Lenin, die Bolschewiki und ihr Kampf gegen den imperialistischen Krieg

„Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg“

 

Von Michael Pröbsting

 

Vorwort der Redaktion: Im Folgenden veröffentlichen wir ein Essay von Michael Pröbsting über die Herausbildung der Haltung Lenins und der Bolschewiki zum imperialistischen Krieg. Die Arbeit wurde im Frühjahr 2010 im Journal „Revolutionärer Marxismus“ Nr.40 – dem deutsch-sprachigen Organ der Liga für die Fünfte Internationale (LFI) – veröffentlicht. Genosse Pröbsting war seit 1989 führendes Mitglied der LFI und wurde mit einer Gruppe Gleichgesinnter im April 2011 aus der LFI ausgeschlossen, als sie sich der zunehmenden zentristischen Degeneration der LFI widersetzten. Gemeinsam mit Genossinnen und Genossen in Pakistan, Sri Lanka, USA und Österreich bauten sie eine neue internationale Organisation auf – die Revolutionär-Kommunistische Internationale Tendenz (RCIT). Genosse Pröbsting ist Internationaler Sekretär der RCIT. Wir veröffentlichen den Artikel in seiner ursprünglichen Form und haben im letzten Satz den Verweis auf die LFI durch den Verweis auf die RCIT ersetzt.

 

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Unser Programm des Kampfes gegen imperialistische Kriege und Allianzen der Großmächte wie die NATO beruht in erster Linie nicht auf konjunkturellen Einschätzungen oder einer moralischen Empörung gegen Ungerechtigkeit. Das Fundament unseres Kampfes ist die allgemeine Ablehnung jeglicher Intervention, welche die Stellung der herrschenden Klasse auf Kosten der unterdrückten Völker in verarmten Ländern und der ArbeiterInnenklasse in den imperialistischen Ländern weiter stärkt. Es war dies auch immer die Theorie und Praxis des Marxismus in seiner geschichtlichen Entwicklung. So bekämpften bereits Marx und Engels unterschiedliche Strömungen in der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung, die die Interessen „ihrer“ nationalen Bourgeoisie auch zum Interesse der Arbeiterklasse erklärten (so z.B. Auseinandersetzungen zwischen Marx und Lassalle zur Frage des Sardinischen Krieges 1859). Von besonderem Interesse ist für uns als sozialistische Revolutionäre die Programmatik, die von den Bolschewiki, der Partei der russischen Oktoberrevolution und Initiatorin der Kommunistischen Internationale, ausgearbeitet wurde. Wenngleich das theoretische Fundament einer Haltung gegen Kriege im Interesse der Bourgeoisie bereits von Marx, Engels und anderen kommunistischen Theoretikern formuliert wurde, entwickelten Lenin und die Bolschewiki diese Herangehensweise für Kriege in der – Anfang des 20. Jahrhunderts beginnenden – imperialistischen Epoche weiter.

 

Eine Aufarbeitung der Programmatik der Bolschewiki gegen den imperialistischen Krieg ist insbesondere deswegen wichtig, da heutzutage zahlreiche Pseudo-Kommunisten die Lehre des authentischen Marxismus entstellen und prostituieren. [1] Im Namen des „Kommunismus“ und des „Marxismus“ wird heutzutage von zahlreichen Gruppierungen – angefangen von der post-stalinistischen „Europäischen Linkspartei“ über Parteien wie die griechische KKE oder die deutsche DKP bis hin zu dem Zentrismus a la CWI – eine Politik verfolgt, die in Wirklichkeit in der Tradition der verschiedenen reformistischen und zentristischen Flügel der früheren Sozialdemokratie stehen. [2]

 

Krieg und proletarischer Klassenkampf

 

In der marxistischen Bewegung war die Haltung zu Kriegen von Beginn an eine Kardinalfrage. So war die Gründung der III. bzw. Kommunistische Internationale (Komintern) im März 1919 das Ergebnis des jahrelangen Kampfes der revolutionären Kräfte unter Führung der bolschewistischen Partei unter Lenin’s Führung gegen den offenen Verrat der Sozialdemokratie bei Ausbruch des I. Weltkrieges 1914. Damals versagten die meisten Parteien der II., sozialdemokratischen Internationale darin, gegen den imperialistischen Krieg zu kämpfen bzw. traten sogar offen für die Verteidigung ihres imperialistischen Vaterlandes ein. [3]

 

Die III. Internationale knüpfte dabei an die Tradition des linken Flügels innerhalb jenes Teils der II. Internationale an, der sich gegen den Krieg aussprach und suchte bereits vor ihrer Gründung Kontakt zu revolutionären Kräften, die illegale Arbeit gegen den Krieg leistete. Sie konnte sich dabei neben den russischen Bolschewiki auf den Kampf des linken Flügels innerhalb der deutschen Sozialdemokratie um Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht sowie den Bremer Linksradikalen ebenso stützen wie auf den Kampf des österreichischen „Aktionskomitee der Linksradikalen“, der polnischen linken Sozialdemokraten um Karl Radek und Leo Jogiches, der bulgarischen Tesnjaki („Engherzigen“), der serbischen Sozialdemokratie um Dimitrije Tucović und Dusan Popović u.a.

 

Partei und Klasse

 

Die führende und für die künftige Orientierung der Kommunistischen Internationale prägende Rolle kam jedoch den russischen Bolschewiki unter der Führung von Wladimir Illjich Lenin zu. Die Bolschewiki verstanden Kriege als ein unausweichliches Resultat der von Klassengegensätzen zerklüfteten kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Der Kampf gegen reaktionäre Kriege war daher für sie Teil einer allgemeinen, übergeordneten Strategie des Klassenkampfes, den Marxisten stets mit dem Ziel der sozialistischen Revolution verknüpfen. Daher zeichnete sich die Arbeit der Bolschewiki zur Mobilisierung der Arbeiterklasse gegen reaktionäre Kriege durch die gleiche, auch in allen anderen Bereichen des Klassenkampfes umgesetzte, Herangehensweise aus. Wir wollen daher kurz die Verständnis der Bolschewiki vom Verhältnis Klasse – Partei – Klassenkampf – Revolution skizzieren.

