Manifest für Revolutionäre Befreiung: Kapitel VII. Der halbkoloniale Süden

 

Die zunehmende Verschiebung der kapitalistischen Produktion aus den alten imperialistischen Metropolen (USA, Westeuropa und Japan) in die halbkoloniale Welt sowie nach China hat zu einer entscheidenden Verschiebung des Zentrums des Weltproletariats in den Süden geführt. Aufgrund der Tatsache, dass die große Mehrheit der internationalen Arbeiterklasse im Süden lebt, und dass die Widersprüche des Weltkapitalismus auch in ihren schärfsten Formen dort erscheinen, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Weltrevolution in der halbkolonialen Welt oder aufsteigenden imperialistischen Ländern wie China beginnt und sich zunächst dort konzentriert.

Daher muss jede revolutionäre internationale Organisation in erster Linie die Probleme des Klassenkampfes dieser Regionen studieren und vor allem dort Sektionen aufbauen. Umgekehrt darf sie die USA oder Westeuropa nicht für den Nabel der Welt halten, was so typisch für viele zentristische Strömungen ist.

Die folgenden Abschnitte sollen einen kurzen Überblick über die wichtigsten Fragen der revolutionären Strategie in den verschiedenen Teilen der Welt verschaffen. Sie sollen Marxisten dabei helfen, das revolutionäre Programm in ihren eigenen Regionen zu konkretisieren. Dies ist umso wichtiger, da es die entscheidende Aufgabe in der gegenwärtigen Periode ist, die kompromisslose Propaganda für ein sozialistisches Arbeiterprogramm zu intensivieren, die unabhängige Selbstorganisation der ArbeiterInnenklasse zu fördern und, was am wichtigsten ist, die Bildung von revolutionären Parteien als Sektionen einer neuen Arbeiterinternationale voranzutreiben.

 

Der Nahe Osten und Nordafrika

Die Arabische Revolution, die sich im Jahr 2011 wie ein Lauffeuer verbreitete und eine Reihe von Diktatoren stürzte, erlitt später eine Reihe von Niederlagen. Die wichtigste davon war der Militärputsch im Juli 2013 in Ägypten. Das Auftreten der rückschrittlichen Kraft Daesh/IS beweist die Rückzugsphase, die die Arabische Revolution derzeit erlebt, denn zu einem großen Teil ist Daesh das Produkt dieser aktuellen Phase.

Allerdings ist die Arabische Revolution weiter im Gange und wurde bislang nicht entscheidend geschlagen, was die Syrische Revolution, der heroische palästinensische Widerstand gegen die zionistischen Angriffe im Jahr 2012 und 2014, der jemenitische Verteidigungskrieg gegen den Angriff der Saudis, die anhaltenden Volkskämpfe in Ägypten und Libyen, die Niederlage des Militärputsches in der Türkei im Juli 2016, und der andauernde lebendige kurdische Befreiungskampf eindeutig belegen.

Die entscheidenden Aufgaben für die Revolutionäre in der nächsten Zeit sind:

* Die Unterstützung der andauernden Volkskämpfe, die sich derzeit meist auf demokratische Forderungen konzentrieren und die Beteiligung bei der Gründung von Arbeiter- und Volksmilizen;

* Die Verteidigung der Arabischen Revolution gegen die zunehmenden militärischen Angriffe der Großmächte;

* Das Eintreten für die Einheitsfronttaktik gegenüber allen Kräften (einschließlich verschiedener Islamisten), die am Volkskampf gegen die Diktaturen, ebenso wie gegen die imperialistischen Großmächte und ihre lokalen Lakaien beteiligt sind, während zugleich solchen Kräften keine politische Unterstützung gegeben werden darf.

 

Lateinamerika

In den späten 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends kamen, vor dem Hintergrund einer massiven Zunahme des Klassenkampfes (z.B. Argentinazo 2001/02, Bolivien 2003-05, etc.), eine Reihe von progressiven bürgerlich-populistischen und Volksfrontregierungen an die Macht. Diese Regierungen versuchten, den Boom der Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt, zusammen mit dem Aufstieg Chinas als imperialistisches Gegengewicht zu der traditionellen US-Dominanz des Kontinents zu nutzen. Doch all diese Regierungen waren weder willens und noch in der Lage mit dem Kapitalismus zu brechen und gerieten daher in eine tiefe Krise als der Rohstoffpreisboom zusammenbrach.

Derzeit erlebt Lateinamerika eine Phase der reaktionären Offensive der herrschenden Klasse, in der diese versucht soziale und demokratische Errungenschaften der Volksmassen zu beseitigen. Die prominentesten Beispiele für solche reaktionären Offensiven sind der institutionelle Staatsstreich gegen die PT-geführte Regierung in Brasilien im Jahr 2016; der Macri-Wahlsieg in Argentinien; die ununterbrochenen Angriffe der rechten Opposition gegen die Maduro-Regierung in Venezuela; und die kapitalistische Restauration in Kuba unter Führung Castros. Doch diese reaktionäre Offensive provoziert unweigerlich Massenkämpfe, wie wir sie z.B. anhand der Anti-Coup-Mobilisierungen in Brasilien, dem heroischen Kampf der mexikanischen Lehrer, der in verschiedenen Regionen des Landes sogar zu Doppelmachtsituationen geführt hat, und den Massenstreiks in Argentinien gesehen haben.

