Der kapitalistische Aufholprozesses in Südkorea und Taiwan - Bilanz und Analyse

von Michael Pröbsting


Vorwort der Redaktion: Im Folgenden veröffentlichen wir ein Essay von Michael Pröbsting über die Entwicklung des Kapitalismus in Südkorea und Taiwan. Die Arbeit wurde im 1996 im Journal „Revolutionärer Marxismus“ Nr.20 – dem deutsch-sprachigen Organ der Liga für eine revolutionär-kommunistische Internationale (LRKI/LFI) – veröffentlicht. Genosse Pröbsting war seit 1989 führendes Mitglied der LRKI/LFI und wurde mit einer Gruppe Gleichgesinnter im April 2011 aus der LFI ausgeschlossen, als sie sich der zunehmenden zentristischen Degeneration der LFI widersetzten. Gemeinsam mit Genossinnen und Genossen in Pakistan, Sri Lanka, USA und Österreich bauten sie eine neue internationale Organisation auf – die Revolutionär-Kommunistische Internationale Tendenz (RCIT). Genosse Pröbsting ist Internationaler Sekretär der RCIT.

 

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I. Einleitung

 

Für Marxisten stellt die politische und ökonomische Entwicklung in Ost- und Südostasien zweifelsohne eine zentrale Herausforderung dar. Einerseits weil das sogenannte "asiatische Modell" von immer mehr Seiten selbst innerhalb der Arbeiterbewegung stille und weniger stille Bewunderer findet. Andererseits und vor allem deswegen, weil der Marxismus als wissenschaftlicher Sozialismus verpflichtet ist, alle wichtigen Entwicklungen und Veränderungen der gesellschaftlichen Realität auf dem Gebiet der Politik und Wirtschaft sorgfältig zu analysieren und die sich daraus ableitenden Bedingungen und Perspektiven für den proletarischen Klassenkampf zu definieren.

 

Auf den ersten Blick nicht verwunderlich jubeln die Apologeten der freien Markwirtschaft über den Erfolg des Kapitalismus in dieser Region. [1] Nach dem angeblichen Beweis für die Unmöglichkeit des Sozialismus in Form des Zusammenbruchs des Stalinismus glauben sie nun, einen zweiten, positiven Beweis für die Überlegenheit des Kapitalismus gefunden zu haben. Neben einer Unzahl von akademischen und journalistischen Büchern und Artikeln hat auch das Think Tank der Weltbank eine umfassende Studie "The East Asian Miracle" herausgegeben. [2] Die bürgerlichen Ökonomen behaupten in Ostasien endlich den Beweis gefunden zu haben, daß im Grunde genommen alle sogenannten Entwicklungsländer innerhalb einiger Jahrzehnte ihre Rückständigkeit überwinden können - vorausgesetzt sie betreiben die richtige pro-Marktwirtschaftspolitik. Die Konsequenz daraus ist, daß die III.Welt-Länder eigentlich selber an ihrem Schicksal schuld seien. Ohne den Funken eines Selbstzweifels glauben sie, die rapide Industrialisierung Ostasien als ideologische Waffe gegen den Marxismus verwenden zu können.

"The Asian NICs are delivering a second Shock to Marxism...." [3]

 

Nicht nur die Vordenker der Bourgeoisie blicken bewundernd nach Osten, immer größere Teile der sozialdemokratischen Bürokratie preisen öffentlich die Länder Ostasiens als zukunftsweisendes Beispiel eines schlanken Wohlfahrtsstaates. Das jahrzehntelang innerhalb der reformistischen ArbeiterInnenbewegung vorherrschende Model der regulierten Marktwirtschaft, in der der Staat von oben nach unten umverteilt und die soziale Wohlfahrt ausbaut, scheint ausgedient zu haben. Und schließlich mehren sich auch die Freunde Asiens in den Reihen der kritischen Intelligenz.

 

Doch das Hauptmotiv für eine marxistische Analyse des "Wirtschaftswunders" in Ostasien liegt nicht so sehr in der notwendigen Antwort auf die intelligenten und weniger intelligenten Attacken auf die Marx'sche Politische Ökonomie. In erster Linie geht es umfassende Erklärung der rasanten Entwicklung des ostasiatischen Kapitalismus in den vergangenen Jahrzehnten, einer konkreten Einschätzung des politischen und ökonomischen Charakters dieser Staaten, ihrer Zukunftsaussichten sowie einer Bilanz und Perspektiven der Arbeiterklasse in dieser Region. Schließlich geht es auch um eine Einordnung der Entwicklung Ostasiens - das in den letzten Jahrzehnten die intensivste Wachstumsperiode der ganzen kapitalistischen Epoche durchlebten - in die Lenin'sche Imperialismustheorie.