 

Die Bolschewiki hatten es am Beginn der Epoche des Imperialismus Anfang des 20. Jahrhunderts als Erstes verstanden, das Verhältnis von Partei und Klasse und die Rolle der Partei im Klassenkampf unter den Bedingungen des modernen Kapitalismus korrekt zu definieren und praktisch anzuwenden. [4] Dieses Verständnis stützt sich auf das von Lenin in seinem Buch „Was tun“ dargelegte Konzept des Hineintragens des revolutionären Klassenbewußtseins in das Proletariat. Lenin erkannte, daß die Arbeiterklasse – als ausgebeutete und unterdrückte Klasse – nicht spontan zu einem revolutionären Bewußtsein und einem Verständnis der strategischen und taktischen Aufgaben der Revolution gelangen konnte. Vielmehr bedarf es dazu eines organisierten Kerns von sozialistischen Revolutionären, einer bewußten Vorhut, die auf Basis der marxistischen Weltanschauung eine wissenschaftliche Analyse des Kapitalismus und des Klassenkampfes erarbeiten und ein Programm für die Revolution mit den entsprechenden Strategien und Taktiken entwickeln. Nur auf dieser Grundlage ist es möglich, revolutionäre Ideen in die Klasse hineinzutragen. Das revolutionäre Klassenbewußtsein kann daher nicht spontan, von selbst entstehen. Vielmehr ist es die zentrale Aufgabe der Vorhut, der Klasse zu helfen, alle unterentwickelten, spontanen Vorformen des politischen Klassenbewußtseins zu überwinden; es also in den Worten Lenins von der „Spontaneität auf das Niveau der Bewußtheit zu heben” [5] durch einen “erbitterten Kampf gegen die Spontaneität” [6].

 

Auf dieser Grundlage verwirklichte Lenin ein Konzept der Partei, welches diese als Organisation des Kampfes auf der Grundlage einer marxistisch-wissenschaftlichen Programmatik sah – und zwar des Kampfes auf allen Ebenen, des wirtschaftlichen, des politischen und des ideologischen. Damit verbunden war sein Verständnis, daß die Partei nur dann ein revolutionäres Klassenbewußtsein in das Proletariat hineintragen kann, wenn es gleichzeitig auch immer die Verfälschungen und Verzerrungen der unter dem Banner des „Sozialismus“ marschierenden revisionistischen, pseudo-sozialistischen Kräfte aufdeckt und bekämpft.

 

Daraus ergab sich auch das bolschewistische Verständnis der Revolution. Revolutionen können nur dann siegreich enden – also den Kapitalismus stürzen und die sozialistische Gesellschaft errichten – wenn in ihnen erfolgreich die geballte Staatsmacht der Kapitalistenklasse zerschlagen und die Konterrevolution in einem Bürgerkrieg niedergerungen wird. Daraus ergibt sich, daß der scharfe Aufschwung des Klassenkampfes, die Entstehung einer revolutionären Situation – Entwicklungen die oft spontan entstehen können – nur die Voraussetzung für die Machteroberung der Arbeiterklasse ist. Der Sieg der Revolution ist jedoch nur dann möglich, wenn eine Vorhutpartei das Proletariat auf Grundlage eines klaren Programms, einer klaren Strategie und klaren Taktiken durch alle Wendungen und Rückschläge des Klassenkampfes hindurch zum bewaffneten Aufstand hinführt. Nur eine revolutionäre, organisierte Führung ist die Gewähr für den Sieg im Bürgerkrieg gegen die Bourgeoisie. Kurz: Eine revolutionäre Situation entsteht meist spontan, Revolutionen jedoch werden gemacht.

 

Aus diesem Grundverständnis des Wesens der Revolution ergab sich das ganze Konzept der Partei. Die Aufgabe der Partei ist die Führung der Klasse im Klassenkampf auf allen Ebenen – der wirtschaftlichen, der politischen und der ideologischen. Diese Führung wiederum erfordert Klarheit und Initiative auf den Gebieten der Propaganda, der Agitation und der Organisation, also stetige „Umkehrung der Praxis zur Theorie und der Theorie in die Praxis“. [7]

 

Führung beinhaltet daher auch, daß die Avantgarde die Klasse stets über das tatsächliche Kräfteverhältnis, über die wirklichen Zwecke der herrschenden Klasse sowie über die Gefahren der Politik der falschen Führungen der Arbeiterklasse – den reformistischen bzw. zentristischen Kräfte – aufklärt. Die Aufklärung über den wahren Charakter des Reformismus und Zentrismus ist deswegen so wichtig, da deren falsche Politik die Entwicklung des Klassenbewußtseins in eine revolutionäre Richtung erschwert und somit ein die Hindernis darstellt. Es kann daher keine „friedliche Koexistenz“ mit dem Reformismus und Zentrismus geben – sie müssen politisch bekämpft werden. Jene in der Linken, die gerne von der „linken Familie“ träumen, eine offene Kritik am Reformismus und Zentrismus ablehnen und dabei die Klassengegensätze zwischen revolutionären und revisionistischen Marxismus verwischen, erinnern wir an Lenin’s Warnung vor jenen falschen Freunden (…), die sie von der ernsten revolutionären Erziehung ablenken durch inhaltslose revolutionäre oder idealistische Phrasen und durch philisterhaftes Wehklagen über die Schädlichkeit und Nutzlosigkeit einer scharfen Polemik zwischen den revolutionären und den oppositionellen Richtungen,....“ [8]

 

Kriege und der Charakter der imperialistischen Epoche

 

Lenin und die Bolschewiki verstanden die imperialistische Epoche als Weiterentwicklung des Kapitalismus, als sein letztes Stadium, der Epoche der Verschärfung seiner Gegensätze und somit seines Niederganges. Zusammengefaßt definierten die Bolschewiki Kriege in der Epoche des Imperialismus folgendermaßen:

Dieser Krieg ist aus den Bedingungen einer Epoche hervorgegangen, in der der Kapitalismus sein höchstes Entwicklungsstadium erreicht hat; in der bereits nicht nur der Export von Waren, sondern auch der Export von Kapital die wesentlichste Bedeutung hat; in der die Kartellierung der Industrie und die Internationalisierung des Wirtschaftslebens beträchtliche Ausmaße erreicht hat; in der die Kolonialpolitik zur Aufteilung fast des ganzen Erdballs geführt hat; in der die Produktivkräfte des Weltkapitalismus über die engen Schranken der nationalstaatlichen Gliederung hinausgewachsen und die objektiven Bedingungen für die Verwirklichung des Sozialismus völlig herangereift sind.[9]

