Kapitel IV. Lehren für die Zukunft

 

 

 

Unsere 25jährige Arbeit im Aufbau einer nationalen und internationalen bolschewistischen Organisation hat uns mit reicher Erfahrung ausgestattet. Im Folgenden fassen wir die wichtigsten Lehren zusammen.

 

 

 

Die Unersetzlichkeit einer bolschewistischen Organisation – national und international

 

 

 

Im Rückblick auf 25 Jahre bolschewistischen Parteiaufbau können wir – trotz der Rückschläge, die wir neben unseren Erfolgen erlebt haben – eindeutig sagen, dass eine demokratisch und zentral organisierte Tendenz für die Verteidigung des revolutionären Programms und die Heranbildung neuer Schichten kommunistischer AktivistInnen unerlässlich ist. Kleinbürgerliche Intellektuelle und ihre postmodernen Zirkel kommen und gehen und hinterlassen irgendwelche “Theorien”, an die sich ein Jahr später niemand mehr erinnert. Diverse amorphe “pluralistische” Gruppen wie das “Antikapitalistische Netzwerk” oder das “Internationale Sozialistische Netzwerk” in Britannien sind nur ein paar wenige der jüngsten Beispiele dafür.

 

Ebenso unerlässlich ist es für RevolutionärInnen, nationale Isolation zu vermeiden und regelmäßig mit GenossInnen auf der ganzen Welt, die der gleichen Organisation angehören, zusammenzuarbeiten und sich auszutauschen. Das ist zwar keine Gewähr dafür, keine Fehler zu machen, doch wenn eine Gruppe ihre nationale Isolation selbstzufrieden akzeptiert, ist sie auf Dauer dazu verurteilt, politisch zu degenerieren. Um das zu vermeiden, investiert die RCIT große Anstrengungen in die Produktion internationaler Propaganda in verschiedenen Sprachen.

 

 

 

Die Einheit von Theorie und Praxis muss in allen Bereichen der Parteiarbeit umgesetzt werden

 

 

 

In allen Bereichen der Parteiarbeit muss auf strikteste Umsetzung der Einheit von Theorie und Praxis geachtet werden. Natürlich muss dieser Lehrsatz entsprechend den konkreten Umständen angewendet werden. Das Programm darf nie als Ansammlung allgemeiner Prinzipien gesehen werden, vielmehr müssen diese Prinzipien mit Taktiken und Losungen für den Kampf kombiniert werden. Das ermöglicht uns, das Programm als konkretes Aktionsprogramm zu präsentieren und so AktivistInnen erklären zu können, worin die praktischen Schlussfolgerungen der kommunistischen Prinzipien aktuell liegen. Das Prinzip der Einheit von Theorie und Praxis erlaubt uns auch, Propaganda mit exemplarischer Massenarbeit zu kombinieren. Damit können wir unser Programm in der Tat einer größeren Avantgarde demonstrieren und neue Schichten von AktivistInnen erreichen.

 

Außerdem stellt das sicher, dass wir keine Phrasendrescher gewinnen, sondern nur jene, die bereit sind für unser Programm auch zu kämpfen. Damit verbunden ist auch unser Anspruch, dass organisatorische Arbeit in der Partei oder ihrer Vorform nicht weniger wichtig ist als Propaganda- oder theoretische Arbeit. In der LFI begegneten wir einer verbreiteten dilettantischen Haltung bezüglich der Aufgaben des Parteiaufbaus, die trotz intensiver Anstrengungen diverser GenossInnen nicht korrigiert werden konnte. Eine revolutionäre Gruppe muss zur organisatorischen Seite des Parteiaufbaus einen ernsthaften Zugang haben, wie er in führenden Bolschewiki wie Nadezhda Krupskaja, Jelena Stasova, Jakow Swerdlow oder Leonid Krasin personifiziert worden ist. Wir schätzen unsere mit organisatorischen und technischen Fähigkeiten begabten GenossInnen um nichts weniger als jene, die gute PropagandistInnen oder TheoretikerInnen sind.