 

II. Ein paar Kleinigkeiten "vergessen":

Eine erste Antwort auf die Kritiker des Marxismus

 

Die unkritische Hochjubelei der Entwicklung des ostasiatischen Kapitalismus ist bereits fragwürdig genug. Die verallgemeindernden Schlußfolgerungen der Marktschreier des Kapitalismus über die prosperierenden Wirtschaftsaussichten der Halbkolonien [4] und die angebliche Widerlegung des Marxismus lassen sich jedoch nur als vorsetzliche Lüge und unüberbietbare Ignoranz charakterisieren. Während wir über die genaue Einordnung der Entwicklung Ostasiens in die marxistische Imperialismustheorie später in einem eigenen Kapitel eingehen werden, seien die bürgerlichen Kritiker hier kurz an ein paar "Kleinigkeiten" erinnert.

 

Die von den Bürgerlichen als die vier "Tiger" oder auch "Newly Industrialized Countries" (NIC's) [5] bezeichneten Länder - Südkorea, Taiwan, Hongkong und Singapur - haben zwar tatsächlich seit Jahrzehnten ein fast ununterbrochen massives Wirtschaftswachstum erlebt. Aber zur gleichen Zeit prägten schwache Wachstumszahlen oder gar Stagnation den "Rest" - also die große Mehrheit der halbkolonialen Staaten Lateinamerikas, Afrikas und Asiens. Diese vier "Tiger" machen in Wirklichkeit nur 2% der gesamten Bevölkerung der III.Welt aus. Aufgrund spezifischer Bedingungen - die wir unten darlegen werden - gelang es ihnen jedoch, heute für 7% des Brutto-Inlandsproduktes (BIP), 20% des Welthandels und 60% der Industrieexporte der III.Welt verantwortlich zu sein. Dies unterstreicht den Ausnahmecharakter Ostasiens, der eben alles andere als stellvertretend für die halbkoloniale Welt ist.

 

Eine jüngst veröffentlichte Studie (eines für die Weltbank tätigen Ökonomen) berechnete die weltweite Entwicklung des BIP pro Kopf in Kaufkraftparitäten [6]. Der Autor bringt das traurige Ergebnis auf den Punkt:

"Vergessen sie Konvergenz - das überwältigende Kennzeichen moderner Wirtschaftsgeschichte ist eine massive Divergenz der Pro-Kopf-Einkommen zwischen den reichen und den armen Ländern, eine Lücke, die heute unvermindert zunimmt." [7] (Hervorhebung durch d.A.)

In der überwiegenden Mehrzahl der kapitalistischen Halbkolonien lag in der jüngeren Vergangenheit das Wachstum unter dem der reichen, imperialistischen Staaten - wenn sie überhaupt wuchsen. So schrumpfte in mehr als der Hälfte der sogenannten Entwicklungsländer zwischen 1980 und 1993 das BIP pro Kopf! Fast 2/3 aller Halbkolonie erlebte in den letzten 35 Jahren zumindest einmal eine Katastrophe in dem Ausmaß wie Frankreich während der großen Weltwirtschaftskrise 1929-33. Diese Entwicklungen bekräftigen in Wirklichkeit also unsere grundlegende Charakterisierung des Imperialismus als eines weltweiten Systems der wachsender Ausbeutung und Ungleichheit auf Kosten der großen Mehrheit der Weltbevölkerung einmal mehr - anstatt sie ins Wanken zu bringen.

 

Sogenannte moderne Sozialdemokraten wie der britische Labourvorsitzende Tony Blair oder auch das österreichische SPÖ-Organ "Zukunft", die sich bewundernd vor dem "dritten Weg" Ostasiens verneigen, seien an folgendes errinnert: Dieses "Wirtschaftswunder" baut auf einer extremen Ausbeutung und Unterdrückung der Arbeiterklasse auf - der Klasse, die die Sozialdemokratie angeblich vertreten will. Die Lohnabhängigen Südkorea z.B. haben eine der längsten Wochenarbeitszeiten der Welt und schuften gleichzeitig unter fürchterlichen Arbeitsbedingungen. Noch 1990 starben 2.336 Menschen bei Arbeitsunfällen, 132.893 wurde schwer verletzt. [8] Südkorea hat weltweit die meisten in Haft sitzender Aktivisten der Arbeiterbewegung und Singapur kommt vermutlich dem Orwell'schen 1984 viel näher als irgendeinem Ideal, für das die europäische Arbeiterbewegung in den letzten hundert Jahren gekämpft hat. Dieser neuerliche Rechtsschwenk der sozialdemokratischen Bürokratie unterstreicht nur einmal mehr ihren zutiefst bürgerlichen Charakter.

