Syrien und der Kampf der Großmächte: Das Versagen der "Linken": Teil 3

 

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Alte und neue Großmächte

 

 

 

Die jüngsten Ereignisse bestätigten auch die Analyse der RCIT über den Niedergang der absoluten Hegemonie des US-Imperialismus und den Aufstieg der neuen imperialistischen Mächte China und Russland. An dieser Stelle werden wir unsere Sichtweise nur kurz zusammenfassen, da wir sie in einer Reihe von Büchern, Broschüren und Essays ausführlich dargelegt haben. [1]

 

Das Verständnis des Niedergangs des US-Imperialismus (und des westlichen Imperialismus) und des entsprechenden Aufstiegs neuer imperialistischer Mächte - China und Russland - ist unserer festen Überzeugung nach von grundlegender Bedeutung für eine korrekte Einschätzung der grundlegenden Trends der Weltlage seit Beginn der neuen historischen Periode, die 2008 begann.

 

Wie wir wiederholt gezeigt haben, lässt sich diese Entwicklung auf verschiedenen Ebenen der Weltwirtschaft und -politik beobachten. Betrachtet man die Basis der kapitalistischen Werteproduktion - die globale Industrieproduktion -, so zeigt sich, dass der Anteil der USA von 25,1% (2000) auf 17,7% (2015) zurückging, der Anteil Westeuropas von 12,1% auf 9,2%, während der Anteil Chinas von 6,5% (2000) auf 23,6% (2015) stieg. (Siehe Abbildung 1) Während der Anteil der USA am Welthandel von 15,1 (2001) auf 11,4% (2016) zurückging, stieg der Anteil Chinas in diesem Zeitraum von 4,0% auf 11,5%. (Siehe Abbildung 2)


Abbildung 1. Globale Industrieproduktion, USA, Westeuropa und China 1970-2015 (bei gegenwärtigen Preisen) [2]

 


Abbildung 2. Anteil der USA und Chinas am Welthandel, 2001-2016 [3]

 

Eine ähnliche Entwicklung lässt sich beobachten, wenn wir die nationale Zusammensetzung der führenden kapitalistischen Monopole analysieren. Vergleicht man die Forbes Global 2000 Liste - eine Liste der 2000 größten Unternehmen der Welt - des Jahres 2003 mit dem Jahr 2017, so stellt man fest, dass die USA zwar nach wie vor die stärkste Macht sind, ihr Anteil aber deutlich von 776 Unternehmen (38,8%) auf 565 (28,2%) zurückgegangen ist. Eine ähnliche Entwicklung fand in anderen alten imperialistischen Ländern wie Japan, Großbritannien, Frankreich und Deutschland statt. Andererseits hat China, das in der Liste für 2003 kaum vertreten ist (0,6%), nun 263 Unternehmen auf dieser Liste und wurde mit 2017 die zweitgrößte Macht (13,1%). (Siehe Tabelle 1)

 

 

 

Tabelle 1. Nationale Zusammensetzung der 2000 größten Unternehmen der Welt, 2003 und 2017 (Forbes Global 2000 Liste) [4]

 

2003                                                                       2017

 

Anzahl                  Anteil                                    Anzahl                  Anteil

 

USA                                       776                         38,8%                                    565                         28,2%

 

China                                    13                           0,6%                                       263                         13,1%

 

Japan                                     331                         16,5%                                    229                         11,4%

 

Britannien (UK)                 132                         6,6%                                       91                           4,5%

 

Frankreich                           67                           3.3%                                       59                           2.9%

 

Kanada                                 50                           2,5%                                       58                           2,9%

 

Deutschland                       64                           3,2%                                       51                           2,5%

 

Südkorea                              55                           2.7%                                       64                           3.2%

 

Indien                                   20                           1.0%                                       58                           2.9%

 

 

 

Die gleiche Dynamik lässt sich beobachten, wie wir in unseren Studien gezeigt haben, wenn wir die Veränderungen in der nationalen Zusammensetzung der globalen Liste der Milliardäre oder die Dynamik des Kapitalexports betrachten.

 

Diese grundlegenden wirtschaftlichen Veränderungen führten unweigerlich zu politischen Umwälzungen. Die wachsende Rolle Chinas als Weltmacht ist ein entscheidendes Ergebnis und findet ihren Ausdruck unter anderem in der bekannten Belt and Road Initiative oder dem Regional Comprehensive Economic Partnership for Asia. [5]

 

Russland ist zwar wirtschaftlich schwächer als China - es hat z.B. nur 27 Monopole in der oben genannten Forbes 2000-Liste, halb so viele wie Deutschland oder Frankreich - aber es ist trotzdem eine Großmacht geworden. Dies ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen, wie z.B. den massiven Monopolisierungsprozess in der russischen Wirtschaft oder den traditionellen Zugang zum eurasischen "Hinterland". Ein weiterer wichtiger Faktor ist der riesige militärisch-industrielle Komplex, der Russland zur zweitgrößten Militärmacht hinter den USA und vor allen anderen imperialistischen Staaten macht. (Siehe Tabelle 2 und 3) Darüber hinaus ist der Aufstieg Russlands als Weltmacht vor dem Hintergrund des Aufstiegs Chinas zu sehen, der die Hegemonie der USA erheblich unterminierte und damit mehr Raum für Moskau eröffnete. [6]

 

 

 

Tabelle 2. Atommächte weltweit, 2016 [7]

 

Land                      Stationierte Sprengköpfe      Andere Sprengköpfe          Gesamtbestand

 

USA                       1.800                                                      5.000                                      6.800

 

Russland             1.950                                                      5.050                                      7.000

 

UK                          120                                                         95                                           215

 

Frankreich           280                                                         20                                           300