 

In Zusammenhang damit steht ein Verständnis, dass es zum Aufbau einer kommunistischen Parteiaufbauorganistion in ihren anfänglichen Stadien nicht ausreicht, individuelle GenossInnen mit dem einen oder anderen Talent zu haben. Vielmehr ist ein Kollektiv von AktivistInnen nötig, die zusammen die nötigen Fähigkeiten – Verständnis der marxistischen Theorie, PropagandistInnen wie auch AgitatorInnen und disziplinierte OrganisatorInnen – kombinieren und gemeinsam ein homogenes Team bilden. Das geschieht nicht automatisch oder durch Annahme von Resolutionen, sondern erfordert bewusste Planung und Begleitung in Schulung und Auswahl. Und das nicht nur einmal, sondern als Prozess, der fortwährend wiederholt wird, um ein solches Kollektiv an AktivistInnen zu erneuern und zu erweitern.

 

Weiters haben wir nicht nur das Ziel des Aufbaus einer ArbeiterInnenorganisation verkündet, sondern es – nach langen internen Kämpfen in der LFI – mit der Gründung und Entwicklung der RCIT auch erreicht. Allem kleinbürgerlichen Skeptizismus zum Trotz haben wir in der Praxis bewiesen, dass es wünschenswert, möglich und notwendig ist, kommunistische Parteiaufbauorganisation inklusive deren Führungen mit vorwiegend proletarischer Klassenzusammensetzung aufzubauen.

 

Eine weitere Form der Umsetzung der Einheit von Theorie und Praxis ist die Fähigkeit der revolutionären Organisation, jegliche Tendenzen in Richtung Routine zu vermeiden und auf plötzliche Ereignisse des Klassenkampfs rasch und entschlossen reagieren zu können. Solch eine Anwendung von Lenins Politik der “scharfen Wendungen” hat wiederholt eine wichtige Rolle in der Geschichte unserer Strömung gespielt. Sie hat uns dazu befähigt, immer wieder eine initiative und führende Rolle in der Organisation von Massenaktionen wie etwa einer Reihe von SchülerInnenstreiks und anderen Protesten zu spielen.

 

All das zeigt auch die zentrale Bedeutung der Führung in einer revolutionären Partei bzw. der Parteivorform. Die Führung – die üblicherweise die erfahrensten und engagiertesten GenossInnen umfasst – spielt eine zentrale Rolle im raschen Verständnis neuer Entwicklungen im Klassenkampf, den Möglichkeiten für den Parteiaufbau wie auch Schwierigkeiten und eventuellen Gefahren für die Organisation. Solch eine Führung darf nicht nur einseitig aus GenossInnen mit theoretischen und literarischen Fähigkeiten bestehen, sondern muss auch jene erfassen, die wesentlich für die organisatorischen Aufgaben und die Massenarbeit sind.

 

Letztlich ist die Einheit von Theorie und Praxis auch für die Beurteilung der Entwicklung von Organisationen und AktivistInnen unerlässlich. Wenn wir eine zentristische Gruppe sehen, die sich in einem Veränderungsprozess befindet, beurteilen wir sie nicht nur anhand ihres Programms (so wichtig das auch ist), sondern wir blicken auch auf ihre Klassenzusammensetzung, auf ihre Aktivitäten, auf ihre Perspektiven. Dasselbe gilt ebenso für die Einschätzung von Individuen.

 

Eine derartige Einschätzung muss auch die spezifischen nationalen Bedingungen und den Charakter der Periode, in der RevolutionärInnen arbeiten, in Betracht ziehen. Eine einseitige Überbetonung von Propaganda ist immer falsch. Unter konterrevolutionären Bedingungen, wo GenossInnen strikt gegen den Strom schwimmen müssen, ist das aber weniger problematisch. Überbetonung von Agitation und Mangel an Propaganda und theoretischer Schulung ist immer ein Problem, doch dies gilt weniger in Zeiten des Aufschwungs des Klassenkampfs als während reaktionärer Phasen.

 

 

 

Die Zentralität des revolutionären Programms

 

 

 

Wir haben oft festgehalten, dass die Partei ohne ein korrektes Programm keinen politischen Kompass hat. Wir wiesen immer jene Zentristen zurück, die meinten, es sei “unmöglich, ein revolutionäres Programm zu erarbeiten”, ohne zuerst über eine “Partei nennenswerter Größe” zu verfügen oder “eine erfolgreiche Revolution erlebt” zu haben. Mit solchen Argumenten hätten Marx und Engels das Kommunistische Manifest nicht geschrieben und die russischen MarxistInnen hätten 1903 kein Parteiprogramm erarbeiten können. So wie die ArbeiterInnenklasse zu jeder Zeit eine revolutionäre Partei braucht, muss eine revolutionäre Organisation bei jeder politischen Wetterlage einen politischen Kompass haben. Sie braucht ihn ungeachtet ihrer nummerischen Stärke oder Schwäche. Die Verweigerung, ein revolutionäres Programm auszuarbeiten, garantiert den Weg in politische Verwirrung und Degeneration. Ein kommunistisches Programm legt ein unverzichtbares Fundament für den Aufbau und die Entwicklung der revolutionären Kontinuität.