 

Doch auch wenn die allgemeinen Schlußfolgerungen bürgerlicher Vordenker und Politiker leicht zu widerlegen sind, so können wir uns nicht damit zufrieden geben. Wir brauchen eine positive marxistische Analyse.

 

III. Kapitalismus in Ost- und Südostasien:

Einleitende Bemerkungen

 

Oft wird seitens bürgerlicher Journalisten oberflächlich vom "aufstrebenden Asien" gesprochen. Tatsächlich jedoch ist eine Differenzierung notwendig. Eine erste Unterscheidung muß zwischen China und den kapitalistischen Ländern des östlichen Asiens getroffen werden - abgesehen davon, daß zwischen den prosperierenden südöstlichen und den stagnierenden nördlichen und westlichen Regionen Chinas selbst differenziert werden muß. Auch wenn die kapitalistischen Elemente immer tiefer in die Ökonomie Chinas eindringen und in den "Sonderwirtschaftszonen" bereits dominant sind, so überwiegt in den Kernbereichen der gesamten Wirtschaft nach wie vor die bürokratische Planung. Wir sprechen daher von China als einem degenerierten, von einer bürokratischen Diktatur beherrschten Arbeiterstaat. Mit der Ausnahme Vietnams und Laos handelt es sich bei den anderen Staaten der Region um kapitalistische, halbkoloniale Staaten (abgesehen natürlich von Japan)

 

Zweitens muß innerhalb der kapitalistischen Staaten selbst zwischen den sogenannten vier NIC's und den anderen Staaten Südostasiens unterschieden werden. Letztere sind Mitglieder der ASEAN - einem politischen und wirtschaftlichen Bündnis - und umfassen Thailand, Malaysia, Indonesien, Brunei, Singapur und die Philippinen. [9] Während die NIC's eine rapide Industrialisierung seit Jahrzehnten erleben, setzte ein beschleunigter Wachstumsprozeß in einigen Staaten des ASEAN-Bündnis erst in den 1980er Jahren ein. Darüberhinaus gehört Singapur auch zu den vier NIC's und sollte vom wirtschaftlichen Entwicklungsgrad nicht mit den anderen ASEAN-Staaten in einen Topf geworfen werden. Aber auch die anderen ASEAN-Staaten haben unterschiedlichen Charakter. Brunei ist ein islamisches Sultanat, daß ohne seine riesigen Erdölreichtum bedeutungslos wäre. Und die Phillipinen sollten aufgrund ihres schwachen Wirtschaftswachstum eher als lahme Ente denn als neuer Tiger bezeichnet werden.

 

Schließlich sollte auch innerhalb der sogenannten NICs differenziert werden - auch wenn es einige Ähnlichkeiten gibt. Singapur ist ein kleiner Stadtstaat und Hongkong eine koloniale Enklave des britischen Imperialismus (und wohl bald Chinas). Beide haben sehr kleine Einwohnerzahlen von knapp 3 bzw. 6 Millionen. Beide dienten aufgrund historischer Umstände als zentrale Handelsumschlagplätze und Finanzzentren des britischen Empires. Das Kapital dieser beiden Staaten befindet sich weitgehend in britischer bzw. sonstiger imperialistischer Hand und somit großer und direkter Abhängigkeit.

 

Südkorea und Taiwan dagegen verdanken ihre Entwicklung zwar auch außergewöhnlichen historischen Entwicklungen, sie sind aber größere Staaten mit einer entwickelten Industrie und einem vergleichsweise eigenständigen Kapital. Auf die notwendige Unterscheidung zwischen Taiwan und Südkorea werden wir weiter unten noch ausführlich eingehen.

 

Wie wir im folgenden zeigen werden, stellen Hongkong und Singapur privilegierte, koloniale (Hongkong) bzw. halbkoloniale (Singapur) Enklaven des Imperialismus dar. Taiwan dagegen charakterisieren wir als einen fortgeschrittenen halbkolonialen Staat. Südkorea entwickelte sich im Grunde genommen ähnlich wie Taiwan und trug daher auch in den letzten Jahrzehnten die Merkmale einer fortgeschrittenen Halbkolonie. Aufgrund spezifischer Entwicklungen, auf die wir unten eingehen werden, befindet sich das Land gegenwärtig - im Unterschied zu Taiwan - in einem Übergangstadium von einem sehr fortgeschrittenen halbkolonialen zu einem imperialistischen Staat. Unsere Untersuchung konzentriert sich daher neben einem allgemeinen Überblick über die Entwicklung und den Charakter der Staaten in Ost- und Südostasien vor allem auf die vier NICs und hier wiederum auf Taiwan und insbesondere Südkorea. Wir haben Südkorea deswegen ausgewählt, da es sowohl auf der Ebene der kapitalistischen Entwicklung als auch des Klassenkampfes das entwickelste Land der Region ist und ermöglicht dadurch ein Studium des kapitalistischen Aufholprozesses in seiner entwickelsten und reinsten Form.

