Revolutionärer Parteiaufbau in Theorie und Praxis

Rück- und Ausblick nach 25 Jahren organisierten Kampfes für den Bolschewismus

 

Von Michael Pröbsting, Revolutionär-Kommunistische Internationale Tendenz, Dezember 2014, www.thecommunists.net

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Inhalt

 

 

 

Einleitung

 

 

 

I. Die revolutionäre Partei und ihre Rolle im Klassenkampf

 

Klassenunabhängigkeit durch Klassenkrieg

 

Klassenkrieg als organisierter und von der revolutionären Partei geführter Kampf

 

Das Proletariat als homogene, aber vielschichtige Klasse

 

Marxismus, fatalistischer Objektivismus und spontaner Subjektivismus

 

Die Partei als Avantgarde

 

Führung, Partei und Klasse

 

Die revolutionäre Partei trägt politisches Klassenbewusstsein in das Proletariat

 

Über die Bolschewiki, ihre Mitglieder und ihre Führung

 

 

 

II. Die revolutionäre Partei und ihre Merkmale

 

Einheit von Theorie und Praxis

 

Die Hingabe der Parteimitglieder

 

Das Programm zuerst

 

Propaganda und Agitation

 

Kommunistische Massenarbeit

 

Klassenzusammensetzung und Orientierung auf die nicht-aristokratischen Schichten der ArbeiterInnenklasse

 

Taktiken im Aufbau der revolutionären Partei

 

Die Verpflichtung der KommunistInnen zur Arbeit und der demokratische Zentralismus

 

Der Kampf gegen bürgerliche und kleinbürgerliche Einflüsse in der ArbeiterInnenklasse

 

Nationaler und internationaler Parteiaufbau müssen Hand in Hand gehen

 

 

 

III. 25 Jahre Aufbau unserer internationalen Tendenz

 

i) Workers Power (Britannien) und die MRCI 1976-1989: Der Beginn des Wiederaufbaus des revolutionären Marxismus

 

ii) Die LRCI in der Periode von 1989-2001: Der Zusammenbruch des Stalinismus und nationale Befreiungskämpfe

 

1989-1991: Politische Revolution und soziale Konterrevolution in den stalinistischen Ländern

 

1991: Der imperialistische Angriff gegen den Irak

 

1992-1995: Die Balkankriege

 

1997-1999: Der nationale Befreiungskampf im Kosovo und der Krieg der NATO gegen Serbien

 

1994 bis heute: der Aufstand des tschetschenischen Volks gegen die russische Besatzung

 

Die Schwierigkeiten im Parteiaufbau in den 1990er Jahren und der Kampf gegen passiven Propagandismus

 

Diskussion zum Charakter der Periode

 

 

 

iii) Die LRCI/LFI in der Periode von 2001-2008: Vorrevolutionäre Periode imperialistischer Kriege und des Widerstands

 

2001: Der imperialistische Angriffskrieg gegen Afghanistan

 

2003-2011: Der Krieg im Irak und der Kampf gegen den Imperialismus

 

Revolutionäre Entwicklungen in Lateinamerika: Argentinien, Venezuela, Bolivien und die Bolivarische Bewegung

 

Die Antiglobalisierungsbewegung

 

Die Krise des Reformismus und die Taktik der Neuen ArbeiterInnenpartei

 

Interne Debatten und die Spaltung 2006

 

Wachstum… und Vorboten künftiger Probleme: Klassenzusammensetzung, Orientierung und unser Kampf gegen den Aristokratismus

 

Wachstum in Südasien

 

 

 

iv) 2008-2011: das Versagen der LFI, sich den Herausforderungen der revolutionären Periode der historischen Krise des Kapitalismus zu stellen

 

Falsches Verständnis des Charakters der Periode

 

Falsches Verständnis der Unterdrückung von MigrantInnen und des Wesens der Arbeiteraristokratie

 

Die praktische Demonstration des Zentrismus der LFI während des August-Aufstands 2011 in Britannien

 

Versagen im Verständnis des Zentrismus und im Kampf gegen ihn

 

Spaltung, Niedergang und weitere politische Degeneration der LFI

 

 

 

v) Die gegenwärtige Entwicklung: Gründung und Aufstieg der RCIT seit 2011

 

Wachstum und exemplarische Massenarbeit

 

Marxistische Theorie und Propaganda

 

 

 

IV. Lektionen für die Zukunft

 

Die Unersetzlichkeit einer bolschewistischen Organisation – national und international

 

Die Einheit von Theorie und Praxis muss in allen Bereichen der Parteiarbeit umgesetzt werden

 

Die zentrale Bedeutung des revolutionären Programms

 

Weiterentwicklung von Programm und Theorie

 

Wichtigkeit der exemplarischen Massenarbeit

 

Spaltungen und Fusionen

 

Verankerung der kommunistischen Parteiaufbauorganisation in der ArbeiterInnenklasse

 

Kampf gegen Linksreformismus und Zentrismus

 

 

 

 

Vorwort der Redaktion

Im Folgenden veröffentlichen wir Teil 1 des Buches von Michael Pröbsting über Theorie und Praxis des revolutionären Parteiaufbaus. Das Buch erschien ursprünglich in englischer Sprache im Dezember 2014 als E-Book bzw. als Ausgabe 29 und 30 des englischsprachigen internationalen Journals der Revolutionär-Kommunistische Internationale Tendenz (RCIT). Wir haben es für die deutsche Übersetzung an ein paar Stellen aktualisiert.
Michael Pröbsting ist der Internationale Sekretär der RCIT. Alle Publikationen der RCIT können über unsere Kontaktadresse bezogen werden. Der Text wurde von Gerlinde K. übersetzt.

 

 

Einleitung und Kapitel I: Die revolutionäre Partei und ihre Rolle im Klassenkampf

 

 

Einleitung

 

 

 

Vor einigen Monaten feierte unsere Bewegung ihr 25jähriges Jubiläum. Im Sommer 1989 wurde unsere Vorgängerorganisation, die Liga für eine Revolutionär-Kommunistische Internationale (LRCI) als demokratisch-zentralistische internationale Tendenz basierend auf einem ausgearbeiteten Programm gegründet. Die Revolutionär-Kommunistische Internationale Tendenz (internationale Abkürzung: RCIT) führt die revolutionäre Tradition der LRCI fort. Im Folgenden wird ein Überblick über unsere Geschichte gegeben, eine Aufarbeitung unserer Erfolge wie auch unserer Fehler und eine Zusammenfassung der Lehren für die vor uns liegenden Kämpfe. Dieses Buch fasst unsere theoretische und praktische Erfahrung der letzten 25 Jahre zusammen. [1]

 

 

 

* * * * *

 

 

 

In Kapitel I beleuchten wir die theoretische Konzeption der Bolschewiki-Kommunisten bezüglich der Rolle der revolutionären Partei und ihres Verhältnisses zur ArbeiterInnenklasse. In Kapitel II werden die wesentlichen Grundzüge einer revolutionären Partei bzw. deren Vorformen herausgearbeitet. In Kapitel III behandeln wir die Geschichte unserer Bewegung – der RCIT und ihrer Vorgängerorganisation. Schließlich werden in Kapitel IV die wichtigsten Lehren aus 25 Jahren organisierten Kampfs für den Aufbau einer bolschewistischen Partei gezogen und ihre Bedeutung für unsere künftige Arbeit beleuchtet. [2]

 

 

 

I. Die revolutionäre Partei und ihre Rolle im Klassenkampf

 

 

 

Einer der grundlegendsten Unterschiede zwischen dem unverfälschten Marxismus und den diversen, von kleinbürgerlichen Intellektuellen verbreiteten, Karikaturen, liegt darin, ob dieser vorwiegend eine Weltanschauung darstellt, die dem Proletariat als Handlungsanleitung dient, oder ob es eine bloß soziologische Theorie ist, die sich darauf beschränkt, Entwicklungen in der Klassengesellschaft zu analysieren. Bekanntlich waren Marx, Engels, Lenin und Trotzki überzeugte Anhänger davon, dass der Marxismus eine Methode ist – nämlich die des dialektischen Materialismus -, ein wissenschaftliches Instrument zum Verständnis aller Erscheinungen in der Gesellschaft wie auch der Natur und im Dienste der Menschheit zum Zwecke des Eingreifens und der Umgestaltung der Welt im eigenen Interesse.

 

Marx und Engels brachten diese Sichtweise in zahlreichen Schriften zum Ausdruck. Die vermutlich berühmteste Formulierung ist die 11. These von Marx zu Feuerbach: “Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt drauf an, sie zu verändern[3]

 

Engels drückte diesen fundamentalen Gedanken folgendermaßen aus:

 

“Und Kommunismus hieß nun nicht mehr: Ausheckung, vermittelst der Phantasie, eines möglichst vollkommenen Gesellschaftsideals, sondern: Einsicht in die Natur, die Bedingungen und die daraus sich ergebenden allgemeinen Ziele des vom Proletariat geführten Kampfs.”[4]

 

Daraus folgt, dass der Marxismus niemals eine “neutrale” Theorie sein kann, die über den Klassen und ihren Parteien steht, sondern nur eine Theorie sein kann, die die Realität aus einem parteilichen Blickwinkel erklärt, d.h. vom Standpunkt der proletarischen Interessen oder allgemeiner, des historischen und gesellschaftlichen Fortschritts. Parteilichkeit (“partiinost” in der bolschewistischen Terminologie) ist ein grundlegendes Erfordernis für MarxistInnen, wie Lenin bereits in seinen frühen Schriften herausgestrichen hat:

 

Anderseits schließt der Materialismus sozusagen Parteilichkeit in sich ein, da er dazu verpflichtet ist, bei jeder Bewertung eines Ereignisses direkt und offen den Standpunkt einer bestimmten Gesellschaftsgruppe einzunehmen[5]

 

Deshalb ist der Marxismus von seinem Wesen her eine Handlungsanleitung, wie Engels und später Lenin und Trotzki wiederholt betont haben. Lenin, sich auf Engels Äußerung berufend, erklärte: “Unsere Lehre, sagte Engels von sich und seinem berühmten Freund, ist kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln. In diesem klassischen Satz ist mit wunderbarer Kraft und Prägnanz jene Seite des Marxismus hervorgehoben, die sehr oft außer Acht gelassen wird. Wenn wir sie aber außer Acht lassen, machen wir den Marxismus zu einer einseitigen, missgestalteten, toten Lehre, nehmen wir ihm die lebendige Seele, untergraben wir seine fundamentale theoretische Grundlage - die Dialektik, die Lehre von der allseitigen und widerspruchsvollen historischen Entwicklung, untergraben wir seinen Zusammenhang mit den bestimmten praktischen Aufgaben der Epoche, die sich bei jeder neuen Wendung der Geschichte ändern können.[6]

 

 

 

Klassenunabhängigkeit durch Klassenkrieg

 

 

 

Die Voraussetzung für eine korrekte politische Orientierung auf den proletarischen Befreiungskampf ist das grundlegende Prinzip des bolschewistischen Programms und liegt – in einem Wort ausgedrückt – in der Klassenunabhängigkeit. Klassenunabhängigkeit des Proletariats heißt, dass es sich selbst aus den politischen, organisatorischen und ideologischen Fesseln, die es an die herrschende Klasse ketten, befreit.

 

Diese Ketten umfassen die ideologische Manipulation durch die kapitalistischen Medien, Schulen, religiösen Institutionen, die Kontrolle über die ArbeiterInnenbewegung (Gewerkschaften, reformistische Parteien etc.) durch die ArbeiterInnenbürokratie usw. Dazu kommt, was Marx Warenfetischismus nannte, d.h. die dem Kapitalismus innewohnende Tendenz, den inneren Mechanismus der kapitalistischen Wertschöpfung und des Ausbeutungsprozesses zu verbergen und ein falsches, verwirrtes Bewusstsein in der Gesellschaft (einschließlich der ArbeiterInnenklasse) zu schaffen. Marx und Engels beobachteten schon im Kommunistischen Manifest: “Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse.”[7]

 

Daraus folgt, dass Klassenunabhängigkeit nur über den unnachgiebigen Klassenkampf der ArbeiterInnenklasse gegen die Bourgeoisie und ihre Lakaien auf allen Ebenen erreicht werden kann. Das heißt, dass das Proletariat seinen Kampf im wirtschaftlichen Bereich (um höhere Löhne, gegen Arbeitslosigkeit, gegen Preiserhöhungen usw.), im politischen Bereich (für demokratische Rechte, gegen nationale Unterdrückung usw.) wie auch im theoretisch-ideologischen Bereich (gegen die Ideen von Reformisten, Zentristen, Nationalisten, Islamisten usw.) führen muss. Mit anderen Worten, der Marxismus kann nur als Strömung existieren, wenn er den bestehenden objektiven Gegensatz zwischen den Klassen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens in einen subjektiven Gegensatz umwandelt, wo die Führung des Proletariats gegen ihre Feinde in allen Bereichen kämpft. Darum betonte Trotzki, in seinem Buch Der neue Kurs und anderen Schriften, den militanten Charakter des Bolschewismus: Der Leninismus ist kriegerisch von Kopf bis Fuß. [8] Ganz ähnlich schrieb Gregory Sinowjew, ein weiterer bolschewistischer Führer, der eng mit Lenin im Ersten Weltkrieg zusammenarbeitete, 1916:Der Sozialismus ist nicht Pazifismus. Der Sozialismus ist kämpfender Marxismus. Solange dieser Gedanke innerhalb der Arbeiterbewegung nicht allgemein anerkennt ist, wird der bürgerliche Einfluß auf das Proletariat, der auch im Pazifismus zum Ausdruck kommt, der Freiheitsbewegung der Arbeiter stets schädlich sein.[9] Mit anderen Worten, ein Marxismus, der nicht militant und militaristisch gegen die Feinde des Proletariats ist, kann wohl kaum Marxismus genannt werden. [10]

 

Somit müssen MarxistInnen einen fortwährenden, aufklärerischen Kampf gegen das falsche Bewusstsein, das durch den Warenfetischismus geschaffen wird, führen. Das erfordert kollektive wissenschaftliche Arbeit – denn die Einsicht in die inneren Mechanismen des Kapitalismus und die Bedingungen für seinen Sturz überkommt niemanden spontan – und systematische Propaganda der Partei in den Reihen der ArbeiterInnenklasse. [11]

 

 

 

Klassenkrieg als organisierter und von der revolutionären Partei geführter Kampf

 

 

 

Aus all dem folgt, dass der Marxismus im politischen Bereich nur zu einer lebendigen Weltanschauung werden kann, wenn er von einem Kollektiv von Menschen, die ihn für den revolutionären Befreiungskampf der ArbeiterInnenklasse und aller Unterdrückten nutzen, aufrecht erhalten wird. Mit anderen Worten, der Marxismus ist die Weltsicht einer Klasse und existiert nur als Ideologie eines Kollektivs dieser Klasse. Deshalb benötigt die marxistische Weltanschauung die Bildung einer revolutionären Partei (oder einer Vorform davon) – nicht als Luxus, sondern als conditio sine qua non. Wie Lenin einst bemerkte: “Denn „revolutionärer Marxismus" außerhalb der sozialdemokratischen Partei ist einfach eine Salonphrase eines legalen Schwätzers (…)“.[12]

 

Eine revolutionäre Partei ist unter allen Umständen unverzichtbar. Nur eine solche Partei kann die ArbeiterInnen sowohl in Perioden des Rückzugs wie auch des Vormarsches führen. Nur eine solche Partei kann die richtigen Lehren ziehen und sie auf programmatische Schlussfolgerungen für das Auf und Ab des Klassenkampfs verallgemeinern. Nur eine solche Partei kann KämpferInnen in den revolutionären programmatischen und organisatorischen Methoden ausbilden und so das Proletariat für weitere Kämpfe vorbereiten. Zu Beginn des Aufbaus der russischen marxistischen Partei hielt Lenin richtig fest:

 

Es ist lächerlich, sich auf den Unterschied in der Situation, auf den Eintritt einer neuen Periode zu berufen: an der Schaffung einer Kampforganisation arbeiten und politische Agitation treiben ist unbedingt notwendig in jeder Situation, mag sie auch noch so ‚alltäglich, friedlich’ sein, in jeder Periode, mag in ihr der ‚revolutionäre Geist’ auch noch so ‚gesunken’ sein; mehr als das: gerade in einer solchen Situation und in solchen Perioden ist die genannte Arbeit besonders notwendig, denn in der Zeit der Explosionen und Ausbrüche ist es schon zu spät, eine Organisation zu schaffen; sie muss in Bereitschaft stehen, um sofort ihre Tätigkeit entfalten zu können.”[13]

 

Die revolutionäre Partei repräsentiert die höchste Form des Klassenbewusstseins und der Organisation des Proletariats, wie Lenin betonte. [14] Die Bolschewiki – wie die revolutionären MarxistInnen in Russland genannt wurden – waren die Ersten, die den Parteitypus, der für den Sieg der proletarischen Revolution notwendig war, verstanden und eine solche “Partei neuen Typs” von 1903 an entwickelten. [15] Später – nach dem Sieg der Oktoberrevolution – folgten viele RevolutionärInnen in anderen Ländern dem russischen Beispiel und gründeten kommunistische Parteien. Als sie ihre Kräfte zusammenschlossen und im März 1919 die Kommunistische Internationale gründeten, verallgemeinerten sie die bolschewistische Erfahrung und übernahmen ihre Lehren. Lenin selbst strich heraus, dass der Bolschewismus ein international anwendbares Programm geworden ist: “Der Bolschewismus ist zur weltumspannenden Theorie und Taktik des internationalen Proletariats geworden!” [16]

 

Die grundlegendste dieser Lehren war, dass eine revolutionäre Partei die wichtigste Vorbedingung für einen erfolgreichen Befreiungskampf der ArbeiterInnenklasse ist:

 

Die kommunistische Partei ist die die Haupt- und Grundwaffe zur Befreiung der Arbeiterklasse ist. In jedem Land dürfen wir jetzt nicht Gruppen oder Strömungen, sondern müssen wir eine kommunistische Partei haben.” [17]

 

Die Kommunistische Internationale verwirft auf das entschiedenste die Ansicht, als könne das Proletariat seine Revolution vollziehen, ohne eine selbständige politische Partei zu haben. Jeder Klassenkampf ist ein politischer Kampf. Das Ziel dieses Kampfes, der sich unvermeidlich in einen Bürgerkrieg verwandelt, ist die Eroberung der politischen Macht. Die politische Macht kann nicht anders ergriffen, organisiert und geleitet werden als durch irgendeine politische Partei. (…) Derselbe Klassenkampf erfordert gleichfalls die zentrale Zusammenfassung und die gemeinsame Leitung der verschiedenartigen Formen der proletarischen Bewegung (Gewerkschaften, Konsumvereine, Betriebsräte, Bildungsarbeit, Wahlen und dergleichen). Ein derartiges zusammenfassendes und leitendes Zentrum vermag nur eine politische Partei zu sein. Der Verzicht, eine solche zu schaffen und zu stärken, sich einer solchen unterzuordnen, bedeutet den Verzicht auf die Einheitlichkeit in der Führung der einzelnen Kampftrupps des Proletariats, die auf den verschiedenen Kampfplätzen vorgehen. Der Klassenkampf des Proletariats erfordert eine konzentrierte Agitation, welche die verschiedenen Etappen des Kampfes von einem einheitlichen Standpunkt beleuchtet und die Aufmerksamkeit des Proletariats in jedem betreffenden Augenblick auf bestimmte, der gesamten Klasse gemeinsame Aufgaben lenkt. Das kann ohne einen zentralisierten politischen Apparat, d. h. außerhalb einer politischen Partei, nicht durchgeführt werden. (…) Die revolutionären Syndikalisten und Industrialisten wollen gegen die Diktatur der Bourgeoisie kämpfen, wissen aber nicht, wie. Sie merken nicht, dass die Arbeiterklasse ohne eine selbständige politische Partei ein Rumpf ohne Kopf ist.” [18]

 

Leo Trotzki fasste diese Schlussfolgerung 1924 in einem seiner grundlegenden Dokumente, 1917 - Die Lehren des Oktobers, mit folgenden energischen Worten zusammen: Ohne die Partei, unter Umgehung der Partei, durch ein Surrogat der Partei kann die proletarische Revolution nie siegen. Das ist die Hauptlehre des letzten Jahrzehntes.[19]

 

Die Notwendigkeit des Aufbaus einer revolutionären Partei besteht immer – ungeachtet der konkreten Bedingungen des Klassenkampfs oder der aktuellen Stärke der RevolutionärInnen. Trotzki schrieb einst, dass sogar, wenn es nur drei RevolutionärInnen auf der ganzen Welt gäbe, sie sich organisieren und für die Gründung einer bolschewistischen Partei kämpfen müssten:

 

Wenn es im Exil auch nicht einmal 350 Getreue sind, die zu unserem Banner stehen, sondern nur 35 oder gar nur drei; das Banner wird bleiben, die strategische Linie wird bleiben, und die Zukunft wird bleiben.[20]

 

Die Partei ist Führerin und Strategin des Klassenkampfs gegen das ausbeuterische kapitalistische System. Die gesamte Arbeit der Partei oder der Parteiaufbauorganisation ist auf die Vorbereitung und Organisation des Klassenkampfs ausgerichtet. Die Kommunistische Internationale betonte diesen Punkt:

 

Unsere gesamte Parteiarbeit ist praktischer oder theoretischer Kampf oder Vorbereitung dieses Kampfes.[21]

 

Daher ist die revolutionäre Organisation – wie Lenin in Was tun? und vielen anderen Schriften betonte – eine Kampforganisation, d.h. eine Organisation, deren Mitglieder alle KämpferInnen sind in einem permanenten Krieg gegen das kapitalistische System und seine Lakaien an der Spitze der ArbeiterInnenbewegung. In einem kurzen Artikel von 1922 verfasst Nikolai Bucharin, einer der wichtigsten bolschewistischen Führer, eine exzellente Beschreibung des durch und durch kämpferischen Charakters der Partei und der völligen Hingabe ihrer Mitglieder. Er nannte die Partei “die eiserne Kohorte der proletarischen Revolution.”[22]

 

In seinen philosophischen Heften 1933-35 formulierte Leo Trotzki den Charakter der bolschewistischen Partei in der personifizierten Formel “Lenin + Kamo”. [23] Kamo war der berühmte armenische Führer einer bolschewistischen Kampfeinheit und organisierte eine Reihe bewaffneter Überfälle, um Gelder für die Partei aufzubringen und die feindlichen Kräfte anzugreifen. [24] In der Kombination von Lenin und Kamo drückte Lenin die bolschewistische Einheit von Theorie und Praxis aus – des theoretischen und propagandistischen Kampfes wie auch des militärischen Kampfes.

 

Mit der Verwendung von Begriffen wie “Militante” und “Kämpfer” ist nicht notwendigerweise ein militärischer Kontext gemeint. Bolschewiki sind Kämpferinnen und Kämpfer gegen die bürgerliche Ordnung und sie kämpfen dagegen mit allen nötigen und politisch angemessenen Mitteln. Während unter gewissen Umständen das auch militärische Mittel einschließen kann, bedeutet es zuerst und vor allem praktische, organisatorische, propagandistische und andere Mittel, um die Herzen und Hirne der ArbeiterInnenklasse zu gewinnen.

 

Zusammenfassend ist der Aufbau der revolutionären Partei bzw. ihrer Aufbauorganisation immer und unter allen Umständen die wichtigste Aufgabe – unter günstigen wie auch unter ungünstigen Umständen und mit nummerisch schwachen oder starken Kräften. Solch eine Partei muss als Kampforganisation aufgebaut werden oder sie ist keine revolutionäre Kraft.

 

 

 

Das Proletariat als homogene, aber vielschichtige Klasse

 

 

 

Der Marxismus besteht darauf, dass das Proletariat homogener als die anderen Klassen in der bürgerlichen Gesellschaft ist – die Bourgeoisie oder das Kleinbürgertum beispielsweise. Der Modus operandi der letzteren Klassen ist durch konstante Rivalität gegen ihre Konkurrenten im Geschäftsleben gekennzeichnet. Die ArbeiterInnenklasse andererseits wird durch ihre Arbeits- und Lebensbedingungen als Klasse, die keine Produktionsmittel besitzt und von den Kapitalisten ausgebeutet wird, vereint. Das bildet die objektive Vorbedingung für einen vereinten Kampf gegen die ausbeuterische kapitalistische Klasse.