 

Wir haben Lenins Charakterisierung des Imperialismus an anderer Stelle ausführlich erörtert und belassen es daher hier mit dieser kurzen Zusammenfassung. Wir wollen an dieser Stelle nur auf jene Aspekte eingehen, die die Frage des Krieges betreffen. [10]

 

Lenin betonte in seinen Arbeiten zum Imperialismus, daß in der Epoche der massiven Verschärfung der ökonomischen Gegensätze es dementsprechend auch zu einer Verschärfung der politischen Gegensätze sowohl zwischen den Staaten als auch den Klassen kommt und kommen muß. Somit – und dies haben die letzten 100 Jahre anschaulich gezeigt – zeichnet sich die Weltpolitik durch eine Tendenz zu Kriegen, Militarismus, Rassismus und Reaktion aus. Lenin faßte dies folgendermaßen zusammen: „Der politische Überbau über der neuen Ökonomik, über dem monopolistischen Kapitalismus (Imperialismus ist monopolistischer Kapitalismus) ist die Wendung von der Demokratie zur politischen Reaktion. Der freien Konkurrenz entspricht die Demokratie. Dem Monopol entspricht die politische Reaktion.“ [11] Dies wirkt sich auf alle politischen Ebenen aus: „Sowohl in der Außenpolitik als auch gleicherweise in der Innenpolitik strebt der Imperialismus zur Verletzung der Demokratie, zur Reaktion.[12]

 

Marxisten gingen immer davon aus, daß Kriege nicht in der Machtgier einzelner Gruppen oder Personen wurzeln, sondern im System des Kapitalismus und der Klassenherrschaft überhaupt ihre Ursache finden. Lenin betonte daher, daß Marxisten in ihrer Propaganda immer auf diesen notwendigen Zusammenhang von Krieg und Klassenherrschaft verweisen müssen und Krieges erst mit der Beseitigung der Klassengesellschaft verschwinden werden.

Das revolutionäre Proletariat muß unermüdlich gegen den Krieg agitieren und dabei immer daran denken, daß Kriege unausrottbar sind, solange sich die Klassenherrschaft überhaupt hält. [13]

 

In der Epoche der Verschärfung der Gegensätze des Kapitalismus und seines Niedergangs ergibt sich die verstärkte Tendenz in Richtung Reaktion und Krieg, wenn auch durch formell demokratische Staatsformen und „friedliche“ und „demokratische“ Motive der Kriegsführung getarnt. Schon Marx und Engels wiesen auf die ökonomischen Expansionsdynamiken des Kapitalismus und deren Koppelung an kriegerische Intervention zur Gewinnung neuer und Absicherung bestehender Märkte hin. Lenin und andere marxistische Theoretiker bekräftigten diese Analyse und schlossen aus den Erfahrungen des frühen 20. Jahrhunderts, daß Kriege im imperialistischen Kapitalismus einen permanenten und verschärften Charakter haben. Im Zeitalter des Imperialismus – in dem wir uns nun schon seit mehr als 100 Jahren befinden – verschärft sich die Konkurrenz zwischen den Konzernen und zwischen den kapitalistischen Staaten immer mehr und daher nimmt auch die Auspressung und Unterwerfung sowohl der Arbeiterklasse und als der unterdrückten Völker zu. Es kommt daher unausweichlich immer wieder zu Krisen und Kriegen. In seinem Imperialismus-Buch hielt Lenin 1916 fest:

….das sind Ergebnisse des modernen Monopolkapitalismus im Weltmaßstab. Und diese Ergebnisse zeigen, daß auf einer solchen wirtschaftlichen Grundlage, solange das Privateigentum an den Produktionsmitteln besteht, imperialistische Kriege absolut unvermeidlich sind.“ [14]

 

Im gleichen Sinne hielt auch die Berner Konferenz der Bolschewiki im Februar 1915 kategorisch fest: "Im Kapitalismus, und besonders in seinem imperialistischen Stadium, sind Kriege unvermeidlich." [15]

 

Während also Lenin und die Bolschewiki die Unvermeidlichkeit von Kriegen im Kapitalismus im allgemein und in der imperialistischen Epoche im Besonderen betonten, versäumten sie auch nicht die Unterschiede zwischen den kapitalistischen Entwicklungsperioden herauszustreichen. Im Gegensatz zu Kriegen in vorkapitalistischen Epochen und in der Frühphase der kapitalistischen Entwicklung zeichnen sich imperialistische Kriege vor allem durch folgende Punkte aus: 1. durch ihren verallgemeinerten Charakter (bis hin zum Weltkrieg) als Resultat der Aufteilung der Welt unter den Großmächten; 2. durch die Massenschlächterei der industriellen Kriegsführung; 3. im Falle von inner-imperialistischen Kriegen zwischen Großmächten durch die massive Vernichtung des Kapitalstocks als Ausdruck der verschärften Überakkumulationskrisen im Imperialismus.

 

Wenngleich die Ideologie des nationalen Chauvinismus gekoppelt mit scharfer Repression in den jeweiligen Nationalstaaten als Vorposten der Reaktion zur Anwendung kamen, hat die Steigerung der gesellschaftlichen Widersprüche in der imperialistischen Epoche (und tut dies heute noch) zur Herausbildung von Widerstand, revolutionären Situationen und Revolutionen selbst geführt. Es ist deshalb auch nur konsequent, wenn Lenin Kriege und Revolutionen als die zentralen Merkmale des Imperialismus definiert.

 

Lenin und die Herausbildung der marxistischen Haltung zu imperialistischen Kriegen

 

Die marxistische Haltung zu imperialistischen Kriegen wurde in ihrem Keim von Lenin und den Bolschewiki im russisch-japanischen Krieg 1904/05 entwickelt. Ebenso entwickelten die Menschewiki in ersten Ansätzen die revisionistische, in Richtung Pazifismus tendierende Haltung, wie sie später charakteristische für das links-reformistische und zentristische Lager werden sollte.

 

Den Krieg für die Revolution ausnützen. Die Entwicklung der bolschewistischen Kriegstaktik im russisch-japanischen Krieg 1904/05

 

Der russisch-japanische Krieg hatte zur Ursache den Zusammenstoß der Interessen der beiden Großmächte Rußland und Japan, die beide ihre politischen und wirtschaftlichen Einflußsphären in China und dem gesamten Fernen Osten auszubauen trachteten.