 

Tabelle einfügen über allgemeine Wirtschaftswachstumsdaten der letzten Jahrzehnte.

 

In den nächsten Kapiteln werden die spezifischen Vorbedingungen und Charakteristika der Entwicklung des Kapitalismus in den NIC's darlegen. Dabei gilt es folgendes zu beachten: Es ist keineswegs so, daß jeder einzelne der folgenden Faktoren einzigartig für die Staaten Ostasiens ist. Der eine oder andere ist auch in anderen Halbkolonien der Welt anzutreffen. Was jedoch tatsächlich den Ausnahmecharakter dieser Staaten ausmacht, ist die spezifische Kombination und Bündelung all dieser Faktoren. Diese Kombination erklärt das sogenannte Wirtschaftswunder und holt es aus dem Reich der Mythen - von den "asiatischen Werten" bis zur "brillianten Befolgung marktwirtschaftlicher Grundätze" - auf den Boden der Realität zurück.

 

IV. Das Modell der Kapitalakkumulation

in den fortgeschrittenen Halbkolonien Ostasiens:

Zentrale Vorbedingungen

 

Im wesentlichen spielten zwei historische Vorbedingungen eine bedeutende Rolle für die rapide Industrialisierung der fortgeschrittenen Halbkolonien Ostasiens: die Folgen des Kolonialismus sowie die Landreformen Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre.

 

IV.1. Die Folgewirkungen des Kolonialismus

 

Südkorea und Taiwan waren seit der Jahrhundertwende Kolonien des japanischen Imperialismus [10], Hongkong und Singapur traditionelle Stützpunkte des britischen Kolonialreiches. So wie der Drang nach Profit das Kapital in der Geschichte gezwungen hat, seine gegnerische Klasse - das Proletariat - unablässig zu vergrößern und seine Bildung und Qualifikation zu heben, so zwingt der Drang nach Profit den Imperialismus, seine Kolonien und Halbkolonien in bestimmten Situationen zumindest teilweise wirtschaftlich zu entwickeln.

 

IV.1. Korea und Taiwan:

Die Folgen des japanischen Kolonialismus

 

Die Unterwerfung dieser beiden Länder durch den japanischen Kolonialismus mit den Methoden äußester Brutalität [11] führte zu einem massiven Einschnitt in die sozialen und ökonomischen Strukturen. Nach dem Motto "Landwirtschaftliches Taiwan, industrielles Japan" wurden diese Kolonien völlig auf die Bedürfnisse der Kolonialmacht zugeschnitten.

 

Entsprechend diesem Motto konzentrierte Japan in der ersten Phase seine Anstrengungen darauf, die beiden Kolonien zu produktiven Agrarlieferanten umzustrukturieren. Mit Erfolg: Korea und Taiwan hatten neben British Malaysia den höchsten Außenhandelsanteil in der Region. So gingen 95% der Zuckerproduktion Taiwans und 52% der Reisproduktion Koreas nach Japan. [12] Insgesamt erreicht die wirtschaftliche Integration eine so hohe Intensität, daß Taiwan zwischen 1911 und 1940 85% seiner Exporte nach Japan lieferte und 74% der Importe wurden von dort bezogen. [13]

 

Die Folgen dieser kolonialen Politik waren mehrfach. Erstens zwang die japanische Agrarpolitik viele Bauern, von der Subsistenzproduktion abzugehen und für den kapitalistischen Markt zu produzieren. Viele wurden in eine Pachtabhängigkeit geschleudert [14], viele suchten Arbeit in der Stadt und der Reiskonsum wurde zwischen 1912 und 1936 halbiert(!). Ähnlich der Entwicklung in Westeuropa wurde auf diese brutale Weise die Landwirtschaft in den kapitalistischen Markt integriert. Die spezifische Kolonialpolitik der Japaner brachte eine massive Schwächung der einheimischen Landaristorkratie mit sich [15], denn die Japaner rissen einen Gutteil des Bodens an sich. In Korea z.B. besaßen sie 1942 80% des Waldes und 25% des kultivierten Landes. [16] Drittens machte das Ziel der japanischen Agrarpolitik - die Steigerung der agrarischen Produktivität - eine Reihe von Investitionen in die ländliche Infratsruktur notwendig. Dies führte z.B. dazu, daß Anfang der 1950er Jahre bereits 33% aller Haushalte Taiwans Elektrizität hatten. [17]. Dies sollte sich nach dem Ende der japanischen Herrschaft als vorteilhafte Voraussetzung für die Entwicklung einer modernen Landwirtschaft erweisen.