 

Und doch: der Marxismus geht von der Anerkennung der Tatsache aus, dass die ArbeiterInnenklasse keine völlig homogene Klasse ist. Sie ist sowohl sozial wie auch politisch geteilt. Sozial nicht nur zwischen ArbeiterInnen und Angestellten, Werktätigen von Klein- und Großbetrieben, gelernten und ungelernten Kräften usw., sondern auch – und viel wichtiger – entlang spezifischer Unterdrückungslinien: ArbeiterInnen in imperialistischen Ländern und ArbeiterInnen in halbkolonialen Ländern, national unterdrückte und migrantische ArbeiterInnen, die proletarische Jugend und Frauen usw. Weiters ist es der Bourgeoisie in den imperialistischen Ländern durch die Ausbeutung der (halb-)kolonialen Welt möglich, riesige Mehrwertprofite herauszupressen, mit denen sie die Oberschicht des Proletariats – die ArbeiterInnenaristokratie - bestechen kann. Mittels solcher Bestechung kann das Monopolkapital die privilegiertesten Teile der ArbeiterInnenklasse integrieren und sie zu Unterstützern der bürgerlichen Herrschaft machen. Während diese aristokratische Schicht – verglichen mit dem gesamten Proletariat – zahlenmäßig gering ist, spielt sie in den Gewerkschaften und reformistischen Parteien eine vorherrschende Rolle. Daher darf sich die revolutionäre Partei – im Gegensatz zu den Reformisten und den meisten Zentristen – nicht auf die ArbeiterInnenaristokratie hin orientieren, sondern auf die mittleren und unteren Schichten des Proletariats. Das war auch das Verständnis der Kommunistischen Internationale zu Zeiten Lenins und Trotzkis:

 

Eine der Hauptursachen, die die revolutionäre Arbeiterbewegung in den entwickelten kapitalistischen Ländern erschweren, besteht darin, dass es dem Kapital dank dem Kolonialbesitz und den Surplusprofiten des Finanzkapitals usw. hier gelungen ist, eine verhältnismäßig breitere und standfestere Schicht der kleinen Minderheit der Arbeiteraristokratie auszuscheiden. Sie genießt die besten Lohnbedingungen und ist am meisten vom Geist zünftiger Beschränktheit, von spießbürgerlichen und imperialistischen Vorurteilen durchdrungen. Das ist die wahre soziale “Stütze” der II. Internationale der Reformisten und “Zentrumsleute”, und im gegenwärtigen Augenblick ist dies beinahe die einzige soziale Hauptstütze der Bourgeoisie. Keine auch nur vorläufige Vorbereitung des Proletariats zum Sturz der Bourgeoisie ist ohne unverzüglichen, systematischen, ausgedehnten, offenen Kampf mit dieser Schicht möglich, die zweifellos — wie durch die Erfahrung schon völlig erwiesen ist — nach dem Siege des Proletariats nicht wenige Elemente für die bürgerlichen weißen Garden liefern wird. Alle der Kommunistischen Internationale angeschlossenen Parteien müssen um jeden Preis die Losung durchführen: “tiefer in die Massen”, “engere Verbindung mit den Massen”, wobei unter den Massen die Gesamtheit der Werktätigen und vom Kapital Ausgebeuteten zu verstehen ist, besonders diejenigen, die am wenigsten organisiert und aufgeklärt, am stärksten bedrückt und der Organisation am wenigsten zugänglich sind. [25]

 

Wie in The Great Robbery of the South und anderen Schriften aufgezeigt, hat die Spaltung des Weltproletariats seit den Zeiten Lenins und Trotzkis enorm zugenommen. [26] Seither ist die ArbeiterInnenklasse in den halbkolonialen Ländern derart gewachsen, dass heute etwa ¾ der Weltproletariats im Süden leben. Daher erklären wir, dass der Fokus des Weltproletariats sich auf die Werktätigen in der halbkolonialen Welt, in China und Russland, wo sie oft überausgebeutet werden, verlagert hat. Außerdem haben wesentliche Veränderungen in den imperialistischen Ländern stattgefunden: der Anteil der lohnabhängigen Mittelschicht ist bedeutend gewachsen (während das alte städtische Kleinbürgertum und die Bauernschaft sich stark dezimiert haben). Weiters hat sich die Diversifikation oder Schichtung innerhalb der ArbeiterInnenklasse beträchtlich verstärkt: prekäre und migrantische Schichten des Proletariats sind zu wichtigen Teilen geworden, während die ArbeiterInnenaristokratie ihre Privilegien relativ vergrößert hat. Die Rolle der revolutionären Partei besteht somit darin – national und international – ein zunehmend aufgespaltenes Weltproletariat zu vereinen und v.a. die unteren und mittleren Schichten der ArbeiterInnenklasse, die wichtiger denn je sind, zu sammeln.

 

Diese Herausforderungen für die revolutionäre Partei in den alten imperialistischen Ländern sind umso größer, als das Proletariat hier – insbesondere die einheimischen, nicht-migrantischen Teile – stark an die Kultur und die Traditionen ihrer herrschenden Klasse gebunden ist. Lenin und Trotzki strichen diese Herausforderungen wiederholt heraus:

 

Das Proletariat stellt eine mächtige soziale Einheit dar, die sich vollständig und endgültig in den Perioden des angespannten revolutionären Kampfes für die Ziele der ganzen Klasse entfaltet. Aber innerhalb dieser Einheit beobachten wir zugleich eine außerordentliche Mannigfaltigkeit und sogar eine nicht geringe Verschiedenartigkeit. Vom unwissenden und analphabetischen Dorfhirten bis zum hochqualifizierten Maschinisten gibt es eine große Zahl Qualifikationen, Kulturniveaus und Fertigkeiten des Alltagslebens. Schließlich setzt sich jede Schicht, jede Zunft, jede Gruppe aus lebenden Menschen verschiedenen Alters mit verschiedener Vergangenheit und verschiedenen Temperament zusammen. Wenn es diese Mannigfaltigkeit nicht gäbe, so wäre die Arbeit der kommunistischen Partei auf dem Gebiete der Vereinigung und Erziehung des Proletariats die einfachste Sache. Wie schwierig sie aber in Wirklichkeit ist, sehen wir in Westeuropa. Man kann sagen, je reicher die Geschichte eines Landes und damit auch die Geschichte der Arbeiterklasse selbst ist, je mehr Erziehung, Traditionen, Fertigkeiten sie hat, je mehr alte Gruppierungen es in ihr gibt, desto schwieriger es auch ist, sie zu einer revolutionären Einheit zusammenzuschließen. Unser Proletariat ist sehr arm an Geschichte und Tradition. Das hat zweifellos eine revolutionäre Vorbereitung für die Oktoberrevolution erleichtert. Das hat aber zugleich auch seine Aufbauarbeit nach dem Oktober erschwert. Unseren Arbeitern fehlt es – mit Ausnahme seiner obersten Schicht – durch die Bank an den einfachsten kulturellen Fertigkeiten und Kenntnissen (in Bezug auf Sauberkeit, Lese- und Schreibkundigkeit, Genauigkeit usw.). Der europäische Arbeiter hat sich diese Fertigkeiten im Laufe langer Zeit langsam im Rahmen der bürgerlichen Ordnung erworben: darum ist er – durch seine obersten Schichten – auch so stark mit der bürgerlichen Ordnung mit ihrer Demokratie, der freien kapitalistischen Presse und anderen Wohltaten verwachsen. Unserem Arbeiter dagegen konnte unsere verspätete bürgerliche Gesellschaftsordnung fast nichts mehr hiervon geben: darum fiel es dem Proletariat Rußlands auch leichter, mit der bürgerlichen Gesellschaftsordnung zu brechen und sie umzustürzen. Aus demselben Grund aber ist unser Proletariat in seiner Mehrheit gezwungen, die einfachsten kulturellen Fertigkeiten erst heute, d.h. bereits auf der Grundlage des sozialistischen Arbeiterstaates zu erwerben und zu sammeln.[27]

 

Diese Herausforderungen haben sich auch noch erschwert aufgrund des durch und durch degenerierten und bürgerlichen Charakter der alten reformistischen Führungen der ArbeiterInnenbewegung.

 

Die revolutionäre Partei im Süden sieht sich anderen, aber ebenso wichtigen Herausforderungen gegenüber. Hier hat das Proletariat oft einen neuen, rohen Charakter, da viele ArbeiterInnen ihren Ursprung in der Bauernschaft haben und daher mit ländlichen, patriarchalen Kulturen verbunden sind.

 

Die Aufgabe der revolutionären Partei liegt darin, gegen alle Formen der Unterdrückung zu kämpfen und das Proletariat auf Grundlage des gemeinsamen Kampfes für die Befreiung des Proletariats und aller Unterdrückten zu vereinen. Das ist nur möglich, wenn die Bolschewiki-KommunistInnen verstehen, dass die historischen Interessen der ArbeiterInnenklasse nicht auf den ökonomischen Bereich (Löhne, Arbeitsplätze usw.) beschränkt ist, sondern auch die politische (demokratische Rechte, ausländische Unterdrückung etc.) wie auch die ideologisch-kulturelle Sphäre (Religion, bürgerliche Medien, Tradition usw.) einschließt. Lenin erklärte, dass die revolutionäre Partei als “Volkstribun” agieren müsse:

 

Man kann nicht genug betonen, dass das noch nicht Sozialdemokratismus ist, dass das Ideal eines Sozialdemokraten nicht der Sekretär einer Trade-Union, sondern der Volkstribun sein muss, der es versteht, auf alle Erscheinungen der Willkür und Unterdrückung zu reagieren, wo sie auch auftreten mögen, welche Schicht oder Klasse sie auch betreffen mögen, der es versteht, an allen diesen Erscheinungen das Gesamtbild der Polizeiwillkür und der kapitalistischen Ausbeutung zu zeigen, der es versteht, jede Kleinigkeit zu benutzen, um vor aller Welt seine sozialistischen Überzeugungen und seine demokratischen Forderungen darzulegen, um allen und jedermann die welthistorische Bedeutung des Befreiungskampfes des Proletariats klarzumachen.“[28]

 

Natürlich wird die revolutionäre ArbeiterInnenbewegung nicht von ihren oberen, aristokratischen Teilen beherrscht – wie das bei der reformistischen ArbeiterInnenbewegung der Fall ist -, sondern vielmehr von ihren bewusstesten und aktiven Teilen aus der unteren und mittleren proletarischen Schicht.

 

Zusätzlich zu diese sozialen Teilung ist das Proletariat auch politisch gespalten in ArbeiterInnen, die RevolutionärInnen, Reformisten, Religiöse, Konservative, rechte Chauvinisten und unpolitisch in ihren Ansichten sind.

 

Daraus folgt, dass die revolutionäre Partei nur dann die ArbeiterInnenklasse führen kann, wenn sie zuerst die fortschrittlichste und militante Minderheit – die proletarische Avantgarde – gewinnt und organisiert. Die revolutionäre Partei ist daher keine Massenpartei, sondern eine Avantgardepartei. [29] Nur in einer revolutionären Situation, wenn die ArbeiterInnenklasse mehrheitlich radikalisiert wird, kann die revolutionäre Partei zur Massenpartei werden.

 

Die Aufgabe der kommunistischen Vorform einer Partei ist es, eine solche Avantgardepartei aufzubauen. Ihre grundlegende Orientierung erfolgt somit auf die fortschrittlichen Teile der ArbeiterInnenklasse und der Unterdrückten – d.h. die bewusstesten und militanten Elemente.

 

 

 

Marxismus, fatalistischer Objektivismus und spontaner Subjektivismus

 

 

 

Eine weitere Grundlage des marxistischen Verständnisses der Avantgardepartei ist die Konzeption der Rolle des subjektiven Faktors in der Geschichte. Die gesamte Schule des Revisionismus basiert auf einer Art fatalistischem Objektivismus, der den Fortschritt in der Geschichte als einen unumkehrbaren Prozess darstellt. Abhängig von der aktuellen Stimmung im Kleinbürgertum und in der Arbeiteraristokratie erklären die Revisionisten “optimistisch”, dass sich die ArbeiterInnenklasse unaufhaltsam in Richtung Sieg bewege. Damit rechtfertigen sie ihre Weigerung, sich im Klassenkampf energisch einzubringen und ihn über systematische Agitation für militantere Kampfformen auf ein höheres Niveau zu heben wie auch gegen die abwieglerische Bürokratie vorzugehen. Die Weigerung der Reformisten, für militantere Kampfformen einzutreten; ihre Opposition gegen die Bildung von Massenaktionskomitees während der Kämpfe; ihre hysterischen Warnungen vor dem bewaffneten Kampf gegen Faschisten oder die Polizei in Zeiten verschärfter Konfrontation (z.B. sozialdemokratische und stalinistische Parteien); die zentristische Annahme, dass das riesige soziale Gewicht des Proletariats es erlauben würde, den Sozialismus auf friedlichem Weg zu erreichen und daher keine ArbeiterInnenmiliz und keinen bewaffneten Aufstand für die Machtergreifung zu benötige (wie es z.B. das CWI und IMT behaupten); ihre Weigerung, die ArbeiterInnen vor dem Verrat der Arbeiterbürokratie zu warnen, weil “das die ArbeiterInnen nicht verstehen” (wie etwa von IST, CWI und IMT behauptet) – all das sind Variationen eines solch revisionistischen fatalistischen Objektivismus.

 

Eine “ultralinke” Variante solch fatalistischen Objektivismus ist der permanente Bezug auf die “Endkrise” des Kapitalismus und in Konsequenz die Weigerung, eine Reihe von Taktiken zur Intervention in den laufenden Klassenkämpfen zu erarbeiten und umzusetzen. Diese Revisionisten sind unfähig zum Verständnis “der Wichtigkeit klassenbewusster revolutionärer Aktivität in der Geschichte”, die nur von einer revolutionären Partei organisiert werden kann. [30]

 

Spontaner Subjektivismus, d.h. die Verfolgung radikaler Taktiken ohne Berücksichtigung der konkreten objektiven Kraftverhältnisse zwischen den Klassen ist die andere Seite derselben Medaille. Eine solche Politik wird gewöhnlich von Ultralinken (einschließlich Anarchisten) vorgeschlagen und kann ihren Ausdruck in Wahlboykott (in Perioden geringen Klassenkampfs), in der Weigerung innerhalb von reformistischen Gewerkschaften zu arbeiten etc. finden. [31] Sie schaffen es nicht, den Marxismus als organische, ausgewogene Kombination von Wissenschaft und revolutionärem Willen zu verstehen.

 

Der proletarische Revolutionär muss vor allem begreifen, dass der Marxismus, die einzige wissenschaftliche Theorie von der proletarischen Revolution, nichts gemein hat mit fatalistischem Warten auf die „letzte“ Krise. Der Marxismus ist seinem Wesen nach eine Anleitung zu revolutionärem Handeln. Der Marxismus ignoriert nicht Willen und Mut, sondern hilft ihnen auf den richtigen Weg. “ [32]

 

Auf einem solchen Verständnis beruht auch Lenins Beherrschung der Dialektik und ihre Anwendung auf die Politik in Form einer hoch flexiblen Konzeption revolutionärer Manöver einschließlich abrupter Schwenks. Dieser Gibkost – wie Lenin es nannte – ist ein wesentlicher Bestandteil revolutionärer Politik, denn er ermöglicht der Partei rasches Reagieren auf bedeutsame Veränderungen im Kräfteverhältnis zwischen den Klassen oder im Bewusstsein der ArbeiterInnenklasse. Trotzki strich das als zentrale Stärke des Bolschewismus heraus:

 

Der Marxismus ist eine Methode der historischen Analyse, der politischen Orientierung – nicht eine Ansammlung von Beschlüssen, die auf Vorrat produziert wurden. Der Leninismus ist die Anwendung dieser Methode unter den Bedingungen einer besonderen Epoche. Gerade aus der Kombination der Besonderheiten der Epoche mit dieser Methode erwuchs die mutige, reife, auf sich selbst vertrauende Politik scharfer Wendungen, die Lenin so meisterhaft beherrschte und die er theoretisch erhellt und verallgemeinert hat. [33]

 

 

 

Die Partei als Avantgarde

 

 

 

Von Beginn an war die Konzeption der Avantgardepartei einer der Eckpfeiler des Bolschewismus – Lenin entwickelte sie in seinem Buch Was tun? – und wurde später von der Kommunistischen Internationale als Alternative zum reformistischen, ideologisch ungebundenen Begriff der “Massenpartei” vom Typ der Zweiten Internationale verallgemeinert. Diese Lehren wurden 1920 auf dem zweiten Kongress der Kommunistischen Internationale (Komintern) in ihren Thesen zur Rolle der Kommunistischen Partei in der proletarischen Revolution zusammengefasst.

 

Die kommunistische Partei ist ein Teil der Arbeiterklasse, und zwar der fortgeschrittenste, klassenbewussteste und daher revolutionärste. Die kommunistische Partei wird auf dem Wege der natürlichen Auslese der besten, klassenbewusstesten, opferwilligsten, weitsichtigsten Arbeiter geschaffen. Die kommunistische Partei hat keine von den Interessen der gesamten Arbeiterklasse abweichenden Interessen. Die kommunistische Partei unterscheidet sich von der gesamten Arbeiterklasse dadurch, dass sie eine Übersicht über den ganzen historischen Weg der Arbeiterklasse in ihrer Gesamtheit hat und bestrebt ist, auf allen, Biegungen dieses .Weges nicht die Interessen einzelner Gruppen oder einzelner Berufe zu verteidigen, sondern die Interessen der Arbeiterklasse in ihrer Gesamtheit. Die kommunistische Partei ist der organisatorisch-politische Hebel, mit dessen Hilfe der fortgeschrittenste Teil der Arbeiterklasse die gesamte Masse des Proletariats und des Halbproletariats auf den richtigen Weg lenkt.[34]

 

Die Komintern warnte vor der Verwischung der Konzepte von Partei und Klasse und betonte die Notwendigkeit, die Avantgarde als separate Partei, die gegen bürgerliche und kleinbürgerliche Einflüsse innerhalb der ArbeiterInnenklasse kämpft und die sich nicht an das Bewusstsein rückständiger ArbeiterInnen anpasst, zu gründen.

 

Die Begriffe Partei und Klasse müssen strengstens auseinander gehalten werden. Die Mitglieder der “christlichen” und liberalen Gewerkschaften Deutschlands, Englands und anderer Länder sind zweifellos Teile der Arbeiterklasse. Die noch hinter Scheidemann, Gompers und Konsorten stehenden mehr oder minder bedeutenden Arbeiterkreise sind zweifellos Teile der Arbeiterklasse. Unter gewissen historischen Verhältnissen ist es sehr wohl möglich, dass die Arbeiterklasse von sehr zahlreichen reaktionären Schichten durchsetzt ist. Die Aufgabe des Kommunismus besteht nicht in der Anpassung an diese zurückgebliebenen Teile der Arbeiterklasse, sondern darin, die gesamte Arbeiterklasse bis zum Niveau des kommunistischen Vortrupps zu heben. Die Verwechslung dieser zwei Begriffe — Partei und Klasse — kann zu den größten Fehlern und zur Konfusion führen. So ist es z. B. klar, dass trotz der Stimmungen und der Vorurteile eines gewissen Teiles der Arbeiterklasse während des imperialistischen Krieges die Arbeiterpartei um jeden Preis diesen Stimmungen und Vorurteilen entgegenzutreten hatte, indem sie die historischen Interessen des Proletariats vertrat, die erforderten, dass die proletarische Partei Krieg dem Kriege erklärt. So beriefen sich z. B. bei Beginn des imperialistischen Krieges im Jahre 1914 die Parteien der Sozialverräter aller Länder, indem sie die Bourgeoisie ihres “eigenen” Landes unterstützten, stets konsequent auf den entsprechend lautenden Willen der Arbeiterklasse. Sie vergaßen dabei, dass, selbst wenn dem so wäre, es die Aufgabe der proletarischen Partei bei solcher Lage der Dinge sein müsste, den Stimmungen der Mehrheit der Arbeiter entgegenzutreten und trotz alledem die historischen Interessen des Proletariats zu vertreten, So verwarfen zu Beginn des 20. Jahrhunderts die russischen Menschewiki jener Zeit (die sog. Ökonomisten) den offenen politischen Kampf gegen den Zarismus mit der Begründung, die Arbeiterklasse in ihrer Gesamtheit sei noch nicht zum Verständnis des politischen Kampfes gereift. So berufen sich immer die rechten Unabhängigen Deutschlands in allen ihren Halbheiten darauf, dass die “Massen das wünschen”, ohne zu verstehen, dass die Partei dazu da ist, den Massen voranzugehen und ihnen den Weg zu zeigen.” [35]

 

Ebenso wichtig ist es zu erkennen, dass die Avantgarde, und somit die Avantgardepartei, nur dann als Avantgarde handeln kann, wenn sie in den Massen verankert ist. Ohne Verständnis des aktuellen, oft verwirrten Bewusstseins der Massen, ohne Errichtung starker Brückenköpfe unter den ArbeiterInnen und Unterdrückten, ohne den Gewinn ihres Vertrauens, kann die Avantgardepartei die Massen nicht führen. In einer Notiz fasste Lenin den Charakter einer Avantgardepartei folgendermaßen zusammen:

 

Partei = Vorhut

 

(1) revolutionärer Teil

 

(2) mit der Masse verbunden[36]

 

Die bolschewistische Konzeption der Partei ist keine rein organisatorische Frage, wie viele postmoderne Kritiker des Leninismus behaupten. Tatsächlich ist sie ein Eckpfeiler der marxistischen Theorie im Feld der Politik, wie Trotzki herausgearbeitet hat:

 

So wie die theoretische Struktur der politischen Ökonomie des Marxismus völlig auf der Konzeption des Werts als materialisierter Arbeit beruht, beruht die revolutionäre Politik des Marxismus auf der Konzeption der Partei als Avantgarde des Proletariats. Was immer die gesellschaftlichen Quellen und politischen Gründe für opportunistische Fehler und Abweichungen sein mögen, sie sind ideologisch immer auf ein falsches Verständnis der revolutionären Partei, ihres Verhältnisses zu anderen proletarischen Organisationen und zur Klasse als Ganzes zurückzuführen.” [37]

 

 

 

Führung, Partei und Klasse

 

 

 

Die Arbeiteravantgarde bietet der ArbeiterInnenklasse eine Führung, sowie die Partei eine Führung für die Arbeiteravantgarde bietet und die Parteileitung eine Führung für ihre Mitglieder. [38] Diese führende Rolle basiert auf dem revolutionären Programm, den organisierten Wurzeln der Partei in der Klasse und der eisernen Disziplin und völligen Ergebenheit der Parteimitglieder an die Sache.