 

China                    -                                                               270                                         270

 

 

 

Tabelle 3. Die 10 größten Waffenexporteure der Welt, 2016 [8]

 

Exporteur             Weltanteil (%)

 

1 USA                    33

 

2 Russland          23

 

3 China                 6,2

 

4 Frankreich        6,0

 

5 Deutschland    5,6

 

6 UK                      4.6

 

7 Spanien             2,8

 

8 Italien                2,7

 

9 Ukraine             2,6

 

10 Israel                2,3

 

 

 

Die jüngsten Entwicklungen in Syrien zeigen, dass Russland zu einer imperialistischen Macht geworden ist, die in der Lage ist, ihren Einflussbereich sogar im Nahen Osten zu erweitern - dem traditionellen Einflussbereich des US-Imperialismus. Dies ist nicht nur in Syrien selbst zu beobachten, das inzwischen mehr oder weniger ein von Russland besetztes Land ist (mit dem Iran als wichtigem Juniorpartner). [9] Der politische Aufstieg Russlands zeigt sich auch in einem wachsenden Einfluss in der Türkei, Ägypten, Libyen und Katar sowie in der Tatsache, dass Saudi-Arabien - ein verlässlicher Verbündeter der USA - zumindest im wirtschaftlichen Bereich zunehmend mit Russland zusammenarbeitet. [10]

 

Der Niedergang der USA und der Aufstieg Chinas und Russlands sind eines der wichtigsten Merkmale der Weltlage im vergangenen Jahrzehnt. Marxistinnen und Marxisten betonen, dass es unmöglich ist, die Dynamik der globalen wirtschaftlichen, politischen und militärischen Entwicklungen zu verstehen und eine angemessene revolutionäre Strategie zu entwickeln, ohne den Charakter Chinas und Russlands als neue imperialistische Mächte anzuerkennen.

 

 

 



[1] Wir haben unsere umfangreiche Literatur über die zunehmende Rivalität zwischen den imperialistischen Großmächten in einem speziellen englischsprachigen Menüpunkt auf unserer Website gesammelt: https://www.thecommunists.net/theory/china-russia-as-imperialist-powers/. Unsere aktuellste Analyse findet sich im Kapitel IV ("Zunehmende Rivalität zwischen den imperialistischen Großmächten") unseres Buches über die Weltperspektiven 2018 [auf Englisch]: https://www.thecommunists.net/theory/world-perspectives-2018/chapter-iv/

[2] Hong Kong Trade Development Council: Changing Global Production Landscape and Asia’s Flourishing Supply Chain, 3. Oktober 2017, S. 1

[3] Hong Kong Trade Development Council: Changing Global Production Landscape and Asia’s Flourishing Supply Chain, 3. Oktober 2017, S. 4

[4] Forbes Global 2000 List (2017) [auf Englisch], https://www.forbes.com/global2000/list/45/#tab:overall

[5] Zur Analyse der RCIT über China als aufstrebende imperialistische Macht siehe die Literatur im speziellen englischsprachigen Menüpunkt auf unserer Website: https://www.thecommunists.net/theory/china-russia-as-imperialist-powers/. Insbesondere verweisen wir auf Michael Pröbsting: Der China-Indien-Konflikt: Ursachen und Folgen. Was sind der Hintergrund und die Art der Spannungen zwischen China und Indien in der Grenzregion Sikkim? Was sollten die taktischen Schlussfolgerungen für Sozialisten und Aktivisten der Befreiungsbewegungen sein? 18. August 2017, Revolutionary Communism Nr. 71, [auf Englisch] https://www.thecommunists.net/theory/china-india-rivalry/; Michael Pröbsting: Die China-Frage und die marxistische Imperialismustheorie, Dezember 2014, [auf Englisch] https://www.thecommunists.net/theory/reply-to-csr-pco-on-china/; Michael Pröbsting: Chinas Verwandlung in eine imperialistische Macht. Eine Studie über die wirtschaftlichen, politischen und militärischen Aspekte Chinas als Großmacht, in: Revolutionary Communism Nr. 4, http://www.thecommunists.net/publications/revcom-number-4.

[6] Zur Analyse Russlands als imperialistische Macht durch die RCIT siehe die Literatur im speziellen englischsprachigen Unterpunkt auf unserer Website: https://www.thecommunists.net/theory/china-russia-as-imperialist-powers/. Insbesondere verweisen wir auf Michael Pröbsting: Lenins Imperialismus-Theorie und der Aufstieg Russlands als Großmacht. Zum Verständnis und Missverständnis der heutigen zwischenimperialistischen Rivalität im Lichte von Lenins Imperialismus-Theorie, August 2014 [auf Englisch], http://www.thecommunists.net/theory/imperialism-theory-and-russia/; Michael Pröbsting: Russland als imperialistische Großmacht. Die Gründung des russischen Monopolkapitals und seines Reiches - Eine Antwort an unsere Kritiker, 18. März 2014, Sonderausgabe des Revolutionary Communism Nr. 21 (März 2014) [auf Englisch], https://www.thecommunists.net/theory/imperialist-russia/.

[7] SIPRI Yearbook 2017 (Summary), S. 16

[8] SIPRI Yearbook 2017 (Summary), S. 15

[9] Es stimmt, dass Teile Syriens auch von anderen Mächten wie den USA und der Türkei besetzt sind. Aber der größte Teil der syrischen Bevölkerung lebt im russischen Einflussbereich.

[10] Siehe dazu z.B. Saudi-Russia oil alliance likely to weaken OPEC's role, 19 April, 2018 https://www.alaraby.co.uk/english/news/2018/4/19/saudi-russia-oil-alliance-likely-to-weaken-opecs-role