 

Die konzentrierten Kriegsanstrengungen der herrschenden Klasse Japans führte ab den 1930er Jahren in einer zweiten Phase zu einem Aufbau einer Industrie in Korea und Taiwan (v.a. Nahrungsmittel sowie Ölverarbeitung, Machinen, Schiffsbau). Zu Kriegsbeginn betrug der Industrieanteil Taiwans 18% des GDP, in Korea gar 43%. Noch stärker als die Landwirtschaft dominierte hier das japanische Kapital. 1938 lag in Korea der Anteil des einheimischen Kapitals bei bloß 11% des gesamten Industriekapitals und sank bis 1943 auf nur 3%. Einige wenige japanische Konzerne - 1.2% aller Betriebe - produzierten 60% des gesamten Fabrik-Outputs. [18]

 

Die Folgen dieser Industrialisierung lagen darin, daß Südkorea und Tawian nach der Niederlage des japanischen Imperialismus 1945 einerseits eine relativ entwickelte Industrie vorfand, die noch dazu aufgrund der Flucht der japanischen Eigentümer herrenlos waren und so problemlos von der einheimischen Staatsbürokratie übernommen werden konnten. Andererseits machte die Industrialisierung auch eine gewisse Qualifikation der Arbeitskräfte notwendig. So hatte Taiwan Anfang der 1950er Jahre eine vergleichsweise hohe Alphabetisierungsrate (60%). [19]

 

Zusammengefaßt hatten also die Ziele der japanischen Kolonialherrschaft - produktive Agrar- und Industrieexporteure zu schaffen - sowie die Vertreibung der Japaner nach dem Krieg den von diesen ungewollten Effekt, daß Südkorea und Taiwan Anfang der 1950er Jahre eine relativ entwickelte Landwirtschaft und Industrie vorfanden, die sie noch dazu problemlos übernehmen konnten, da die alten Eigentümer geflüchtet waren. Darüberhinaus brachte diese Modernisierung eine relative Qualifizierung der Arbeitskräfte mit sich.

 

IV.2. Kapitalistische Landreform

 

Eine weitere wesentliche Vorbedingung für die rasche Industrialisierung Südkoreas und Taiwans war die kapitalistische Landreform, die in den beiden Staaten Ende der 1940er und in den 1950er Jahren stattfand. [20] Aus der Geschichte der kolonialen und halbkolonialen Staaten wissen wir, daß es in der Regel nicht zu solchen Landreformen kam, bei denen ein Gutteil der Großgrundbesitzer enteignet und das Land zumindest an einen Teil der Bauern übergeben wurde. Normalerweise verband sich die alte, noch aus feudalen Zeiten stammende Großgrundbesitzerklasse mit der neu aufstrebenden Bourgeoisie und dem Imperialismus und perpetuierte so die extreme Landkonzentration in wenigen Händen. Die führte und führt zu einer massenhaften Verarmung der Bauern, oftmals ohne Land und in Abhängigkeit als Halb- oder Vollpächter, mangelnder Nutzung des kultivierbaren Bodens und somit einer niedrigen agraischen Produktivität. Dies hat die relativ geringe Herausbildung eines nationalen Binnenmarktes und der dementsprechenden Abhängigkeit von Import und Export mit dem imperialistischen Zentren zur Folge. Daher auch die besondere Bedeutung der potentiell explosiven Agrarfrage als eine der ungelösten bürgerlich-demokratischen Aufgaben für die Perspektive der permanenten Revolution in der halbkolonialen Welt.

 

Nur vor dem Hintergrund außergewöhnlicher Ereignisse ist in den halbkolonialen Ländern eine zumindest teilweise Lösung der Agrarfrage möglich. Solche außergewöhnliche Ereignisse war z.B. die Revolution 1911-17 in Mexiko und der damit verbundenen Herausbildung von Landkooperativen. In Südkorea und Taiwan kamen nach dem 2.Weltkrieg mehrere Faktoren zusammen. Erstens verschwand durch den Zusammenbruch der japanischen Kolonialherrschaft ein bedeutender Teil der Großgrundbesitzerklasse (siehe oben). Zweitens übte die revolutionäre Welle von Arbeiter- und Bauernkämpfen v.a. in Korea bzw. die Bürgerkriegssituation in Taiwan einen massiven Druck zur Durchführung von Landreformen auf die herrschende Klasse aus. Dieser Druck wurde vom US-Imperialismus verstärkt, der durch eine Lösung der explosiven Agrarfrage der "kommunistischen Gefahr" begegnen wollten.

