Nach dem Massaker der russischen Armee in Beslan

 

Nein zum Terrorismus! Solidarität mit dem tschetschenischen Freiheitskampf!

 

Von Michael Pröbsting

 

 

 

Vorwort der Redaktion: Im Folgenden veröffentlichen wir einen Artikel von Michael Pröbsting über den Freiheitskampf des tschetschenischen Volkes. Dieser wurde erstmals im Oktober 2004 von der Organisation "ArbeiterInnenstandpunkt" veröffentlicht. Dies war die österreichische Sektion der Liga für eine revolutionär-kommunistische Internationale (LRCI) – der Vorläuferorganisation der 2011 gegründeten Revolutionär-Kommunistische Internationale Tendenz (RCIT). Genosse Pröbsting war damals führendes Mitglied von ASt und LRCI und ist heute Internationaler Sekretär der RCIT.

 

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Nach dem Massaker in Beslan hält Rußland und Welt den Atem an. 400-600 Menschen dürften dem verheerenden Sturm der russischen Spezialeinheiten zum Opfer gefallen sein. Doch während viel über die Geiselnahme berichtet wird, geht der Hintergrund dieser Ereignisse weitgehend unter.

 

Die hirnlose Brutalität, mit der die russische Armee in Beslan vorging, hat Tradition. Bei den Geiselnahmen von Budjonowsk 1995 schossen die russischen Soldaten wahllos in die Menge. Bei der nächsten Aktion 1996 in Perwomaiskoje gingen die sogenannten Spezialeinheiten sogar mit den verheerenden GRAD-Raketen gegen die tschetschenischen Widerstandskämpfer und ihre Geisel vor und legten das gesamte Dorf in Schutt und Asche.

 

Und viele von uns erinnern sich wohl noch an den Oktober 2002, wo in einem Moskauer Theater 800 Menschen festgehalten wurden. Weitaus brutaler als die Geiselnehmer gingen die russischen Spezialeinheiten auf Geheiß von Präsident Putin vor. Mit verheerender Bilanz: 41 tote Geiselnehmer, 129 tote Geiseln, die großteils dem von den Polizeikräften verwendeten „Betäubungs“-Gas zum Opfer fielen. Ein Mitglied des Alpha-Elitekommandos meint dazu, dass dies kalkuliert gewesen und man sogar mit bis zu 200 Toten gerechnet habe. (1)

 

In den beiden letzten Wochen gab es nun eine Reihe von terroristischen Aktionen seitens der tschetschenischen FreiheitskämpferInnen. Zwei Flugzeuge wurden in die Luft gesprengt, vor einer U-Bahnstation sprengte sich eine Widerstandskämpferin in die Luft. Und in Grosny verkleideten sich Guerillas als Polizisten, errichteten eine Straßensperre und erschossen jeden anhaltenden russischen Besatzer bzw. deren tschetschenische Kollaborateure. Und jetzt, bei ihrer spektakulärsten Aktion vergangene Woche, nahmen sie rund 1.000 Schüler und Erwachsene in einer Schule in Nord-Ossetien als Geisel.

 

Hintergrund

 

Während sich die bürgerlichen Journalisten in Spekulationen über die „Grausamkeit der Terroristen“ ergehen, liegen die tieferen Hintergründe für jeden ersichtlich auf dem Tisch. Solche Aktionen wie die Geiselnahme von Kindern in Beslan sind pure Verzweiflungstaten jener, die kein anderes Mittel des Widerstandes sehen als den Terrorismus. Ihr Ursprung ist nicht ein teuflischer Plan von al-Qaida – welcher Terroranschlag wird mittlerweile NICHT Osama bin Laden zugeschrieben?! -, sondern geht auf den systematischen, umfassenden Völkermord des russischen Imperialismus gegen die Tschetschenen zurück.

 

In Tschetschenien leben – oder besser gesagt lebten – Mitte der 1990er Jahre ca. eine Million Menschen. Während des ersten Tschetschenien-Krieg 1994-96 ermordete die russische Armee ungefähr 100.000 Tschetschenen – das sind 10% der Gesamtbevölkerung! Unzählige trugen Verletzungen und Verstümmelungen davon. 200.000 wurden aus ihren Heimatorten vertrieben und weitere 200.000 ins Ausland. Kurz und gut, rund die Hälfte aller Tschetschenen wurde im ersten Krieg entweder ermordet oder vertrieben. Im zweiten Krieg, den Rußland Ende 1999 begann und der bis heute andauert, hat das Regime in Moskau die Medien viel besser im Griff, weswegen die Informationen über das staatsterroristische Morden weitaus geringer sind. Aber angesichts offizieller russischer Angaben von über 10.000 getöteten „Terroristen“ kann man davon ausgehen, das bislang zumindest mehrere zehntausend – wahrscheinlich jedoch viel mehr! – Zivilisten und Rebellen getötet wurden. Und ohne Zweifel wurde wieder einmal ein großer Teil der Bevölkerung vertrieben. Die Hauptstadt Grosny gleicht einer Geisterstadt – kaum ein Haus, daß nicht zerstört oder beschädigt ist. Viele Dörfer wurden von der Armee und insbesondere den „Kontraktni“ – den Söldnern – dem Erdboden gleichgemacht.