 

Lenin fasste die Erfahrung der Bolschewiki zur Rolle der Führung in seinem Buch “Linker Kommunismus” zusammen:

 

Und da taucht vor allem die Frage auf: wodurch wird die Disziplin der revolutionären Partei des Proletariats aufrechterhalten? Wodurch wird sie kontrolliert? wodurch gestärkt? Erstens durch das Klassenbewusstsein der proletarischen Avantgarde und ihre Ergebenheit für die Revolution, durch ihre Ausdauer, ihre Selbstaufopferung, ihren Heroismus. Zweitens durch ihre Fähigkeit, sich mit den breitesten Massen der Werktätigen, in erster Linie mit den proletarischen, aber auch mit den nichtproletarischen werktätigen Massen zu verbinden, sich ihnen anzunähern, ja, wenn man will, sich bis zu einem gewissen Grade mit ihnen zu verschmelzen. Drittens durch die Richtigkeit der politischen Führung, die von dieser Avantgarde verwirklicht wird, durch die Richtigkeit ihrer politischen Strategie und Taktik, unter der Bedingung, dass sich die breitesten Massen durch eigene Erfahrung von dieser Richtigkeit überzeugen. Ohne diese Bedingungen kann in einer revolutionären Partei, die wirklich fähig ist, die Partei der fortgeschrittenen Klasse zu sein, deren Aufgabe es ist, die Bourgeoisie zu stürzen und die ganze Gesellschaft umzugestalten, die Disziplin nicht verwirklicht werden. Ohne diese Bedingungen werden die Versuche, eine Disziplin zu schaffen, unweigerlich zu einer Fiktion, zu einer Phrase, zu einer Farce. Diese Bedingungen können aber anderseits nicht auf einmal entstehen. Sie werden nur durch langes Bemühen, durch harte Erfahrung erarbeitet; ihre Erarbeitung wird erleichtert durch die richtige revolutionäre Theorie, die ihrerseits kein Dogma ist, sondern nur in engem Zusammenhang mit der Praxis einer wirklichen Massenbewegung und einer wirklich revolutionären Bewegung endgültige Gestalt annimmt.“ [39]

 

Das Verhältnis zwischen der ArbeiterInnenklasse, der Partei und ihrer Führung kann als eines von konzentrischen Kreisen beschrieben werden. Die ArbeiterInnenklasse sammelt sich um die Parteiorganisation, während diese Organisationen von den Parteikadern geführt werden und letztlich die Parteizentrale die Partei insgesamt führt. Nikolai Bucharin, einer der führenden Bolschewiki, arbeitete das Verständnis der Partei zu diesem Verhältnis 1922 in einem Artikel heraus, in dem er die bolschewistische Partei als “eiserne Kohorte” bezeichnete – eine Formel, die gemäß Victor Serge unter den bolschewistischen Kadern sehr populär wurde.

 

Seit fünf Jahren besitzt das russische Proletariat die Macht (…) Selbstverständlich sind hier die „Schuldigen“ in erster Linie die allgemeinen historischen Umstände, innerhalb derer die schwarzen Arbeitsbataillone mit eisernem Tritt einherschritten und das verhaßte alte Regime stürzten. (…) Aber zu diesen Bedingungen kam noch etwas dazu: das Vorhandensein einer beispiellos heroischen, eisernen Kohorte der Revolution, unserer Partei, einer Partei, die in der Geschichte der großen Klassenkämpfe einzig dasteht. Die Partei, die durch die harte Schule der illegalen Arbeit gegangen war, die im Pulverkampfe ihren Klassenwillen gestählt, in Qualen, Entbehrungen und Leiden ihre Söhne genährt und herangezogen und die Arbeiterrecken auf den Plan gestellt hatte, denen es vorbehalten blieb, die ganze Welt umzugestalten und zu erobern ...

 

Zum Verständnis dessen, wie eine solche Partei entstehen konnte, muß man einen flüchtigen Blick auf gewisse Grundzüge ihrer Entwicklung werfen. Vor allem einige Worte über ihren Generalstab. Jetzt erkennen sogar schon unsere Gegner an, daß wir eine erstklassige Führung haben. (…) Aber woher kommt dies? Es kommt von einer sorgfältigen Auswahl der Führer, einer Auswahl, die ihre wirkliche Qualifikation, ihre absolute Gefestigtheit und Willenseinheit garantiert Diese Losungen bilden das Fundament der Parteileitung, und hier verdankt die Panel dem Genossen Lenin sehr viel. Das, was die Philister des Opportunismus als „Antidemokratie, Verschwörertum, persönliche Diktatur, beschränkte Unduldsamkeit“ usw. verschrien, war in Wirklichkeit ein ausgezeichnetes Organisationsprinzip. Die Bildung einer Gruppe Einmütiger, einzig und allein für die revolutionäre Idee brennender und dabei gänzlich in ihren Ansichten übereinstimmender Menschen, bildete die erste notwendige Bedingung für einen erfolgreichen Kampf. Diese Bedingung wurde durch die schonungslose Verfolgung aller Abweichungen vom orthodoxen Bolschewismus sichergestellt. Und diese beständige Selbstreinigung ballte die Reihen dieser innersten Parteigruppe zu der Faust, die keine Gewalt lösen konnte.

 

Dann scharten sich um diese Faust die ersten Parteikader. Die harte Disziplin des Bolschewismus, die spartanische Gefestigtheit seiner Reihen, das strenge „Fraktionsprinzip“ selbst in Zeiten der Zusammenarbeit mit den Menschewiki, die außerordentliche Einheitlichkeit der Anschauungen, die Zentralisierung der ganzen Reihen waren stets die charakteristischsten Züge unserer Partei. Die gesamten Parteiarbeiter waren der Partei bis aufs letzte ergeben: der „Parteipatriotisnius“, die ausschließliche Hingabe an die Durchführung der Parteiweisungen, der erbitterte Kampf mit feindlichen Gruppierungen, der überall, in den Fabriken und Betrieben, auf offenen Versammlungen und in den Klubs und selbst im Gefängnis geführt wurde, machten aus unserer Partei einen eigenartigen revolutionären Orden. Das war auch der Grund, weshalb der Typ des „Bolschewiken“ allen liberalen und reformistischen Gruppen, allen „Weichen“, „Weitherzigen“, „Duldsamen“ so unsympathisch war. Und ebenso wurde von den Parteimitgliedern ständig Parteiarbeit in den Massen gefordert, Arbeit unter jeder Bedingung ohne Rücksicht auf Schwierigkeiten. Gerade bei diesem Punkte begannen die ersten Differenzen mit den Menschewiki, aber gerade von hier nahm die Auswahl der Kader ihren Anfang. Nicht aus Schwätzern, nicht aus „sympathisierenden Intellektuellen“, nicht aus Mitläufern, die heute hier und morgen dort sind, sondern aus Leuten, die bereit sind, für die Revolution, für das Weitertragen des Kampfes, für den Sieg der Partei überall hinzugehen: ins Zuchthaus, auf die Barrikaden, in die Verbannung, und die sich nicht scheuen, beständige Unrast und Verfolgung auf sich zu nehmen: aus ihnen fügte sich der zweite Ring unserer Partei zusammen: die ersten Kader der bolschewistischen Arbeiter.

 

Aber bei all dem war unsere Partei doch nie eine Sekte, die sich abschloß und in ihrem eigenen Saft kochte. Man muß dies mit aller Entschiedenheit zurückweisen. Sie sah niemals in sich einen Selbstzweck, sondern das stählerne Instrument, das die Masse umformt und festigt und das ihr Gestalt gibt. Die ganze Kunst der politischen Dialektik besteht darin, daß, wenn man gefestigte und geschlossene Reihen besitzt, man sich nicht in sich abschließt, nicht zur Sekte wird, sondern eine wirklich vorwärtstreibende Kraft bleibt, die die gigantischen Räder des Mechanismus der ganzen Klasse und der ganzen Masse der Arbeitenden in Bewegung setzt. (…)

 

So fügte sich der dritte und vierte Ring zusammen, der schon über den Rahmen der Partei hinausging: ein Ring von Arbeiterorganisationen, die unter dem Einfluß der Partei standen, und der Ring der ganzen Klasse und Masse, den die Avantgarde der Partei durch die Organisationen führte.[40]

 

Es ist unerlässlich, dass die revolutionäre Partei oder ihre Vorform diese Konzeption der konzentrischen Kreise während ihres Parteiaufbauprozesses im Auge behält. Ein Auto kann nur fahren, wenn der Motor, die Reifen und die Pedale am richtigen Platz und korrekt miteinander verbunden sind. Ansonsten ist es nur ein nutzloses Wrack. Ähnlich muss die Partei ihre Führung sorgfältig wählen; sie muss ernsthaft ihre parteinahen Organisationen aufbauen usw. Ansonsten wird sie für den Klassenkampf nutzlos.

 

Natürlich gilt ein solches Konzept nicht nur für eine revolutionäre Partei, sondern auch für ihre Vorformen (also Parteiaufbauorganisationen), ungeachtet gewisser Modifikationen. Die Parteiaufbauorganisationen führen und organisieren die Avantgarde nicht und können daher auch nicht die ArbeiterInnenklasse führen. Sie können nur in Ausnahmefällen und in Gebieten, wo sie bereits erfolgreich Wurzeln im Proletariat und unter den Unterdrückten geschlagen haben, eine Führungsrolle übernehmen. Die Rolle der Führung ist dennoch in den Parteiaufbauorganisationen nicht weniger wichtig und die Rolle der Kader beim Aufbau von parteinahen Vorfeldorganisationen ebenso bedeutsam, um die ArbeiterInnen und die Unterdrückten für die revolutionäre Sache zu organisieren. Ohne Führung und Parteikader wird die Vorform der Partei zu keiner richtigen Avantgardepartei werden, sondern von den riesigen Hindernissen auf dem Weg dorthin überwältigt und verwirrt.

 

 

 

Die revolutionäre Partei trägt politisches Klassenbewusstsein in das Proletariat

 

 

 

Eines der wichtigsten – und ebenso intensiv diskutierten wie falsch verstandenen – Elemente von Lenins Theorie der Partei ist ihre Rolle in der Herausbildung politischen Klassenbewusstseins in der ArbeiterInnenklasse. In Was tun? erklärte Lenin, dass das sozialistische Bewusstsein – definiert als grundlegendes Verständnis der Mechanismen des Kapitalismus hinsichtlich Ausbeutung und Unterdrückung, der Rolle der Klassen und ihrer politischen Vertreter und der entsprechenden Aufgaben des Programms der proletarischen Revolution – nicht spontan aus dem Kampf heraus entstehen kann. Es muss vielmehr auf wissenschaftlichem Weg durch die Partei der revolutionären Männer und Frauen diskutiert und entwickelt und der ArbeiterInnenklasse vermittelt werden.

 

Diese Idee drückten Lenin und seine UnterstützerInnen in diversen Schriften aus:

 

Das politische Klassenbewusstsein kann dem Arbeiter nur von außen gebracht werden, das heißt aus einem Bereich außerhalb des ökonomischen Kampfes, außerhalb der Sphäre der Beziehungen zwischen Arbeitern und Unternehmern. Das Gebiet, aus dem allein dieses Wissen geschöpft werden kann, sind die Beziehungen aller Klassen und Schichten zum Staat und zur Regierung, sind die Wechselbeziehungen zwischen sämtlichen Klassen. Deshalb darf man auf die Frage: Was ist zu tun, um den Arbeitern politisches Wissen zu vermitteln? — nicht allein die Antwort geben, mit der sich in den meisten Fällen die Praktiker begnügen—von den Praktikern, die zum Ökonomismus neigen, ganz zu schweigen —, nämlich die Antwort: „Zu den Arbeitern gehen". Um den Arbeitern politisches Wissen zu vermitteln, müssen die Sozialdemokraten in alle Klassen der Bevölkerung gehen, müssen sie die Abteilungen ihrer Armee in alle Richtungen aussenden.“ [41]

 

Die Sozialdemokratie reduziert sich nicht auf einfachen Dienst an der Arbeiterbewegung: sie ist die ‚Vereinigung von Sozialismus und Arbeiterbewegung’ (um die Definition K. Kautskys zu gebrauchen, die die Hauptideen des ‚Kommunistischen Manifests’ wiedergibt); es ist ihre Aufgabe, in die spontane Arbeiterbewegung bestimmte sozialistische Ideale hineinzutragen, sie mit sozialistischen Überzeugungen, die auf dem Niveau der modernen Wissenschaft stehen müssen, zu verbinden, sie mit dem systematischen politischen Kampf für die Demokratie als ein Mittel zur Verwirklichung des Sozialismus zu verbinden, mit einem Wort, diese spontane Bewegung mit der Tätigkeit der revolutionären Partei zu einem unauflöslichen Ganzen zu verschmelzen.” [42]

 

Wir sind die Partei der Klasse, und deshalb muss fast die gesamte Klasse (und in Kriegszeiten, in der Epoche des Bürgerkriegs, restlos die gesamte Klasse) unter der Leitung unserer Partei handeln, sie muss sich unserer Partei so eng wie möglich anschließen, doch wäre es Manilowerei* und „Nachtrabpolitik", wollte man glauben, dass irgendwann unter der Herrschaft des Kapitalismus fast die gesamte Klasse oder die gesamte Klasse imstande wäre, sich bis zu der Bewusstheit und der Aktivität zu erheben, auf der ihr Vortrupp, ihre sozialdemokratische Partei, steht. Kein vernünftiger Sozialdemokrat hat je daran gezweifelt, dass unter dem Kapitalismus selbst die Gewerkschaftsorganisation (die primitiver, dem Bewusstsein der unentwickelten Schichten zugänglicher ist) außerstande ist, fast die gesamte oder die gesamte Arbeiterklasse zu erfassen.

 

Es würde bedeuten, nur sich selbst zu betrügen, die Augen vor der gewaltigen Größe unserer Aufgaben zu verschließen, diese Aufgaben einzuengen, wollte man den Unterschied zwischen dem Vortrupp und all den Massen, die sich zu ihm hingezogen fühlen, vergessen, wollte man die ständige Pflicht des Vortrupps vergessen, immer breitere Schichten auf das Niveau dieses Vortrupps zu heben.[43]

 

Im Gegensatz zu den Behauptungen diverser Traditionen – wie die der IST von Tony Cliff oder die von CWI/IMT von Grant/Taffee – gab Lenin diese grundlegenden Erkenntnisse, die er in Was tun? entwickelt hatte, niemals auf. Ganz im Gegenteil wiederholte er später den Gedanken, dass die Mehrheit der ArbeiterInnenklasse ein sozialistisches Bewusstsein nicht erreichen kann, solange sie von der Bourgeoisie beherrscht und unterdrückt wird.

 

Eine ebensolche Beschönigung des Kapitalismus und der bürgerlichen Demokratie, ein ebensolcher Betrug an den Arbeitern ist anderseits die in den alten Parteien und bei den alten Führern der II. Internationale geläufige Ansicht, dass die Mehrheit der Werktätigen und Ausgebeuteten fähig sei, sich unter den Verhältnissen der kapitalistischen Sklaverei, unter dem Joch der Bourgeoisie, das unendlich mannigfaltige Formen annimmt — um so raffiniertere und zugleich um so grausamere und erbarmungslosere, je zivilisierter das betreffende kapitalistische Land ist —, ein völlig klares sozialistisches Bewusstsein, einen festen sozialistischen Standpunkt und Charakter anzueignen. In Wirklichkeit ist erst dann, wenn die Vorhut des Proletariats, unterstützt von dieser ganzen einzig revolutionären Klasse oder ihrer Mehrheit, die Ausbeuter gestürzt, sie niedergehalten, die Ausgebeuteten aus ihrer Sklaverei befreit und ihre Lebensbedingungen sofort auf Kosten der enteigneten Kapitalisten verbessert haben wird — ist erst dann und im unmittelbaren Verlauf des schärfsten Klassenkampfes die Aufklärung, die Erziehung und die Organisierung der breitesten werktätigen und ausgebeuteten Massen um das Proletariat, unter seinem Einfluss und seiner Führung, ihre Befreiung vom Egoismus, von der Zersplitterung, den Lastern und Schwächen, die durch das Privateigentum erzeugt werden, ihre Umwandlung in einen freien Bund freier Arbeiter möglich. “ [44]

 

Lenins These, dass das politische Klassenbewusstsein von außen an das Proletariat hineingetragen werden muss, wurde wiederholt diskreditiert und dahingehend verzerrt, dass Lenin der Intelligenzija die Rolle der Führung der ArbeiterInnenklasse zuweisen würde. Dieser Behauptung wird durch ein Zitat Lenins, wie auch Karl Kautskys, aus demselben Buch belegt, in dem er betonte, dass die sozialistische Theorie von Intellektuellen mit einem bürgerlichen Klassenhintergrund entwickelt worden war. [45]

 

Doch dieser Behauptung ist entgegenzuhalten, dass Lenin in ebenfalls diesem selben Buch und auf derselben Seite – als Kommentar zu Kautsky – schrieb, dass ArbeiterInnen ebenso Teil an der Ausarbeitung der sozialistischen Theorie haben:

 

Dies heißt selbstverständlich nicht, dass die Arbeiter an dieser Ausarbeitung nicht teilnehmen. Aber sie nehmen daran nicht als Arbeiter teil, sondern als Theoretiker des Sozialismus, als die Proudhon und Weitling, mit anderen Worten, sie nehmen nur dann und soweit daran teil, als es ihnen in höherem oder geringerem Maße gelingt, sich das Wissen ihres Zeitalters anzueignen und dieses Wissen zu bereichern. Damit aber den Arbeitern dieses häufiger gelinge, ist es notwendig, alles zu tun, um das Niveau der Bewusstheit der Arbeiter im allgemeinen zu heben;[46]

 

Wir müssen hinzufügen, dass das für heute umso mehr stimmt, wo – verglichen mit den Zeiten Lenins und Kautskys von vor 100 Jahren – das Bildungsniveau der ArbeiterInnenklasse deutlich gestiegen ist und ArbeiterInnen also besser darauf vorbereitet sind, eine zentrale Rolle darin zu spielen, Artikel zu schreiben und theoretische Positionen zu entwickeln. Außerdem muss auch festgehalten werden, dass gleichzeitig Teile der Intelligenzija proletarisiert wurden.

 

Zusätzlich kämpften Lenin und die Bolschewiki entschlossen gegen die Ansicht, dass Intellektuelle eine dominante Rolle in der revolutionären Partei spielen sollten. Ganz im Gegenteil betonten sie immer wieder, dass Intellektuelle eine marxistische Organisation nicht dominieren dürfen und nur jene als Mitglieder zugelassen werden sollten, die mit der (klein-)bürgerlichen Klasse und ihren Gewohnheiten brechen und sich der proletarischen Sache unterordnen. Das war eine der Hauptdifferenzen zwischen den Bolschewiki und den Menschewiki zur Zeit der Spaltung 1903/04.

 

Unter dem Namen „Minderheit" haben sich in der Partei verschiedenartige Elemente zusammengeschlossen, die miteinander verbunden sind durch das bewusste oder unbewusste Bestreben, die Zirkelbeziehungen, die Organisationsformen aus der Zeit vor der Partei aufrechtzuerhalten (…) Als Hauptkader der Opposition dienten schließlich überhaupt alle jene Elemente unserer Partei, die vorwiegend der Intelligenz angehörten. Im Vergleich zum Proletariat ist die Intelligenz stets individualistischer, schon kraft der Grundbedingungen ihres Lebens und ihrer Arbeit, die ihr nicht unmittelbar eine weitgehende Zusammenfassung der Kräfte gestatten und somit keine unmittelbare Erziehung durch organisierte gemeinsame Arbeit geben. Daher fällt es den intellektuellen Elementen schwerer, sich der Disziplin des Parteilebens anzupassen, und diejenigen von ihnen, die außerstande sind, mit dieser Aufgabe fertig zu werden, entrollen natürlich das Banner des Aufstands gegen die notwendigen organisatorischen Beschränkungen und erheben ihren spontanen Anarchismus zum Kampfprinzip, wobei sie ihn fälschlich als Streben nach „Autonomie", als Forderung nach „Duldsamkeit" usw. bezeichnen. Der Auslandsteil der Partei, wo sich die Zirkel durch eine verhältnismäßig lange Lebensdauer auszeichnen, wo sich die Theoretiker der verschiedenen Schattierungen gruppieren, wo die Intelligenz entschieden überwiegt, musste sich als der Teil erweisen, der am meisten zum Standpunkt der „Minderheit" neigte. Deshalb wurde diese dort auch bald zur wirklichen Mehrheit. In Russland dagegen, wo die Stimme der organisierten Proletarier lauter ertönt, wo auch die Parteiintelligenz dank der lebendigeren und engeren Gemeinschaft mit ihnen in einem mehr proletarischen Geiste erzogen ist, wo die Schwere des unmittelbaren Kampfes die Notwendigkeit der organisierten Einheit der Arbeit stärker fühlen läßt – in Russland ist die Partei entschieden gegen das Zirkelwesen, gegen die desorganisierenden anarchistischen Tendenzen aufgetreten. Sie hat ihre Stellung zu diesen Tendenzen in einer ganzen Reihe von Erklärungen der Komitees und anderer Parteiorganisationen zum Ausdruck gebracht.[47]

 

Während also eine revolutionäre Partei bzw. eine bolschewistische Parteiaufbauorganisation alle ernsthaften Intellektuellen, die mit ihrem nicht-proletarischen Klassenhintergrund brechen und der Sache der Befreiungskampfes der ArbeiterInnenklasse dienen, herzlich willkommen heißen, soll sie nicht von kleinbürgerlichen Intellektuellen beherrscht werden.

 

 

 

Über Bolschewiki, ihre Mitglieder und ihre Führung

 

 

 

Die Bolschewiki vertraten nicht nur ein derartiges Konzept der revolutionären Partei, sondern unternahmen auch starke und erfolgreiche Schritte hin zur Umsetzung. Bei einer Bevölkerung von 126 Millionen (1897) waren nur 10% IndustriearbeiterInnen, weitere 20 Millionen waren besitzlose Bauern, die sich zu einer zusätzlichen (oft proletarischen) Arbeit gezwungen sahen. [48] Wenn man die enorme Unterdrückung, die furchtbaren Arbeits- und Lebensbedingungen, die kaum Zeit für politische Aktivität ließen und das weit verbreitete rückständige Bewusstsein zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter dem zaristischen Regime berücksichtigt, fällt es leicht, sich die riesigen Herausforderungen, denen sich MarxistInnen beim Aufbau einer revolutionären ArbeiterInnenpartei gegenübersahen, vorzustellen.

 

Nichtsdestotrotz waren die Bolschewiki bei der Rekrutierung von ArbeiterInnen für ihre Organisation um einiges erfolgreicher als die zentristischen Menschewiki. In einer soziologischen Studie zum russischen Marxismus zwischen 1898 und 1907 dokumentierte der Historiker David Lane, dass die Bolschewiki schon 1905 eine von der ArbeiterInnenklasse dominierte Organisation waren. Von 8.400 Mitgliedern waren 61,9% ArbeiterInnen (Bauern 4,8%, Angestellte: 27,4%, andere: 5,9%).[49]

 

Er zeigt auch, dass die Bolschewiki wesentlich mehr ArbeiterInnen in ihren Reihen hatten als ihre sozialdemokratische Konkurrenz. Zum Beispiel hatten die Bolschewiki fünfmal mehr AktivistInnen mit Grundschulbildung als Basismitglieder als die Menschewiki. [50] Lane schließt daraus: “Es scheint wahrscheinlich, dass die Menschewiki vergleichsweise mehr ‘kleinbürgerliche’ Basismitglieder hatten und weniger Unterstützer aus der ArbeiterInnenklasse (…) Hinsichtlich ihrer unteren Rängen in der Partei und insbesondere hinsichtlich ihrer öffentlichen Unterstützung kann gesagt werden, dass die Bolschewiki eine ‘ArbeiterInnenpartei’ waren. Die Mittelschicht oder das ‘Kleinbürgertum’ war eine wichtige Unterstützung für die Menschewiki.”[51]

 

Der Bolschewismus wurde an der Basis hauptsächlich vom städtischen Proletariat unterstützt, einschließlich der entwurzelten und neu in die Stadt hinzugezogenen ArbeiterInnen. Die Menschewiki hatten ihre Unterstüzter quer über die Klassenlinien. Insgesamt rekrutierten die Menschewiki mehr aus den besser bezahlten und gebildeten ArbeiterInnen und weniger aus den ärmeren bäuerlichen Zuzüglern.” [52]

 

Während die Proportion der ArbeiterInnen in der Führung unter der der Basismitglieder lag, hatte die bolschewistische Führung 1917-23 43% ArbeiterInnen, 19% BerufsrevolutionärInnen und 38% aus der Mittelklasse. [53] Eine weitere Studie gibt einen Anteil von ArbeiterInnen mit 60% an. [54] Außerdem waren die bolschewistischen Kader aus der Mittelklasse alle jahrelang in Untergrundarbeit, Gefängnis und Exil erprobte KämpferInnen. Kurz, die bolschewistische Partei war die Partei der militanten ArbeiterInnen und jener Intellektuellen, die den Bruch mit ihrem Klassenhintergrund bewiesen hatten und dem proletarischen Befreiungskampf dienten.