 

RevolutionärInnen müssen aus den Erfahrungen der ArbeiterInnenbewegung wie auch aus ihren eigenen lernen. Im RCIT-Programm hielten wir fest: “Das Programm von uns Bolschewiki-KommunistInnen ist die Kodifizierung, die Zusammenfassung und Verallgemeinerung der Lehren der vergangenen Klassenkämpfe sowie der erfolgreichen und gescheiterten Versuche im Aufbau einer revolutionären Weltpartei.” [1]

 

Ohne unsere programmatischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte hätte unsere Strömung nicht als revolutionäre Kraft überleben können. Unser Programm wies uns in historischen Perioden wie dem Zusammenbruch des Stalinismus, dem imperialistischen “Krieg gegen den Terror” oder bei Arbeitskämpfen und Aufständen von Unterdrückten die richtige Richtung. Ohne das Programm wären wir wie die Zentristen geendet, die eher von den verschiedenen Stimmungen der bürgerlichen öffentlichen Meinung, der Arbeiterbürokratie und der kleinbürgerlichen Intelligenzija getrieben worden ist. Das führt zu einer prinzipienlosen Zick-Zack-Politik, die sowohl die unvollständige Radikalisierung der ArbeiterInnen bzw. der Jugendlichen wie auch die Kapitulation vor nicht-proletarischen Kräften widerspiegelt. Unser ernsthafter Zugang zum Programm hat uns außerdem dazu befähigt, es weiterzuentwickeln, wenn es Schwächen hatte und gegen Abweichungen innerhalb unserer Strömung anzukämpfen.

 

 

 

Weiterentwicklung von Programm und Theorie

 

 

 

Das Verständnis der Notwendigkeit eines revolutionären Programms muss Hand in Hand mit dem Wunsch der kontinuierlichen Weiterentwicklung des Programms und der Theorie des Marxismus gehen. Angesichts der ständigen Weiterentwicklung der gesellschaftlichen Wirklichkeit und des Klassenkampfs ist das notwendigerweise eine permanente Aufgabe. Im RCIT-Programm schrieben wir:

 

Bedeutet das, dass unser Programm ‘das letzte Wort’ ist? Nein, natürlich nicht. Es gibt kein ‘letztes Wort’, denn die Welt steht nie still. So wie sich die Gesellschaft als solche ständig weiter entwickelt, die ArbeiterInnen und Unterdrückten stets neue Erfahrungen sammeln, so muss auch ein Programm von seiner Natur her immer weiter entwickelt werden. Es muss neue Entwicklungen, neue Erfahrungen, neue Lehren mit einschließen, denn sonst verkommt es zu einem leblosen Dogma. (…) Wie wir bereits sagten, betrachten wir unser Programm keineswegs als ‘letztes Wort’. Viele Erfahrungen der revolutionären Bewegungen weltweit konnten aufgrund unserer bislang auf wenige Länder beschränkten Existenz nur unzureichend berücksichtigt werden. Die RCIT ist gegenwärtig eine noch kleine internationale Organisation mit AktivistInnen in Asien, Europa und Nordamerika. Wir sind uns daher der Unzulänglichkeiten unseres Programms vollkommen bewusst. [2]

 

Auch Lenin betonte einen solchen Zugang zur marxistischen Theorie:

 

„Wir betrachten die Theorie von Marx keineswegs als etwas Abgeschlossenes und Unantastbares; wir sind im Gegenteil davon überzeugt, dass sie nur das Fundament der Wissenschaft gelegt hat, die die Sozialisten nach allen Richtungen weiterentwickeln müssen, wenn sie nicht hinter dem Leben zurückbleiben wollen. Wir sind der Meinung, dass es für die russischen Sozialisten besonders notwendig ist, die Theorie von Marx selbständig weiterzuentwickeln, denn diese Theorie liefert lediglich die allgemeinen Leitsätze, die im einzelnen auf England anders angewandt werden als auf Frankreich, auf Frankreich anders als auf Deutschland, auf Deutschland anders als auf Russland. Darum werden wir in unserer Zeitung gern Artikel über theoretische Fragen bringen und fordern alle Genossen zu einer offenen Erörterung der strittigen Punkte auf.“ [3]

 

Wir sehen daher die von uns bisher geleistete Erarbeitung eines revolutionären Programms und unsere Weiterentwicklung der marxistischen Theorie nicht als Grund zur Selbstzufriedenheit. Wir haben erlebt, dass Diskussionen und Zusammenarbeit mit RevolutionärInnen aus anderen Ländern unser Verständnis immer noch mehr erweitert und vertieft hat. Das wird zweifelsohne auch in Zukunft so sein.