 

Die aus diesen Gründen zwischen 1949 und 1953 durchgeführte Agrarreform hatte weitreichende Konsequenzen. Sie schuf auf diese Weise eine breite kleinbürgerlichen Bauernklasse, die zu einem stabilen politischen Faktor für die bürgerlichen, bonapartistischen Regimes wurden. In Taiwan stieg der Anteil der Grundbesitzer an der landwirtschaftlichen Bevölkerung von 38% (1952) auf 67% (1965). [21]

 

Ähnlich die Bedeutung in Südkorea. An diesem Beispiel zeigt sich gerade der klare Klassenunterschied zwischen einer bürgerlichen Landreform und einer proletarischen. Per Gesetz wurde 1949 das Pachtsystem abgeschafft. Die betroffenen Großgrundbesitzer wurden jedoch nicht enteignet, sondern ihnen wurden Bonds gegeben, mittels derer sie Anteile an industriellen Unternehmen erwerben konnten. Auf diese Weise wurden ca. 40% des Landes umverteilt. 1974 waren 70% aller Haushalte Grundbesitzer. [22] Anderen Angaben zufolge liegt der Anteil der landbesitzenden Bauern sogar noch höher. [23]

 

Die USA - der Schutzherr der bürgerlichen Militärregimes in den beiden Ländern - förderte auf verschiedene Weise die kapitalistische Agrarindustrie. Einerseits unterstützten sie massiv die Agrarinvestitionen: Laut Hamilton wurde 59% der agrarischen Netto-Kapitalakkumulation Taiwans wurde durch US-Gelder finanziert. [24] Andererseits zwangen die USA die "vier Tiger" seit den 1950er Jahren mittels des sogenannten PL-480 Programmes, zu einer Umstellung der Agrarproduktion auf Exportprodukte und gleichzeitig zum Import von Agrarprodukten aus den USA. So wurde z.B. durch den systematischen Import von US-amerikanischen Reis die südkoreanische Reisproduktion untergraben und die Eigenversorgungsrate bei Reis von 93% (1962) auf 69% (1973) verringert. [25] Das Resultat war der Ruin vieler einheimischer Agrarproduzenten; Südkorea wurde zum drittgrößten Importeur von US-Agrargütern. [26]

 

Die bürgerliche Landreform brachte aber entscheidende Konsequenzen für die Entwicklungsdynamik des Kapitalismus. Taiwan (und Südkorea in etwas abgemilderteren Form) erlebte in den 1950er Jahren einen enormen Anstieg der agrarischen Arbeitsproduktivität. Diese wuchs in Taiwan zwischen 1955 und 1964 um jährlich 3.7%, in Südkorea um 2.4%. [27] In Taiwan verdoppelte sich die landwirtschaftliche Produktion zwischen 1951-63. Darüber hinaus führte die Kapitalakkumulation im Agrarsektor zu hohen Sparquoten, die wiederum in den industriellen Sektor kanalisiert wurden und somit zur Industrialisierung beitrugen.

 

Die Landreform hatte aber noch einen anderen wesentlichen Effekt. In vielen halbkolonialen Länder, in denen noch keine wesentliche Bodenreform stattgefunden hat, werden durch die rückständigen kapitalistischen, oft noch mit halb-feudalen Elementen behaftete, Agrarverhältnisse viele Arbeitskräfte an diesen Sektor gebunden. In Südkorea und Taiwan dagegen wurde die Veränderungen der Eigentumsverhältnisse eine industrielle Reservearmee geschaffen, die zu niedrigen Löhnen in der Industrie und dem Dienstleistungssektor ausgebeutet wurden. [28] Damit wurde eine weitere wesentliche Voraussetzung für die dynamische Entwicklung des ostasiatischen Kapitalismus geschaffen: die zur Verfügung Stellung des menschlichen Kapitals, der Ware Arbeitskraft.

 

Zusammengefaßt erwies sich die kapitalistische Landreform als für die Bourgeoisie vorteilhaft wegen der Linderung der explosiven Gegensätze am Land, der Schaffung einer breiten kleinbürgerlichen und konservativen Bauernklasse, der Freisetzung einer industriellen Reservearmee für die Industrialisierung sowie die Kapitalakkumulation, die ebenfalls für die wirtschaftliche Modernisierung genutzt werden konnte.

 

Hiermit haben wir die Analyse der beiden Vorbedingungen des hohen und lang anhaltenden kapitalistischen Wachstum - die Erbschaft des japanischen Kolonialismus und Landreform - abgeschlossen und wenden uns nun den Charakteristika des in der bürgerlichen Terminologie bezeichneten "asiatischen Models" oder besser gesagt des Aufschwungs des südkoreanischen und taiwanesischen Kapitalismus seit den 1950er Jahren zu.