 

Es muss auch erwähnt werden, dass die Bolschewiki auch darin erfolgreich waren, ihren fortwährenden Kampf für die Befreiung der unterdrückten Nationen durch eine durchgängig multinationale Zusammensetzung ihrer Mitglieder wie ihrer Führung zu untermauern. Als Randnotiz sei darauf hingewiesen, dass das eine ziemliche Errungenschaft darstellt, nachdem das Proletariat sich hauptsächlich in den russisch sprechenden Gebieten des Reichs konzentrierte (mit Ausnahme von Gebieten wie Polen, das seine eigene marxistische Partei hatte). Die Führung der bolschewistischen Partei hatte einen Anteil von 30-42% an Russen (die 44% im Zarenreich ausmachten), d.h. es gab in der Führung zwischen 56 und 70% Nicht-Russen. [55] Das ist ein weiterer Beweis dafür, dass die Bolschewiki ein Tribun der unterdrückten Völker waren.

 

Die Bolschewiki erreichten all das trotz der Tatsache, dass die ArbeiterInnenklasse nur einen kleinen Teil der Gesamtbevölkerung darstellte und unter Arbeits- und Bildungsbedingungen lebte, die die regelmäßige Teilnahme an revolutionären Aktivitäten extrem schwierig und gefährlich machten.

 



[1] Michael Pröbsting, der Autor dieses Buchs, wurde im Alter von 14 Jahren politischer Aktivist. Zwei Jahre später, 1984, wurde er Mitglied der von Ernest Mandel geführten Vierten Internationale (Vereinigtes Sekretariat). Nach einem Fraktionskampf gegen die zentristische Politik ihrer Führung verließ er sie im Februar 1989 und schloss sich der LRKI (2003 umbenannt in Liga für die Fünfte Internationale) an. Er war Teil der Führung der österreichischen Sektion der LRKI/LFI seit 1989 und der internationalen Führung von 1994 bis zu seinem Ausschluss und dem seiner MitstreiterInnen durch die Mehrheit der Organisation im April 2011. Er war für die LFI seit 1991 hauptamtlich tätig. Nach ihrem Ausschluss gründeten die GenossInnen die Revolutionär-Kommunistische Organisation BEFREIUNG in Österreich und die Revolutionär-Kommunistische Internationale Tendenz, die heute Sektionen und AktivistInnen in Pakistan, Sri Lanka, Israel/besetztes Palästina, Jemen, Tunesien, Brasilien, USA, Britannien, Deutschland und Österreich hat. Michael Pröbsting ist gegenwärtig als Internationaler Sekretär der RCIT tätig.

[2] Wir verweisen an dieser Stelle LeserInnen auf zwei Dokumente zum Parteiaufbau, die unsere Bewegung bereits veröffentlicht hat und die einen nützlichen Überblick über unseren Standpunkt geben: LFI: The Method and Principles of Communist Organization (2007), in: Documents of the League for the Fifth International, Vol. 1, 2009; LRCI: Theses on the Early Stages of Party Building, in: Trotskyist Bulletin No. 2 (1992). Der zweite Text beinhaltet jedoch irreführende Formulierungen in Bezug auf die Rolle der Intellektuellen in der Vorläuferorganisation einer kommunistischen Partei, die in der vorliegenden Publikation korrigiert werden.

[3] Karl Marx: Thesen zu Feuerbach (1845), in. MEW Bd. 3, S.5 (Hervorhebung im Original). Viele Arbeiten der marxistischen Klassiker wie auch der Kommunistischen Internationale, die im vorliegenden Dokument zitiert werden, sind im marxistischen Internetarchiv www.marxists.org einsehbar.

[4] Friedrich Engels: Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten, in MEW Bd. 21, S. 212

[5] W.I. Lenin: Der ökonomische Inhalt der Volkstümlerrichtung und die Kritik an ihr in dem Buch des Herrn Struve (Die Widerspiegelung des Marxismus in der bürgerlichen Literatur) (1894); in: LW Bd. 1, S. 414.

In einem späteren Artikel drückte Lenin dieses Verständnis energisch aus: “Die Lehre von Marx stößt in der ganzen zivilisierten Welt auf die erbittertste Feindschaft und den größten Hass der gesamten bürgerlichen Wissenschaft (der offiziellen wie der liberalen), die im Marxismus eine Art „schädlicher Sekte" erblickt. Ein anderes Verhalten kann man auch nicht erwarten, denn eine „unparteiische" Sozialwissenschaft kann es in einer

auf Klassenkampf aufgebauten Gesellschaft nicht geben. Jedenfalls ist es Tatsache, dass die gesamte offizielle und liberale Wissenschaft die Lohnsklaverei verteidigt, während der Marxismus dieser Sklaverei schonungslosen

Kampf angesagt hat. In einer Gesellschaft der Lohnsklaverei eine unparteiische Wissenschaft zu erwarten wäre eine ebenso törichte Naivität, wie etwa von den Fabrikanten Unparteilichkeit zu erwarten in der Frage, ob man nicht den Arbeitern den Lohn erhöhen sollte, indem man den Profit des Kapitals kürzt.” (W.I. Lenin: Drei Quellen und Drei Bestandteile des Marxismus (1913), in: LW Bd. 19, S. 3, Hervorhebung im Original)

Ivan K. Luppol, einer der führenden marxistischen Philosophen in der UdSSR der 1920er-Jahre, ein führender Vertreter der philosophischen Schule von Abraham Deborin, die von Stalin 1930/31 zerschlagen wurde, formulierte diesen Gedanken so: „Parteilichkeit, Parteinehmen ist in der Philosophie notwendig und unvermeidlich.“ und „Die Parteilichkeit in der Wissenschaft verpflichtet auch zur Parteilichkeit in der praktischen Tätigkeit. Die theoretische Parteilichkeit liefert ja gerade die Begründung zur praktischen Tätigkeit.” (Iwan K. Luppol: Die materialistische Dialektik und die Arbeiterbewegung (1928); in: Unter dem Banner des Marxismus, II. Jahrgang (1928), S. 229 bzw. 231)

[6] W.I.Lenin: Über einige Besonderheiten der historischen Entwicklung des Marxismus (1910), in: LW Bd. 17, S. 23.

Engels Originaläußerung stammt aus einem Brief von 1886, in dem er die dogmatischen SozialistInnen kritisierte: Es ist ihnen ein Credo, keine Anleitung zum Handeln. (Friedrich Engels: Brief an Friedrich Adolph Sorge, 29 November 1886, in: MEW Bd. 36, S. 578)

Trotzki drückte seine Zustimmung zu diesem Gedanken in zahlreichen Formulierungen wie der folgenden aus: Der proletarische Revolutionär muss vor allem begreifen, dass der Marxismus, die einzige wissenschaftliche Theorie von der proletarischen Revolution, nichts gemein hat mit fatalistischem Warten auf die „letzte“ Krise. Der Marxismus ist seinem Wesen nach eine Anleitung zu revolutionärem Handeln. Der Marxismus ignoriert nicht Willen und Mut, sondern hilft ihnen auf den richtigen Weg. (Leo Trotzki: Wohin geht Frankreich? 2. Teil (1935), S. 32f., Hervorhebung im Original)

[7] Karl Marx: Manifest der Kommunistischen Partei (1848), in: MEW Bd. 4, S. 480

[8] Leo Trotzki: Der Neue Kurs (1923); in: Die Linke Opposition in der Sowjetunion 1923-1928, Band 1, Westberlin 1976, S. 386

[9] Grigori Sinowjew: Der Krieg und die Krise des Sozialismus (1916/1924), S. 585 (Hervorhebung im Original)

[10] Dazu siehe auch einige informative Artikel von bürgerlichen Akademikern wie: Jacob W. Kipp: Lenin and Clausewitz: The Militarization of Marxism, 1914-1921, in: Military Affairs Bd. 49, 1985, S. 184-191; James Ryan: ‘Revolution is War’: The Development of the Thought of V. I. Lenin on Violence, 1899–1907, in: The Slavonic and East European Review, Bd. 89, No. 2 (April 2011), S. 248-273

[11] Marx bemerkte einmal richtig, „alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen“ (Kapital Bd. 3 in MEW Bd. 25, S. 825)

[12] W.I. Lenin: Notizen eines Publizisten (1910), in: LW Vol. 16, S. 238

[13] W.I. Lenin: Womit beginnen? (1901), in: LW Vol. 5, S. 6

[14] Die höchste Form der Klassenvereinigung der Proletarier, die revolutionäre Partei des Proletariats (Der „linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus, in: LW Vol. 31, S. 35)

[15] Im Gegensatz zum gegenwärtig modernen Mythos, der von Lars Lih und anderen linken Akademiker verbreitet wird, sahen Lenin und die Bolschewiki sich ab 1903 als unabhängige RevolutionärInnen und handelten auch so: „Als Strömung des politischen Denkens und als politische Partei besteht der Bolschewismus seit dem Jahre 1903. (W.I. Lenin: Der “linke Radikalismus”, die Kinderkrankheit im Kommunismus, in: LW Vol. 31, S. 9). Auch Trotzki betonte am Ende seines Lebens diesen Punkt: „Die bolschewistische Fraktion führte eine unabhängige Existenz. (…) Was Lenin betraf, so ging es ihm im wesentlichen darum, ob er mit Bogdanow in ein und derselben Organisation bleiben konnte, die zwar „Fraktion“ genannt wurde, aber alle Merkmale einer Partei trug. (…) Die bolschewistische Fraktionspartei führte einen Kampf gegen den Menschewismus, der sich zu dieser Zeit schon als völlig kleinbürgerliche Vertretung der liberalen Bourgeoisie verraten hatte “ (Leo Trotzki: Von einer Schramme – zur Gefahr der Knochenfälle (1940); in: Leo Trotzki: Verteidigung des Marxismus, Berlin 1997, Band II, S. 182)

[16] W.I.Lenin: Bericht in der gemeinsamen Sitzung des gesamtrussischen Zentralexekutivkomitees, des Moskauer Sowjets, der Betriebskomitees und der Gewerkschaften, 22. Oktober 1918, in: LW 28, S. 107

[17] Komintern: Leitsätze über die Rolle der Kommunistischen Partei in der proletarischen Revolution, Resolution des II.Weltkongreß der Kommunistischen Internationale, 1920; in: Die Kommunistische Internationale, Manifeste, Thesen und Resolutionen, Band I, Köln 1984, S.175

[18] Komintern: Leitsätze über die Rolle der Kommunistischen Partei in der proletarischen Revolution, Resolution des II.Weltkongreß der Kommunistischen Internationale, 1920; in: Die Kommunistische Internationale, Manifeste, Thesen und Resolutionen, Band I, Köln 1984, S.169

[19] Leo Trotzki: 1917 – Die Lehren des Oktobers (1924)

[20] Leon Trotsky: How to help the Centrists? (1929); in: Writings 1929, S. 398 (unsere Übersetzung)

[21] Komintern: Leitsätze über den organisatorischen Aufbau der kommunistischen Parteien, über die Methoden und den Inhalt ihrer Arbeit. Resolution des III. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale, in: Die Kommunistische Internationale, Manifeste, Thesen und Resolutionen, Band II, Köln 1984, S.113

[22] Siehe Nikolai Bucharin: Die eiserne Kohorte der Revolution (1922), neu aufgelegt in Karl-Heinz Neumann (Hrsg.), Marxismus Archiv, Bd.I, Marxismus und Politik, Frankfurt/M. 1971, S. 319-323

[23] Leon Trotsky: Notebooks 1933-35. Writings on Lenin, Dialectics and Evolutionism, New York 1986, S. 85

[24] Einen biografischen Überblick zu Kamo – der tatsächlich Ter-Petrosya hieß – gibt: David Shub: Kamo – the Legendary Old Bolshevik of the Caucasus, in: Russian Review, Vol. 19, No. 3 (1960), S. 227-247. Siehe auch: Boris Souvarine: Stalin - Anmerkungen zur Geschichte des Bolschewismus,-München Bernard & Graefe 1980, S. 108-115.

[25] Komintern: Leitsätze über die Grundaufgaben der Kommunistischen Internationale, (1920), in: Die Kommunistische Internationale, Manifeste, Thesen und Resolutionen, Band I, Köln 1984, S. 160

[26] Siehe Michael Pröbsting: The Great Robbery of the South. Continuity and Changes in the Super-Exploitation of the Semi-Colonial World by Monopoly Capital. Consequences for the Marxist Theory of Imperialism, Vienna 2013, pp. 69-80 and 228-240. Gekürzte Fassung auf deutsch: Der große Raub im Süden. Ausbeutung im Zeitalter der Globalisierung, Wien 2014

[27] Leo Trotzki: Fragen des Alltagslebens (1923), Berlin 1973, S. 23f.

[28] W. I. Lenin: Was tun? (1902), in: LW Bd. 5, S. 437 (Hervorhebung im Original)

[29] Die Komintern fasste die Rolle der Avantgardepartei folgendermaßen zusammen: „Die Kommunistische Partei soll die Avantgarde, der führende Vortrupp des Proletariats sein für alle Phasen seines revolutionären Klassenkampfes und der späteren Übergangsperiode zur Verwirklichung des Sozialismus, dieser ersten Stufe der kommunistischen Gesellschaft. (Komintern: Leitsätze über den organisatorischen Aufbau der kommunistischen Parteien, über die Methoden und den Inhalt ihrer Arbeit. Resolution des III. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale, in: Die Kommunistische Internationale, Manifeste, Thesen und Resolutionen, Band II, Köln 1984, S.106)

[30] Leon Trotsky: Centrist Alchemy or Marxism? (1935); in: Writings 1934/35, pp. 262-263 (unsere Übersetzung)

[31] August H. Nimtz hat vor kurzem eine hervorragende Studie über die Herangehensweise von Lenin und den Bolschewiki an die Arbeit im bürgerlichen Parlament veröffentlicht. Siehe die beiden Bände: Lenin's Electoral Strategy from Marx and Engels through the Revolution of 1905. The Ballot, the Streets—or Both and Lenin's Electoral Strategy from 1907 to the October Revolution of 1917. The Ballot, the Streets—or Both, Palgrave Macmillan, New York 2014

[32] Leo Trotzki: Wohin geht Frankreich? 2. Teil (1935), S. 32f.

[33] Leo Trotzki: Der Neue Kurs (1923); in: Trotzki Schriften Band 3.1., Hamburg 1997, S. 252

[34] Komintern: Leitsätze über die Rolle der Kommunistischen Partei in der proletarischen Revolution, Resolution des II.Weltkongreß der Kommunistischen Internationale, 1920; in: Die Kommunistische Internationale, Manifeste, Thesen und Resolutionen, Band I, Köln 1984, S.167

[35] Komintern: Leitsätze über die Rolle der Kommunistischen Partei in der proletarischen Revolution, Resolution des II.Weltkongreß der Kommunistischen Internationale, 1920; in: Die Kommunistische Internationale, Manifeste, Thesen und Resolutionen, Band I, Köln 1984, S.168f.

[36] W. I. Lenin: Materialien zum II. Kongreß der Kommunistischen Internationale (1920); in: LW EB 1917-23, S. 193

[37] Leon Trotsky: The Mistakes of Rightist Elements of the Communist League on the Trade Union Question. Some Preliminary Remarks (1931), (Hervorhebung im Original), in: Leon Trotsky: Trade Unions in the Epoch of Imperialist Decay, Pathfinder, New York 1990, S. 130-131 (unsere Übersetzung)

[38] Trotzki widmete dieser Beziehung in einem seiner letzten Artikel Aufmerksamkeit, bevor er von einem stalinistischen Agenten im August 1940 ermordet wurde: „Das wichtigste, lebendige Element in diesem Prozeß ist die Partei, genau wie im Mechanismus der Partei das wichtige und lebendige Element die Führung ist. Die Rolle und die Verantwortung der Führung in einer revolutionären Epoche ist enorm. (Leo Trotzki: Klasse, Partei und Führung: Warum wurde das spanische Proletariat besiegt? Fragen marxistischer Theorie (1940), in: Revolution und Bürgerkrieg in Spanien, Band 2, S.342)

[39] W.I. Lenin: Der ‘linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus, in: LW Bd. 31, S. 9

[40] Nikolai Bucharin: Die eiserne Kohorte der Revolution (1922), neu aufgelegt in Karl-Heinz Neumann (Hrsg.), Marxismus Archiv, Bd.I, Marxismus und Politik, Frankfurt/M. 1971, S. 319-323

[41] W. I. Lenin: Was tun? (1902), in: LW Bd. 5, S. 436 (Hervorhebung im Original)

[42] W. I. Lenin: Unsere nächste Aufgabe (1899), in: LW Bd. 4, S. 211

[43] W. I. Lenin: Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück (1904); in: LW Bd. 7, S. 257f

[44] W. I. Lenin: Thesen des Zweiten Kongresses der Kommunistischen Internationale (1920) in: LW Bd. 31, S. 175

[45] Wir haben gesagt, dass die Arbeiter ein sozialdemokratisches Bewusstsein gar nicht haben konnten. Dieses konnte ihnen nur von außen gebracht werden. Die Geschichte aller Länder zeugt davon, dass die Arbeiterklasse ausschließlich aus eigener Kraft nur ein trade-unionistisches Bewusstsein hervorzubringen vermag, d.h. die Überzeugung von der Notwendigkeit, sich in Verbänden zusammenzuschließen, einen Kampf gegen die Unternehmer zu führen, der Regierung diese oder jene für die Arbeiter notwendigen Gesetze abzutrotzen u.a.m.* Die Lehre des Sozialismus ist hingegen aus den philosophischen, historischen und ökonomischen Theorien hervorgegangen, die von den gebildeten Vertretern der besitzenden Klassen, der Intelligenz, ausgearbeitet wurden. Auch die Begründer des modernen wissenschaftlichen Sozialismus, Marx und Engels, gehörten ihrer sozialen Stellung nach der bürgerlichen Intelligenz an. Ebenso entstand auch in Rußland die theoretische Lehre der Sozialdemokratie ganz unabhängig von dem spontanen Anwachsen der Arbeiterbewegung, entstand als natürliches und unvermeidliches Ergebnis der ideologischen Entwicklung der revolutionären sozialistischen Intelligenz. Zu der Zeit, von der wir sprechen, d.h. um die Mitte der neunziger Jahre, war diese Lehre nicht nur das bereits völlig ausgereifte Programm der Gruppe „Befreiung der Arbeit", sondern sie hatte auch die Mehrheit der revolutionären Jugend in Russland für sich gewonnen.“ (W. I. Lenin: Was tun? (1902), in: LW Bd. 5, S. 385f)

Manche unserer revisionistischen Kritiker nehmen an, Marx hätte behauptet, die ökonomische Entwicklung und der Klassenkampf schüfen nicht bloß die Vorbedingungen sozialistischer Produktion, sondern auch direkt die Erkenntnis ihrer Notwendigkeit, und da sind die Kritiker gleich fertig mit dem Einwand, dass das Land der höchsten kapitalistischen Entwicklung, England, von allen modernen Ländern am freiesten von dieser Erkenntnis sei. Nach der neuen Fassung könnte man annehmen, dass auch die österreichische Programmkommission den auf diese Weise widerlegten angeblich ,orthodox-marxistischen' Standpunkt teile. Denn es heißt da: ‚Je mehr die Entwicklung des Kapitalismus das Proletariat anschwellen macht, desto mehr wird es gezwungen und befähigt, den Kampf gegen ihn aufzunehmen. Es kommt zum Bewusstsein der Möglichkeit und Notwendigkeit des Sozialismus etc.’ In diesem Zusammenhang erscheint das sozialistische Bewusstsein als das notwendige direkte Ergebnis des proletarischen Klassenkampfes. Das ist aber falsch. Der Sozialismus als Lehre wurzelt allerdings ebenso in den heutigen ökonomischen Verhältnissen wie der Klassenkampf des Proletariats, entspringt ebenso wie dieser aus dem Kampfe gegen die Massenarmut und das Massenelend, das der Kapitalismus erzeugt; aber beide entstehen nebeneinander, nicht auseinander, und unter verschiedenen Voraussetzungen. Das moderne sozialistische Bewusstsein kann nur erstehen auf Grund tiefer wissenschaftlicher Einsicht. In der Tat bildet die heutige ökonomische Wissenschaft ebenso eine Vorbedingung sozialistischer Produktion wie etwa die heutige Technik, nur kann das Proletariat beim besten Willen die eine ebenso wenig schaffen wie die andere; sie entstehen beide aus dem heutigen gesellschaftlichen Prozess. Der Träger der Wissenschaft ist aber nicht das Proletariat, sondern die bürgerliche Intelligenz; in einzelnen Mitgliedern dieser Schicht ist denn auch der moderne Sozialismus entstanden und durch sie erst geistig hervorragenden Proletariern mitgeteilt worden, die ihn dann in den Klassenkampf des Proletariats hineintragen, wo die Verhältnisse es gestatten. Das sozialistische Bewusstsein ist also etwas in den Klassenkampf des Proletariats von außen Hineingetragenes, nicht etwas aus ihm urwüchsig Entstandenes. Dem entsprechend sagt auch das alte Hainfelder Programm ganz richtig, dass es zu den Aufgaben der Sozialdemokratie gehöre, das Proletariat mit dem Bewusstsein seiner Lage und seiner Aufgabe zu erfüllen. Das wäre nicht notwendig, wenn dies Bewusstsein von selbst aus dem Klassenkampf entspränge. Die neue Fassung hat diesen Satz von dem alten Programm übernommen und dem eben besprochenen angehängt. Dadurch ist aber der Gedankengang völlig zerrissen worden.“ (Karl Kautsky, zitiert in W. I. Lenin: Was tun? (1902), in: LW Bd. 5, S. 394f)

[46] W. I. Lenin: Was tun? (1902), in: LW Bd. 5, S. 395

[47] W. I. Lenin: An die Partei (1904); in: LW Bd. 7, S. 460f. Lenin wiederholte diesen Gedanken oft in diesem Buch, das die Gründe der Spaltung zwischen den Bolschewiki und den Menschewiki diskutierte und bilanzierte.