 

Die Bolschewiki verurteilten den Krieg seitens der russischen Zarenherrschaft als einen reaktionären Krieg um Erweiterung der Einflußsphären im Fernen Osten, ein Krieg für die „Ausplünderung der Nachbarländer“, ein Krieg „um die Mandschurei und Korea, um diese neuen Gebiete, die die russische Regierung an sich gerissen hat, um ‚Gelbrußland‘[16]. Daher bezeichneten die Bolschewiki den Krieg seitens Rußlands als einen „Kolonialkrieg“. [17] Während sie – neben den rein innenpolitischen Motiven der um ihre Macht fürchtende Romanow-Dynastie – diesen grundsätzlichen Aspekt des Krieges betonten, suchten die Menschewiki, den Krieg alleine aus den machtpolitischen Interessen des Zaren zu erklären. Sinowjew faßte die Differenzen in der Analyse der Ursachen des Krieges von folgendermaßen zusammen:

Die Menschewiki betonten hauptsächlich seinen dynastischen Charakter und erklärten ihn ausschließlich aus dem Bestreben des Hauses Romanow, den Thron dadurch zu festigen, daß sie die Aufmerksamkeit des Volkes von den inneren Ereignissen auf die äußeren abzulenken versuchten. Bis zu einem gewissen Grad war das natürlich richtig. (…) Aber durch das dynastische Moment wurde die Sache nicht erschöpft. Neben dem dynastischen Moment haben in diesem Krieg zweifellos auch rein imperialistische, annexionistische Bestrebungen, der Wunsch, neue Märkte zu erobern usw., eine bedeutende Rolle gespielt. Viele Parteikomitees, die in Rußland tätig waren, betonten gerade diesen Charakter des russisch-japanischen Krieges, aber die Menschewiki bekämpften diesen Gesichtspunkt (…) Und wenn man sich jetzt in die Evolution des Menschewismus hineinversetzt, so muß man sagen, daß schon in dieser Analyse der Ursachen des russisch-japanischen Krieges ein Anzeichen für ihr künftiges politisches Denken enthalten war.[18]

 

Bereits damals verstanden die Bolschewiki, daß wenn Kriege den schärfsten Ausbruch der kapitalistischen Klassengegensätze darstellen, diese auch gleichzeitig das Potential für die schärfste Form des sozialistischen Klassenkampfes verkörpern. Sie betonten, daß man „stets die große revolutionäre Rolle des historischen Krieges hervorheben“ muß. Lenin schrieb im Zentralorgan der Bolschewiki Wperjod:„Das russische Proletariat hat durch die Niederlage der Selbstherrschaft gewonnen“ und schlußfolgerte „Der Krieg … bringt uns dem Beginn eines neuen Krieges näher, des Volkskrieges gegen die Selbstherrschaft, des Krieges des Proletariats für die Freiheit. [19]

 

Schon im Dezember 1904 – also noch vor Beginn der 1905er Revolution – wies Lenin auf die militärische Niederlage des Zarismus als Ausgangspunkt der Revolution und die notwendige Orientierung der Revolutionäre darauf hin: Der militärische Zusammenbruch ist unvermeidlich und damit zugleich ist auch unvermeidlich, daß die Unzufriedenheit, die Gärung und Empörung zehnfach stärker wird. Auf diesen Zeitpunkt müssen wir uns mit aller Energie vorbereiten. Ist dieser Zeitpunkt gekommen, dann wird einer jener Ausbrüche, die sich bald hier, bald dort immer häufiger wiederholen, zu einer gewaltigen Volksbewegung führen. Dann wird das Proletariat an der Spitze des Aufstandes marschieren, um für das ganze Volk die Freiheit zu erkämpfen, um der Arbeiterklasse den offenen, breiten und durch die gesamte Erfahrung Europas bereicherten Kampf für den Sozialismus zu ermöglichen.“ [20]

 

Die Menschewiki hingegen begründeten ihre Taktik mit der Analyse, das der Krieg nicht auf den grundlegenden Charakter des von Klassengegensätzen zerfressenen Kapitalismus zurückzuführen sei, sondern nur auf oberflächliche, kurzfristige machtpolitische Kalküle. Daraus leiteten sie eine reformerische, pazifistische Strategie gegen den Krieg ab, den man mit der Losung nach „Friede jetzt“ und der Einberufung einer Konstituierenden Versammlung bekämpfen könne. Kein Wort des Rufes nach der Niederlage des Zarenreiches im Krieg, nach Ausnützen des Krieges zur Revolution, der Erkämpfung der Freiheit und der Konstituierenden Versammlung durch einen bewaffneten Aufstand und dem gewaltsamen Sturzes des Zarismus.

 

Der Führer der Menschewiki, Julius Martow brachte die Überlegungen seiner Partei auf den Punkt. So schreibt er, daß das damalige Zentralorgan der Menschewiki, die Iskra, alle Tendenzen in Richtung „Defaitismus“ ablehnte und stattdessen „im Kampf gegen die zaristische Außenpolitik die Forderung des sofortigen Friedensschlusses und als Mittel für diesen Zweck die Einberufung der Konstituierenden Versammlung“ aufstellte. [21]

 

Daher kritisierten die Menschewiki Lenin und die Bolschewiki für ihre „defaitistische“ Haltung:

Die menschewistischen Zentralinstanzen mußten angesichts dieser Bemühungen, die russische revolutionäre Bewegung zum Werkzeug der äußeren Politik der japanischen Imperialisten zu machen, um so vorsichtiger sein, als in den bolschewistischen Kreisen des Auslands die ‚defaitistischen‘ Stimmung nicht weniger stark verbreitet waren als bei den Liberalen und den Nationalisten.[22]

 

In der Tat: Auch wenn Lenin und die Bolschewiki noch nicht die Strategie des „revolutionären Defaitismus“ voll entwickelt hatten, wie sie später zu Beginn des ersten Weltkrieges tun sollten, so finden wir bereits 1904/05 erste zentrale Ansätze dazu. Lenin kritisierte daher schon damals die pazifistische, abwartende Haltung des zentristischen Flügels der Sozialdemokratie – der Menschewiki, die eine aktive Orientierung auf Ausnutzung des Krieges und Verwandlung in einen revolutionären Aufstand ablehnten. So kommentierte er die Positionen der Menschewiki in ihrem Zentralorgan ‚Iskra‘ folgendermaßen:

Selbstverständlich mußte auch die neue ‚Iskra‘ ihre Verworrenheit beweisen. Anfangs verzapfte sie nicht wenige Phrasen über einen Frieden um jeden Preis. Dann hatte sie es eilig, sich zu ‚korrigieren‘… Jetzt ist sie schließlich bei banalen Betrachtungen darüber angelangt, wie unangebracht es sei, über den Sieg der japanischen Bourgeoisie zu ‚spekulieren‘ (!!?), und darüber, daß der Krieg ein Unheil sei, ‚unabhängig davon‘, ob er mit einem Sieg oder einer Niederlage der Selbstherrschaft endet.“ [23]

 

Schon während der Diskussionen zur Haltung zum russisch-japanischen Krieg entwickelten sich somit zentrale Differenzen zwischen einer revolutionären und opportunistischen Haltung. Die grundlegende Differenz drehte sich hierbei um die Fragen, auf welcher Grundlage der Krieg abgelehnt wird, ob das revolutionäre Potential von Kriegen ausgenutzt werden soll und ob Revolutionäre somit für eine Niederlage ihrer jeweiligen Bourgeoisie eintreten sollten. Während die Bolschewiki auf die ökonomischen Ursachen des Krieges hinwiesen, strichen die Menschewiki politische Herrschaftsansprüche als Erklärung hervor. Während die Bolschewiki für eine defaitistische Linie eintraten (also der herrschenden Klasse Russlands jegliche Unterstützung verweigerten und für deren Niederlage eintraten), sprachen die Menschewiki nur in allgemeinen Formeln von der Notwendigkeit des Friedens. Das von Martow vorgebrachte Argument, man würde sich mit einer solchen Haltung unmittelbar auf die Seite der japanischen Bourgeoisie stellen, entbehrte jeglicher Grundlage, da eine defaitistische Haltung die Bekämpfung der jeweiligen nationalen Bourgeoisie als internationale Aufgabe sieht. Den Auseinandersetzungen zwischen einzelnen nationalen Fraktionen der Bourgeoisie (hier der russischen und japanischen) wird der gemeinsame Widerstand der jeweiligen Arbeiterklasse gegen ihre Bourgeoisie gegenübergestellt.

 

Diese unterschiedlichen methodischen Herangehensweisen zur Frage der Haltung der Arbeiterklasse zum Krieg haben spätestens mit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges auch die internationale Arbeiterbewegung erfasst.

 

Die vollständige Entwicklung der revolutionären Taktik gegen den imperialistischen Kriegen zu Beginn des ersten Weltkrieges 1914/15

 

Im August 1914 brach der erste Weltkrieg zwischen zwei Blöcken von imperialistischen Großmächten – Deutschland, Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich auf der einen und Großbritannien, Frankreich und Rußland auf der anderen Seite – aus. Die Bolschewiki und andere Linke in der II. Internationale erkannten von Anfang an, daß dies kein gerechter Krieg von irgendeiner Seite war, sondern ein reaktionärer, imperialistischer Krieg zwischen den Großmächten.

 

Der Ausbruch des Weltkrieges führte zum Zusammenbruch der II. Internationale. Die überwiegende Mehrheit der Führungen der nationalen Parteien brach mit den in den Jahren zuvor beschlossenen Antikriegsresolutionen und unterstützte die herrschende Klasse und ihren Krieg im jeweils eigenen Land. Die Blätter der deutschen Sozialdemokratie wurden ganz patriotisch. So schrieb das „Hamburger Echo“: „Der Krieg ist da. (…) Nun heißt es durchhalten. Gegen die Heere des Zaren, die unser Land zu überfluten drohten, richtete sich die erste Rüstung, der erste Vorstoß. (…) Und nun ist die Westgrenze bedroht. Frankreich hat nach amtliche Meldungen angegriffen (…) wir müssen die Zähne zusammenbeißen und uns wehren. Anderes gibt es nicht. Unschuldig sind wir an dem Fürchterlichen. Wir haben zum Frieden, zur Verständigung gemahnt. Es ist anders gekommen. Jetzt entscheidet das Eisen! Jetzt entscheidet die Macht! Deutschlands Volk muß sich verteidigen!“ Ähnlich schrieb die „Humanité“ – das Zentralorgan der französischen Sozialisten: „Deutschland hat ganz Europa gegen sich aufgebracht. Warten wir das Urteil der Waffen ab, in der Hoffnung, es möge für uns günstig sein.[24] Auch die österreichische Sozialdemokratie war sich nicht zu blöd, anläßlich des Attentats auf den österreichischen Thronnachfolger Erzherzog Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 vom „schweren Unrecht, daß die serbischen Machthaber an Österreich begangen haben“ zu sprechen und den Krieg als gerechten Krieg der Mittelmächte gegen das reaktionäre russische Zarenregime zu charakterisieren. [25]

 

Die Parlamentsfraktionen der sozialdemokratischen Parteien in den kriegsführenden Ländern Europas stimmten – sofern das Parlament einberufen wurde und nicht durch Notverordnungen außer Kraft gesetzt war [26] – für die Bewilligung der Kriegskredite, die für die Finanzierung der Eroberungspläne der Regierungen notwendig waren und unterstützten die Anstrengungen zur Mobilisierung des eigenen Staates für den Krieg.

 

Die Haltung Lenins und der Bolschewiki zum imperialistischen Weltkrieg unterschied sich diametral von jener der gesamten Sozialdemokratie und war auch konsequenter als jene der anderen Kräfte in linken Flügel der II. Internationale. Aufgrund ihrer konsequenten Ablehnung jeglicher Vaterlandsverteidigung und des Eintretens für die Niederlage der eigenen herrschenden Klasse im Krieg wurde die Bolschewiki oft „porashenzy“ – was im russischen soviel wie „Niederlagler“ bedeutet – genannt. Später wurde die bolschewistische Strategie gegen den imperialistischen Krieg oft als „revolutionärer Defaitismus“ bezeichnet. [27]

 

Der Kerngedanke der Lenin’schen Herangehensweise war die Ablehnung des imperialistischen Krieges, dessen Bekämpfung durch die Methoden des Klassenkampfes und dessen Ausnützen zur Vorantreibung des Sturzes der eigenen Bourgeoisie. Daraus ergab sich als erstes das klare Eintreten für die Niederlage der eigenen Regierung im Krieg.