 

V. Das Modell der Kapitalakkumulation

in den fortgeschrittenen Halbkolonien Ostasiens:

Spezifische Merkmale

 

Bevor wir hier näher auf die einzelnen Merkmale dieses kapitalistischen Modells eingehen, wollen wir noch einmal folgendes unterstreichen: Was den Kapitalismus in diesen Ländern auszeichnet, spezifisch macht, ist nicht bloß das eine oder andere Merkmal. Das eine oder andere davon kommt auch bei anderen halbkolonialen Kapitalismen vor. Die außergewöhnliche Dynamik des ostasiatischen Kapitalismus kann nur durch das Zusammentreffen, die Kombination sowohl der Vorbedingungen (siehe Kapitel IV) als auch der in diesem Kapitel behandelten Merkmale verstanden werden.

 

V.1. Die Ausbeutung der Arbeiterklasse

 

Wir haben wiederholt von der Kombination mehrerer Faktoren gesprochen, um den kapitalistischen Aufschwung in Ostasien zu verstehen. Die in diesem Kapitel genannten Aspekte sind alle von wesentlicher Bedeutung. Aber für Marxisten besteht kein Zweifel darin, daß ein Faktor besonders hervorsticht: die Ausbeutung der Arbeiterklasse. Die jahrzehntelange enorme Ausbeutung eines ohne Unterbrechung wachsenden Proletariats muß als der Motor des kapitalistischen Wirtschaftswunders bezeichnet werden. Dies müssen verklausuliert auch bürgerliche Ökonomen zugestehen. In einer akademischen Studie für die Weltbank schreibt der neoliberale Ökonom Ranis:

"Sowohl Korea als auch Taiwan konnten auf billige und unqualifizierte, aber leistungsfähige und gebildete Arbeitskräfte zählen, wichtige Bestandteile jeder wettbewerbsfähigen, export-orientierten Entwicklungsdynamik." [29]

 

Ein anderer Weltbank-Ökonom drückt den Zusammenhang von bonapartistischer Diktatur und Ausbeutung der Arbeiterklasse am Beispiel des Mindestlohns aus - natürlich in der diplomatisch-verbrähmten Sprache der Neoliberalen:

"Die Regierungen dieser Länder standen den Forderungen organisierter Arbeitnehmer nach einem gesetzlichen Mindestlohn generell weniger nachgiebig gegenüber als die Regierungen in anderen Entwicklungsländern." [30]

 

Grundlage dieser jahrzehntelangen Ausbeutung waren die blutigen Konterrevolutionen, mit denen die herreschenden Klassen Südkoreas und Taiwans ihre Herrschaft Ende der 1940er Jahre festigten. Während in Südkorea eine Doppelherrschaft existierte (proletarischer Machtorgane, militante Generalstreiks), war Taiwan durch die Wirren des chinesischen Bürgerkriegs und der Feindschaft vieler Taiwanesen gegenüber der eindringenden Chiang Kai Chek-Armee geprägt. Mit US-amerikanischer Rückendeckung ging die koreanische Bourgeoisie mit militärischen Mitteln gegen die radikale Gewerkschaftsbewegung vor und fügte der Arbeiterklasse eine historische Niederlage zu. Seitdem bis Mitte der 1980er Jahre war es der koreanischen ArbeiterInnenklasse unmöglich, eigene, vom Regime unabhängige Gewerkschaften aufzubauen - ganz zu schweigen von breiteren Streiksaktivitäten zu Verteidigung grundlegenster Rechte o.ä.. [31] Stellvertretend für die extrem gewerkschaftsfeindliche Haltung der Kapitalisten kann der Gründer und Boß des Chaebols Samsung zitiert werden: "Eher werde ich unter der Erde liegen, bevor eine Gewerkschaft bei Samsung zugelassen wird." [32] Glücklicherweise ging sein Versprechen in Erfüllung.

 

Auch in Taiwan war die Errichtung des KMT-Regimes von einem blutigen Massaker 1948 begleitet, bei dem mehr als 30.000 Menschen ermordet wurden. Von Anfang an wurde jede unabhängige Regung des Proletariats im Keime erstickt. Erst Ende der 1980er Jahre entstand eine unabhängige Gewerkschaftsbewegung und rege Streikaktivitäten.

 

Fassen wir zusammen: die Basis des "Wirtschaftswunders" war die jahrzehntelange Atomisierung der Arbeiterklasse dieser Länder als Resultat der historischen Niederlagen, die ihnen die herrschenden Klassen mit imperialistischer Unterstützung zufügte. Ähnliches kann man im übrigen auch bei den anderen südostasiatischen sogenannten Wirtschaftswunderländern sehen: Indonesien sah erst hohe Wachstumszahlen nach der Ermordung von ¼ bis ½ Millionen Kommunisten und kämpferischer Arbeiter und Bauern; Thailand erlebte einen massiven Aufschwung nach dem Militärputsch 1976.

