Warum die USA den Krieg gegen Afghanistan begannen (2001)

Von Michael Pröbsting

 

Vorwort der Redaktion: Anläßlich des 15. Jahrestages des imperialistischen Angriffes auf Afghanistan im Oktober 2001 veröffentlichen wir eine Reihe von Dokumenten, die wir damals im Rahmen unserer Vorläuferorganisation - der Liga für eine Revolutionär-Kommunistische Internationale (LRKI, ab 2003 umbenannt in Liga für die Fünfte Internationale) - veröffentlichten. Die Gründungsmitglieder unserer heutigen Organisation - der Revolutionär-Kommunistische Internationale Tendenz (RCIT) - wurden im April 2011 aus der LFI ausgeschlossen, als sie sich der zunehmenden zentristischen Degeneration der LRKI/LFI widersetzten. Gemeinsam mit Genossinnen und Genossen in Pakistan, Sri Lanka, USA und Österreich riefen sie sie mit der RCIT eine neue internationale Organisation ins Leben.

 

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Der Krieg des US-Imperialismus gegen Afghanistan hat – entgegen der bürgerlichen Medienpropaganda – nichts mit den tragischen Ereignissen des 11. September zu tun. In Wirklichkeit stecken dahinter handfeste wirtschaftliche und politische Interessen der herrschenden Klasse in den USA. In diesem ersten Teil der Artikelserie behandeln wir die ökonomischen Interessen der USA.

 

Afghanistan liegt in einer für die USA zunehmend wichtigen Region – dem Gebiet um den Kaspische See bzw. Zentralasien. In dieser Region finden sich enorme Hydrokarbonatreserven. Schätzungen zufolge befinden sich in diesem Raum Erdgasvorkommen von 80-110 Billiarden Kubikmeter und die Erdölreserven sollen zwischen 60 und 200 Milliarden Barrel betragen (ein Bericht der US-amerikanischen Energiebehörde vom Juli 2001 spricht sogar von bis zu 235 Mrd. Barrel).

 

Mit anderen Worten, die Kaspische See Region beherbergt Erdölvorkommen, die in etwa einem Viertel der Reserven des Nahen Ostens entsprechen. Allerdings sind diese Reserven zum großen Teil noch nicht erforscht und ausgebeutet.

 

Angesichts der wachsenden Nachfrage des globalen Kapitalismus nach Energieträgern und Befürchtungen von zur Neige gehenden Erdölreserven im Nahen Osten liegt die Bedeutung der Kaspischen See Region für den US-Imperialismus auf der Hand.

 

Aus diesem Grund sind verschiedene westliche Multis – BP, Chevron, Texaco usw. - z.T. führend an den Konsortien beteiligt, die diese Vorkommen auszubeuten trachten.

 

Ein wesentliches Problem für die USA besteht allerdings darin, daß eine sichere, profitable Ausbeutung der Hydrokarbonatvorkommen durch die Konzerne der Absicherung durch unzweifelhaft pro-westliche politische Regimes bedarf. Zum Beispiel muß das Erdöl über lange Pipelinerouten zu Häfen transportiert werden. Die Konzerne haben ein großes Interesse daran, daß die Kosten und Tarife für diese Pipelines so niedrig wie möglich gehalten werden. Dazu bedarf es willfähriger Regimes, die trotz der Armut und den geringen Einnahmen im Land es nicht wagen, von den einzigen wirtschaftlichen Reichtümern in einem nennenswerten Ausmaß mitzuprofitieren.

 

Dieses Problem stellt sich besonders kraß in Afghanistan. Grundsätzlich bietet sich das Land geradezu an für eine Pipelineroute durch den Süden Afghanistan. Sowohl US-Regierungsstellen als auch Konzerne haben wiederholt ihr Interesse an einem solchen Projekt bekundet.

 

Die neue Bush-Administration – bei der sowohl der Präsident, der Vize-Präsident und auch der Nationale Sicherheitsberater enge Verbindungen mit der Erdölbranche besitzen – repräsentieren den Zusammenschluß der Interessen von Multis und Staat und sind daher fest dazu entschlossen, sich für die Interessen der Erdöl-KapitalistInnen massiv einzusetzen.

 

Doch der jahrelange Bürgerkrieg und die politisch wirren Verhältnisse verhinderten bislang die Verwirklichung dieses Projekts. Aus all diesen Gründen arbeiten die USA bereits seit 1997 Pläne aus, Afghanistan zu befrieden und ein willfähriges Regime einzusetzen.