 

Erst wenn man sich diesen Hintergrund – die Zerstörung der gesamten tschetschenischen Gesellschaft – vor Augen hält, kann man solche Verzweiflungsaktionen wie jene in Beslan verstehen. Die Tschetschenen haben nichts mehr zu verlieren und angesichts der Auslöschung ihrer Lebensgrundlagen durch die Schergen des bürgerlichen Putin-Regimes sehen sie keinen anderen Weg als zu den Mitteln des Terrorismus zu greifen. Deswegen sitzen die politischen Verantwortlichen für die Tragödie in Moskau nicht in den Bergen Tschetscheniens oder gar Afghanistans, sondern im Kreml.

 

Gerechte Ziele – falsche Methode

 

Im ganzen Medienrummel gingen die Forderungen der tschetschenischen Kämpfer vollkommen unter. Dabei waren sie so einfach wie gerecht: „Freilassung der gefangenen Tschetschenen“ und „Rückzug der russischen Armee aus Tschetschenien“. Welcher Demokrat und welche Sozialistin könnte diese gerechten Forderungen nicht unterstützen?!

 

Natürlich streben wir eine Gesellschaft an, in der alle Grenzen – und Klassen - aufgehoben werden. Aber wir sind keine politisch Blinden wie die Antinationalen und erkennen daher an, dass sich in unserer Gesellschaft bestimmte Bevölkerungsgruppen als „Volk“ definieren und bestimmte nationale Merkmale tragen. Und ebenso wenig verschließen wir die Augen vor der nationalen Unterdrückung, die ein wesenseigenes Merkmal unserer Epoche des Imperialismus ist. Wir unterstützen daher das Recht auf nationale Selbstbestimmung.

 

Erst wenn man zuerst einmal die grundlegenden, zutiefst demokratischen Forderungen des tschetschenischen Volkes nach sofortigen Abzug der russischen Besatzungsmacht und dem Recht auf nationale Selbstbestimmung – inklusive dem Recht auf einen eigenen, unabhängigen Staat – anerkennt und unterstützt, erst dann kann man sich kritisch mit den Methoden des Widerstandes auseinandersetzen.

 

Und hier ist in der Tat sehr viel Kritik nötig. Wir, der ArbeiterInnenstandpunkt, sind Marxisten. Daher wissen wir aus geschichtlicher Erfahrung, daß eine unterdrückte Klasse und ein unterdrücktes Volk seine Herrscher in der Regel nur mit Gewalt abschütteln können. In Situationen wie in Palästina, dem Irak oder in Tschetschenien halten wir bewaffnete Widerstandsaktionen durchaus für ein legitimes und geeignetes Mittel, um den Befreiungskampf voran zu treiben. Man kann getrost davon ausgehen, daß der Großteil der tschetschenischen Bevölkerung den Widerstand nicht als Einzeltaten weniger Spinner oder Fanatiker sieht, sondern als Versuche, ihre Freiheit zu erlangen.

 

Gerade deswegen jedoch lehnen wir solche Aktionen wie die Geiselnahme in Beslan entschieden ab. Sie sind Wasser auf den Mühlen des reaktionären Putin-Regimes und all der bürgerlichen Hetzer gegen „den Terrorismus“. Gibt es einen besseren Public-Relations-Coup für die anti-moslemischen Einpeitscher, als moslemische Terroristen zu zeigen, die kleine Kinder als Geisel nehmen?!

 

Die zutiefst reaktionären Auswirkungen des Geiseldramas zeigten sich gestern bei den von Gewerkschaften mitorganisierten Massendemonstrationen in Moskau mit angeblich 130.000 Teilnehmern, die unter anderem unter den Losungen stand: "Russland gegen den Terror", "Verdammt die Unmenschen", "Mit Terroristen nur mit Kugeln verhandeln". Diese Demonstration ist trotz Gewerkschafts- und Arbeiterbeteiligung reaktionär, da sie sich chauvinistisch auf die Seite der nationalen Unterdrücker stellt. Dieses Ergebnis zeigt, das es keineswegs eine nebensächliche Frage ist, welche Methoden im nationalen Befreiungskampf gewählt werden!