Kurzum, die Formel des Genossen Martow wird entweder ein toter Buchstabe, eine hohle Phrase bleiben, oder sie wird hauptsächlich und fast ausschließlich den Intellektuellen, die durch und durch vom bürgerlichen Individualismus durchtränkt sind" und der Organisation nicht angehören wollen, Nutzen bringen. In Worten verteidigt Martows Formel die Interessen der breiten Schichten des Proletariats; in der Tat wird diese Formel den Interessen der bürgerlichen Intelligenz dienen, die sich vor der proletarischen Disziplin und Organisation scheut. Niemand wird zu leugnen wagen, dass die Intelligenz als besondere Schicht der modernen kapitalistischen Gesellschaft im Großen und Ganzen gerade durch den Individualismus und die Unfähigkeit zur Disziplin und Organisation gekennzeichnet ist (siehe auch die bekannten Artikel Kautskys über die Intelligenz) ; hierdurch unterscheidet sich diese Gesellschaftsschicht unter andrem ungünstig vom Proletariat; darin liegt eine der Erklärungen für die Schwächlichkeit und Wankelmütigkeit der Intelligenz, eine Eigenschaft, die das Proletariat so oft zu spüren bekommt; und diese Eigenschaft der Intelligenz steht in unlöslichem Zusammenhang mit ihren gewöhnlichen Lebensbedingungen und ihren Erwerbsverhältnissen, die sich in sehr Vielem den Verhältnissen der kleinbürgerlichen Existenz nähern (Arbeit als Einzelperson oder in sehr kleinen Kollektiven usw.). Es ist schließlich auch kein Zufall, dass gerade die Verteidiger der Formel Martows als Beispiele Professoren und Gymnasiasten heranziehen mussten! In den Auseinandersetzungen über § 1 sind nicht die Verfechter des breiten proletarischen Kampfes gegen die Verfechter der radikalen Verschwörerorganisation aufgetreten, wie die Genossen Martynow und Axelrod meinten, sondern die Anhänger des bürgerlich-intellektuellen Individualismus sind mit den Anhängern der proletarischen Organisation und Disziplin zusammengestoßen.“ (W. I. Lenin: Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück (1904); in: LW Bd. 7, S. 266f)

Gerade die Fabrik, die so manchem nur als Schreckgespenst erscheint, ist die höchste Form der kapitalistischen Kooperation, die das Proletariat vereinigte und disziplinierte, die es lehrte, sich zu organisieren, und es an die Spitze aller übrigen Schichten der werktätigen und ausgebeuteten Bevölkerung stellte. Gerade der Marxismus als Ideologie des durch den Kapitalismus geschulten Proletariats belehrte und belehrt die wankelmütigen Intellektuellen über den Unterschied zwischen

der ausbeuterischen Seite der Fabrik (der auf der Furcht vor dem Hungertod beruhenden Disziplin) und ihrer organisierenden Seite (der auf der gemeinsamen, durch die Bedingungen der technisch hochentwickelten Produktion vereinigten Arbeit beruhenden Disziplin). Disziplin und Organisation, die der bürgerliche Intellektuelle so schwer begreift, eignet sich das Proletariat dank der „Schule", die es in der Fabrik durchmacht, besonders leicht an. Die Todesangst vor dieser Schule, das völlige Nichtverstehen ihrer organisierenden Bedeutung sind eben für Denkmethoden charakteristisch, die kleinbürgerliche Existenzbedingungen widerspiegeln und jene Art von Anarchismus erzeugen, die von den deutschen Sozialdemokraten Edelanarchismus genannt wird, d. h. den Anarchismus des „edlen" Herrn, den Herrenanarchismus, möchte ich sagen.“ (W. I. Lenin: Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück (1904); in: LW Bd. 7, S. 395)

„Hier kann und muss der Proletarier, der durch die Schule der „Fabrik" gegangen ist, dem anarchistischen Individualismus eine Lehre erteilen. Der klassenbewusste Arbeiter hat längst jene Säuglingszeit überwunden, in welcher er den Intellektuellen als solchen mied. Der klassenbewusste Arbeiter weiß jenen reicheren Wissensschatz, jenen weiteren politischen Gesichtskreis, den er bei den sozialdemokratischen Intellektuellen findet, zu schätzen. Aber in dem Maße, wie sich bei uns eine wirkliche Partei herausbildet, muss der klassenbewusste Arbeiter lernen, die Mentalität eines Soldaten der proletarischen Armee von der Mentalität eines bürgerlichen Intellektuellen zu unterscheiden, der mit anarchistischen Phrasen prunkt; er muss lernen, die Erfüllung der Pflichten eines Parteimitglieds nicht nur von den einfachen Mitgliedern, sondern auch von den ‚Leuten an der Spitze’ zu fordern, er muss lernen, der Nachtrabpolitik in organisatorischen Fragen mit derselben Verachtung zu begegnen, mit der er in vergangenen Jahren der Nachtrabpolitik in taktischen Fragen begegnet ist!“ (W. I. Lenin: Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück (1904); in: LW Bd. 7, S. 398f)

[48] Das sind die Zahlen, die der hervorragende russische marxistische Historiker der 1920er M.N. Pokrowski berichtet und die von anderen historisch-ökonomischen Studien über das zaristische russland weitgehend bestätigt wurden (s. M. Pokrowski: Russische Geschichte, Berlin 1930, S.244)

[49] David Lane: The Roots of Russian Communism, Martin Robertson 1969, p. 26. Eine andere Untersuchung, die die 24.000 Mitglieder der Partei im Jahre 1917 analysiert, kommt zu ähnlichen Zahlen: 60.2% der Mitglieder entstammten der ArbeiterInnenklasse, 7.5% der bäuerlichen und 32.2% dem Angestelltenmilieu oder “anderes”. (Siehe T.H. Rigby: Communist Party Membership in the USSR, 1917–1967, Princeton University Press, Princeton 1968, S. 85-87)

[50] David Lane: The Roots of Russian Communism, S. 47

[51] David Lane: The Roots of Russian Communism, S. 47 (unsere Übersetzung)

[52] David Lane: The Roots of Russian Communism, S. 50 (unsere Übersetzung)

[53] Liliana Riga: The Bolsheviks and the Russian Empire, University of Edinburgh, Cambridge 2012, S. 279

[54] Evan Mawdsley: Makers of the Soviet Union Revisited: The Bolshevik Central Committee Elite in the Revolutionary Period, in: Revolutionary Russia Bd. 8 (1995), No. 2, S. 195 – 211

[55] Liliana Riga: The Bolsheviks and the Russian Empire, S. 16

 

Kapitel II. Die revolutionäre Partei und ihre Merkmale

 

 

Das kommunistische Konzept einer Avantgardepartei wurde nach den Erfahrungen der Bolschewiki und ihrer Verallgemeinerung durch die Komintern und Trotzkis Vierte Internationale formuliert. Die Komintern betonte, dass RevolutionärInnen immer die konkreten Umstände mit einbeziehen müssen.

 

Die Organisation der Partei muß den Bedingungen und dem Zweck ihrer Tätigkeit angepaßt sein. (…) Es kann keine absolut richtige, unveränderliche Organisationsform für die kommunistischen Parteien geben. Die Bedingungen des proletarischen Klassenkampfes sind in einem unaufhörlichen Verwandlungsprozeß Änderungen unterworfen und diesen Änderungen entsprechend soll auch die Organisation der Avantgarde des Proletariats dauernd nach zweckmäßigen Formen suchen. Gleichfalls werden durch die historisch bestimmte Eigenart jedes einzelnen Landes besondere Anpassungsformen für die Organisation der einzelnen Parteien bedingt.[1]

 

Es macht natürlich einen großen Unterschied, ob eine revolutionäre Partei in der Illegalität im Untergrund arbeiten muss oder ob sie Bedingungen relativ stabiler bürgerlicher Demokratie erlebt; ob sie in einer revolutionären, nicht revolutionären oder konterrevolutionären Situation tätig ist; ob sie Vertreter in der Gewerkschaftsführung oder im Parlament hat; ob sie Entrismusarbeit innerhalb einer reformistischen Partei leistet; ob sie groß oder klein ist; usw.

 

Doch die Notwendigkeit, die konkreten Umstände mit einzubeziehen, ändert nichts an der Tatsache, dass KommunistInnen die Partei oder ihre Vorformen auf Grundlager einer Reihe von Prinzipien aufbauen müssen. „Die trotz aller Eigenart existierende Gleichheit in den Bedingungen des proletarischen Klassenkampfes in den verschiedenen Ländern und in den verschiedenen Phasen der proletarischen Revolution ist für die internationale kommunistische Bewegung von grundlegender Bedeutung. Sie ergibt die gemeinsame Grundlage für die Organisation der kommunistischen Parteien aller Länder.[2]

 

Im Folgenden werden die wichtigsten Grundsätze der bolschewistisch-kommunistischen Konzeption der Avantgarde-Partei zusammengefasst. Diese Grundsätze sind für die revolutionäre Partei ebenso anzuwenden wie für bolschewistische Parteiaufbauorganisationen, wenn auch mit manchen Abänderungen, wie wir zeigen werden. Wenn von den Grundsätzen der Partei die Rede ist, ist also immer – sofern nicht eigens hervorgehoben – auch die Parteiaufbauorganisation mitgemeint.

 

 

 

Einheit von Theorie und Praxis

 

 

 

Die zugrundelegende Methode der Parteiarbeit ist das marxistische Prinzip der Einheit von Theorie und Praxis. Das eine kann ohne das andere nicht existieren. Die Theorie verweist auf die Praxis – ansonsten ist sie nur ein lebloses Dogma. Und die Praxis verweist auf die Theorie – ansonsten ist sie blinder Aktivismus ohne strategische Ausrichtung.

 

Tatsächlich würde Theorie ohne (vergangene) Praxis nicht existieren. Mit anderen Worten ist Theorie verallgemeinerte erlebte Vergangenheit, wie Trotzki einst formulierte:

 

"Läßt man sich von der Theorie leiten, so heißt das, daß man sich von der Verallgemeinerung der gesamten bisherigen Praxis der Menschheit leiten läßt, um eine bestimmte praktische Aufgabe der Gegenwart möglichst gut zu bewältigen. Vermittelt durch Theorie, erweist sich so das ‚Primat’ der Praxis insgesamt gegenüber den Teilpraktiken." [3]

 

Daraus folgt, dass der Charakter der marxistischen Theorie gemäß den Bedürfnissen der Praxis strukturiert und konzeptualisiert sein muss und gleichzeitig die Praxis von der Theorie geleitet werden muss. Ein solch dialektisch-materialistischer Zugang zum Verhältnis zwischen Theorie und Praxis ist der einzige Weg, um sich ein korrektes Verständnis bezüglich der Aufgaben der Partei anzueignen.

 

Abraham Deborin, der führende marxistische Philosoph der UdSSR in den 1920ern vor dem stalinistischen Umbruch, formulierte die Beziehung zwischen Theorie und Praxis sehr gut.

 

„Um die Wirklichkeit umzugestalten, ist es notwendig, daß die Theorie selbst Wirklichkeit werde, daß sie aktiv-schöpferische Kraft sei, daß, mit einem Wort, die Theorie Praxis werde. Der Marxismus ist eine solche von allen anderen abweichenden Theorie, eine philosophische Weltanschauung, die die Umkehrung der Praxis zur Theorie und der Theorie in die Praxis fordert. Der Marxismus kennt keine Trennung zwischen Theorie und Praxis. Die dialektische Einheit von Theorie und Praxis erfordert, daß die Theorie praktisch sei und daß die Praxis durch die Theorie erklärt, und selbst zur Theorie werde.“ [4]

 

Ähnlich bezeichnete Ivan K. Luppol, ein weiterer einflussreicher sowjetischer Philosoph der Schule Deborins, die dialektisch-materialistische Methode in seinem Buch zu Lenins Philosophie als die „Methodologie des Wissens auf der Grundlage des Handelns und Methodologie des Handelns auf der Grundlage des Wissens.[5]

 

Schließlich ist die Einheit von Theorie und Praxis wesentlich für die gesamte Arbeits- und Existenzweise der revolutionären Partei bzw. ihrer Vorform, um ein Kollektiv von AktivistInnen der ArbeiterInnenklasse zu bilden, die passiven Propagandismus ablehnen, und gleichzeitig ideologisch gestählt die korrekte Ausrichtung unter Bedingungen des Kampfes und Drucks seitens des Klassenfeinds wie auch innerhalb der ArbeiterInnenbewegung zu finden. Leo Trotzki formulierte diese grundlegende Wahrheit in einem Brief an die spanische Jugend 1932:

 

Die Stärke des Marxismus liegt in der Einheit von wissenschaftlicher Theorie und revolutionärem Kampf. Diese beiden Dinge sollten für die Erziehung der kommunistischen Jugend maßgeblich sein. Das Studium des Marxismus außerhalb des revolutionären Kampfes kann Bücherwürmer, aber keine Revolutionäre hervorbringen. Teilnahme am revolutionären Kampf ohne das Studium des Marxismus muß unvermeidlich Gefahr, Unsicherheit, starke Kurzsichtigkeit mit sich bringen. Man kann den Marxismus als ein Marxist nur durch Teilnahme an Leben und Kampf der Klasse studieren; revolutionäre Theorie wird durch die Praxis bestätigt, und die Praxis durch die Theorie erhellt. Nur diejenigen Wahrheiten des Marxismus, die im Kampf erobert werden, gehen in Fleisch und Blut über.[6]

 

Und der alte Gefährte von Marx und Engels, Wilhelm Liebknecht, fasste die Aufgabe der revolutionären Partei in der Formel “studieren, propagieren, organisieren” gut zusammen.

 

 

 

Die Hingabe der Parteimitglieder

 

 

 

Einheit von Theorie und Praxis bedeutet zuerst, dass die AktivistInnen nicht nur mit den Zielen ihrer Partei übereinstimmen, sondern auch für diese mit allen Mitteln, die die Organisation für notwendig erachtet, kämpfen. Das heißt, dass die totale Hingabe der AktivistInnen gefordert ist: "Die Revolution verlangt die vollständige Hingabe des Menschen.”[7]

 

Eine Organisation, der es an dieser Voraussetzung der völligen Hingabe ihrer Mitglieder für die revolutionäre Arbeit mangelt, ist für die Sache des proletarischen Befreiungskampfs von vornherein verloren. Mit einer solchen Organisation ist jede Übereinkunft über ein Programm oder eine theoretische Analyse bedeutungslos, weil sie ein bloßes abstraktes Teilen der Sichtweise ohne jede Konsequenz in der Praxis bliebe. Die ParteiaktivistInnen müssen imstande sein, allen Formen von Druck seitens politischer Feinde und “sozialistischer” Gegner zu widerstehen. Nicht zufälligerweise wurden die Bolschewiki als “die Felsenfesten” bezeichnet und nannten sich auch selbst so. [8]

 

Ein entscheidendes Kriterium zur Unterscheidung einer revolutionär-proletarischen von einer kleinbürgerlichen Partei ist die Haltung ihrer Mitglieder zu den politischen und praktischen Forderungen des Befreiungskampfes. Trotzki drückte das in einer Rede zur Gründung der Vierten Internationale eindrucksvoll aus:

 

Unsere Partei fordert jeden von uns total und vollständig. Laßt die Philister ihre eigene Individualität in einen leeren Raum jagen. Sich vollständig der Partei zu geben, bedeutet für einen Revolutionär, sich selbst zu finden. Ja, unsere Partei ergreift jeden von uns ganz. Aber umgekehrt gibt sie jedem von uns größtes Glück: das Bewußtsein, daß wir an dem Aufbau einer besseren Zukunft beteiligt sind, daß wir einen Teil des menschlichen Schicksals auf unseren Schultern tragen und daß unser Leben nicht umsonst gelebt sein wird. Die Treue gegenüber der Sache der Arbeiter erfordert von uns höchste Ergebenheit gegenüber der internationalen Partei. Die Partei kann natürlich auch irren. Aber durch gemeinsame Anstrengungen werden wir ihre Fehler korrigieren. Unwürdige Elemente können in ihre Reihen eindringen. Durch gemeinsame Anstrengungen werden wir sie entfernen. Tausende, die morgen in unsere Reihen eintreten, wird wahrscheinlich die notwendige Erziehung fehlen. Durch gemeinsame Anstrengungen werden wir ihr revolutionäres Niveau heben. Aber wir werden niemals vergessen, daß unsere Partei jetzt den größten Hebel der Geschichte darstellt. Getrennt von ihr, ist jeder von uns nichts; mit ihr in der Hand, sind wir alles.[9]

 

Bei anderer Gelegenheit erklärte er einem sympathisierenden Anwalt, der sich nicht zur völligen Ergebenheit gegenüber der Revolution entschließen konnte:

 

Ich sagte zu mir selber, nachdem ich sie aus nächster Nähe beobachtet habe, daß Genossen Revolutionäre sind oder solche bekommen können, die zu solchen Initiativen und zu solchen persönlichen Opfern bereit sind. Denn es ist auf diesem Weg, Genosse Paz, daß Revolutionäre geformt werden. Man kann Revolutionäre haben, die erfahren sind oder unwissend, intelligent oder dumm. Aber es gibt keine Revolutionäre, denen der Wille fehlt, Hindernisse zu zerschlagen, denen die Hingabe und die Einstellung fehlt, Opfer zu bringen. (…) Ich möchte hier nicht auf die Geschichte der russischen Partei in der Zeit der Illegalität eingehen. Die Person, die zur Bewegung gehörte, gehörte ihr nicht nur mit ihren materiellen Mitteln, sondern mit Körper und Seele. Er oder sie identifizierte sich offen mit der Sache und durch einen solchen Prozeß der Erziehung waren wir in der Lage, Kämpfer herauszubilden, die die zahlreichen „Äxte“ der proletarischen Revolution wurden.[10]

 

Gerard Rosenthal, einer der französischen Mitstreiter Trotzkis, berichtete in seinen Memoiren, dass Trotzki vom Mangel an revolutionärer Hingabe bei den westlichen SozialistInnen irritiert war:

 

Trotzki’s Hauptinteresse galt des menschlichen Qualitäten eines Revolutionärs: ‚Wir können die Revolution nur mit Menschen durchführen und gewinnen, die sich ganz und ganz dem Kampf widmen. Bei den russischen Revolutionären war das Privatleben konsequent den Erfordernissen des politischen Kampfes untergeordnet.’ Kontakte mit westlichen Genossen hatten ihn enttäuscht: ‚Mit Menschen, die an die erste Stelle ihr Berufsleben, dann ihre Familie und zuletzt die Revolution setzten, ist an eine Revolution nicht zu denken.’[11]

 

James P. Cannon, der historische Führer des amerikanischen Kommunismus und später Trotzkismus, fasste den marxistischen Zugang in einer Schrift, die als Zusammenfassung des Fraktionskampfs gegen die kleinbürgerliche innerparteiliche Opposition um Max Shachtman herausgegeben wurde, zusammen:

 

“Für uns muß die Partei eine Kampforganisation sein, die einen entschlossenen Kampf um die Macht führt. Die bolschewistische Partei, die den Kampf um die Macht führt, braucht nicht nur interne Demokratie. Sie benötigt ebenso dringend Zentralismus und eiserne Disziplin in der Aktion. (...) Sie (die Führungsgenossen, d.A.) widmen sich ausschließlich der Partei und finden in der Partei und ihren vielfältigen Aktivitäten im proletarischen Bereich völlig persönliche Erfüllung. Für den proletarischen Revolutionär ist die Partei der konzentrierte Ausdruck seines Lebenszweck. Er ist ihr auf Leben und Tod verbunden. Er tritt bedingungslos für die Partei ein, weil er weiß, daß seine sozialistischen Ideale ohne die Partei nicht verwirklicht werden kann. Untreue und Verantwortungslosigkeit gegenüber der Partei ist in seinen Augen das größte aller Verbrechen. Der proletarische Revolutionär ist stolz auf seine Partei. Er verteidigt sie unablässig nach außen. Der proletarische Revolutionär ist diszipliniert, weil die Partei als Kampforganisation ohne Disziplin nicht bestehen kann. Befindet er sich selbst in der Minderheit, dann unterwirft er sich loyal den Beschlüssen der Partei und führt sie aus. Er wartet auf neue Ereignisse, die seine Ansichten bestätigen, oder eine andere Gelegenheit, um die Diskussion neu zu eröffnen.” [12]

 

Dieses Thema ist in der imperialistischen Welt von besonderer Wichtigkeit angesichts der wenigen revolutionären Situationen und Traditionen. Trotzki, der die revolutionäre ArbeiterInnenbewegung in Russland mit ihren Pendants im Westen vergleichen konnte, sah den Mangel solch revolutionärer Hingabe als zentrale Schwäche der westlichen sozialistischen Kräfte. Aus Anlass des Todes des alten bolschewistischen Kämpfers Kote Tsintsadze wies Trotzki auf dieses Problem hin:

 

Die kommunistischen Parteien im Westen haben bisher keine Kämpfer vom Typ Tsintsadze hervorgebracht. Das ist ihre große Schwäche, verursacht durch historische Gegebenheiten, aber nichtsdestotrotz eine Schwäche. Die Linke Opposition in den westlichen Ländern ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme und sie muss sich dessen sehr bewusst sein.”[13]

 

Wenn Trotzki über den Mangel an revolutionären KämpferInnen in Westeuropa 1920 besorgt war, was würde er heute sagen, wo es viel weniger revolutionäre Situationen als zu seinen Lebzeiten gibt und damit viel weniger Gelegenheiten zur Heranbildung einer Generation hingebungsvoller kommunistischer AktivistInnen? Die sogenannte Linke ist voller AktivistInnen, die selten auf ihr persönliches Wohlbefinden und Karriere vergessen. Es ist eine der dringlichsten Aufgaben, eine neue Generation kommunistischer KämpferInnen hervorzubringen, die sich der revolutionären Arbeit voll und ganz widmen.

 

Diese Entwicklung wurde vom enormen Wachstum der städtischen Mittelschicht und Arbeiteraristokratie in den imperialistischen Ländern und durch die Orientierung der meisten zentristischen Organisationen auf diese und auf die mit ihnen verwandten Schichten sowie auf jene, die darauf hoffen, sich ihr anzuschließen, verstärkt (Universitätsstudenten, Intellektuelle, gut ausgebildete Bereiche der ArbeiterInnenklasse etc.). Als Ergebnis haben die meisten zentristischen und reformistischen Organisationen in Europa und den USA – vor allem ihre Führungen – eine erschreckende Klassenzusammensetzung, d.h. sie sind von Leuten mit einem Hintergrund aus dem fortschrittlichen weißen und Mittelschichtsmilieu dominiert. Eine solche Orientierung beginnt meist früh, während der Studienzeit, wenn jene, die sich einer professionellen Karriere verweigern, als Außenseiter betrachtet werden.

 

Dieser “europäische Typ des Revolutionärs” hat sich in den letzten Jahrzehnten in verschiedenen StudentInnenbewegungen herausgebildet, die das Hauptrekrutierungsfeld für die zentristischen und reformistischen Kräfte sind. Ihre Klassenzusammensetzung wurde nicht durch eine Orientierung auf die unteren Schichten der ArbeiterInnenklasse und Unterdrückten korrigiert.

 

Das Ergebnis davon ist personifiziert in Linksintellektuellen wie Tariq Ali, Henri Weber, André Gorz und Robin Blackburn, die alle für eine gewisse Zeit eine Berufskarriere mit “marxistischer” Politik verbanden, bevor sie ihren Aktivismus völlig aufgaben. Eine revolutionäre Bewegung kann nicht auf solch verdorbenen Elementen aufbauen. Es ist eine der vordringlichsten Aufgaben, eine neue Generation kommunistischer KämpferInnen zu bilden, die sich der revolutionären Arbeit voll und ganz widmen und die von jenen, die behaupten, “das System von innen zu bekämpfen”, indem sie die Karriereleiter hinaufsteigen, abgestoßen sind.

 

 

 

Das Programm zuerst

 

 

 

Zuerst und vor allem braucht die Partei ein klares Verständnis ihrer theoretischen Grundlage und, beruhend darauf, ein revolutionäres Programm. Ohne Programm hat sie keinen politischen Kompass, keine politische Ausrichtung. Lenin stellte bekanntlich bereits 1902 fest: “Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben.” [14]

 

Ein Programm beinhaltet eine Analyse der kapitalistischen Gesellschaft in einer gegebenen politischen Periode, eine Festlegung der allgemeinen sozialistischen Ziele, einen Umriss der Strategie für das Proletariat sowohl für die Machtübernahme wie auch für die wichtigsten Taktiken und Forderungen. Ein Programm muss, wie es die Komintern und die Vierte Internationale nannten, ein “Übergangsprogramm” sein, d.h. ein Programm, das den Weg von der gegenwärtigen Situation bis zur Machtergreifung aufzeigt. In Diskussionen mit GesinnungsgenossInnen erklärte Trotzki die Wichtigkeit eines solchen Programms:

 

"Was ist nun die Partei? Worin besteht ihr Zusammenhalt? Dieser Zusammenhalt ist das gemeinsame Verständnis der Ereignisse, der Aufgaben; und dieses gemeinsame Verständnis - das ist das Programm der Partei. Ebenso wie moderne Arbeiter – noch weniger als die Barbaren – nicht ohne Werkzeug arbeiten können, so ist in der Partei das Programm das Instrument. Ohne das Programm muss jeder Arbeiter sein Werkzeug improvisieren, improvisierte Werkzeuge suchen und eines widerspricht dann dem anderen. Nur wenn wir die Avantgarde auf Grundlage einer gemeinsamen Konzeption organisiert haben, dann können wir handeln" [15]

 

Marx und Engels schrieben das Kommunistische Manifest, das erste wissenschaftliche sozialistische Programm, kurz nachdem sie sich 1847 dem Kommunistischen Bund angeschlossen hatten. Die Zweite Internationale hatte wichtige nationale Programme, das deutsche “Erfurter Programm” oder das französische Programm, geschrieben von Marx. Auch die russischen MarxistInnen verabschiedeten 1903 ein durchdachtes Programm und als sich die Umstände 1917 änderten, schrieb Lenin die sogenannten “April-Thesen” als eine Art Alternativprogramm für die revolutionäre Periode vor dem Oktober 1917. Im März 1919 änderte die Partei ihr Programm offiziell und passte es den neuen Gegebenheiten an. Dieses Programm war eine Richtlinie für die Komintern und ihre programmatischen Resolutionen von 1919 bis 1922. Bald nachdem der Vierte Weltkongress 1922 den Beschluss gefasst hatte, ein Programm zu erarbeiten, degenerierte die Komintern unter dem Gewicht der stalinistischen Bürokratie und das Projekt wurde verschoben und letztlich 1928 durch ein zentristisch stalinistisches Programm ersetzt. Es blieb Trotzkis Vierter Internationale vorbehalten, 1938 – nach einer Reihe von Resolutionen und programmatischen Dokumenten in den Jahren davor – ein kommunistisches Programm auf Grundlage der Übergangsmethode zu verfassen.