 

Außerdem haben wir auf verschiedenen Gebieten unserer theoretischen Arbeit im Verlauf der Geschichte unserer Bewegung Schwächen entdeckt. Folglich haben wir diese und diverse blinde Flecken korrigiert (z.B. bzgl. Imperialismustheorie, MigrantInnen, der Frage der Schwarzen, der nationalen Frage, Verzerrungen von Lenins Verständnis der Arbeiterbürokratie, der Theorie des Parteiaufbaus, der Losung der Arbeiterregierung, des verpflichtenden Militärdiensts, der halbkolonialen europäischen Länder und ihrem Beitritt zur EU usw.).

 

Es gibt jedoch noch mehr zu tun als theoretische und Forschungsarbeit. Um nur ein paar Beispiele zu nennen: so müssen wir unsere Analyse der Arbeiteraristokratie vertiefen oder auch das Programm zur Frauenbefreiung in der halbkolonialen Welt. Eine weitere wichtige Aufgabe für MarxistInnen ist die Weiterentwicklung der marxistischen Philosophie – ansetzend an die Ausarbeitungen der marxistischen Klassiker und der dialektisch-materialistischen Schule Deborins in der UdSSR in den 1920er Jahren und unter Zurückweisung verschiedener revisionistischer Abweichungen wie des Strukturalismus oder der Frankfurter Schule.

 

 

 

Wichtigkeit der exemplarischen Massenarbeit

 

 

 

Unsere Erfahrung hat die Bedeutung exemplarischer Massenarbeit auch für eine kleine kommunistische Parteivorform gezeigt. Ohne eine solche Arbeit ist eine kleine Gruppe dazu verurteilt, eine passiv-propagandistische Sekte zu werden, auch wenn sie über das beste Programm der Welt verfügt. Die exemplarische Massenarbeit verhalf uns zu wichtigen Erfahrungen und zu neuen im Klassenkampf erprobten AktivistInnen.

 

Gleichzeitig erlebten wir Gruppen – innerhalb wie außerhalb der LFI –, die nicht zur Massenarbeit willens oder fähig waren und die zu Sekten degenerierten. Eine Gruppe kann nicht über längere Zeit einen gesunden kommunistischen Kampgeist aufrecht erhalten, wenn sie nicht regelmäßig als KommunistInnen Arbeit unter den Volksmassen leistet. Natürlich muss solche Massenarbeit mit kommunistischer Propaganda und Agitation und mit offener Flagge der bolschewistischen Organisation stattfinden, um neue AktivistInnen zu gewinnen. Natürlich mögen in Fällen Ausnahmen notwendig werden, in denen ernsthafte Gefahren für kommunistische AktivistInnen bestehen und damit die Parteiarbeit in diesem Bereich gefährdet wird. KommunistInnen werden auch die Betonung zwischen Propaganda, Theorie und Schulung einerseits und Agitation und Massenarbeit andererseits gemäß dem Charakter der Periode unterschiedlich gewichten. Zum Beispiel wird in einer konterrevolutionären Phase das Gewicht mehr auf Seiten von Propaganda, Theorie und Schulung liegen.

 

Ein weiterer wichtiger Aspekt in der Auswahl der Bereiche für exemplarische Massenarbeit ist das Kriterium, wie sie getroffen wird. Für uns ist nicht relevant, welcher Bereich von der kleinbürgerlichen Linken als interessant angesehen wird. Für uns ist das Hauptkriterium, welche Themen und welche Kämpfe für die unteren und mittleren Schichten der ArbeiterInnenklasse und die Unterdrückten wichtig sind, denn es sind diese Schichten, die wir vor allem für unsere Reihen gewinnen wollen.