 

Reaktionärer islamistischer Terrorismus

 

Höchstwahrscheinlich steckt nicht al-Qaida, sondern die radikale, islamistische Strömung des tschetschenischen Widerstandes um Shamil Bassejew hinter der Aktion in Beslan. Dieser legendäre tschetschenische Widerstandsführer spielte bereits während des ersten Tschetschenien-Krieges eine herausragende Rolle. Im Unterschied zum gewählten Präsidenten Tschetschenien Mashkadow strebt er nicht einen Kompromiß mit dem Putin-Regime an, sondern organisiert einen unnachgiebigen Guerillakampf gegen die Besatzung.

 

Doch auch der konsequenteste Widerstandskampf muß letztlich in eine reaktionäre Richtung abgleiten, wenn er sich nicht auf einen organisierten Massenkampf der ArbeiterInnen und Bauern stützt. Bassajews Weg ist der des ländlichen Guerillakampfes und seine soziale Basis sind die Clans im Süden Tschetschenien (v.a. um Vedeno). Die Verzweiflung und Perspektivlosigkeit des Widerstandes haben die kleinbürgerlichen Kräfte um Bassajew den Weg des Islamismus und des Kampfes für die Errichtung eines unabhängigen Tschetscheniens basierend auf dem reaktionären Sharia-Recht beschreiten lassen. Diese Mischung von entschlossenen Widerstand und verzweifelter reaktionärer Utopie macht die Bassajew-Strömung zum Attraktionspol aller Verzweifelten und Gedemütigten, all jener Tschetschenen, die nichts mehr zu verlieren haben, deren Familien von der russischen Soldateska vergewaltigt, entführt oder ermordet wurde, kurz: all jener, für die es nur noch die Welt der Apokalypse gibt und die daher entschlossen sind, diese Apokalypse zurückzuschleudern in das Herrschaftsgebiet seiner Verantwortlichen. Man kann ohne Übertreibung sagen, daß es in fast jeder tschetschenischen Familie solche Verzweifelte gibt.

 

Deswegen verurteilen wir solche terroristischen Aktionen wie jene in Beslan. Aber wir sagen auch unmißverständlich, daß die politisch Verantwortlichen für diese Tragödien im Kreml und nicht in Tschetschenien sitzen!

 

Der Kaukasus zeigt das Elend und die Vernichtung, das die Wiedereinführung des Kapitalismus in der ehemaligen Sowjetunion angerichtet hat. Eine kleine Clique von Finanzhaien und Raubrittern hat sich die Reichtümer der Gesellschaft unter den Nagel gerissen und die Bevölkerung ausgeplündert. Solange diese kapitalistischen Ausbeutungsverhältnisse existieren, gibt es keine Perspektive für die Völker des Kaukasus, ja, aller Völker der ehemaligen Sowjetunion!

 

Doch der reaktionäre Islamismus hat dem tschetschenischen Volk keine Perspektive zu bieten. Nur ein Zusammenschluß der Völker des Kaukasus, basierend auf dem Prinzip der Freiwilligkeit, und auf der Grundlage der Überwindung des kapitalistischen Chaos kann einen Ausweg aus der Apokalypse bieten. Für eine freiwillige, sozialistische Föderation der Kaukasus-Völker!

 

Man kann davon ausgehen, daß das reaktionäre Putin-Regime das Geiseldrama von Beslan als Vorwand für einen neuen Vernichtungsfeldzug in Tschetschenien nimmt. Gerade deswegen ist unsere Solidarität als Marxisten, als Internationalisten, als Demokraten mit dem Freiheitskampf des tschetschenischen Volkes wichtiger denn je.

 

  • Sofortiger Abzug der russischen Truppen aus Tschetschenien!
  • Solidarität mit den Komitees von Soldatenmüttern, die desertierende russische Soldaten unterstützen!
  • Organisiert Solidaritätsaktionen mit dem tschetschenischen Freiheitskampf!
  • Freiheit für Tschetschenien!
  • Für eine freiwillige, sozialistische Föderation der Kaukasus-Völker!

 

 

 

Fußnoten:

 

(1): Tagesschau. http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID1235584_TYP6_THE1224570_NAV1224570_REF_BAB,00.html