Der Kampf um die Gewerkschaften

 

Die Gewerkschaften sind und bleiben eine der wichtigsten Massenorganisationen der ArbeiterInnenklasse im Kampf gegen die kapitalistischen Angriffe. Dies gilt auch trotz der Tatsache, dass die Gewerkschaften weltweit massiv an Mitgliedern verloren haben. So sank zwischen 1978 – 2010 in den industrialisierten Ländern (OECD) der durchschnittliche Anteil der Gewerkschaftsmitglieder an allen Lohnabhängigen von 34% auf 18.1%. Dieser allgemeine Niedergang der Gewerkschaften betrifft nicht nur die „alten“ kapitalistischen Länder in Europa, Nordamerika und Japan, sondern auch eine Reihe von aufstrebenden industrialisierten Halbkolonien.


Der wesentliche Grund dafür liegt keineswegs in objektiven Entwicklungen. Die ArbeiterInnenklasse und auch ihre industriellen Kernschichten werden weltweit nicht kleiner, sondern größer. Ebenso ist es auch ein Märchen, dass das Proletariat immer weniger in großen, sondern zunehmend in kleineren Betrieben tätig wäre. Noch weniger wahr ist es zu meinen, dass die ArbeiterInnen an Widerstandsgeist eingebüßt hätten. Die zahllosen Protestbewegungen gegen die kapitalistische Globalisierung, den Krieg und die Krise seit den frühen 2000er Jahren bis heute, die Arabische Revolution und der August-Aufstand in Britannien 2011, die rapid ansteigende Kurve an Streiks in den Fabriken Chinas – all das ist Beweis genug, wie breit und tief der Haß auf die Herrschenden sitzt.


Nein, die tatsächliche Ursache für diesen Niedergang ist im völligen Banktrott der Gewerkschaftsbürokratie zu suchen. Diese Bürokratie ist eine abgehobene, nach Privilegien und Posten strebende Kaste (abgehobene Schicht in der Gesellschaft). Ihr Ziel ist der Erhalt und die Ausweitung ihres Anteils am kapitalistischen Futtertrog. Zu diesem Zweck bindet sie sich an den bürgerlichen Staatsapparat und verschmelzt sogar oft mit diesem. Ebenso muss sie einen Ausgleich mit den Kapitalisten finden und paßt sich daher dem Druck dieser an.


Allerdings ist sie auch einem anderen Druck ausgesetzt – jenem der Basis. Wenn die Bürokratie keinen Ausweg sieht, diesen Druck niederzuhalten, dann ist sie gezwungen, Aktionen zu setzen und Streiks anzuführen. Aber die Bürokratie achtet dabei immer darauf, nicht die Kontrolle über die Gewerkschaft zu verlieren und eigenständige Basisinitiativen so weit wie möglich einzugrenzen und zu unterdrücken.


Darüberhinaus stützt sich die Gewerkschaft zumeist in hohem Ausmaß auf die oberen, besser bezahlten Schichten des Proletariats und insbesondere auf die Arbeiteraristokratie. Die breite Masse unserer Klasse und v.a. die unteren Schichten bleiben hingegen von der Gewerkschaft zu einem großen Teil nicht erfaßt und nicht vertreten.


Es wäre jedoch grundfalsch, daraus die Schlußfolgerung zu ziehen, dass man die existierenden Gewerkschaften links liegen lassen solle. Die Bolschewiki-Kommunisten lehnen eine solche ultra-linke Spinnerei ab. Die Bürokratie wird nicht durch sektiererisches (von der Gewerkschaft getrenntes) Abseits-stehen geschlagen, sondern durch den Kampf für demokratische, kämpferische und von Staat und Kapital unabhängige Gewerkschaften. Dieser Kampf muss wo immer möglich innerhalb der Gewerkschaften geführt werden – ungeachtet der unausweichlichen Versuche der Bürokratie die Revolutionäre zu verfolgen und hinauszudrängen.


Im Zentrum der Arbeit innerhalb der Gewerkschaften muss der Aufbau einer Basisbewegung stehen. Eine solche Basisbewegung setzt sich zum Ziel, die Gewerkschaft aus der Abhängigkeit von Staat und Kapital zu entreißen und die Bürokratie aus der Gewerkschaft zu verjagen.


Der Kampf für den Aufbau einer Basisbewegung – die eine Einheitsfront mit nicht-revolutionären ArbeiterInnen darstellt – steht keineswegs im Widerspruch zu der notwendigen Aufbauarbeit kommunistischer Fraktionen in der Gewerkschaft. Im Gegenteil, die Aufgabe der KommunistInnen liegt ja gerade darin, den Zugang zu und das Vertrauen der noch nicht revolutionären ArbeiterInnen zu gewinnen. Die Einheitsfrontarbeit innerhalb der Basisbewegung und der Gewerkschaften allgemein, geht daher Hand in Hand mit dem Kampf für die Gewinnung einer breiten Unterstützung und schließlich der Gewerkschaft als solches für ein revolutionäres Programm und eine revolutionäre Führung.


Die gewerkschaftliche Organisierung der unteren Schichten der ArbeiterInnenklasse (gerade auch der MigrantInnen, Frauen, prekär Beschäftigten usw.) ist dabei eine unersetzliche Aufgabe. Diese Schichten dürfen daher in der Gewerkschaft nicht die Rolle des Fußvolks spielen, sondern sollen eine zentrale Rolle einnehmen und auch entsprechend ihrem Anteil unter den Beschäftigten proportional in den Gewerkschaftsgremien vertreten sein.


Die Arbeitervorhut sollte keineswegs einen Fetisch aus der Gewerkschafseinheit machen. Dort wo der Aufbau neuer Gewerkschaften aufgrund der tiefen Diskreditierung (also der Verachtung durch die Arbeitermassen) der alten Gewerkschaften sinnvoll ist, werden SozialistInnen einen solchen Schritt vorbehaltlos unterstützen. Beispiele hierfür sind der Aufbau der KCTU in Korea nach dem Sturz der Diktatur in den späten 1980er Jahren oder der Aufbau der unabhängigen Gewerkschaften in Ägypten nach dem Fall Mubaraks 2011. Scharfe Erschütterungen durch den Klassenkampf können sowohl einen neuen Spielraum und Radikalisierungen in alten Gewerkschaften hervorrufen (z.B. die UGTT 2011 in Tunesien) als auch neue Gewerkschaften ins Leben rufen. Bolschewiki-Kommunisten gehen an diese Frage taktisch heran aber auf der Basis eines klaren Prinzips: Die Einheit der Gewerkschaft anstreben solange es möglich und dem Vorantreiben des Kampfes für die Unabhängigkeit der ArbeiterInnenklasse von Staat, Kapital und Bürokratie förderlich ist; die Spaltung oder den Aufbau neuer Gewerkschaften nicht scheuen, wenn sie keine Selbstisolation der RevolutionärInnen bedeutet, sondern die Organisierung breiter Teile der ArbeiterInnenklasse auf einer höheren Ebene der Klassenunabhängigkeit ermöglicht.

 

 


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