"Die revolutionäre Klasse kann in einem reaktionären Krieg nicht umhin, die Niederlage ihrer eigenen Regierung zu wünschen. Das ist ein Axiom. Und nur von überzeugten Anhängern oder hilflosen Lakaien der Sozialchauvinisten wird dieses Axiom bestritten." [28]

 

Diese Grundhaltung verbanden die marxistischen Revolutionäre mit dem Kampf für die sozialistische Revolution. Daraus ergab sich die Schlüssellosung der Bolschewiki im Kampf gegen den imperialistischen Krieg:

Die Umwandlung des gegenwärtigen imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg ist die einzig richtige proletarische Losung.[29]

 

Daher geht es – so Lenin – „nicht darum, die Gewehre zum Schweigen zu bringen, sondern sie für unsere Ziele einzusetzen[30] Diese zentrale Losung entsprang nicht dem Wunsch, besonders radikal zu klingen, sondern der Einsicht, daß ein imperialistischer Krieg eine massive Anspannung aller gesellschaftlichen Kräfte darstellt und im Falle einer Niederlage die herrschende Klasse in eine tiefe Krise stürzen kann. Mit anderen Worten, ein imperialistischer Krieg wirft früher oder später die Frage auf: welche Klasse herrscht im Land? Wer entscheidet, ob weiterhin Krieg geführt wird, ob Lebensmittel oder Kriegsmaterial produziert wird, ob Frieden geschlossen wird, oder nicht. Die Erfahrungen der beiden Weltkriege mit den revolutionären Situationen in Ost- und Mitteleuropa 1918-23 sowie in Griechenland, Italien und Frankreich 1944-45 belegen diese These der revolutionären Marxisten. Daher wiesen die Bolschewiki immer wieder darauf hin, daß imperialistische Kriege zu Revolutionen führen können und daß Revolutionäre alles in ihrer Macht stehende unternehmen müssen, um diesen Prozeß voranzutreiben und die Massen in Richtung Machteroberung anführen müssen.

Der Krieg hat zweifellos eine Krise schwerster Art heraufbeschworen und die Leiden der Massen ungeheuerlich verschärft. Der reaktionäre Charakter dieses Krieges, die unverschämte Lüge der Bourgeoisie aller Länder, die ihre Raubziele unter dem Mäntelchen „nationaler” Ideologie versteckt - all dies ruft auf dem Boden der objektiv revolutionären Situation unweigerlich revolutionäre Stimmungen in den Massen hervor. Es ist unsere Pflicht, diese Stimmungen bewußt zu machen, zu vertiefen und ihnen Gestalt zu geben. Diese Aufgabe findet ihren richtigen Ausdruck nur in der Losung: Umwandlung des imperialistischen Kriegs in den Bürgerkrieg, und jeder konsequente Klassenkampf während des Krieges, jede ernsthaft durchgeführte Taktik von „Massenaktionen” muß unvermeidlich dazu führen. Man kann nicht wissen, ob eine starke revolutionäre Bewegung im Zusammenhang mit dem ersten oder mit dem zweiten imperialistischen Krieg der Großmächte, ob sie während des Krieges oder nach dem Kriege auf flammen wird, jedenfalls aber ist es unsere unbedingte Pflicht, systematisch und unentwegt in eben dieser Richtung zu wirken.[31]

 

Letztlich ergibt sich die Haltung der Bolschewiki aus der Grundthese des Kommunistischen Manifestes, wonach die Geschichte der Menschheit eine Geschichte von Klassenkämpfen ist. Diese Klassenkämpfe zwischen unterdrückenden und unterdrückten Klassen müssen sich unausweichlich immer wieder in offenen Zusammenstößen, in Bürgerkriegen entladen. Lenin schreibt daher, "daß wir die Berechtigung, Fortschrittlichkeit und Notwendigkeit von Bürgerkriegen voll und ganz anerkennen, d.h. von Kriegen der unterdrückten Klasse gegen die unterdrückende Klasse, der Sklaven gegen die Sklavenhalter, der leibeigenen Bauern gegen die Gutsbesitzer, der Lohnarbeiter gegen die Bourgeoisie." [32]

 

Diese Strategie der Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg konkretisierten die Bolschewiki folgendermaßen:

"Als erster Schritt in Richtung auf die Umwandlung des gegenwärtigen imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg sind zu bezeichnen: 1. unbedingte Ablehnung der Kriegskredite und Austritt aus den bürgerlichen Kabinetten; 2. völliger Bruch mit der Politik des ‚nationalen Friedens‘ (Bloc national, Burgfrieden); 3. Bildung illegaler Organisationen überall dort, wo Regierung und Bourgeoisie unter Verhängung des Belagerungszustandes die verfassungsmäßigen Freiheiten aufheben; 4. Unterstützung der Verbrüderung der Soldaten der kriegsführenden Nationen in den Schützengraben und auf den Kriegsschauplätzen überhaupt; Unterstützung aller revolutionärer Massenaktionen des Proletariats überhaupt." [33]

 

Die Haltung der Sozialdemokratie beim Kriegsausbruch 1914

 

Der Kampf der Bolschewiki gegen den bürgerlichen Einfluß innerhalb der Arbeiterklasse durch die verschiedenen opportunistischen Strömungen fand auf verschiedenen Ebenen statt. Im wesentlichen unterschieden sie zwischen den offenen und den versteckten Opportunisten. Die offenen Opportunisten bildeten der rechten Flügel in der Sozialdemokratie, die offen in Wort und Tat die chauvinistische Politik der eigenen herrschenden Klasse unterstützten. Sie riefen zur Vaterlandsverteidigung auf, stimmten für die Kriegskredite, traten z.T. in die Regierungen ein usw. Deshalb bezeichnete Lenin diesen rechten Flügel als sozialchauvinistisch.