 

 

 

Spaltungen und Fusionen

 

 

 

In unserer Geschichte haben wir eine Reihe von Spaltungen und Fusionen erlebt. Wenn methodische Differenzen unlösbar werden und zu endloser Lähmung führen, ist eine Spaltung meist zu bevorzugen. Die Erfahrungen der österreichischen Sektion zeigten uns, dass wir jedes Mal, wenn wir eine Spaltung erlebt hatten, nicht nur politisch reifer und entschlossener daraus hervorgingen, sondern auch – zwei oder drei Jahre danach – nummerisch stärker waren als vor der Spaltung. Auch können wir sagen, dass wir, wenn wir mit der LFI-Mehrheit nicht gebrochen hätten, programmatisch und organisatorisch degeneriert und numerisch geschrumpft wären.

 

Systematische Abweichungen vom echten Marxismus zu tolerieren und zu hoffen, dass solche innerparteilichen Probleme sich von selbst lösen mögen, ist eine Methode, die in die sichere Degeneration führt. Das war auch eine wichtige Lehre, die die Trotzkis Linke Opposition 1927 gelernt hatte:

 

“Die Arbeiter, die überwältigende Mehrheit in den sozialistischen Parteien des Westens vor dem imperialistischen Krieg, waren unbedingte Gegner eines opportunistischen Abgleitens. Aber sie waren nicht in der Lage, die damals noch unbedeutenden opportunistischen Fehler rechtzeitig zu korrigieren. Sie unterschätzten deren Bedeutung. Sie begriffen nicht, daß die erste ernsthaften historischen Erschütterung nach der langen Periode einer friedlichen Entwicklung, die eine mächtige Arbeiterbürokratie und Arbeiteraristokratie hervorbrachte, nicht nur die Opportunisten, sondern auch die Zentristen zwingen würde, vor der Bourgeoisie zu kapitulieren, und daß die Masse in diesem Augenblick entwaffnet dastehen könnte. Wenn man den revolutionären Marxisten, den Vertretern des linken Flügel der II. Internationale in der Zeit vor dem Krieg etwas vorwerfen kann, dann nicht, daß sie die Gefahren des Opportunismus übertrieben hätten, als sie diesen eine national-liberale Arbeiterpolitik nannten, sondern daß sie sich auf die proletarische Struktur der damaligen sozialistischen Parteien, auf den revolutionären Instinkt des Proletariats, auf die Verschärfung der Klassenwidersprüche verlassen haben, die Gefahr in der Praxis unterschätzten und die revolutionäre Unterklassen nicht energisch genug dagegen mobilisierten. Diesen Fehler werden wir nicht wiederholen.” [4]

 

Natürlich gibt es keinen Grund für KommunistInnen, eine Spaltung leichtfertig herbeizuführen. Doch sie sollten sich davor auch nicht fürchten, wenn sich Differenzen als zu tief und unversöhnlich erweisen. Parteiaufbau ohne Spaltungen ist unmöglich. Deshalb merkte Engels einst an:

 

„Übrigens hat schon der alte Hegel gesagt: Eine Partei bewährt sich dadurch als die siegende, dass sie sich spaltet und die Spaltung vertragen kann. Die Bewegung des Proletariats macht notwendig verschiedne Entwicklungsstufen durch; auf jeder Stufe bleibt ein Teil der Leute hängen und geht nicht weiter mit; daraus allein schon erklärt sich, weshalb die ‚Solidarität des Proletariats’ in der Wirklichkeit überall in verschiednen Parteigruppierungen sich verwirklicht, die sich auf Tod und Leben befehden wie die christlichen Sekten im Römischen Reich unter den schlimmsten Verfolgungen.“ [5]

 

Ein wichtiges Instrument, die Gefahr von Spaltungen zu reduzieren, ist die Fähigkeit der Führung, mögliche Probleme in der Parteiarbeit zu antizipieren und rasch zu intervenieren, um allfälligen Schaden zu minimieren. Eine solch sensible und flexible Haltung der Führung diente uns mehrfach in der Unterstützung von GenossInnen, die dem einen oder anderen Problem in seiner/ihrer Entwicklung gegenüberstanden und bei dessen Überwindung ohne unnötige Spannungen oder Konflikte.

