the crisis, and its impacts on the organisational forms and structures of the social movement, 27 Νοvember 2014, http://omilosmarx.gr/%CE%BA%CE%B5%CE%AF%CE%BC%CE%B5%CE%BD%CE%B1/item/39-class-structure-greece

[48] Boston Consulting Group: Hellas '20:20 Supporting investment in the Greek economy–a foreign investor perspective, October 2011, S. 19. Nach einem anderen griechischen Ökonomen haben 96% der Betriebe des Landes 0-4 Beschäftigte, 2% haben 5–9 und die restlichen 2% mehr als 10 Beschäftigte. (Panagiotis Petrakis: The Greek Economy and the Crisis. Challenges and Responses, Springer-Verlag, Berlin Heidelberg 2012, S. 65)

[49] Aristos Doxiadis: The real Greek economy: owners, rentiers and opportunists, Athens Review of Books, June 2010, pp. 2-3. Ein anderer griechischer Ökonom schrieb in den späten 1990ern eine ähnlich nüchterne Einschätzung zu Griechenland rückständiger Wirtschaft: “Die griechische Wirtschaft unterscheidet sich von jenen in entwickelten Ländern in mehrfacher Hinsicht. Ein Viertel der Bevölkerung arbeitet in der Landwirtschaft im Gegensatz zu 5% in den OECD-Ländern, und es gibt hohe Anteile von Selbstständigen (28,7%) und unbezahlten Familienmitgliedern (10,8% im Jahr 1994). Die Staatsschulden betrugen 1992 110% des BIP und die sinkende Wettbewerbsfähigkeit der griechischen Industrie zeigt sich im raschen Zuwachs von Importen und Rückgang von Exporten, was zu einem deutlichen Handelsdefizit führt. Inflation (10,8% im Jahr 1994) und Zinsraten (nominell 28%, real 12,5% im Jahr 1992) liegen hoch und es gibt eine alarmierende Anzahl von ungedeckten Schecks. Die Schattenwirtschaft wird auf über 40% des BIP geschätzt und es gibt 400.000 illegale ImmigrantInnen, davon 200.000 aus Albanien. Bis 1992 näherte sich Griechenlands BIP pro Kopf dem EU-Durchschnitt an, doch seit 1992 fällt es zunehmend zurück.

Der Industrieanteil am BIP ist seit 1975 beständig gefallen und liegt jetzt bei 18,5% im Vergleich zum EU-Durchschnitt von 30%. Der griechische Industriesektor ist begrenzt (170.000 Unternehmen und 600.000 Beschäftigte) und hat eine schwache Struktur vorwiegend aufgrund dessen, dass er auf traditionelle Bereiche (d.h. Bekleidung und Schuhwerk, Nahrung, Textilien, Transporthilfsmittel inklusive Autoreparatur) fußt und von einer Unmenge an Kleinbetrieben gekennzeichnet ist. 1988 hatten 93,5% aller Unternehmen nicht mehr als 9 Angestellte und nur eine Firma von 200 mehr als 100.” (Lois Labrianidis: The Opening of the Balkan Markets and consequent Economic Problems in Greece, in: Modern Greek Studies Yearbook Vol 12/13, 1996/97, University Of Minnesota, S. 212)

[50] Roberto Pedersini and Diego Coletto: Self-Employed Workers: Industrial Relations and Working Conditions, Dublin: European Foundation for the Improvement of Living and Working Conditions (Eurofound), 2009, S. 8

[51] OECD Economic Surveys: Greece, November 2013, S. 66

[52] Theodore C. Kariotis: The Economy: Growth without Equity, in: Theodore A. Couloumbis, Theodore Kariotis and Fotini Bellou (Editors): Greece in the Twentieth Century, Hellenic Foundation for European and Foreign Policy, Frank Cass, London and New York 2004, S. 255

[53] OECD Economic Surveys: Greece, November 2013, S. 65

[54] Helen Caraveli and Efthymios G. Tsionas: Economic Restructuring, Crises and the Regions: The Political Economy of Regional Inequalities in Greece, GreeSE Paper No.61, Hellenic Observatory Papers on Greece and Southeast Europe, 2012, S. 10