 

Davon zu unterscheiden war das sogenannte „Zentrum“, der versteckt opportunistische oder auch sozialpazifistisch genannte Flügel. Dieser vertrat scheinbar marxistische Positionen, doch in Wirklichkeit paßte er sich an den Opportunismus an. Lenin sprach daher von den Zentristen als den „angeblichen Marxisten, die zwischen Opportunismus und Radikalismus schwanken und in Wirklichkeit als Feigenblatt für den Opportunismus dienen.[34]

 

Es liegt auf der Hand, warum alle ernsthaften Marxisten gegen die Positionen der offenen Kriegsbefürworter – den Sozialchauvinisten – kämpfen und den Bruch mit ihnen anstreben mußten. Wir wollen uns daher hier der Debatte der Bolschewiki mit den Zentristen widmen, deren anerkanntester Vertreter Karl Kautsky war. (weswegen Lenin sie oft als „Kautskyaner“ bezeichnete)

 

Der Zentrismus: Impotente Phrasen für den Frieden und praktische Unterstützung für den imperialistischen Krieg

 

Es ist zuerst einmal festzuhalten, daß viele Linke oft dem Mißverständnis unterliegen, die Führungen der Sozialdemokratie wären 1914 bei Ausbruch des ersten Weltkrieges alle auf rabiat chauvinistische Positionen übergegangen, hätten das eigene Vaterland hochleben lassen und die feindlichen Nationen als minderwertig verdammt. Würden wir den Klassenkampf immer gegen einen Gegner führen, der offen und unverblümt seine Ideen propagiert, wäre vieles einfacher. Tatsächlich ist es seitens der Bürokraten, seitens aller Klassenfeinde in der Regel so, daß sie lügen und betrügen, schwanken, diplomatisch den wesentlichen Fragen ausweichen, daß sie ihre tatsächliche Ziele und Kampfmethoden hinter einer Nebelwand harmloser, süsslicher, scheinbar unschuldiger Phrasen verbergen, gegen die doch niemand etwas einwenden könne. Gerade deswegen wies Lenin immer darauf hin, daß Marxisten erbarmungslos gegen alle Formen der schwammigen, unklaren, der nicht bis zur letzten Konsequenz durchdachten Ideen der Zentristen ankämpfen müssen, denn diese schwammigen Ideen verwirren die ArbeiterInnenklasse, weisen statt eines klaren, revolutionären Weges zum Sieg bloß einen nebelbedeckten Irrweg in den Sumpf und somit in die Niederlage.

 

So standen die führenden Elemente des rechten Flügels der deutschen Sozialdemokratie (SPD) um Gustav Noske, Friedrich Ebert und Albert Südekum mit dem Reichskanzler des Kaiserreiches in direkter Verbindung und planten bewußt die Unterstützung der Sozialdemokratie für Deutschlands Eintritt in den Krieg. Aber der zentristische Teil der Führung – das sogenannte Zentrum mit Karl Kautsky, Hugo Haase, Victor Adler, Friedrich Adler, Otto Bauer, Jean Jaures u.a. – hoffte tatsächlich, einen Krieg vermeiden zu können. Daher warnten sie auf den Konferenzen der II. Internationale in den Jahren vor 1914 vor dem drohenden imperialistischen Weltkrieg und stimmten für entsprechende Resolutionen. Deswegen meinten es sicherlich eine Reihe von Funktionären sogar ehrlich, als der SPD-Parteivorstand am 25. Juli 1914 – nach den Schüssen in Sarajewo und dem drohenden Ausbruch des Krieges – erklärte: „Wir wollen keinen Krieg! Nieder mit dem Kriege! Hoch die internationale Völkerverbrüderung!

 

Es ist hier nicht der Platz, eine ausführlichere Einschätzung der Diskussionen in der internationalen Sozialdemokratie in den Wochen um den Beginn des ersten Weltkrieges darzulegen. Daher seien hier nur einige Anmerkungen gemacht, die für die hier zu besprechende Haltung des Zentrismus zu Kriegssituationen von Bedeutung sind. Aus dem Protokoll der letzten Sitzung des Leitungsgremiums der II. Internationale – dem Internationalen Sozialistischen Büro (ISB) –, welches wegen der Kriegsgefahr am 29. und 30. Juli in Brüssel zusammenkam, kommt die Haltung des Zentrismus deutlich zum Ausdruck. Bei der Sitzung waren zahlreiche namhafte Vertreter der europäischen Parteien anwesend, darunter eine Reihe prominenter Vertreter des Zentrums (answesend waren u.a. Hugo Haase, Karl Kautsky, Victor Adler, Friedrich Adler, Jean Jaures, Jules Guesde, Pawel Axelrod, Emile Vandervelde, Rosa Luxemburg).

 

Im wesentlichen waren die Diskussionen von einer Mischung von Fatalismus und künstlichen Optimismus geprägt. Der historische Führer der österreichischen Sozialdemokratie, Victor Adler, jammerte: „Wir konnten nicht mit dem Krieg rechnen. (…) Die Partei ist wehrlos. (…) Ich persönlich glaube nicht daran, daß es zu einem allgemeinen Krieg kommt. (…) Aber unsere gesamte Organisation und unsere Presse stehen auf dem Spiel. (…) Wir müssen unsere Institutionen schützen. (…) Es ist traurig, aber man kann nichts dagegen machen.

 

Haase war nicht ganz so pessimistisch, kritisierte die Passivität der österreichischen Schwesterpartei und sprach sich für die Abhaltung von Demonstrationen gegen den Krieg aus. Gleichzeitig gab er sich unglaublichen Illusionen hin, die aus der opportunistischen Fixiertheit auf den bürgerlichen Staat resultierte. So meinte er, von seinem Gespräch mit dem deutschen Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg wenige Tage zuvor berichtend:„Wir wissen, daß Deutschland den Frieden will (…) Man vermeidet alles, was zum Krieg führen könnte.“ Den gleichen Unsinn verbreitete der Führer der französischen Sozialdemokratie: „Die französische Regierung will den Frieden. Sie wird England bei dessen Friedensvermittlungen unterstützen.

 

Die Stimmung der Teilnehmer der ISB-Sitzung zeichnete sich durch ein Schwanken zwischen Fatalismus gegenüber dem Krieg, Optimismus gegenüber den Kriegsabsichten der herrschenden Klasse und einem allgemeinen, aber unverbindlichen, nicht konkretisierten, geschweige denn organisierten Wunsch, den Krieg zu verhindern aus. Daher konnten und wollten die Führer keinen Aktionsplan gegen den Krieg beschließen und dies wurde auch von niemanden – auch nicht von Rosa Luxemburg – vorgeschlagen. Man begnügte sich mit einer kurzen Resolution und dem Beschluß, den geplanten Kongreß der Internationale auf den 9. August in Paris vorzuverlegen.