 

Bei einer Anhörung vor dem US-Kongreß am 12.2.1998 brachte der Sprecher des US-Konzerns Unocal Corporation, John J. Maresca, die Interessen der Konzerne offen zum Ausdruck:

 

Wir haben von Anfang an klar gemacht, daß der Bau der von uns vorgeschlagenen Pipeline durch Afghanistan solange nicht beginnen kann, solange nicht ein anerkanntes Regime an der Macht ist, daß das Vertrauen der Regierungen, der Kreditgeber und unseres Unternehmens genießt.“

 

Gleichzeitig würde die Einsetzung eines pro-westlichen Regimes in Afghanistan und die permanente Stationierung von US-Truppen in anderen Ländern (z.B. Usbekistan) den Zugriff Washingtons auf die gesamte Region absichern.

 

Das massenhafte Bombardement der USA gegen Afghanistan ist die Verwirklichung dieser Pläne. Wir werden im nächsten Artikel die weiteren Interessen des US-Imperialismus in diesem Krieg aufzeigen. Aber wir können jetzt schon die Schlußfolgerung ziehen, daß dieser Krieg ein Krieg für Öl ist.

 

Deswegen besteht eine wesentliche Ausgabe der anti-kapitalistischen Bewegung darin, ihren Kampf nicht nur gegen die multinationalen Konzerne zu richten, welche die Menschen ausbeuten und die Umwelt zerstören, sondern auf den Widerstand gegen Krieg und Imperialismus auszuweiten. Konzerne und ihr Drang nach Profit sind die Triebfeder für Kriege. Um Kriege ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen, müssen wir den Kapitalismus zerstören.

 

Dem US-Krieg gegen Afghanistan liegen imperialistische Interessen zugrunde – keinerlei humanitären Erwägungen oder der Kampf gegen den Terrorismus, wie Bush und Blair behaupten. Im ersten Teil der Artikelserie behandelten wir die ökonomischen Interessen der USA. Hier geht es um das fundamentale Bestreben des US-Imperialismus, seine weltweite Vorherrschaft auszubauen.

 

Wir haben im letzten Artikel das Ziel der US-Bourgeoisie aufgezeigt, die unermeßlichen Erdöl- und Erdgasressourcen der Kaspischen Region unter ihre Kontrolle zu bekommen. Natürlich sind Kriege für Rohstoffe nichts neues, sondern ein typisches Merkmal des Imperialismus (der Krieg gegen den Irak 1991 war auch ein solcher). Aber es wäre zu kurz gegriffen, den Afghanistan-Krieg als eine bloße Kopie des Irak-Krieges zu verstehen.

 

Denn zwischen 1991 und 2001 liegen zehn Jahre des rasanten Vorandringens des globalen Kapitalismus und wachsender Widersprüche der kapitalistischen Weltwirtschaft. Nicht umsonst peitschen uns Bush&Blair auf zehn oder mehr Jahre des „Krieges gegen den Terrorismus“ ein. Der Krieg ist der Auftakt zu einer Reihe von imperialistischen Aggressionen gegen „widerspenstige“ Völker und Staaten – sollten die USA und ihre Verbündeten nicht rechtzeitig durch massiven Widerstand sowohl in den halb-kolonialen Ländern (der sogenannten Dritten Welt) als auch den Metropolen gestoppt werden.

 

Zwei Mitarbeiter der bürgerlichen Denkfabrik Brookings Institution, Ivo Daalder und James Lindsay, veröffentlichten nach Kriegsausbruch einen Artikel, in dem sie die langfristigen Absichten der USA unmißverständlich offenlegten:

 

Wir sollten uns im klaren darüber sein, was die weitergehenden Ziele hinter den militärischen Operationen in Afghanistan sind: den terroristischen Gruppen und den sie unterstützenden Staaten eine Botschaft zu senden, daß sie für ihre Unterstützung des Terrorismus einen hohen Preis bezahlen werden. (...) Um die terroristischen Gruppen und ihre Unterstützer in Bagdad, Damaskus und Teheran zu einer Änderung ihrer Politik zu treiben, wird die USA eine kombinierte Strategie anwenden müssen, die entschlossene Diplomatie, zielgerichtete Wirtschaftssanktionen und koordinierte Geheimdienstoperationen beinhaltet. Aber letztlich wird die Strategie von der Bereitschaft abhängig sein, das zu tun was die USA und ihre Partner jetzt mit den Taliban machen: das an der Macht befindliche Regime zu zerstören.

 

In der Tat ist der Krieg für die herrschende Klasse eine Antwort auf die sich häufenden Widersprüche des globalen Kapitalismus. Durch militärische Interventionen bis hin zu offener Kolonialisierung sollen die Völker der III. Welt noch gnadenloser unterworfen und ihre Rohstoffe ausgebeutet werden. Es geht um die Etablierung einer neuen imperialistischen Weltordnung.