 

Andererseits erlebten wir auch eine Reihe positiver Erfahrungen beim Zusammenschluss mit Organisationen, die aus einem anderen politischen Hintergrund kommen. Wir betrachten Übereinstimmung im Programm hinsichtlich des revolutionären Kampfs in der gegenwärtigen Periode wie auch hinsichtlich der strategischen Aufgaben und Methoden im Parteiaufbau als wesentlich für eine Fusion. Im Gegensatz zu verschiedenen Sekten sehen wir Übereinstimmung bei vergangenen historischen Ereignissen, die keine direkte Relevanz für die gegenwärtige Periode haben, nicht als notwendige Vorbedingung für eine Fusion. Man kann sagen, dass eine konsistente revolutionäre Linie zu Übereinstimmung sowohl bei vergangenen wie auch gegenwärtigen Ereignissen führen muss. Dem stimmen wir zu. Doch eine revolutionäre Partei wie auch eine Parteiaufbauorganisation wird unausweichlich GenossInnen und Gruppen in ihren Reihen haben, die nicht “konsistent” sind. Das Leben ist voller Widersprüche und RevolutionärInnen wären dumm und sektiererisch, die Möglichkeit auszuschließen, mit Kräften zusammenzuarbeiten und sich mit ihnen zu verbinden, mit denen sich letztlich tiefe methodologische Übereinstimmung ergeben könnte. Bei ihrem Zusammenschluss im August 1917 verlangten die Bolschewiki niemals von Trotzkis Mezhraionka, ihren falschen Standpunkt in der Vergangenheit zur Frage der Einheit innerhalb der russischen Sozialdemokratie aufzugeben. Auch verlangte Trotzki nicht von Sneevliet und seiner Revolutionären Sozialistischen Partei, die vor 1933 gegen die Orientierung der Linken Opposition auf eine Reform der Kommunistischen Internationale waren, eine derartige Selbstkritik, als sie sich 1933/34 den Kräften der Vierten Internationale anschlossen. Das gleiche sehen wir bei Trotzkis Herangehensweise an die Taktik des Blocks der Vier, der damals die von Jakob Walcher geführte SAP miteinschloss – einer Strömung, die Brandlers völlig falsche Haltung während der gescheiterten deutschen Revolution im Herbst 1923 teilte.

 

Diese Methode des Parteiaufbaus ermöglichte uns die Heranziehung von Gruppen und Individuen, die einen anderen politischen Ursprung haben und andere Traditionen kennen als die Gründungskader der RCIT. Sie hat uns ermöglicht, sowohl in unseren vier Gründungssektionen wie auch bei der Gewinnung neuer Gruppen unterschiedlichste Erfahrungen aufzunehmen. Heute stellen frühere LFI-Mitglieder außerhalb der US-Sektion nirgendwo auch nur eine nennenswerte Minderheit unserer Mitgliederschaft.

 

 

 

Verankerung der kommunistischen Parteiaufbauorganisation in der ArbeiterInnenklasse

 

 

 

Auf lange Sicht hat die Klassenzusammensetzung einer revolutionären Organisation enorme Konsequenzen für ihr politisches Schicksal. Natürlich ist es möglich, dass eine kleine Gruppe mit einer nicht-proletarischen Zusammensetzung beginnt und vorerst hauptsächlich Intellektuelle und Arbeiteraristokraten in ihren Reihen hat. Das ist keine Tragödie … solange die GenossInnen sich dieses Problems bewusst sind und Maßnahmen unternehmen, um ihre Klassenzusammensetzung systematisch zu verbessern.

 

Wenn sie dabei scheitern, werden sich die GenossInnen eine schlechte Mentalität aneignen und es wird immer schwieriger, ArbeiterInnen und proletarische Jugendliche zu gewinnen. Wir haben erlebt, wie während unseres Kampfs in der LFI GenossInnen unter den Einfluss abwechselnder politischer Modeerscheinungen in den Bann der fortschrittlichen kleinbürgerlichen Intelligenzija gerieten (postmodernistischer Skeptizismus, Attraktivität von pluralistischen linken Einheitsprojekten, Mangel an Hingabe, Schwierigkeiten im Gespräch mit und in der Gewinnung von ArbeiterInnen und proletarischen Jugendlichen usw.)

 

Jede revolutionäre Organisation, die sich ernsthaft unter den massenproletarischen Elementen der ArbeiterInnenklasse und der Unterdrückten verankern will – und nicht der Intelligenzija und der Arbeiteraristokratie –, muss von Anfang an ihre Mitglieder stark darauf hin orientieren, an der Seite der Volksmassen zu arbeiten. Sie muss gegen jede Form von aristokratischem Vorurteil kämpfen und prüfen, ob ihre Mitglieder dazu willens und fähig sind, zu lernen, in und mit den proletarischen Massen zu arbeiten.