 

Nur wenn KommunistInnen sich auf Grundlage solch revolutionärer Theorie und revolutionären Programms stellen, werden sie konkrete und flexible Taktiken entwickeln können.

 

Der Marxismus ist eine Methode der historischen Analyse, der politischen Orientierung – nicht eine Ansammlung von Beschlüssen, die auf Vorrat produziert wurden. Der Leninismus ist die Anwendung dieser Methode unter den Bedingungen einer besonderen Epoche. Gerade aus der Kombination der Besonderheiten der Epoche mit dieser Methode erwuchs die mutige, reife, auf sich selbst vertrauende Politik scharfer Wendungen, die Lenin so meisterhaft beherrschte und die er theoretisch erhellt und verallgemeinert hat. [16]

 

Es ist ein Merkmal des Zentrismus, dass er sich der Erarbeitung eines Programms, das seine Prinzipien wie auch ihre Anwendung in einer konkreten politischen Lage zusammenfasst, verweigert. Als Ergebnis bestehen alle größeren zentristischen Strömungen (Morenoisten, CWI, IMT, IST usw.) seit Jahrzehnten ohne Programm. Der verstorbene Tony Cliff, einer der Helden des angelsächsischen Pragmatismus unter dem Deckmantel des “Trotzkismus”, entschuldigte seine Ablehnung der Erarbeitung eines Programms gern mit der Behauptung, “es ist besser, eine Waffe als den Plan einer Waffe zu haben”. Letztlich hatte die SWP/IST weder eine Waffe noch einen Plan. Als sie sich scharfen Klassenkampfsituationen gegenüber sahen, schafften sie es wiederholt nicht, eine klare revolutionäre Position einzunehmen, sondern kapitulierten vor den Klassenfeinden (z.B. keine Verteidigung der halbkolonialen Länder wie Argentinien 1982, Irak 1991 und 2003 oder Afghanistan 2001 gegen imperialistische Angriffe; kein Aufruf für einen Generalstreik während des wichtigen britischen BergarbeiterInnenstreiks 1984/85; keine Verteidigung des degenerierten ArbeiterInnenstaats gegen den Imperialismus wie Korea 1950-53 usw.).

 

Manchmal rechtfertigen Zentristen ihre Verweigerung der Programmarbeit für die aktuelle Periode mit dem Hinweis auf Trotzkis Programm von 1938 als ausreichende Grundlage. Diese “MarxistInnen” verstehen nicht, dass ein Programm die Anwendung der Lehre des Klassenkampfes auf eine konkrete politische Situation mit einer Reihe von Strategien und Taktiken ist, um der Arbeiteravantgarde eine klare Orientierung zu geben. Wenn sich das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen ändert und sich eine neue politische Lage eröffnet – was üblicherweise von entscheidenden Ereignissen in der nationalen oder internationalen Politik verursacht wird –, müssen MarxistInnen das Programm den neuen Bedingungen anpassen. Ansonsten kann das Programm nicht als Handlungsrichtlinie funktionieren, sondern ist eine leblose, sektiererische Darlegung zeitloser Dogmen.

 

Wie Trotzki in Zusammenfassung der Lehren aus der gescheiterten Deutschen Revolution von 1923 warnte, wird eine Partei, die mit den Entwicklungen des Klassenkampfs nicht Schritt hält, ihre programmatische Klarheit verlieren und, unwillkürlich, zu einem Instrument der nichtproletarischen Klassenkräfte werden.

 

Die revolutionäre Partei befindet sich unter dem Druck fremder politischer Kräfte; in jeder Periode ihres Bestehens entwickelt sie andere Mittel, diesen Kräften zu widerstehen und sich ihnen entgegenzusetzen. Bei einer taktischen Neuorientierung und den damit verbundenen inneren Reibungen schwindet die Kraft, sich den zerstörenden äußeren Kräften zu widersetzen. Es besteht daher die Gefahr, daß innere Umgestaltungen der Partei, die im Hinblick auf die Notwendigkeit der taktischen Neuorientierung entstehen, über das Ziel hinauswachsen und verschiedenen Klassentendenzen als Stützpunkt dienen. Einfacher ausgedrückt: eine Partei, die mit den historischen Aufgaben ihrer Klasse nicht Schritt hält, läuft Gefahr, zum indirekten Werkzeug anderer Klassen zu werden oder wird es auch tatsächlich.[17]

 

Eine Vorbedingung für die politische Gesundheit einer Partei ist der Kampf gegen Strömungen innerhalb der Organisation, die nichtproletarische Klassenkräfte reflektieren und die das Parteiprogramm und ihre Methode angreifen. Natürlich werden in jeder gesunden Organisation, die sich nicht vom lebenden Klassenkampf abkapselt, Differenzen vorhanden sein. Solche Differenzen können auf die eine oder andere Weise opportunistische oder sektiererische Tendenzen ausdrücken, die den Druck anderer Klassen wiedergeben. [18] Die Partei und ihre Führung dürfen jedoch gegenüber solchen Entwicklungen nicht passiv bleiben. Sie muss proaktiv handeln und jene Mitglieder, die solche Abweichungen verkünden, zu überzeugen versuchen und zumindest sicherstellen, dass sie keinen dominanten Einfluss innerhalb der Partei gewinnen. Das ist besonders wichtig in den frühen Phasen des Parteiaufbaus, wo programmatische Klarheit eines der Schlüsselelemente zur Gewinnung von AktivistInnen aus der ArbeiterInnenavantgarde ist. Trotzki bemerkte dazu:

 

Philister werden darüber kichern, daß wir, eine kleine Minderheit, uns ununterbrochen mit inneren Abgrenzungen beschäftigen. Das wird uns nicht beirren. Gerade weil wir eine kleine Minderheit sind, deren ganze Kraft in theoretischer Klarheit besteht, müssen wir uns erbarmungslos gegen die zweifelhaften Freunde von rechts und links wenden.[19]

 

MarxistInnen lehnen das aktuell moderne Modell einer “pluralistischen linken Partei”, die auf eine solche programmatische Klarheit verzichtet, “um größer zu werden”, ab. Solch faule Methoden waren charakteristisch für die sozialdemokratische Zweite Internationale und führten zum vorherrschenden Einfluss des reformistischen Flügels und der Kapitulation der Partei vor dem Druck des Imperialismus. Lenin und die Bolschewiki betrachteten das als eine der Schlüssellehren ihres Kampfs und des Scheiterns der Zweiten Internationale zu Beginn des Ersten Weltkriegs 1914.

 

Der Typus der sozialistischen Parteien in der Epoche der II. Internationale war die Partei, die in ihrer Mitte einen Opportunismus duldete, der sich in den Jahrzehnten der „friedlichen" Periode immer mehr ausbreitete, aber im Verborgenen blühte, der sich den revolutionären Arbeitern anpasste, von ihnen ihre marxistische Terminologie übernahm und jeder klaren, prinzipiellen Abgrenzung aus dem Wege ging. Dieser Typus hat sich überlebt.”[20]

 

In einem anderen Artikel hielt Lenin fest: “Es gibt nichts Abgeschmackteres, nichts Verächtlicheres und Schädlicheres als die landläufige Idee der revolutionären Philister: die Differenzen „im Hinblick" auf die nächste gemeinsame Aufgabe in der beginnenden Revolution zu ‚vergessen’. Wen die Erfahrung des Jahrzehnts von 1905 bis 1914 nicht von der Dummheit dieser Idee überzeugt hat, der ist für die Revolution rettungslos verloren.”[21]

 

Die Aufgabe von MarxistInnen ist nicht, so viele ArbeiterInnen wie möglich ungeachtet ihrer politischen Ansicht zu sammeln, sondern so viele ArbeiterInnen wie möglich um ein revolutionäres Programm zu scharen.

 

In Lenins Schule haben wir alle gelernt, daß ein Bolschewik die Einheit auf der Grundlage einer proletarisch-revolutionären Linie anstreben muß. [22]

 

 

 

Propaganda und Agitation

 

 

 

Programmarbeit ist für sich genommen kein Ziel. Sie ist ungenügend, wenn sie nicht an die ArbeiterInnenklasse und ihre Avantgarde übermittelt wird, um sie zu bilden und in den Reihen der Partei zu organisieren. Eine der wesentlichsten Aktivitäten der revolutionären Partei ist daher die systematische Verbreitung ihrer Kampfziele und –methoden, wie sie in der marxistischen Theorie und ihrem Programm herausgearbeitet sind. Das wird üblicherweise mit den Mitteln der Propaganda und Agitation in der Zeitung der Organisation, ihren Flugblättern, öffentlichen Reden etc. bewerkstelligt. Plechanow, der Vater des russischen Marxismus, definierte Propaganda als “viele Ideen für ein paar” und Agitation als “ein paar Ideen für viele”. Mit anderen Worten erklärt Propaganda detailliert die verschiedenen Aspekte der marxistischen Analyse, Taktik und notwendigen Aktionen für ein bestimmtes Thema. Agitation andererseits konzentriert sich auf einen oder ein paar wenige Aspekte eines Themas und zieht daraus die für MarxistInnen relevanten Schlüsse.

 

Das zugrundeliegende Prinzip für das marxistische Programm wie auch für Propaganda und Agitation ist “sagen was ist”. Das heißt, dass MarxistInnen die Wahrheit nicht verbergen dürfen, um Reformisten nicht zu verschrecken oder das rückständige Bewusstsein der Massen herauszufordern. Trotzki fasste diesen Anspruch gut zusammen, als er schrieb: Ich glaube, daß die marxistische, die revolutionäre Politik im Allgemeinen eine sehr einfache ist: ‚Die Wahrheit aussprechen! Nicht lügen! Die Wahrheit sagen!‘ Das ist eine sehr einfache Politik.“ [23] Ähnlich meinte Rosa Luxemburg in einer Rede auf dem Internationalen Sozialistenkongreß in Amsterdam 1904:Und nichts ist revolutionärer, als zu erkennen und auszusprechen, was ist.[24]

 

Natürlich sind taktische Flexibilität und pädagogische Anpassung ebenso wichtig in der täglichen revolutionären Arbeit. Doch das darf nicht zur Verwässerung, Verbergung oder sogar zum Gegensatz zu marxistischen Prinzipien führen.

 

Das Unglück besteht darin, daß die Epigonen der bolschewistischen Strategie den jungen kommunistischen Parteien als deren Quintessenz das Manövrieren und die Flexibilität anempfehlen, losgelöst von ihrem historischen Ursprung und von ihren prinzipiellen Grundlagen, so daß daraus ein prinzipienlosen Kombinieren wird, das allzuhäufig einem Leerlauf ähnelt. Nicht Flexibilität war was das Hauptcharakteristikum des Bolschewismus, nicht Flexibilität darf es heute sein, sondern seine Unbeugsamkeit. Gerade auf seine Unbeugsamkeit, die ihm seine Feinden und Gegnern vorwarfen, war der Bolschewismus mit Recht stolz. Nicht ein zufriedene ‚Optimismus‘, sondern Unversöhnlichkeit, Wachsamkeit, revolutionäres Mißtrauen, Kampf um jeden Zoll Selbständigkeit sind die grundlegenden Züge des Bolschewismus.“ [25]

 

MarxistInnen weisen also opportunistische Manöver diverser Zentristen zurück, die – um der ArbeiterInnenbürokratie zu gefallen - behaupten, dass der Befreiungskampf mit gewaltlosen Mitteln gewonnen werden kann oder nahelegen, dass reformistische Führer über Druck von unten dazu gebracht werden könnten, den Weg des aufrechten Klassenkampfs einzuschlagen. (z.B. CWI, IMT, IST, Morenoisten).

 

Es ist das Programm als Ganzes und die Haltung der SozialistInnen dazu sowie auch deren zentrale politischen Positionen, was den Charakter des Programms ausmacht. Programmatische Schlussfolgerungen zu leugnen, zu verbergen oder zu verzerren, eine korrekte Position zu bedeutsamen Entwicklungen in der Weltpolitik und im Klassenkampf nicht einzunehmen, disqualifiziert SozialistInnen als MarxistInnen. Trotzki war in diesem Punkt unmissverständlich:

 

Aber damit erkennen Sie auch an, daß Brandler-Thalheimer keine Revolutionäre sind, denn Revolutionäre werden durch ihre Haltung zu den Grundfragen der Weltrevolution charakterisiert und erkennbar.“ [26]

 

Das Programm ist die Grundlage der Partei. Doch der Charakter des Programms muss derart sein, dass es bereits die wichtigsten taktischen Schlussfolgerungen in sich trägt. Eine Partei muss immer in der Lage sein, den ArbeiterInnen zu erklären, auf welcher Seite der Barrikade sie im jeweiligen Kampf stehen und mit welchen Mitteln sie den Sieg anstreben sollen.

 

Ein Lieblingsargument von reformistischen und zentristischen Bürokraten gegen die MarxistInnen ist, dass es “unzeitgemäß” wäre, revolutionäre Taktik zu propagieren und dass man damit den Massen “zu weit voraus” wäre. Das ist ein Standardargument jener, die Lenin in der russischen sozialdemokratischen Bewegung als “Nachtrabpolitiker” bezeichnet hatte. Wenn SozialistInnen nur jene Erkenntnisse und Schlussfolgerungen aussprechen, die die Massen bereits selber gezogen haben, wozu sollten die Massen sie dann noch brauchen? Offensichtlich waren ja dann die Massen dazu selber fähig, ihren Wissensstand zu erweitern. In diesem Fall wäre es besser, wenn sich diese “sozialistischen” Organisationen auflösen würden. Die Wahrheit ist, dass die Avantgarde und die Massen immer nach Analyse und Perspektive trachten, die, wie sie glauben, mit ihrer Erfahrung übereinstimmt. Wenn MarxistInnen es nicht schaffen, den Werktätigen bei der Vertiefung ihres Verständnisses behilflich zu sein, werden sie sich nach anderen politischen Kräften umsehen, die ihnen politische Erklärungen und Alternativen anbieten. Nur Narren glauben, dass die Massen Ansichten und Positionen zurückweisen, die ihrem aktuellen Bewusstseinsstand voraus sind. in Wirklichkeit ist dieses “Argument” der Reformisten und Zentristen nur ein Vorwand für ihre opportunistische Anpassung an die liberale Bourgeoisie und ArbeiterInnenbürokratie.

 

Lenin, dessen Partei der Welt zeigte, dass die Propaganda revolutionärer Taktiken die Partei in die Lage versetzen kann, zuerst die Avantgarde und dann die Massen zu gewinnen und sie zum Sieg zu führen, wies solch opportunistische Positionen scharf zurück:

 

 Für uns heißt es einstweilen, gemeinsam die richtige Taktik zu propagieren, die Ereignisse werden dann im weiteren das Tempo der Bewegung und die (nationalen, lokalen, gewerkschaftlichen) Modifikationen der allgemeinen Richtung bestimmen. (…) Was aber das „Unzeitgemäße" der Revolutionspropaganda betrifft, so beruht dieser Einwand auf einer Begriffsverwirrung, die bei romanischen Sozialisten gang und gäbe ist: Sie verwechseln den Beginn der Revolution mit der offenen und direkten Propaganda der Revolution. In Russland datiert niemand den Beginn der Revolution von 1905 früher als vom 9. Januar; aber die revolutionäre Propaganda im allerengsten Sinne, die Propagierung und Vorbereitung von Massenaktionen, Demonstrationen, Streiks, Barrikaden, wurde schon jahrelang vorher getrieben. Die alte „Iskra" trieb beispielsweise eine solche Propaganda seit Ende 1900, wie Marx sie schon 1847 eingeleitet hatte, zu einer Zeit, als vom Beginn einer Revolution in Europa noch keine Rede sein konnte.“ [27]

 

Systematisches Kombinieren von Programm und Taktik, diese Taktiken zu propagieren und sie wo immer möglich in die Tat umzusetzen, stellt den einzigen Weg dar, auf dem die revolutionäre Partei die Avantgarde und die Massen beeinflussen und letztlich gewinnen kann. Das ist der einzige Weg, Theorie und Praxis zu vereinen.

 

 

 

Kommunistische Massenarbeit

 

 

 

Nachdem die Aufgabe der revolutionären Partei in der Führung der ArbeiterInnenklasse zur sozialistischen Revolution besteht, muss ihre Arbeit darauf zielen, die Avantgarde und dann die proletarischen Massen zu gewinnen. Die Komintern betonte die Wichtigkeit der Massenarbeit:

 

Die erfolgreiche Führung setzt außerdem unbedingt die engste Verbindung mit den proletarischen Massen voraus. Ohne diese Verbindung wird die Führerschaft die Massen nicht führen, sondern bestenfalls hinter ihnen hergehen. Diese organischen Verbindungen werden in der kommunistischen Parteiorganisation durch den demokratischen Zentralismus erstrebt.“ [28]

 

Das kann nur erreicht werden, wenn RevolutionärInnen ihre Propaganda und Agitation mit der praktischen Arbeit unter den Massen verbinden. Diese Arbeit kann vielfältig sein: einen Streik organisieren, eine Demonstration führen, praktische Unterstützung für Arbeitslose oder Arme organisieren, Arbeit in einer Gewerkschaft und anderen Massenorganisationen, praktische Unterstützung in alltäglichen Angelegenheiten für KollegInnen an Arbeitsplätzen, Schulen oder Wohnorten, Aufstellung von Kandidaten bei Parlamentswahlen, Eintritt in eine reformistische Massenpartei als Fraktion usw. All diese Formen der Massenarbeit sollten mit einer geduldigen Erläuterung der kommunistischen Ziele der Partei einhergehen.

 

Die Parteimitglieder müssen danach streben, die besten FührerInnen, OrganisatorInnen und AktivistInnen in den auf die Massen ausgerichteten Aktivitäten zu sein. Nur so können sie das Vertrauen der Massen gewinnen. Sie werden oft dazu gezwungen sein, die Einheitsfronttaktik anzuwenden, d.h. die Einheit des Proletariats im Kampf um seine Rechte voranzutreiben, indem sie die offiziellen Führer der ArbeiterInnenbewegung und anderer Massenorganisationen aufrufen, deren Kräfte für einen bestimmten Kampf zu mobilisieren. Das zentrale Ziel ist, Schulter an Schulter mit den ArbeiterInnen zu kämpfen, die bislang noch den nicht-revolutionären Führungen folgen. Gleichzeitig müssen RevolutionärInnen die Massen vor dem wahrscheinlichen Verrat durch die offiziellen Führungen im Laufe des Kampfes warnen und sie für ihre reformistische Politik kritisieren.

 

Offensichtlich hängt das Ausmaß, in dem eine bolschewistische Organisation Arbeit unter den Massen verrichten kann, sowohl von der aktuellen Klassenkampfsituation als auch von den subjektiven Kräften ab. Je kleiner die Organisation, umso strenger muss sie die Gebiete und Intensität ihrer Arbeit unter den Massen selektieren. Um exemplarische Massenarbeit zu verrichten, sind kommunistische Parteiaufbauorganisationen gezwungen, solche Aktivitäten zu begrenzen. Sie müssen ihre Energie auf dieses oder jenes Gebiet fokussieren und versuchen, nur dort zu intervenieren.

 

Doch sobald die Organisation ihre grundlegenden programmatischen Ziele geklärt hat – d.h. sobald sie das erste Anfangsstadium einer ideologischen Strömung hinter sich gelassen hat –, sollte sie nach Möglichkeiten zur Massenarbeit Ausschau halten.

 

Solch exemplarische Massenarbeit ist für die Parteiaufbauorganisation aus vielen Gründen unerlässlich. Erstens können ihre Mitglieder wie auch die Organisation als Gesamtes nur dann im Klassenkampf Erfahrungen sammeln, wenn sie auch an diesem teilnehmen.

 

Zweitens ist das Hauptziel für Parteiaufbauorganisation die Rekrutierung von Mitgliedern aus den Reihen kämpferischer ArbeiterInnen und Unterdrückter. Das wird nur möglich sein, wenn die Parteiaufbauorganisation Seite an Seite mit diesen AvantgardekämpferInnen kämpft statt sie nur von außen zu belehren.

 

Drittens können Bolschewiki-KommunistInnen der ArbeiterInnenavantgarde die Bedeutung ihres Programms nur dann in der Praxis erklären, wenn sie als AktivistInnen am Klassenkampf teilnehmen.

 

Natürlich muss solch exemplarische Massenarbeit offen kommunistisch durchgeführt werden – unter Einbeziehung notwendiger Modifikationen aus Sicherheitsgründen angesichts möglicher staatlicher Repression o.ä.. Ansonsten besteht die Gefahr, dass RevolutionärInnen ihre Arbeit in Propaganda (mit kommunistischem Charakter) und Massenarbeit (mit ökonomistischen Charakter) aufspalten.

 

 

 

Klassenzusammensetzung und Orientierung auf die nicht-aristokratischen Schichten der ArbeiterInnenklasse

 

 

 

Wie bereits in Kapitel I ausgearbeitet, muss die revolutionäre Partei sowie ihre Vorformen eine überwiegend proletarische Zusammensetzung aufweisen. Ansonsten kann sie das politische Klassenbewusstsein nicht in die ArbeiterInnenklasse tragen, kann nicht als Strategin, Organisatorin und Führerin des Klassenkampfs agieren und ihn auch nicht zur siegreichen sozialistischen Revolution führen.

 

Ebenso wurde bereits festgehalten, dass das Proletariat eine homogene, aber vielschichtige Klasse ist. Es wurde gezeigt, dass die imperialistische Bourgeoisie einerseits darin Erfolg hatte, eine kleine, aber einflussreiche Oberschicht – die Arbeiteraristokratie – zu bestechen. Andererseits gehört die Masse des Proletariats zur unteren Schicht, die oft auch zusätzlichen Unterdrückungsformen (Geschlecht, Alter, Nationalität, Religion usw.) ausgesetzt ist. Außerdem muss erwähnt werden, dass die riesige Mehrheit des Weltproletariats im 21. Jahrhundert – etwa ¾ - im Süden, d.h. außerhalb der alten imperialistischen Metropolen lebt.

 

Das bedeutet, dass die revolutionäre ArbeiterInneninternationale sich vorwiegend auf die unteren Schichten der ArbeiterInnenklasse in den alten imperialistischen Ländern und das Proletariat der Länder im Süden orientieren muss. Diese unteren Schichten, die wir im Gegensatz zur aristokratischen Oberschicht als “Massentypus” der ArbeiterInnenklasse – die Komintern verwendete auch den Begriff der „massenproletarischen Elemente“ – bezeichnen können, bilden die riesige Mehrheit des Weltproletariats. [29]

 

In ihrer Resolution zur Rolle der Kommunistischen Partei meinte die Komintern: „Die wichtigste Aufgabe einer wirklich kommunistischen Partei besteht darin, immer in engster Fühlung mit den breitesten Schichten der Proletarier zu bleiben.[30]

 

Im gleichen Sinne erklärte Trotzki die strategische Ausrichtung des Bolschewismus: „Der Sinn, die Stärke und das Wesen des Bolschewismus bestehen darin, daß er sich nicht an die Oberschichten der Arbeiterklasse wendet, sondern an die unteren Schichten, an die Millionen, an die Unterdrücktesten der Unterdrückten.[31]

 

Die Bolschewiki-KommunistInnen weisen den für Reformisten und Zentristen so typischen Zugang beharrlich zurück, sich nicht an die untere, massenproletarische Mehrheit der ArbeiterInnenklasse, sondern an die privilegierte Oberschicht zu wenden. Die kleinbürgerliche Linke rechtfertigt das mit dem Hinweis auf die höhere Bildung und “Kultur” der Oberschicht. Doch sie vergessen dabei völlig, oder geben es vor, dass diese sogenannte höhere (bürgerliche) Bildung einhergeht mit arroganten Vorurteilen gegen die “rückständigen” Massen der ArbeiterInnen und Bauerschaft sowie mit Privilegien, die diese Schicht an die bürgerliche Ordnung binden.

