Hände weg von Tschetschenien! (1999)

 

von Michael Pröbsting

 

 

 

Vorwort der Redaktion: Im Folgenden veröffentlichen wir einen Artikel von Michael Pröbsting über den Freiheitskampf des tschetschenischen Volkes. Dieser wurde erstmals im Oktober 1999 in der Zeitung "ArbeiterInnenstandpunkt" (Nr. 102) – dem Organ der gleichnamigen Organisation – veröffentlicht. Dies war die österreichische Sektion der Liga für eine revolutionär-kommunistische Internationale (LRCI) – der Vorläuferorganisation der 2011 gegründeten Revolutionär-Kommunistische Internationale Tendenz (RCIT). Genosse Pröbsting war damals führendes Mitglied von ASt und LRCI und ist heute Internationaler Sekretär der RCIT.

 

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Das wochenlange Bombardement von und der Einmarsch der russischen Truppen in Tschetschenien haben eine massive Flüchtlingswelle ausgelöst. Innerhalb von wenigen Tagen wurden mehr als 125.000 Menschen - das ist ca. 1/8 der gesamten Bevölkerung - zur Flucht gezwungen.

 

Die herrschende Elite in Moskau behauptet, sie wäre gezwungen, gegen islamische Terroristen vorzugehen. Was für eine Lüge! Sie führt einen Krieg gegen das gesamte tschetschenische Volk! Rußlands Machthaberen versuchen in Wirklichkeit, mit der Entfachung des großrussischen Chauvinismus und dem Kriegsbeginn von der massiven innenpolitischen Krise abzulenken. Das Jelzin-Regime ist in den Augen der Bevölkerung zutiefst verhaßt, die neureichen KapitalistInnen und ihr neoliberales Wirtschaftssystem sind völlig diskreditiert und die politische Elite ist in ausufernde Fraktionskämpfe verstrickt. In dieser Situation soll ein Krieg das Regime vor dem Untergang retten. Darüberhinaus will Moskau durch die neuerliche Unterwerfung Tschetscheniens seinen Zugriff auf die Erdölvorkommen und -pipelines im Kaukasus absichern.

 

Der großrussische Chauvinismus hat im Kaukasus eine lange und blutige Tradition. Während des II. Weltkrieges deportierte Stalin die Tschetschenen. Erst in einem heroischen nationalen Befreiungskrieg 1994-96 - bei dem 80.000 Tschetschenen und 11.000 russische Soldaten ihr Leben verloren - konnte das Land seine Unabhängigkeit durchsetzen.

 

Doch die massiven Schäden - für die Rußland keinen Rubel Entschädigung zahlte - und die allgemeine Rückständigkeit des kleinen Landes haben Tschetschenien zu einem der ärmsten Staaten der Region gemacht. Aber auch die rücksichtslose Plünderung des Landes durch das tschetschenische Maschkadow-Regime und verschiedene korrupte, islamistische Feldkommandanten haben Tschetschenien noch mehr in den Ruin getrieben. Diese KapitalistInnen und Kriegsherren versuchen, sich auf Kosten der ArbeiterInnen und Bauern zu bereichern.

 

Als proletarische Internationalisten lehnen wir jede nationale Unterdrückung ab. Schon Marx stellte fest: “Ein Volk, daß ein anderes unterdrückt, kann nicht selbst frei sein.” Wir verteidigen daher den Unabhängigkeitskampf Tschetscheniens gegen die russische Armee. Aber wirklich frei können die tschetschenischen ArbeiterInnen sowie Bäuerinnen und Bauern nur dann sein, wenn nicht die Maschkadows und Bassajews an der Spitze des Landes stehen, sondern sie selbst die Macht ergreifen!