Die entscheidenden Aufgaben für die Revolutionäre in der nächsten Zeit sind:

* Die Teilnahme an den Massenkämpfen gegen die reaktionären Offensiven der herrschenden Klassen;

* Die Verteidigung der demokratischen Rechte und sozialen Errungenschaften gegen die reaktionäre Offensive der herrschenden Klasse (was auch die Verteidigung von Volksfrontregierungen miteinschließt, gegen jeden Staatsstreich oder einen imperialistischen Angriff, ohne gleichzeitig irgendeine politische Unterstützung für diese Regierungen zu geben);

* Das Vorantreiben der unabhängigen Organisierung der Arbeiterklasse und das Wegbrechen der Arbeiter- und Volksorganisationen von den Volksfrontparteien und -regierungen.

 

Asien

Als Heimat von 60% der Weltbevölkerung und Standort entscheidender imperialistischer Großmächte (China, Japan, Russland), kleiner imperialistischer Staaten (Südkorea, Australien) sowie wichtiger Halbkolonien (z.B. Indien, Pakistan, Bangladesch, Indonesien) wird Asien der wichtigste Kontinent für den zukünftigen Weltprozess der Revolution sein.

Die Arbeiterklasse der Region hat sowohl wichtig Aufschwünge des Klassenkampfes (in Indien z.B. nahmen im September 2015 150 Millionen Arbeiter an einem Generalstreik teil, die Frauen-Massenkampagnen und -proteste gegen Gruppenvergewaltigungen, die von Naxaliten geführten Bauernkämpfe) sowie schwere Niederlagen erlebt (zum Beispiel die Zerschlagung des unabhängigen Tamil Eelam durch das sri-lankesische Regime im Jahr 2009 und der Militärputsch in Thailand 2014). Neben der inner-imperialistischen Konkurrenz in Ostasien (die USA und Japan gegen China), konzentriert sich der Klassenkampf in der gegenwärtigen Periode auf zwei Schwerpunkte:

a) grundlegende demokratische und wirtschaftliche Fragen (Kampf gegen Diktaturen, für die nationale Befreiung und gegen Armut, etc.)

b) gegen die imperialistischen Angriffe und Besatzungen (zum Beispiel der US-Krieg in Afghanistan und dem Nordwesten Pakistans, die USA gegen Nordkorea, und China gegen Vietnam)

Die entscheidenden Aufgaben für die Revolutionäre in der nächsten Zeit sind:

* Die Unterstützung aller Kämpfe von Arbeitern und Unterdrückten in Verteidigung ihrer demokratischen und sozialen Rechte (einschließlich der Unterstützung von Forderungen der Bauern nach Land sowie des Widerstandes der Bevölkerung gegen ökologisch katastrophale Projekte, mit dem Ziel die Allianz zwischen den Arbeitern und den armen Bauern zu vertiefen);

* Die Verteidigung der unterdrückten Völker gegen die imperialistischen Angriffe, ohne gleichzeitig irgendeine politische Unterstützung für nicht-revolutionäre Führung zu geben;

* Das Brechen der Macht bürgerlicher und kleinbürgerlicher politischer Kräfte über die Masse der Arbeiterklasse, armen Bauern und städtischen Armut.

 

Afrika südlich der Sahara

Subsahara-Afrika ist die Region mit der weltweit am schnellsten wachsenden Wirtschaft und Bevölkerung. Es ist ein Hauptziel der Begierde der imperialistischen Großmächte – insbesondere der USA, der EU und Chinas. Die kombinierte Existenz beschämender Lebensbedingungen für die Volksmassen, brutaler Unterdrückung durch korrupte Diktaturen, zunehmender Einmischung der Großmächte, einer gewissen Industrialisierung und das Wachstum der Arbeiterklasse – all diese Faktoren ebnen unweigerlich den Weg für künftige politische und soziale Umwälzungen.

Es ist kaum verwunderlich, dass die Region eine enorme Zunahme von Streiks und Massendemonstrationen seit 2011 erlebt hat. Der heroische Bergarbeiterstreik in Marikana (Südafrika) 2012, die demokratischen Volksaufstände in Burkina Faso (2014) und Burundi (2015) sowie die regelmäßigen Massenproteste gegen das Mugabe-Regime in Simbabwe weisen unverkennbar auf die Entflammbarkeit der Situation in dieser Region hin. Darüber hinaus öffnet der politische Bruch der NUMSA mit der Volksfront der ANC-Regierung die Tür zur Bildung einer neuen Arbeitermassenpartei in Südafrika.

Die entscheidenden Aufgaben für die Revolutionäre in der nächsten Zeit sind:

* Die Unterstützung aller Kämpfe der Arbeiter und Unterdrückten gegen die Armut und Diktaturen sowie die Unterstützung für die Bauernkämpfe und Volkskämpfe gegen ökologisch katastrophale Projekte;

* Die Unterstützung des Volkswiderstandes gegen die Überausbeutung durch multinationale Konzerne und gegen Angriffe von Großmächten und ihren lokalen Lakaien;

* Das Vorantreiben des Kampfes für die politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse (zum Beispiel die Unabhängigkeit der Gewerkschaften vom Staat, neuer Arbeiterparteien, etc.).