Veränderungen in der ArbeiterInnenklasse

 

Der Kampf für die internationale Organisierung des Proletariats für den Klassenkampf muss die wichtigen Entwicklungen und Veränderungen der letzten Jahre und Jahrzehnte berücksichtigen. Vor hundert Jahren – zur Zeit von Lenin und Trotzki – war das Proletariat in der kolonialen und halb-kolonialen Welt noch recht klein. Die kapitalistische Industrialisierung hatte in einem noch relativ geringen Maße um sich gegriffen. Das Proletariat stellte daher nur eine klare Minderheit unter den Werktätigen dar.


Dies hat sich in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch geändert. Entgegen den unsinnigen Behauptungen zahlreicher kleinbürgerlicher „Intellektueller“ ist das Proletariat nicht kleiner geworden, sondern größer denn je. Die Lohnabhängigen machen heute weltweit knapp die Hälfte aller Erwerbstätigen – genauer gesagt 46,9% (2008) und ca. 1,4 Milliarden in absoluten Zahlen - aus. Ebenso ist der Anteil der Frauen, die am Produktionsprozeß teilnehmen, angestiegen. Weiters ist auch in den imperialistischen Ländern der Anteil der MigrantInnen an der ArbeiterInnenklasse deutlich angestiegen. In vielen Ländern machen sie mittlerweile 10-25% der ArbeiterInnen aus und gerade in den Zentren – den Großstädten – liegt der Anteil noch deutlich höher.


Von besonderer Bedeutung ist auch die Verschiebung des Gewichts des Proletariats von den alten imperialistischen Metropolen in Richtung der ärmeren Länder. Früher lebte die Mehrzahl der ArbeiterInnen in den imperialistischen Metropolen (v.a. Westeuropa und Nordamerika). Heute leben ¾ aller Lohnabhängigen in halbkolonialen sowie den ärmeren imperialistischen Ländern. In der Industrie – dem Kernsektor der kapitalistischen Wertproduktion – leben sogar 83,5% aller Beschäftigten außerhalb der reichen imperialistischen Metropolen. Dazu kommt, dass der Anteil der von den Kapitalisten privilegierten und bestochenen obersten Schichten der ArbeiterInnenklasse – der ArbeiterInnenaristokratie – in den ärmeren Ländern deutlich geringer ist. Kurz und gut, während vor 100 Jahren der Großteil des Weltproletariats in den entwickelten imperialistischen Industriestaaten lebte, haben wir heute die umgekehrte Situation: der Großteil des Weltproletariats lebt in der halbkolonialen Welt sowie unterentwickelten imperialistischen Staaten wie China und Rußland.


Mit dem Wachstum des Proletariats weltweit nimmt jedoch auch die Ungleichheit unter den ArbeiterInnen zu. Gruppen, die früher den Mittelschichten angehört haben und nun proletarisiert wurden, behalten verschiedene Privilegien und Vorurteile bei. Bestimmte obere Schichten der ArbeiterInnenklasse in den imperialistischen Metropolen erhalten Privilegien auf Kosten neuer Unterschichten der ArbeiterInnenklasse in den Metropolen (z.B. MigrantInnen, prekär Beschäftigte) oder in den ärmeren Ländern. Unsere Klasse selbst hat somit Schichten, die von den KapitalistInnen dazu verleitet werden, von der Ausbeutung der breiten Masse unserer Klasse zu profitieren.


Vor diesem Hintergrund nimmt das Problem der Arbeiteraristokratie eine wichtige Stellung für die revolutionäre Strategie ein. Die ArbeiterInnenaristokratie ist eine dünne Schicht an der oberen Spitze des Proletariats, die die Kapitalisten durch die Extraprofite, welche sie aus der Überausbeutung der halbkolonialen Länder und der unteren Schichten des ArbeiterInnenklasse in den Metropolen beziehen, mittels verschiedener Privilegien bestechen und an sich zu binden versuchen. Es ist gerade diese Schicht, die die Haltung „Uns geht’s ja noch gut“ den breiten Massen des Proletariats gegenüber vertritt – weil es ihnen selbst tatsächlich verhältnismäßig „gut“ geht und ihnen auch die Mühen der Zerschlagung des Systems als zu groß erscheinen.


Einerseits untergräbt die kapitalistische Krise die materielle Grundlage dieser Privilegien und läßt diese Schicht kleiner werden. Dadurch werden auch die aristokratischen Schichten verstärkt gezwungen, sich gegen das Kapital zu richten und ihre Interessen zu verteidigen, wodurch sich auch die Möglichkeiten für eine breite Einheit des Proletariats im Klassenkampf verbessern. Andererseits hat auch die Ungleichheit innerhalb des Proletariats zugenommen und die Aristokratie konnte ihren Anteil an den Einkommen der Lohnabhängigen vergrößern.


Daraus ergibt sich die gewachsene, zentrale Bedeutung der unteren und mittleren Schichten des Proletariats (darunter viele MigrantInnen, nationale Minderheiten, Frauen, Jugendliche) zur Vorantreibung des Klassenkampfes und zur Erneuerung der ArbeiterInnenbewegung. Gerade diese Schichten leben ein Leben in spürbaren Ketten. Daher nimmt der Kampf gegen die besonderen, zusätzlichen Formen der Unterdrückung dieser Schichten – wie die nationale und soziale Unterdrückung – einen wichtigen Stellenwert im revolutionären Programm ein, da diese der Bourgeoisie helfen, die Spaltung der ArbeiterInnenklasse zu vertiefen und sie so zu schwächen.


Daraus folgt, dass der Kampf für die politische und organisatorische Unabhängigkeit der ArbeiterInnenklasse besonderes Gewicht auf die breite Masse der ArbeiterInnenklasse – also seine unteren und mittleren Schichten – legen muss. Das bedeutet, dass die ArbeiterInnenorganisationen – Gewerkschaften, Jugend- und Frauenorganisationen und insbesondere die aufzubauende revolutionäre Weltpartei – die veränderte Zusammensetzung des Proletariats wiederspiegeln müssen. Mit anderen Worten: sie muss bestrebt sein, der wachsenden Bedeutung der Proletarier der ärmeren Länder, der Frauen, der MigrantInnen usw. dadurch gerecht zu werden, dass sie diese Schichten im verstärkten Maße anzusprechen und zu organisieren versucht und auch in ihren eigenen Reihen und Führungsstrukturen repräsentiert. Die künftige revolutionär-kommunistische Weltpartei besitzt daher ein stark halbkolonial, jung, weiblich, migrantisch geprägtes Gesicht oder sie versagt in ihrer Aufgabe. Ihre Mitglieder kennen den Wert dieser Schichten und bringen ihnen großen Respekt entgegen.

 

 


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