 

Trotzki wies auf dieses Merkmal des Reformismus und Zentrismus im Übergangsprogramm hin:

 

„Alle opportunistischen Organisationen konzentrieren ihrer Natur nach ihre Aufmerksamkeit hauptsächlich auf die oberen Schichten der Arbeiterklasse und ignorieren demzufolge die Jugend genauso wie die werktätigen Frauen. Nun versetzt aber die Epoche des kapitalistischen Zerfalls der Frau die härtesten Schläge – als Arbeiterin wie als Hausfrau. Die Sektionen der IV. Internationale müssen bei den unterdrücktesten Schichten der Arbeiterklasse und demnach bei den werktätigen Frauen Unterstützung suchen. Sie werden dort unerschöpfliche Quellen der Ergebenheit, der Selbstlosigkeit und Opferbereitschaft finden.“ [32]

 

Natürlich wird die revolutionäre Partei ArbeiterInnen aus der Arbeiteraristokratie, die sich ihr aus freiem Willen anschließen wollen, akzeptieren – sowie auch Intellektuelle mit bürgerlichem oder kleinbürgerlichem Hintergrund – sofern sie mit den typischen Schwächen dieser Schicht gebrochen haben.

 

Die revolutionäre Partei bzw. ihre Vorform muss immer darauf achten, nicht von kleinbürgerlichen Intellektuellen und Arbeiteraristokraten dominiert zu werden. Wenn eine solche Entwicklung Platz greift, muss die Organisation Wege finden, dem entgegenzusteuern und Schritte zur Korrektur der Klassenzusammensetzung tätigen. Ansonsten läuft die Organisation Gefahr, sich dem Einfluss der politischen Stimmung und Vorurteile der kleinbürgerlichen Intellektuellen und der Arbeiteraristokratie zu sehr auszusetzen.

 

Aber man muss jetzt betonen, dass die Partei um so abhängiger von der herrschenden Öffentlichen Meinung ist, je kleinbürgerlicher sie in ihrer Zusammensetzung ist. Das ist ein weiteres Argument für die Notwendigkeit einer mutigen und energischen Neuorientierung zu den Massen hin.“[33]

 

Das ist die einzige mögliche Anwendung der kommunistischen Methode unter den Bedingungen des heutigen in Niedergang begriffenen Kapitalismus.

 

Im Gegensatz zu diversen Zentristen betonen Bolschewiki-KommunistInnen, dass der kommunistische Zugang zum Parteiaufbau wie oben ausgeführt nicht nur für entwickelte revolutionäre Parteien gilt, sondern auch für kleinere Parteiaufbauorganisationen. Das war die Theorie und Praxis von Trotzki und seinen Waffengefährten, als sie sich in den späten 1920ern und 1930ern mit dem Aufbau von Parteiaufbauorganisationen konfrontiert sahen. Bei zahlreichen Gelegenheiten bestand Trotzki darauf, dass die kleinen Gruppen der linken Opposition ihre Orientierung und ihre Mitgliederwerbung auf die ArbeiterInnen und besonders auf die unteren Schichten richten müssen. Er schrieb 1932:

 

“Wenn zehn Intellektuelle, in Paris, Berlin oder New York, die bereits Mitglieder verschiedener Organisationen waren, sich an uns mit dem Ersuchen der Aufnahme in unsere Mitte wenden, würde ich folgenden Rat geben: sie sollen eine Reihe von Tests zu all den programmatischen Fragen durchlaufen; auf Herz und Nieren geprüft werden und danach sollte vielleicht einer oder zwei von ihnen akzeptiert werden.

 

Der Fall ist völlig anders, wenn sich zehn Arbeiter, die mit den Massen verbunden sind, an uns wenden. Der Unterschied in unserer Haltung zu einer kleinbürgerlichen Gruppe und zu einer proletarischen Gruppe muss nicht erklärt werden. Doch wenn eine proletarische Gruppe in einem Bereich arbeitet, wo es Arbeiter verschiedener Rassen gibt und sie trotzdem nur aus Arbeitern einer privilegierten Nationalität besteht, bin ich geneigt, sie mit Argwohn zu betrachten. Haben wir es da nicht mit der Arbeiteraristokratie zu tun? Ist die Gruppe aktiv oder passiv von einer Sklavenhaltermentalität vergiftet?

 

Eine ganz andere Sache ist es, wenn wir einer Gruppe von schwarzen Arbeitern gegenüberstehen. Hier bin ich bereit, von vornherein anzunehmen, dass wir mit ihnen Übereinkunft erreichen, sogar wenn eine solche Übereinkunft jetzt noch nicht aktuell ist. Denn die schwarzen Arbeiter können und werden aufgrund ihrer Position an sich nicht danach streben, irgendjemanden abzuwerten, zu unterdrücken, seiner Rechte zu berauben. Sie suchen keine Privilegien und können nicht an die Spitze gelangen außer über den Weg der internationalen Revolution.

 

Wir können und müssen einen Weg zum Bewusstsein der schwarze Arbeitern finden, der chinesischen Arbeiter, der indischen Arbeiter und all der Unterdrückten im menschlichen Ozean der farbigen Rassen, dem das entscheidende Wort in der Entwicklung der Menschheit gehört.” [34]

 

In einer Diskussion während seines Besuchs in Kopenhagen 1932 riet Trotzki den GenossInnen bezüglich ihrer Haltung gegenüber Studenten oder Akademikern, dass die ArbeiterInnenbewegung diese mit größten Mißtrauen begegen muß. (…) [Erst] wenn dieser [für drei, vier oder fünf Jahre] in der Arbeiterbewegung auf diese Weise gearbeitet hat, erst dann ist die Tatsache vergessen, daß dieser ein Akademiker ist, dann verschwindet der soziale Unterschied[35]

 

Es ist daher auch wichtig für die revolutionäre Partei wie auch ihre Vorformen, sich an die proletarische Jugend zu richten. Die Jugend ist gewöhnlich weniger von konservativen Vorurteilen und bürgerlichen Ideologien geprägt und offener gegenüber radikalen Herausforderungen für die bürgerliche Ordnung.

 

Wenn hier von Jugend gesprochen wird, ist die proletarische Jugend in Abgrenzung zu anderen Volksschichten gemeint, also nicht die kleinbürgerliche und bürgerliche Jugend. Diese Betonung ist wichtig, denn wenn Reformisten und Zentristen heute von Jugend sprechen, meinen sie zumeist Universitätsstudenten mit kleinbürgerlichem oder bürgerlichem Hintergrund bzw. solche, die in diese Schicht aufsteigen wollen. Trotzki machte klar, dass RevolutionärInnen sich – auch als kleine Parteiaufbauorganisation – in ihrer Jugendarbeit auf die proletarische Jugend und nicht auf die Studenten aus den besseren Familien konzentrieren sollten. In der Kritik eines Dokuments zur Jugendarbeit schrieb er 1934:

 

“Als soziale Basis für die Organisation werden die ‘arbeitenden, arbeitslosen und studierenden Jugend’ angeführt. Wieder rein beschreibend, nicht sozial. Für uns ist es eine Frage der proletarischen Jugend und jener Elemente unter den Studenten, die sich dem Proletariat zuwenden. Arbeitende, arbeitslose und studierende Jugendliche sind für einen Marxisten keineswegs gleichwertige Glieder in der gesellschaftlichen Kette.” [36]

 

Die Bolschewiki waren sich immer der Bedeutung der Gewinnung der ArbeiterInnenklassenjugend bewusst. Lenin griff die Menschewiki 1906 an, als sie die Bolschewiki für das geringe Durchschnittsalter ihrer Mitglieder kritisierten:

 

Anderseits hängt die Zusammensetzung der politisch führenden Vorhut jeder Klasse, einschließlich des Proletariats, ebenfalls sowohl von der Lage dieser Klasse als auch von der Hauptform ihres Kampfes ab. Larin beklagt sich zum Beispiel darüber, dass in unserer Partei die Arbeiterjugend überwiegt, dass wir wenig verheiratete Arbeiter haben, dass sie die Partei meiden. Diese Klage eines russischen Opportunisten erinnert mich an eine Stelle bei Engels (wenn ich nicht irre, in „Zur Wohnungsfrage"). Engels entgegnet einem trivialen bürgerlichen Professor, einem deutschen Kadetten, und schreibt: Ist es nicht natürlich, dass bei uns, in der Partei der Revolution, die Jugend überwiegt? Wir sind die Partei der Zukunft, die Zukunft aber gehört der Jugend. Wir sind die Partei der Neuerer, den Neuerern aber folgt stets die Jugend am liebsten. Wir sind die Partei des aufopfernden Kampfes gegen die alte Fäulnis, zum aufopferungsvollen Kampf aber ist stets die Jugend als erste bereit. Nein, überlassen wir es lieber den Kadetten, „müde" Greise von dreißig Jahren, „gescheiter gewordene" Revolutionäre und Renegaten der Sozialdemokratie aufzulesen. Wir werden stets die Partei der Jugend der fortgeschrittensten Klasse sein!“ [37]

 

Ähnlich strich Trotzki hervor, dass die Bolschewiki im Gegensatz zu den Menschewiki immer Erfolg in der Heranziehung der proletarischen Jugend hatte.

 

„In der Illegalität war der Bolschewismus stets eine Partei von jungen Arbeitern. Die Menschewiki stützten sich auf die gediegenen Facharbeiter, die Oberschicht des Proletariats. Herablassend prahlten sie damit gegenüber den Bolschewiki, bis die späteren Ereignisse ihnen unbarmherzig ihre Fehler aufzeigten, denn im entscheidenden Augenblick riß die Jugend die reiferen Schichten und sogar die Alten mit sich.[38]

 

Wenn wir das Durchschnittsalter der ParteiaktivistInnen betrachten, wird der Unterschied zwischen Bolschewiki und Menschewiki offensichtlich. In der zuvor erwähnten Studie von David Lane zu den russischen Bolschewiki und Menschewiki vor 1907, aus der in Kapitel I zitiert wurde, nennt der Autor eine Reihe aussagekräftiger Zahlen. Er zeigt, dass bei den Mittelkadern beider Fraktionen 17% der Bolschewiki unter 19 Jahre alt waren (Menschewiki: 0%), 42% waren zwischen 20 und 24 Jahren alt (Menschewiki: 26%), 24% waren zwischen 25 und 29 Jahren alt (Menschewiki: 46%) und 17% waren über 30 Jahren alt (Menschewiki: 29%).

 

Unter den Basismitgliedern beider Fraktionen bietet sich ein ähnliches Bild: 22% der Bolschewiki waren unter 19 (Menschewiki: 5%), 37% waren zwischen 20 und 24 Jahren alt (Menschewiki: 30%), 16% waren zwischen 25 und 29 Jahren alt (Menschewiki: 30%) und 26% waren über 30 Jahren alt (Menschewiki: 29%).

 

Der Autor schlussfolgert daraus: “Diese zwei Tabellen zeigen, dass die Bolschewiki auf der untersten Ebene der Parteiorganisation jünger waren als die Menschewiki und dabei die ‘Aktivisten’ noch mehr als die einfachen Mitglieder. Das legt nahe, dass die bolschewistischen Organisationsstrukturen es den Jungen ermöglichten, leichter auf verantwortungsvolle Posten zu gelangen als die der Menschewiki.” [39]

 

Das sind wichtige Lehren für RevolutionärInnen heute. Alle Stadien des revolutionären Parteiaufbaus können unmöglich gemeistert werden ohne starke Orientierung auf die proletarische Jugend.

 

Wenn die Orientierung auf junge ArbeiterInnen zu Lenins Zeiten richtig war, so ist dies heute zehnmal mehr der Fall. Bereits in den 1930ern erklärte Trotzki, dass “die alte Generation (von Revolutionären, d. Hg.) völlig verbraucht und erschöpft ist.[40]

 

Das stimmt heute umso mehr! Die vergangenen Jahrzehnte reformistischer und zentristischer Dominanz in der ArbeiterInnenbewegung haben ganze Schichten älterer ArbeiterInnen und sozialistischer AktivistInnen demoralisiert. Die künftige revolutionäre Partei und Internationale kann nur auf den Schultern frischer, kämpferischer und junger ArbeiterInnen aufgebaut werden.

 

Natürlich wird die Mitgliederzusammensetzung beim Aufbau der Parteivorformen, wenn ihre Kräfte gering sind und das Fundament schwach ist, stärker von den jeweiligen Umständen abhängen, von persönlichen Faktoren, von Zufällen usw. In Fällen, in denen Reformisten und Zentristen starken Einfluss auf die gesamte Avantgarde der ArbeiterInnenklasse und der Unterdrückten haben, mag es zu Beginn für Parteiaufbauorganisationen schwierig sein, aus diesen Bereichen AnhängerInnen zu gewinnen. Doch wenn eine Parteiaufbauorganisation sich solchen Schwierigkeiten gegenüber sieht, muss sie einen Plan entwickeln, auf dessen Grundlage sie diese nachteilige Situation überwinden kann und diesen fortwährend umsetzen.

 

Von Beginn an, also auch in den Parteiaufbauorganisationen, soll in der revolutionären Bewegung nur Platz für jene Intellektuellen sein, die sich der Sache vollkommen widmen, die beständig gegen jede Form von Karrierismus kämpfen, die proletarischen AktivistInnen ohne aristokratische Vorurteile oder Haltung begegnen können und die die Entwicklung letzterer als kommunistische Führer unterstützen.

 

 

 

Taktiken des Aufbaus der revolutionären Partei

 

 

 

Natürlich gibt es verschiedene, situationsabhängige Herangehensweisen und Taktiken beim nationalen und internationalen Aufbau der revolutionären Partei. Nichtsdestotrotz hat die Erfahrung der revolutionären ArbeiterInnenbewegung gezeigt, dass es eine Reihe von Taktiken gibt, die eine Schlüsselrolle in unserer Arbeit einnehmen. Welche Taktik von RevolutionärInnen wann und wie angewendet werden kann, hängt natürlich auch sehr stark vom aktuellen Stadium des Organisationsaufbaus ab – ihrer Größe und ihren Wurzeln in der ArbeiterInnenklasse.

 

Individuelle Rekrutierung wird immer eine wichtige Rolle im Parteiaufbau spielen, besonders im frühen Stadium. Die bolschewistische Organisation klärt mit einem/r AktivistIn sein oder ihr Einverständnis mit den programmatischen Grundlagen ebenso wie mit den praktischen Aufgaben, die erledigt werden müssen. Während der ersten Periode ist das neue Mitglied ein Kandidat, d.h. der einzige Unterschied zu Vollmitgliedern liegt darin, dass er bzw. sei nur eine symbolische Stimme hat. Wenn die Organisation von der Ernsthaftigkeit und dem Engagement des/r neuen GenossIn überzeugt ist, wird er oder sie zum Vollmitglied.

 

Bildung parteinaher Organisationen: In ihrem Wunsch, ihre Arbeit in bestimmten Bereichen voranzutreiben, wird die Partei üblicherweise parteinahe Organisationen schaffen (z.B. Jugendorganisationen, Frauenorganisationen, Migrantenorganisationen, Gewerkschaftsfraktionen, Kulturorganisationen etc.). Natürlich muss die Parteiaufbauorganisation selektiver darin sein, wann und welche partei-nahe Organisation sie bilden kann. Doch sogar in diesem frühen Stadium können solche Organisationen sehr nützliche Werkzeuge beim Ausbau der Arbeit sein. Im Gegensatz zur Kaderpartei haben diese Organisationen einen eher lockeren Charakter, die Anforderungen für eine Mitgliedschaft – sowohl hinsichtlich programmatischer Übereinstimmung wie auch im praktischen Engagement – sind niedriger und die Ansprüche an die Mitglieder punkto Disziplin sind weniger streng. Das Ziel dieser Organisationen ist es, an die Partei bzw. Parteiaufbauorganisation kämpferische Schichten von ArbeiterInnen und Jugendlichen enger heranzuziehen und so hoffnungsvollen AktivistInnen Erfahrung in der revolutionären Arbeit zukommen zu lassen. Die Partei wird unter diesen GenossInnen die Besten aussuchen und versuchen, sie als Mitglieder der Kaderorganisation zu gewinnen. Die Verbindung dieser Organisationen zur Partei darf nicht zu einer Beziehung der automatischen Unterordnung werden. Ganz im Gegenteil, alle Mitglieder einer parteinahen Organisation sollten ermutigt werden, ihre Ideen vorzubringen und zur Arbeit beizutragen. Die Bolschewiki sammelten sehr wertvolle Erfahrung mit parteinahen Organisationen rund um ihre Partei.

 

Rekrutierung über Intervention in Massenbewegungen: Wenn KommunistInnen einer fortschrittlichen Massenbewegung gegenüberstehen, ist sie dazu verpflichtet, in beispielhafter Weise zu intervenieren und ihre praktische Intervention mit systematischer kommunistischer Propaganda und Agitation kombinieren. Solche Intervention – sogar wenn sie von einer kleinen kommunistischen Parteiaufbauorganisation durchgeführt wird – kann zu sprunghaften Entwicklungen im Parteiaufbau führen, wenn es den Bolschewiki-KommunistInnen gelingt, ganze Schichten von KämpferInnen im Kampf zu gewinnen. Das war die Erfahrung der US-TrotzkistInnen in den Streiks von Minneapolis 1934 wie auch verschiedener linksradikaler Gruppen 1968. Ähnlich kann die Partei riesige Fortschritte machen, wenn sie die Mehrheit in einer Gewerkschaft oder einer anderen Massenorganisation gewinnt.

 

Spaltungen und Fusionen: Wenn Linksreformisten oder Zentristen ernsthaft ihr altes Programm und ihre Strategie hinterfragen, sollten Bolschewiki-KommunistInnen bereit sein, sich mit ihnen auszutauschen, um sie letztlich für das revolutionäre Programm und seine Methoden zu gewinnen. Wenn es Übereinstimmung über die nationalen und internationalen programmatischen und praktischen Aufgaben der gegenwärtigen Periode gibt, sollten RevolutionärInnen auf eine Fusion mit solchen Kräften hinarbeiten. Sie müssen sicherstellen, dass eine solche Fusion auf solider politischer Grundlage geschieht, denn sonst wird sie sehr rasch in eine zerstörerische Spaltung münden. Es gibt auch Situationen, in denen methodische Differenzen innerhalb der Partei oder der Parteiaufbauorganisation unlösbar und schädlich für das Erreichen der Parteiziele werden. In einer solchen Situation ist eine Spaltung das kleinere Übel verglichen mit der Gefahr einer langfristigen Lähmung. Wie wohl bekannt, zögerte Lenin nie, sich von Widersachern zu trennen, wenn sie zu einem Hindernis für den revolutionären Parteiaufbau wurden. Die TrotzkistInnen hatten ebensolche Erfahrungen in den 1930ern, als sie sich von verschiedenen Sektierern und Opportunisten abspalteten (z.B. die griechischen Archeo-MarxistInnen, die Nin-Gruppe in Spanien, Sneevliets Partei in den Niederlanden, die Molinier-Gruppe in Frankreich usw.).

 

Entrismus: In bestimmten Perioden – vor allem in Zeiten großer politischer Umwälzungen – können reformistische und zentristische Organisationen eine interne Krise durchlaufen, in der es lebhafte Debatten gibt, in denen Mitglieder das herkömmliche Programm und die üblichen Strategien hinterfragen. In solchen Zeiten kann es für RevolutionärInnen eine nützliche Taktik sein, sich einer solchen Partei anzuschließen und innerhalb dieser als revolutionäre Fraktion zu arbeiten. In diesen Fällen ist es unerlässlich, offen für das revolutionäre Programm und eine radikal neue Strategie zu argumentieren. Solche Entrismustaktiken können Teile der bolschewistischen Organisation durchführen oder auch die Organisation als Ganzes. Letztlich sind Entrismustaktiken gewöhnlich Kurzzeitprojekte, denn die Koexistenz zwischen RevolutionärInnen und Nicht-RevolutionärInnen innerhalb der gleichen Partei ist auf Dauer unmöglich. Die französischen wie auch die US-amerikanischen TrotzkistInnen führten in den 1930er Jahren erfolgreiche und prinzipientreue Entrismusprojekte durch.

 

 

 

Die Verpflichtung der KommunistInnen zur Arbeit und der demokratische Zentralismus

 

 

 

Einheit von Theorie und Praxis in der Aktivität von Parteimitgliedern bedeutet, dass alle Mitglieder aktiv am Umfang der zahlreichen Aufgaben der Organisation teilhaben. Die Avantgardepartei weist eine Trennung zwischen aktiven und passiven Mitgliedern zurück. Die Partei hat enorme Verantwortung und ebensolche Aufgaben und braucht daher die Mitarbeit jedes einzelnen Mitglieds. Wie die Bolschewikin Elena Stasova zu sagen beliebte, ist jede Aufgabe, auch wenn sie noch so klein erscheint, wichtig und stärkt die Parteiarbeit. [41] Ein Mitglied, das seine oder ihre Verpflichtungen als Parteikader nicht mehr erfüllen kann (abgesehen von Krankheit, persönlichen Problemen oder anderen Gründen vorübergehender Natur), sollte SympathisantIn werden.

 

Um das bestmögliche Ergebnis aus der Arbeit der Mitglieder zu erlangen, braucht die Partei eine effektive Arbeitsteilung. Dazu darf die Arbeit nicht spontan oder gemäß individueller Vorlieben erledigt werden, sondern muss entsprechend der kollektiven Bedürfnisse und individuellen Fähigkeiten organisiert werden. Dafür wiederum braucht die Partei einen Plan, der die zahlreichen Aufgaben koordiniert und ein Organisationszentrum, das die Umsetzung dieser Pläne überwacht. Mit anderen Worten: eine Partei kann nicht ohne strenge Disziplin und Kontrolle arbeiten.

 

Die Komintern fasste die bolschewistische Erfahrung auf ihrem Dritten Kongress 1921 in einem herausragenden Dokument – genannt Richtlinien zur Organisationsstruktur, Methoden und Arbeitsinhalten der kommunistischen Parteien – zusammen. Das Dokument hält fest:

 

Wenn die kommunistische Tätigkeit ausbleibt und wenn in der Organisation der Parteiarbeit die Passivität der Mitgliedermassen noch immer erhalten bleibt, erfüllt die Partei nicht einmal das Mindeste von dem, was sie durch die Annahme des kommunistischen Programms dem Proletariat versprochen hat. Denn zur ernsten Durchführung dieses Programms ist die Heranziehung aller Mitglieder zu beständiger, alltäglicher Mitarbeit die erste Bedingung. Die Kunst der kommunistischen Organisation besteht darin, im proletarischen Klassenkampf alles und alle auszunützen, zwischen allen Parteimitgliedern die Parteiarbeit zweckmäßig zu verteilen und durch die Mitglieder noch breitere Massen des Proletariats ständig in die revolutionäre Bewegung hineinzuziehen, dabei die Führung über die gesamte Bewegung fest in den Händen zu halten, nicht kraft der Macht, sondern kraft der Autorität, also kraft der Energie, der größeren Erfahrung, der größeren Vielseitigkeit, der größeren Fähigkeit. Eine kommunistische Partei soll also in ihrem Bestreben, nur wirklich aktive Mitglieder zu haben, von einem jeden in ihren Reihen fordern, daß er seine Kraft und Zeit, soweit er überhaupt selbst darüber unter den gegebenen Verhältnissen disponieren kann, zur Verfügung seiner Partei stellt und immer sein Bestes für diesen Dienst hergibt. Zur Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei gehört natürlich in der Regel — unter Voraussetzung der kommunistischen Überzeugung — auch formale Registrierung, eventuell zuerst als Kandidat, dann als Mitglied, regelmäßige Zahlung der festgesetzten Beiträge, das Abonnement der Parteizeitung usw. Das Wichtigste aber ist die Teilnahme jedes Mitgliedes an der täglichen Parteiarbeit. Zum Zwecke der täglichen Parteiarbeit soll in der Regel jedes Parteimitglied stets in eine kleinere Arbeitsgruppe eingegliedert sein: in eine Gruppe, ein Komitee, eine Kommission, einen Ausschuß oder ein Kollegium, in eine Fraktion oder Zelle. Nur auf diese Weise kann die Parteiarbeit ordentlich verteilt, geleitet und ausgeführt werden.[42]

 

Auf Basis einer solch allgemeinen Verpflichtung aller Parteimitglieder zur Arbeit und breitgefächerten Arbeitsteilung funktioniert die Partei gemäß den Prinzipien des demokratischen Zentralismus. Das heißt kurz gesagt, dass dort, wo die Bedingungen innerparteiliche Demokratie erlauben, die Mitglieder auf Konferenzen über die wichtigsten Angelegenheiten entscheiden und auf dieser Grundlage eine zentrale Führung wählen. Die Führungsorgane haben die Aufgabe, die Parteiarbeit zu organisieren und voranzutreiben. Die Entscheidungen der Führungsorgane sind für alle Mitglieder bindend und müssen umgesetzt werden.

