Griechenland: Eine moderne Halbkolonie (Vorwort und Einleitung)

 

 

Vorwort der Redaktion: Im Folgenden veröffentlichen wir das von Michael Pröbsting verfasste Buch „Griechenland: Eine moderne Halbkolonie“. Das Buch erschien ursprünglich in englischer Sprache im November 2015 als E-Book bzw. als Ausgabe 43 und 44 des englischsprachigen internationalen Journals der Revolutionär-Kommunistische Internationale Tendenz (RCIT). Wir haben es für die deutsche Übersetzung an ein paar Stellen aktualisiert. [1]

 

Michael Pröbsting ist der Internationale Sekretär der RCIT. Alle Publikationen der RCIT können über unsere Kontaktadresse bezogen werden. Wir bedanken uns für die Übersetzung des Buches bei Gerlinde K. und Marek Hangler (Kapitel VI).

 

 

 

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Einleitung

 

 

 

Die Frage des Klassencharakters Griechenlands ist von ausschlaggebender Bedeutung sowohl für die griechische wie auch für die internationale ArbeiterInnenbewegung: ist es ein imperialistischer Staat, ein halbkoloniales Land oder etwas anderes und was sind seine speziellen Kennzeichen?

 

Die Wichtigkeit dieser Frage ergibt sich aus der Intensität des Klassenkampfs in Griechenland der letzten Jahre. Es ist wohl kaum eine Übertreibung zu sagen, dass das, was die Arabische Revolution für die Welt war, Griechenland für Europa ist. Während erstere die Region mit dem entwickeltsten Klassenkampf weltweit seit 2010 war, so spielt Griechenland diese Rolle für den europäischen Klassenkampf.

 

Die griechische ArbeiterInnenbewegung und die Linke sind zur Frage des Klassencharakters des Landes geteilter Meinung. Manche meinen, dass Griechenland eine kleine imperialistische Macht ist, während andere sagen, dass es ein abhängiges oder halbkoloniales Land ist. Es gibt auch Standpunkte, laut denen Griechenland ein sub-imperialistischer Staat sei.

 

Analysen werden oft dazu verwendet, bestimmte Taktiken zu rechtfertigen. Diverse ReformistInnen und ZentristInnen, die Griechenland als unabhängig betrachten, nutzen die Rückständigkeit des Landes als Entschuldigung für ihren Opportunismus hinsichtlich des griechischen Nationalismus und ihre Anpassung an die griechische Bourgeoisie. Andere, die Griechenland als imperialistischen oder sub-imperialistischen Staat betrachten, nutzen ihre Analysen, um sektiererische Taktiken zu rechtfertigen.

 

Die RCIT hat die Analyse erarbeitet, dass Griechenland ein entwickeltes halbkoloniales Land mit besonderen Kennzeichen ist. [2] Wir bestätigen die historische Charakterisierung Griechenlands der trotzkistischen Vierten Internationale, die 1945 festhielt: “Griechenland gehört zweifelsohne zu den rückständigsten und ärmsten Ländern Europas. Seit über einem Jahrhundert ist es zum Status einer Halbkolonie der größeren europäischen Mächte verurteilt.” [3]

 

Eine derart abhängige Position behielt es auch in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. Wir erkennen an, dass das griechische Kapital in den 1990er Jahren und in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts ernsthafte Bemühungen vollzogen hat, um zu einer imperialistischen Regionalmacht zu werden. Doch letztlich scheiterte es darin, seinen rückständigen Charakter zu überwinden und bleibt ein abhängiges, den europäischen imperialistischen Mächten untergeordnetes, Land.

 

Wir unterstützen die Losung zu Griechenlands Austritt aus der EU und der Eurozone und kombinieren sie mit einem Übergangsprogramm für eine sozialistische Revolution. Die europäische ArbeiterInnenbewegung muss gegen die Kolonisierung Griechenlands durch die EU-Troika mobilisieren und den griechischen Widerstand unterstützen. Gleichzeitig müssen sich RevolutionärInnen dem griechischen Chauvinismus in all seinen Formen entgegenstellen. Das schließt die Notwendigkeit der Unterstützung der Rechte der in Griechenland lebenden MigrantInnen und der nationalen Minderheiten genauso ein wie die Opposition gegen die Expansion des griechischen Kapitals in die Balkanländer. [4]

 

Die folgende Studie wird eine detailliertere Analyse der widersprüchlichen Entwicklung des griechischen Kapitalismus, seiner gescheiterten Versuche eine kleine imperialistische Macht zu werden und seiner gegenwärtigen Situation als entwickeltes halbkoloniales Land mit besonderen Kennzeichen präsentieren. Zum Schluss werden wir die wichtigsten programmatischen Schlussfolgerungen dieser Analyse diskutieren.

 

Wir hoffen, dass die vorliegende Publikation einen sinnvollen Beitrag zur Diskussion unter RevolutionärInnen in Griechenland zur Klärung des Klassencharakters Griechenlands und der daraus folgenden Aufgaben darstellt. Wir freuen uns über Rückmeldungen und Kritik von unseren griechischen KampfgenossInnen.

 



[1] Das einzige Unterkapitel, das für diese Ausgabe nicht übersetzt wurde, war der Exkurs „Nicos Poulantzas’ Analyse der griechischen Bourgeoisie als Rechtfertigung der Volksfrontstrategie“.

[2] Wir erarbeiteten unsere Analyse des griechischen Klassencharakters in einer Broschüre von Michael Pröbsting: Revolution in Griechenland. Möglichkeiten, Gefahren und Perspektiven, November 2011, http://www.thecommunists.net/home/deutsch/perspektiven-der-griechischen-revolution/

[3] Vierte Internationale: Civil War in Greece, February 1945, in: Fourth International, Volume VI, No. 2, https://www.marxists.org/subject/greek-civil-war/fourth-international/1945/02/x01.htm (Unsere Übersetzung)

[4] Wir verweisen auf die zahlreichen Statements und Artikel, in denen die RCIT ihre Analyse und Perspektiven für den griechischen Klassenkampf in den letzten Jahren dargelegt hat. Sie wurden in verschiedenen Ausgaben unseres internationalen Journals Revolutionary Communism veröffentlicht und sind in einem eigenen Unterabschnitt zu Griechenland auf unserer Website gesammelt einsehbar: http://www.thecommunists.net/worldwide/europe/articles-on-greece/

 

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