 

Die Hauptaussage dieser Resolution war folgende:

Das Internationale Sozialistische Bureau (…) verpflichtet einstimmig die Proletarier aller betroffenen Länder, Demonstrationen gegen den Krieg und für den Frieden und eine schiedsgerichtliche Regelung des österreichisch-serbischen Konfliktes nicht nur fortzusetzen, sondern noch zu verstärken. Die deutschen und französischen Proletarier sollen stärker denn je Druck auf ihre Regierungen ausüben, damit Deutschland auf Österreich mäßigend einwirkt und Frankreich Rußland dazu bringt, sich nicht in den Konflikt einzumischen.[35]

 

Die ganze Diskussion im ISB seitens aller Teilnehmer war davon geprägt, welche Ereignisse passieren, was auf die Parteien zukommt, wie man unter diesen Umständen möglichst gut überleben könne. Kein Wort darüber, wie die internationale Arbeiterklasse aktiv und gemeinsam gegen den drohenden Krieg kämpfen könne, wie der Krieg für die Vorantreibung des Kampfes gegen den Kapitalismus ausgenützt, wie dieser Kampf organisiert werden könne usw. Dafür richteten sich die Hoffnungen um so mehr auf imperialistische Regierungen, die mittels Schiedsgericht sowie Einwirken auf andere imperialistische Regierungen einen Krieg verhindern sollten. Kein Wunder, daß die Parteiführer nach der Sitzung nach Hause fuhren und keine Finger für eine ernsthafte Mobilisierung gegen den Krieg rührten.

 

Aber ungeachtet der Hoffnungen und Wünsche des sozialdemokratischen Zentrums brach der Weltkrieg aus. Und gerade weil sich die Haltung des Zentrismus durch einen Fatalismus auszeichnete, durch eine Verneinung des aktiven Eingreifens einer Avantgardepartei zwecks Ausnützung aller Krisen des Feindes und Vorantreibens des Klassenkampfes und Klassenbewußtseins, brach dann auch die Standfestigkeit der Kriegsablehnung zusammen. Natürlich, bei einem Teil blieben die Ablehnung des Chauvinismus und das Bedauern des Krieges in Worten erhalten. Aber das hinderte sie natürlich in der Praxis nicht daran, gemeinsam mit den Sozialchauvinisten zu gehen und die imperialistischen Kriegsanstrengungen zu unterstützen bzw. nichts dagegen zu unternehmen.

 

Dies kann man gut an der Erklärung von Hugo Haase, mit der die SPD-Fraktion im Reichstag ihre Zustimmung zu den Kriegskrediten begründete:

Wir stehen vor einer Schicksalsstunde. Die Folgen der imperialistischen Politik, durch die eine Ära des Wettrüstens herbeigeführt wurde und die Gegensätze zwischen den Völkern sich verschärften, sind wie eine Sturmflut über Europa hereingebrochen. Die Verantwortung hierfür fällt den Trägern dieser Politik zu, wir lehnen sie ab. Die Sozialdemokratie hat diese verhängnisvolle Entwicklung mit allen Kräften bekämpft und noch bis in die letzten Stunden hinein hat sie durch machtvolle Kundgebungen in allen Ländern, namentlich im innigen Einvernehmen mit den französischen Brüdern für Aufrechterhaltung des Friedens gewirkt. Ihre Anstrengungen sind vergeblich gewesen.

Jetzt stehen wir vor der ehernen Tatsache des Krieges. Uns drohen die Schrecknisse feindlicher Invasionen. Nicht für oder gegen den Krieg haben wir heute zu entscheiden, sondern über die Frage der für die Verteidigung des Landes erforderlichen Mittel.

Nun haben wir zu denken an die Millionen Volksgenossen, die ohne ihre Schuld in dieses Verhängnis hineingerissen sind. Sie werden von den Verheerungen des Krieges am schwersten getroffen. Unsere heißen Wünsche begleiten unsere zu den Fahnen gerufenen Brüder ohne Unterschied der Partei.

Wir denken auch an die Mütter, die ihre Söhne hergeben müssen, an die Frauen und Kinder, die ihres Ernährers beraubt sind, denen zu der Angst um ihre Lieben die Schrecken des Hungers drohen. Zu ihnen werden sich bald Zehntausende verwundeter und verstümmelter Kämpfer gesellen. Ihnen allen beizustehen, ihr Schicksal zu erleichtern, diese unermeßliche Not zu lindern, erachten wir als zwingende Pflicht.

Für unser Volk und seine freiheitliche Zukunft steht bei einem Siege des russischen Despotismus, der sich mit dem Blute der Besten des eigenen Volkes befleckt hat, viel, wenn nicht alles auf dem Spiel. Es gilt, diese Gefahr abzuwehren, die Kultur und die Unabhängigkeit unseres eigenen Landes sicherzustellen. Da machen wir wahr, was wir immer betont haben: wir lassen in der Stunde der Gefahr das Vaterland nicht im Stich. Wir fühlen uns dabei im Einklang mit der Internationale, die das Recht jedes Volkes auf nationale Selbständigkeit und Selbstverteidigung jederzeit anerkannt hat, wie wir in Übereinstimmung mit ihr jeden Eroberungskrieg verurteilen.

Wir fordern, daß dem Kriege, sobald das Ziel der Sicherung erreicht ist und die Gegner zum Frieden geneigt sind, ein Ende gemacht wird durch einen Frieden, der die Freundschaft mit den Nachbarvölkern ermöglicht.Wir fordern dies nicht nur im Interesse der von uns verfochtenen internationalen Solidarität, sondern auch im Interesse des deutschen Volkes.

Wir hoffen, daß die grausame Schule der Kriegsleiden in neuen Millionen den Abscheu vor dem Kriege wecken und sie für das Ideal des Sozialismus und des Völkerfriedens gewinnen wird. Von diesen Grundsätzen geleitet, bewilligen wir die geforderten Kredite.“ [36]

 

Die ganze Heuchelei des Opportunismus wird vollends klar, wenn man folgende Stelle aus der SPD-Resolution vom 4. August liest:

Sollte die Regierung gestatten, daß der Krieg von deutscher Seite den Charakter eines Eroberungskrieges annimmt, dann werden wir uns gegen sie auf das energischste wenden.[37]

 

Wir sehen hier also die Zustimmung zu ei