 

Gemäß unserer Erfahrung ist es ebenso wichtig, dass eine revolutionäre Organisation aktiv die Entwicklung ihrer Mitglieder aus den unteren Schichten der ArbeiterInnenklasse und der Unterdrückten zu Kadern vorantreibt. Sie muss engagierte Mitglieder bewusst auswählen und sie darin unterstützen, zu FührerInnen zu werden. Es ist die Feuerprobe für Erfolg oder Scheitern einer revolutionären Organisation als proletarische Kampforganisation, ob es ihr gelingt, eine Reihe von Kadern aus den unteren Schichten der ArbeiterInnenklasse und der Unterdrückten zu bilden, so dass diese einen signifikanten Anteil ihrer Führung darstellt. Alles in allem sollte sie danach streben, eine überwiegend proletarische Zusammensetzung der Führung aufzuweisen.

 

GenossInnen mit nicht-proletarischem Hintergrund, die bereit sind, mit ihren Klassenverbindungen zu brechen und auf ihre Privilegien, den relativen Wohlstand und ihre Karrierechancen zu verzichten; die ihre gesamte Zeit als VollzeitparteiarbeiterInnen der Organisation widmen oder bewusst einen proletarischen Arbeitsplatz innerhalb der unteren Schichte unserer Klasse annehmen; die Mittelschichtskarrieristen ablehnen; und die bescheiden ihr Bestes geben, um die ArbeitergenossInnen zu Kadern heranzubilden – solche hingebungsvollen KommunistInnen werden in unseren Reihen immer willkommen sein, ungeachtet ihrer Klassenherkunft.

 

 

 

Kampf gegen Linksreformismus und Zentrismus

 

 

 

Eine bolschewistische Organisation kann nur für ein revolutionäres Programm kämpfen, wenn sie entschlossen ist, gegen jene zu kämpfen, die die Ideen des Marxismus entstellen. Der Kampf um Ideen findet nicht in einem Vakuum statt, sondern spiegelt den Kampf zwischen den Klassen wider. Er kann also nur als Kampf zwischen Gruppen von Menschen (Parteien, Gewerkschaften, Institutionen etc.) stattfinden. MarxistInnen kämpfen gegen jene, die die revolutionären Schlussfolgerungen des Marxismus im Namen des “Marxismus” zurückweisen. Sie nehmen den Kampf auf, weil diese Linksreformisten und Zentristen unter der Avantgarde nur Verwirrung können.

 

Diskussionen und Zusammenarbeit mit solchen Gruppen ist dann sinnvoll, wenn sich diese – oder Teile davon – in einem Prozess der Hinterfragung und des Wegbrechens von ihren zentristischen Wurzeln befinden. Es kann auch notwendig sein, sich linksreformistischen und zentristischen Gruppen taktisch zuzuwenden, wenn diese radikalisierte neue Schichten der ArbeiterInnenklasse und der Unterdrückten um sich scharren.

 

Abseits solcher Situationen ist es jedoch falsch, sich auf dieses kleinbürgerliche linke Milieu zu orientieren. Eine revolutionäre Organisation sollte sich darauf orientieren, neue ArbeiterInnen und Jugendliche zu gewinnen, die sich dem Klassenkampf anschließen und nach einer Alternative suchen. Diese Schichten sind frische Kräfte im Klassenkampf und von entstellten marxistischen Ideen unbelastet.

 

In einem unserer Dokumente zu den Perspektiven der Weltlage merkten wir hinsichtlich der Frage des Parteiaufbaus in der gegenwärtigen Periode an:

 

“Genau wegen ihrer Orientierung auf die Arbeiterbürokratie und die kleinbürgerliche Intelligenzija ist die Masse des zentristischen und linksreformistischen Milieus zunehmend durchsetzt von Pessimismus, Skeptizismus, Klagen über den Mangel der ‘linken Einheit’, hysterischer Abkehr vom ‘leninistischen Hyper-Zentralismus’ und vom Konzept der ‘Avantgardepartei’ sowie voll des Lobes für das Liquidatorentum. Wahre RevolutionärInnen hingegen orientieren sich auf die neuen, kämpferischen Schichten der ArbeiterInnenklasse und der Unterdrückten, die nach einem Programm und einer Strategie für den Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung suchen. Das ist die Grundlage unseres Optimismus und unsere Stärker. Jene, die sich in eine revolutionäre Richtung entwickeln wollen, müssen sich von der Orientierung auf den zentristischen und linksreformistischen Sumpf lösen und sich im gesunden, kämpferischen proletarischen Milieu verwurzeln.