 

Intelligentere Verteidiger des Bürgertums geben dies auch offen zu. Am 10. Oktober veröffentlichte z.B. der führende Kommentator des Zentralorgans der britischen Bourgeoisie „Financial Times“, Martin Wolf, einen Artikel mit der Überschrift „Die Notwendigkeit eines neuen Imperialismus“. Darin meint er zustimmend: „(Ministerpräsident) Blair sieht die gegenwärtigen Ereignisse als eine Chance, die Welt neu zu ordnen. (...) Das Ziel muß darin bestehen, unsere Herangehensweise an souveräne Nationalstaaten zu verändern... (...) Wenn gescheiterte Staaten gerettet werden sollen, daß müssen entscheidende Teile einer ehrlichen Regierung von außen kommen. Das ist es auch, was der Westen gerade im ehemaligen Jugoslawien macht.

 

Lassen wir einmal die heuchlerische Rede von „ehrlicher Regierung“ usw. beiseite. Hier geht es nicht darum, über die arrogante, rassistische Sprache der Imperialisten zu diskutieren – wir wissen wie diese Leute denken. Hier geht es darum, ein wenig hinter die oberflächliche Kulisse von CNN und „Zeit im Bild“ zu blicken und die Ziele der Imperialisten besser zu durchschauen.

 

Geben wir aber zuvor noch einen weiteren Kommentar eines anderen hochrangigen bürgerlichen Journalisten wieder, Max Boot, seines Zeichens Herausgeber der Meinungsseite im „Wall Street Journal“. Unter der Überschrift „Die Kolonialisierung widerspenstiger Völker – eine Dosis vom US-Imperialismus könnte die beste Antwort auf den Terrorismus sein“ veröffentlichte er kürzlich einen Artikel. Darin zog er folgende Schlußfolgerungen, für deren Offenherzigkeit man dem Autor gerade zu dankbar sein muß: „Der US-Imperialismus hat sich am Balkan ausgezahlt – zugegebenermaßen ein liberaler und humanitärer, aber nichtsdestotrotz ein Imperialismus“. Und weiter: „Afghanistan und andere problematische Länder schreien geradezu nach einer aufgeklärten ausländischen Verwaltung wie sie einst die selbstbewußten Engländer ausübten.“

 

Halten wir uns auch hier zurück und ersparen uns einen Rückblick auf die blutige Geschichte der „aufgeklärten ausländischen Verwaltung durch die selbstbewußten Engländer“ im Nahen und Mittleren Osten.

 

Hier geht es darum, zu verstehen, daß der Krieg kein Einzelereignis ist, sondern die Fortsetzung der Globalisierung auf militärischer Ebene ist. Denn in der Periode des globalen Kapitalismus, in der

 

* die multinationalen Konzerne verstärkt die halbkoloniale Welt wirtschaftlich durchdringen und ausquetschen;

 

* in der der Welthandel eine noch nie dagewesene Bedeutung erlangt hat;

 

* in der die Konkurrenz zwischen den Kapitalien schärfer wird;

 

* in der es zu enormen wirtschaftlichen Ungleichgewichten und Wendungen kommt - Phasen heftigen Wirtschaftswachstums werden durch weltweite scharfe Rezessionen abgelöst;

 

* in der daher die Bedeutung des Zugriffs auf Rohstoffe wächst;

 

* in der daher das imperialistische Kapital direkter und unmittelbarer durch politische Instabilität, Klassenkämpfe, Bürgerkrieg und der Krise verbündeter Regimes betroffen ist;

 

* in dieser Periode drängt sich für den Imperialismus auch die Notwendigkeit auf, seine politischen und ökonomischen Interessen auch militärisch abzusichern und entsprechend zu intervenieren.

 

All das Gerde vom „Krieg gegen den Terrorismus“ darf daher von Anti-Imperialisten nicht ernst genommen werden. Hier geht es vielmehr darum, daß der Imperialismus eine Weltordnung herbeibomben will, die dem wirtschaftlichen Voranschreiten des globalen Kapitalismus entspricht. Dazu braucht die herrschende Klasse in den Metropolen verstärkte direkte Eingriffsrechte in die politischen Entscheidungen der einzelnen Nationalstaaten. Und sind diese nicht willig, so gebraucht der Imperialismus Gewalt.

 

Allerdings sollten die Herren in Washington, London, Paris und Berlin nicht vergessen, daß es ihnen die Völker mit gleicher Münze zurückzahlen werden.