 

Die kommunistische Partei muss auf der Grundlage des demokratischen Zentralismus aufgebaut werden. Das Hauptprinzip des demokratischen Zentralismus bildet die Wählbarkeit der oberen Parteizellen durch die untersten, die unbedingte und unerlässliche Verbindlichkeit aller Vorschriften der übergeordneten Instanz für die untergeordnete und das Vorhandensein eines starken Parteizentrums, dessen Autorität allgemein anerkannt ist für alle führenden Parteigenossen in der Zeit von einem Parteitag bis zum andern.[43]

 

Mitglieder haben das Recht, ihre Kritik an Parteientscheidungen intern auszusprechen. Um die Entscheidungen möglichst wirksam umzusetzen, handelt die Partei aber als Einheit und diskutiert allfällige Differenzen innerhalb der Organisation und nicht öffentlich (außer die Partei beschließt, eine solch interne Debatte an die Öffentlichkeit zu bringen).

 

Die Parteimitglieder sind in ihrem öffentlichen Auftreten verpflichtet, sich stets als disziplinierte Mitglieder einer kämpfenden Organisation zu betätigen. (…) Aber auch wenn der Beschluß der Organisation oder der Parteileitung nach der Meinung anderer Mitglieder fehlerhaft sei, dürfen diese Genossen in ihrem öffentlichen Auftreten nie vergessen, daß das schlimmste disziplinarische Vergehen und der schlimmste Fehler im Kampf doch ist, die Einheitlichkeit der gemeinsamen Front zu stören oder gar zu brechen. Es ist die oberste Pflicht jedes Parteimitgliedes, die Kommunistische Partei und vor allem die Kommunistische Internationale gegen alle Feinde des Kommunismus zu verteidigen. Wer dies vergißt und im Gegenteil die Partei oder die Kommunistische Internationale öffentlich angreift, ist wie ein Gegner der Partei zu behandeln.[44]

 

Die zentrale Aufgabe der Führung ist, die Organisation entlang der Beschlüsse des höchsten Parteiorgans, d.h. der Konferenz ihrer Mitglieder, zu leiten. Dafür muss sie ein starkes, einiges und respektiertes Zentrum haben. Wo innerhalb der Partei wesentliche Differenzen bestehen, sollte das auch in der Zusammensetzung des Führungsgremiums abgebildet sein. Gleichzeitig sollte das kleinere Exekutivorgan der Führung so homogen wie möglich sein, um die effektivste Umsetzung der Entscheidungen der höheren Organe zu befördern.

 

Aus demselben Grunde sollten auch taktisch abweichende Meinungen ernsthaften Charakters bei der Zentralleitungswahl nicht unterdrückt werden. Viel mehr sollte ihnen in der Gesamtleitung eine Vertretung durch ihre besten Repräsentanten ermöglicht werden. Die engere Leitung jedoch soll, wenn irgend angängig, einheitlich in ihren Auffassungen sein, und sie muß sich, um fest und sicher führen zu können, nicht nur auf ihre Autorität, sondern auch auf eine klare und sogar zahlenmäßig feste Mehrheit der Gesamtleitung stützen können.[45]

 

 

 

Der Kampf gegen bürgerliche und kleinbürgerliche Einflüsse in der ArbeiterInnenklasse

 

 

 

Eine der Hauptaufgaben der Partei oder ihrer Vorform ist der Kampf gegen jene Kräfte, die die ArbeiterInnenklasse und ihre Avantgarde in die Irre führen – die Arbeiterbürokratie, Reformisten, Zentristen, offizielle Führungen von Unterdrückten usw. Der Sieg des Proletariats in seinem Kampf um Befreiung gegen die kapitalistische AusbeuterInnenklasse wird nicht zu erreichen sein, wenn die revolutionäre Partei nicht zuerst den Einfluss der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Kräfte innerhalb der ArbeiterInnenklasse und unter den Unterdrückten zurückdrängt.

 

MarxistInnen betonten wiederholt, dass die herrschende Klasse ihre Macht nicht aufgrund ihrer inneren Stärke erfolgreich aufrechterhalten hat, sondern aufgrund der Unterstützung, die sie von der Arbeiterbürokratie erhält. James P. Cannon meinte einst:

 

Die Stärke des Kapitalismus liegt nicht in ihm selbst und seinen Institutionen; er überlebt nur, weil er Unterstützung in den Organisationen der Arbeiter hat. Wir erkennen jetzt aus den Lehren der Russischen Revolution und ihren Folgen, dass neun Zehntel des Kampfs für den Sozialismus aus dem Kampf gegen bürgerlichen Einfluss in den Arbeiterorganisationen, einschließlich der Partei, bestehen.” [46]

 

Im Gegensatz zu jenen zahlreichen postmodernen Linken, die behaupten, dass der Marxismus eine breite pluralistische Strömung ist, die all jene umfasst, die sich von Marx’ Lehren angezogen fühlen, unterscheiden Bolschewiki-KommunistInnen scharf zwischen jenen, die wahrhaft auf Grundlage der von Marx, Engels, Lenin und Trotzki erarbeiteten Methode tätig sind und jenen, die gegen diese Methode systematisch verstoßen, auch wenn sie behaupten, “MarxistInnen” zu sein. Nur erstere können tatsächlich als MarxistInnen betrachtet werden, während letztere entweder Reformisten sozialdemokratischer oder stalinistischer Art oder Zentristen, d.h. solche, die ihre Anpassung an die reformistische Arbeiterbürokratie mit “radikalen” Phrasen und gelegentlichen Zickzackkursen kaschieren, sind.

 

Das Mark des Zentrismus ist der Opportunismus. Unter dem Einfluss äußerer Umstände (Tradition, Druck der Massen, politische Konkurrenz) ist der Zentrismus in bestimmten Phasen gezwungen, mit Radikalismus Staat zu machen. Dazu muss er sich selbst überwinden, seine politische Natur vergewaltigen. Indem er sich mit aller Kraft anspornt, gerät er nicht selten an die äußerste Grenze des formalen Radikalismus. Kaum aber schlägt die Stunde ernster Gefahr, kommt die wahre Natur des Zentrismus zum Vorschein.“ [47]

 

MarxistInnen unterschieden daher immer genau zwischen der proletarischen marxistischen Linie und der kleinbürgerlichen, reformistischen oder zentristischen Linie. Trotzki machte das deutlich, als er die riesige Kluft, die zwischen den Kräften der Vierten Internationale und ihren zentristischen Rivalen wie der spanischen POUM oder der deutschen SAP besteht, erklärte:

 

„Jedenfalls ist klar, dass die Führung eurer Partei absolut nichts von den fatalen Fehlern der POUM verstanden hat, die aus ihrem zentristischen, nicht-revolutionären, nicht-marxistischen Charakter erwachsen.“ [48]

 

Uns trennen nicht Nuancen hinsichtlich der Taktik, sondern fundamentale Fragen. Es wäre absurd und unwürdig, davor die Augen zu schließen, nach den Erfahrungen, die wir gemacht haben. Die Differenzen zwischen uns und der SAP fallen sämtlich in den Rahmen der Widersprüche zwischen Marxismus und Zentrismus.” [49]

 

Tatsächlich repräsentieren Reformismus und Zentrismus einen bürgerlichen Einfluss in den Reihen der ArbeiterInnenbewegung. Mit ihrer Einwirkung auf das Bewusstsein der ArbeiterInnen helfen sie (oftmals unfreiwillig) der herrschenden Klasse dabei, ihre Vorherrschaft über die ArbeiterInnenklasse aufrecht zu erhalten. Die Bolschewiki schrieben in ihrem Programm von 1919:

 

Diese Voraussetzungen sind nicht zu verwirklichen, wenn man nicht grundsätzlich und entschlossen mit der bürgerlichen Entstellung des Sozialismus bricht, die in den Oberschichten der offiziellen sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien den Sieg davongetragen hat, ihr nicht schonungslos den Kampf ansagt. Eine solche Entstellung ist einerseits die Strömung des Opportunismus und des Sozialchauvinismus, des Sozialismus in Worten, des Chauvinismus in Wirklichkeit, wobei man die Verteidigung der räuberischen Interessen seiner nationalen Bourgeoisie allgemein wie auch insbesondere während des imperialistischen Krieges 1914-1918 durch die verlogene Losung der Vaterlandsverteidigung bemäntelt. Diese Strömung ist dadurch entstanden, daß die fortgeschrittenen kapitalistischen Staaten durch die Ausplünderung der kolonialen und schwachen Völker der Bourgeoisie die Möglichkeit geben, den durch diese Ausplünderung erworbenen Extraprofit zu benutzen, um der Oberschicht des Proletariats eine privilegierte Stellung einzuräumen und sie auf diese Weise zu bestechen, ihr in Friedenszeiten eine erträgliche kleinbürgerliche Existenz zu sichern und die Führer dieser Schicht in ihren Dienst zu stellen. Die Opportunisten und Sozialchauvinisten sind als Lakaien der Bourgeoisie direkte Klassenfeinde des Proletariats, besonders jetzt, da sie im Bündnis mit den Kapitalisten mit Waffengewalt die revolutionäre Bewegung des Proletariats in ihren eigenen wie in fremden Ländern unterdrücken. Eine bürgerliche Entstellung des Sozialismus ist anderseits die gleichfalls in allen kapitalistischen Ländern festzustellende Strömung des „Zentrums", die zwischen den Sozialchauvinisten und den Kommunisten schwankt, die für die Einheit mit den ersteren eintritt und den Versuch unternimmt, die bankrotte II. Internationale zu neuem Leben zu erwecken. Führer des Proletariats im Kampf um seine Befreiung ist nur die neue, die III., die Kommunistische Internationale, von der die K.PR ein Trupp ist.[50]

 

Zahlreiche Reformisten und Zentristen verurteilen die Herangehensweise der Bolschewiki-KommunistInnen als “sektiererisch” wegen ihrer offenen Angriffe auf falsche Programme und schlechte Führungen. Im Gegensatz dazu ziehen wir die Lehre aus dem erfolgreichen Parteiaufbau der Bolschewiki, die die ArbeiterInnenklasse zum Sieg führen konnte, dass eine solch klare Abgrenzung zwischen richtig und falsch die zwingende Voraussetzung für die Organisierung der Arbeiteravantgarde auf einem soliden kommunistischen Programm ist. Die Aufgabe der revolutionären Partei ist es, politisch gegen die reformistischen und zentristischen Kräfte zu kämpfen, um sie zurückzudrängen und letztlich ihren Einfluss zu liquidieren.

 

Natürlich verhindert der Kampf gegen die Reformisten und Zentristen nicht die Anwendung der Einheitsfronttaktik. Tatsächlich ist die Einheitsfronttaktik nicht nur deshalb wichtig, weil sie die größtmögliche Einheit von ArbeiterInnen im Klassenkampf erlaubt, sondern auch, weil sie der revolutionären Partei hilft, von Reformisten und Zentristen beeinflusste ArbeiterInnen von diesen jeweiligen falschen Führungen wegzubrechen, indem die Überlegenheit des kommunistischen Programms in der Praxis vorgeführt wird.

 

Lenin und die Bolschewiki erklärten wiederholt, dass die revolutionäre Partei niemals die Bourgeoisie besiegen kann, wenn sie nicht gleichzeitig gegen deren reformistische und zentristische Lakaien innerhalb der ArbeiterInnenbewegung kämpft:

 

„Der ideologische Kampf des revolutionären Marxismus gegen den Revisionismus am Ausgang des 19. Jahrhunderts bedeutete nur eine Vorstufe zu den großen revolutionären Schlachten des Proletariats, das trotz aller Schwankungen und Schwächen des Spießbürgertums dem vollen Sieg seiner Sache entgegenschreitet.“ [51]

 

In seinem berühmten Buch zum “Linken Kommunismus”, in dem Lenin die Erfahrung der Bolschewiki zusammenfasste, erklärte er die Wichtigkeit der ideologischen Kämpfe gegen kleinbürgerliche und bürgerliche Strömungen als Vorbereitung auf die Klassenkämpfe.

 

Die Jahre der Vorbereitung der Revolution (1903—1905). Überall ist das Nahen des großen Sturmes zu spüren. In allen Klassen Gärung und Vorbereitung. Die Emigrantenpresse im Ausland wirft theoretisch alle Grundfragen der Revolution auf. Die Vertreter der drei Hauptklassen, der drei wichtigsten politischen Strömungen — der bürgerlich-liberalen, der kleinbürgerlich-demokratischen (die sich hinter den Aushängeschildern der „sozial-demokratischen" und der „sozial-revolutionären" Richtung verbirgt) und der proletarisch-revolutionären —, nehmen im äußerst erbitterten Kampf der programmatischen und taktischen Auffassungen den kommenden offenen Kampf der Klassen vorweg und bereiten ihn vor. Alle Fragen, um derentwillen der bewaffnete Kampf der Massen in den Jahren 1905—1907 und 1917—1920 geführt wurde, kann (und soll) man in ihrer Keimform, an Hand der damaligen Presse verfolgen. Und zwischen den drei Hauptrichtungen gibt es natürlich eine Unmenge Zwischen-, Übergangs- und Halbgebilde. Richtiger: im Kampf der Presseorgane, Parteien, Fraktionen und Gruppen kristallisieren sich jene ideologischen und politischen Richtungen heraus, die wirklich klassenmäßig bestimmt sind; die Klassen schmieden sich die nötigen ideologischen und politischen Waffen für die kommenden Schlachten.“[52]

 

Später verallgemeinerte die Kommunistische Internationale diese Erfahrung in einem Dokument, das auf dem Zweiten Kongress verabschiedet wurde:

 

Seit zwei Jahrzehnten wie in Russland, seit einer Reihe von Jahren wie in Deutschland, führt die kommunistische Partei ihren Kampf nicht nur gegen die Bourgeoisie, sondern auch gegen diejenigen “Sozialisten”, welche die Träger der bürgerlichen Beeinflussung des Proletariats sind; sie nahm in ihre Reihen die standhaftesten, weitsichtigsten und fortgeschrittensten Kämpfer der Arbeiterklasse auf. Nur bei Vorhandensein einer derartigen geschlossenen Organisation der Elite der Arbeiterklasse ist es möglich, alle die Schwierigkeiten zu überwinden, die sich der Arbeiterdiktatur am Tage nach dem Siege in den Weg stellen.[53]

 

In den Spalten der Presse, in den Volksversammlungen, den Gewerkschaften, den Genossenschaften - überall, wohin die Anhänger der III. Internationale Zutritt erlangen, muß man nicht nur die Bourgeoisie, sondern auch ihre Helfershelfer, die Reformisten aller Schattierungen, systematisch und unbarmherzig brandmarken. [54]

 

Trotzki teilte die Lehren der Bolschewiki und der Kommunistischen Internationale, wie er im Gründungsprogramm der Vierten Internationale festhielt:

 

Die IV. Internationale erklärt der Bürokratie der II. und III. Internationale, der Internationale von Amsterdam und der Anarcho-syndikalistischen Internationale sowie ihren zentristischen Satelliten einen unversöhnlichen Krieg; ebenso dem Reformismus ohne Reformen, dem mit der GPU verbündeten Demokratismus, dem Pazifismus ohne Frieden, dem Anarchismus im Dienst der Bourgeoisie, den „Revolutionären“, die die Revolution tödlich fürchten. All diese Organisationen sind nicht Bürgen der Zukunft, sondern faulende Überbleibsel der Vergangenheit. Die Epoche der Kriege und Revolutionen wird von ihnen keinen Stein auf dem anderen lassen. [55]

 

 

 

Nationaler und internationaler Parteiaufbau müssen Hand in Hand gehen

 

 

 

Von Beginn an muss eine wahrhaft revolutionäre Partei oder ihre Vorform ein internationales Gebilde sein. Dieses Prinzip wurzelt im Wesen des Kapitalismus und der ArbeiterInnenklasse, die beide von Natur aus international sind. Nur als internationale Organisation können wir eine wirklich internationale Perspektive entwickeln, internationale Erfahrungen verinnerlichen und als internationalistische RevolutionärInnen arbeiten. Wenn eine Gruppe zu lang als nationale Organisation besteht, läuft sie ernsthaft Gefahr, eine national-bornierte Erfahrung und Perspektive zu entwickeln.

 

Außerdem entspricht der internationale Charakter der Partei dem Wesen des revolutionären Programms und Tätigkeitsfelds. Wie das revolutionäre Programm nur leben, atmen und sich in einer Organisation revolutionärer KämpferInnen entwickeln kann, so kann das internationale Programm wie auch der proletarische Internationalismus und die länderübergreifende Solidarität nur in einer internationalen Organisation bestehen. Ohne sie sind Nationalborniertheit und letztlich nationalistische Abweichungen unausweichlich.

 

Trotzki bemerkte einmal richtig: “Marxistische Politik ‘in einem Land’ ist genauso unmöglich wie der Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft ‘in einem Land’.” [56]

 

Diese Auffassung stimmt sowohl für eine Partei wie auch für ihre Vorform, wie Trotzki in zahlreichen Artikeln und Briefen erklärte:

 

„Von ihren allerersten Schritten an muss die Opposition daher als internationale Fraktion handeln – wie es die Kommunisten in den Tagen der Veröffentlichung des Kommunistischen Manifests taten oder die Zimmerwalder Linke zu Beginn des Kriegs. In all diesen Fällen waren die Gruppen nummerisch klein oder es handelte sich um isolierte Individuen; nichtsdestotrotz handelten sie als internationale Organisation. In der Epoche des Imperialismus ist eine solche Position hundertmal zwingender als zu Zeiten Marx’.

 

Wer glaubt, dass die internationale Linke eines Tages sich als Summe nationaler Gruppen von selbst bilden wird und dass daher die internationale Vereinigung auf unbestimmte Zeit verschoben werden kann, bis die nationalen Gruppen ‘stark genug geworden’ sind, gesteht dem internationalen Faktor nur untergeordnete Wichtigkeit zu und geht daher den Weg des nationalen Opportunismus.

 

Es ist nicht zu leugnen, dass jedes Land seine Eigenheiten hat; doch in unserer Epoche können diese Eigenheiten nur von einem internationalistischen Standpunkt aus untersucht und auf revolutionäre Weise genützt werden. Andererseits kann nur eine internationale Organisation Träger einer internationalen Ideologie sein.

 

Kann jemand ernsthaft glauben, dass isolierte oppositionelle nationale Gruppen, untereinander gespalten und auf sich alleine gestellt, dazu imstande sind, den richtigen Weg von selbst zu finden? Das ist ein sicherer Weg in die nationale Degeneration, ins Sektierertum und den Ruin. Die Aufgaben, die der internationalen Opposition bevorstehen, sind extrem schwierig. Nur in unauflöslicher Bindung aneinander, nur durch gemeinsame Erarbeitung der Antworten auf all die gegenwärtigen Probleme, nur in der Schaffung ihrer internationalen Plattform, nur durch wechselseitige Überprüfung jeden Schritts, dass heißt nur über die Vereinigung in einen einzigen internationalen Körper werden die nationalen Gruppen der Opposition ihre historische Aufgabe erfüllen können.“ [57]

 

Wie viele Zentristen heute fanden verschiedene Gruppen in den 1930ern “Argumente”, um die Gründung einer internationalen Organisation für “vorzeitig” zu erklären. In der Antwort auf solche Kritik seitens italienischer Bordegisten schrieb Trotzki 1930:

 

Ihre Auffassung von Internationalismus scheint mir falsch zu sein. Für Sie ist die Internationale letztlich die Summe der nationalen Sektionen oder ein Resultat der wechselseitigen Beziehungen zwischen den nationalen Sektionen. Das ist eine zumindest einseitige, nicht dialektische und darum falsche Vorstellung von der Internationale. Bestünde die kommunistische Linke in der ganzen Welt nur aus fünf Personen, so müssten diese gleichwohl gleichzeitig mit einer oder mehreren nationalen Organisationen auch eine internationale Organisation aufbauen. Die nationale Organisation als das Fundament und die internationale als ein Dach zu betrachten, ist falsch. Es handelt sich da um eine Wechselwirkung ganz anderen Typs. Marx und Engels begründeten 1847 die kommunistische Bewegung mit einem internationalen Dokument und mit der Gründung einer internationalen Organisation. Gerade so ging es bei der Gründung der Ersten Internationale. Den gleichen Weg beschritt die Zimmerwalder Linke, als sie die Gründung der III. Internationale vorbereitete. Dieses Vorgehen ist jetzt noch viel zwingender als zur Zeit von Marx. In der Epoche des Imperialismus kann eine revolutionäre proletarische Strömung natürlich in einem Land früher entstehen und Gestalt annehmen als in einem anderen, aber in einem einzelnen Land kann sie nicht bestehen und sich entwickeln. Noch am Tage ihrer Gründung muss sie internationale Verbindungen suchen oder schaffen, eine internationale Plattform und eine internationale Organisation, da man nur auf diesem Wege herausfinden kann, ob eine nationale Politik richtig ist. Eine Strömung, die jahrelang in nationaler Isolation verharrt, verurteilt sich unweigerlich zur Degeneration”.[58]

 

In einem anderen Dokument kritisierte Trotzki 1935 die deutsche Sozialistische Arbeiterpartei (SAP) an:

 

„Wo liegt das ‘tiefgreifende Problem’ in dieser Frage? Man beachte, objektiv ist die neue Internationale notwendig, doch subjektiv ist sie unmöglich. Einfacher ausgedrückt, ohne die neue Internationale wird das Proletariat zerdrückt, doch die Massen verstehen das noch nicht. Und was sonst ist die Aufgabe von Marxisten, wenn nicht die, den subjektiven Faktor auf das Niveau des objektiven zu heben und das Bewusstsein der Massen näher an das Verständnis der historischen Notwendigkeit zu bringen – in anderen Worten, den Massen ihre eigenen Interessen zu erklären, die sie noch nicht verstehen? Das ‘tiefgreifende Problem’ der Zentristen ist tiefgreifende Feigheit angesichts der großen und unaufschiebbare Aufgabe. Die Führer der SAP verstehen die Wichtigkeit klassenbewusster revolutionärer Aktivität in der Geschichte nicht.“ [59]

 

Im gleichen Geist schrieb Trotzki 1939 an die französischen Piveristen:

 

„Ohne über eine Lehre, revolutionäre Tradition, ein klares Programm, Massen zu verfügen, verkündet ihr furchtlos eine neue Partei. Mit welchem Recht? Offensichtlich glaubt ihr, dass eure Ideen euch das Recht geben, die Massen zu gewinnen, nicht wahr? Warum wendet ihr dann nicht dasselbe Kriterium auf die Internationale an? Nur weil ihr nicht wisst, wie ihr euch einen internationalen Standpunkt erarbeiten könnt. Eine nationale Partei (auch in der Form einer Aufbauorganisation) ist für euch eine Lebensnotwendigkeit, doch eine internationale Partei gleicht einem Luxus und der kann warten. Das ist schlecht, Guérin, sehr schlecht!“ [60]

 

In der Anwendung der Parteiprinzipien weisen wahrhafte MarxistInnen es zurück, einen qualitativen Unterschied zwischen nationalem und internationalem Parteiaufbau zu machen. Eine internationale Partei oder ihre Vorform muss auf Grundlage des internationalen demokratischen Zentralismus gegründet werden, d.h. mit einer international einheitli