 

Das heißt nicht, dass RevolutionärInnen die reformistischen Parteien oder die zentristischen Gruppen ignorieren sollen. Die Politik der Einheitsfronttaktik bleibt aufrecht, solange die Notwendigkeit zum harten Kampf zur Beseitigung dieses revisionistischen Einflusses in der Arbeiteravantgarde gegeben ist. In erster Linie aber orientiert sich die RCIT auf neue AktivistInnen und Initiativen aus den Reihen der ArbeiterInnen und der Unterdrückten. Nur aus diesen Schichten werden neue vielversprechende Kräfte und eine neue Dynamik erwachsen. Und solche Entwicklungen können die gesünderen Elemente in den Reihen des Linksreformismus und Zentrismus beeinflussen und dazu beitragen, sich von der verrotteten Methode der Revisionisten zu lösen.

 

RevolutionärInnen müssen tiefgreifend verstehen, dass der Kapitalismus nicht nur eine neue historische Periode massiver Instabilität und scharfer Wendungen erreicht hat, sondern dass das auch in der ArbeiterInnenbewegung so ist. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Jene Kräfte, die den Charakter der Periode und ihre daraus hervorgehenden Aufgaben nicht begreifen, sind dazu verurteilt, immer mehr zu degenerieren und nach rechts gedrängt zu werden. Jene Kräfte aber, die sich einem Verständnis der extrem antagonistischen Natur der gegenwärtigen Periode annähern, die sich den Massen in ihrem Kampf anschließen wollen – vor allem den unteren Schichten der ArbeiterInnenklasse und den Unterdrückten -, ohne arrogant über deren ‘rückständiges Bewusstsein’ zu spotten und die entschlossen sind, kompromisslos für das revolutionäre Programm zu kämpfen und die reformistischen und zentristischen Verräter angreifen – diese Kräfte können sich erneuern und eine gesunde und äußerst positive Rolle im Kampf für den Aufbau der neuen Weltpartei der sozialistischen Revolution spielen.

 

Im Bewusstsein der Beschränktheit historischer Vergleiche muss man erkennen, dass die gegenwärtige Periode bis zu einem gewissen Grad Ähnlichkeiten mit den Jahren nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 zeigt. In dieser Periode ging die ArbeiterInnenbewegung durch tiefe Krisen, Spaltungen und Veränderungen. In dieser Periode trat die Fäulnis der zentristischen Mehrheit der Zweiten Internationale – die bereits vor 1914 bestand, aber weniger sichtbar war – voll hervor. Die Orientierung und Taktik Lenins und seiner Unterstützer sind für die Bolschewiki-KommunistInnen heute äußerst lehrreich.[6]

 

Derart ist eine Reihe von Lehren, die wir in der RCIT aus unserer Erfahrung gezogen haben. Wir leben und handeln in lebendiger Geschichte, wir können sicher sein, dass die nächsten Jahre noch mehr Erfahrungen mit sich bringen werden. Um die vor uns liegenden Gelegenheiten zu nutzen, werden wir weiterhin auf Grundlage unseres marxistischen Programms und der erprobten Methoden des Parteiaufbaus arbeiten. Wir rufen RevolutionärInnen auf der ganzen Welt auf, sich uns im Kampf für das wichtigste Ziel anzuschließen, solange das kapitalistische Ausbeutungssystem besteht: den Aufbau revolutionärer Parteien und der Fünften ArbeiterInneninternationale!

 



[1] RCIT: Das Revolutionär Kommunistische Manifest, S. 5

[2] RCIT: Das Revolutionär Kommunistische Manifest, Wien 2012, S. 4f.

[3] W. I. Lenin: Unser Programm (1899), in: LW Bd. 4, S. 205f.

[4] Leon Trotsky: Platform of the Joint Opposition (1927), , S.1006 (Hervorhebung im Original)

[5] Friedrich Engels: Brief an August Bebel, 20. Juni 1873. in: MEW 33, S. 591

[6] RCIT: The World Situation and the Tasks of the Bolshevik-Communists (March 2013). Theses of the International Executive Committee of the Revolutionary Communist International Tendency, March 2013, in: Revolutionary Communism No. 8, S. 42, http://www.thecommunists.net/theory/world-situation-march-2013/

 

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