[55] Karl Marx: Einleitung zu den Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie (Rohentwurf 1857-58)]; in: MEW 42, S. 35

[56] Truth Committee on Public Debt: Preliminary report (2015), S. 14

[57] Mark Whitehouse: Greece's Predicament in One Scary Chart, Apr 24, 2015, http://www.bloombergview.com/articles/2015-01-30/greece-s-predicament-in-one-scary-chart

[59] OECD Economic Surveys: Greece, August 2011, S. 32

[60] Euclid Tsakalotos: The Political Economy of Social Democratic Economic Policies: The PASOK Experiment in Greece, in: Oxford Review of Economic Policy, Vol. 14, No. 1, 1998, S. 123

[61] Siehe dazu auch George Pagoulatos: Greece’s New Political Economy. State, Finance, and Growth from Postwar to EMU, Palgrave Macmillan 2003, S. 128

[62] OECD Economic Surveys: Greece, August 2011, S. 32

[63] Hari Kumar: The Greek Debt Crisis: A Misnomer for the European Imperialist Crisis, 22. August 2015, The Red Phoenix, http://theredphoenixapl.org/2015/08/22/the-greek-debt-crisis-a-misnomer-for-the-european-imperialist-crisis/

[64] OECD Economic Surveys: Greece, Mai 2007, S. 45

[65] Thanasis Maniatis: The fiscal crisis in Greece. Whose fault? in: Stavros Mavroudeas (Editor): Greek Capitalism in Crisis. Marxist Analysis, Routledge, New York 2015, S. 37

[66] Da die heimischen Nettorücklagen nicht reichten, um ein minimales Niveau an Neuinvestitionen zu tragen, war die griechische Ökonomie in einem Ausmaß vom Fremdkapital abhängig, das in der Eurozone einmalig war.” (George Economakis, George Androulakis and Maria Markaki: Profitability and crisis in the Greek economy (1960–2012) An investigation, in: Stavros Mavroudeas (Editor): Greek Capitalism in Crisis. Marxist Analysis, Routledge, New York 2015, S. 131)

[67] Evangelia Kasimati: The Macroeconomic Relationship Between Investment and Saving in Greece, in: Stella Balfoussias, Panos Hatzipanayotou, Costas Kanellopoulos (Editors): Essays in Economics. Applied Studies on the Greek Economy, Centre of Planning and Economic Research, Athen 2011, S. 92

[68] European Commission: European Economic Forecast Spring 2015, Statistical Annex of European Economy, in: EUROPEAN ECONOMY 2|2015, S. 164

[69] Siehe Jeffrey B. Nugent and Constantine Glezakos: To What Extent Does Greece Underperform in its Efforts to Attract FDI Relative to Its Regional Competitors and Why? in: Stella Balfoussias, Panos Hatzipanayotou, Costas Kanellopoulos (Editors): Essays in Economics. Applied Studies on the Greek Economy, Centre of Planning and Economic Research, Athen 2011, S. 607

[70] Arapoglou: The Future of Greek Banks, S. 11

[71] OECD Economic Surveys: Greece, August 2011, S. 58

[72] Boston Consulting Group: Hellas '20:20 Supporting investment in the Greek economy–a foreign investor perspective, October 2011, S. 3, 10 und 11

[73] OECD Economic Surveys: Greece, August 2011, S. 25

[74] C. Lapavitsas, A. Kaltenbrunner, D. Lindo, J. Michell, J.P. Painceira, E. Pires, J. Powell, A. Stenfors, N. Teles: Eurozone Crisis: Beggar Thyself and Thy Neighbour, Research on Money and Finance, March 2010, S. 27

[75] Nicos Mouzelis: The Relevance of the Concept of Class to the Study of Modern Greek Society, in: Annals of the New York Academy of Sciences Vol. 268 (February 1976), S. 401

 

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