 

Ein Vergleich mit Lateinamerika zeigt, daß diese lange, mehr oder weniger ununterbrochene Periode der offenen und weitgehenden Unterdrückung und dadurch Ausbeutung der Arbeiterklasse ein besonderes Merkmal für Staaten wie Südkorea oder Taiwan ist. Natürlich wurde auch in anderen Staaten das Proletariat derartigen Bedingungen unterworfen. Aber nur selten für eine so lange Periode. Natürlich reicht die besonders intensive Ausbeutung der Arbeiterklasse nicht als einzige Erklärung aus. Wie bereits erwähnt spielte eine Kombination von Faktoren eine Rolle. Nichts desto trotz liegt hier der Kern der Erklärung.

 

Es bedarf nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, was dies für die konkreten Arbeitsbedingungen, Löhne, Arbeitszeit usw. bedeutete. So betrug beispielsweise der Mindestlohn in Taiwan nur 40-60% der realen Industrielöhne und was damit so niedrig, daß er die Unternehmer nicht berührte. Die südkoreanischen Industriearbeiter mußten in den frühen 1980er Jahren 54 Wochenstunden arbeiten, eine der längsten Arbeitszeiten weltweit. [33]

 

Der oben zitierte Weltbankökonom Ranis weist für den Agrarsektor nach, in welch ungeheuren Ausmaß das Wachstum der Produktivität und jenes der Löhne auseinander klaffen. So wuchs die Agrarproduktivität Taiwans zwischen 1957-72 um 25fache, die Löhne dagegen nur um das 9fache. [34] In Südkorea betrug die entsprechende Produktivitätssteigerung das 8,5fache, jenes der Löhne aber nur das 2,5fache. [35] In einer anderen Tabelle zeigt Ranis, daß die Industrielöhne nur unwesentlich stärker als die landwirtschaftlichen wuchsen. [36] Im Gegensatz dazu stieg die industrielle Produktivität stärker als im Agrarsektor, was das Ausmaß der Ausbeutung der Arbeiterklasse noch einmal unterstreicht. Der gewaltige Differenzbetrag zwischen Produktivität und Löhnen weist auf den hohen Mehrwert hin, der die wesentliche Triebfeder eines dynamischen Kapitalakkumulationsprozesses war.

 

Zu all diesen Faktoren kommt noch, daß die konzertierte Politik der Landreform und Industrialisierung zu einem geradezu explosiven Wachstum der Arbeiterklasse führte. Diese ungebremste Zufuhr an Arbeitskräften ermöglichte ein Niedrighalten der Löhne sowie die ungehinderte Steigerung der Mehrwertproduktion und damit der Kapitalakkumlation.

 

Neoliberale Ökonomen der Weltbank und sozialdemokratische Bewunderer der "asiatischen Werte" heben öfters die - im Unterschied zu Lateinamerika und Afrika - relativ geringen Unterschiede zwischen Arm und Reich in den NICs hervor. Dies könnte ein Argument gegen die besonders scharfe Ausbeutung in den NICs sein. Als Maßstab zur Berechnung der Einkommensgleichheit wird in der bürgerlichen Ökonomie der sogenannte Gini-Koeffizient verwendet. [37] Tatsächlich aber ist es höchst zweifelhaft, ob es in diesen Ländern tatsächlich zu einer Redukuktion der Einkommensungleichheit gekommen ist. Den Berechnungen des Weltbankökonomens Ranis stehen genau entgegengesetzte Berechnungen entgegen. [38] Hung meint für Taiwan, daß dort die Einkommensungleichheit in den 1950er und 1960er Jahren gesunken, in den 1980er Jahren jedoch wieder gestiegen sei. [39] Kaiwai wiederum berechnet, daß sie Einkommensungleichheit seit 1960er gestiegen ist. In eine ähnliche Richtung argumentiert auch McFarlane. [40]

 

Bei all dem sind mehrere Tatsachen zu berücksichtigen. Erstens ist ein gewisser egalisierender Effekt durch die Landreform Ende der 1950er Jahre nur allzu logisch. Zweitens müssen die meisten dieser Berechnungen mittels des Gini-Koeffizienten auch aufgrund der Tatsache kritische betrachtet werden, da die meisten Autoren das Familieneinkommen und nicht das individuelle als Grundlage nehmen. Das bedeutet eine enorme Verzerrung der tatsächlichen Einkommenslage. Denn aufgrund der Landflucht und der Industrialisierung wurden immer mehr Bauern und deren Angehörige in Proletarier verwandelt. Es liegt auf der Hand, daß sich dadurch das Einkommen der Arbeiterfamilie - in der bereits vorher beispielsweise der Mann als Stahlarbeiter arbeitetet, während seine Frau ursprünglich das kleine Grundstück bestellte und nun als Textilarbeiterin arbeitet - daß hier die Steigerung des Familieneinkommens deulich höher liegt, als bei einer Managerfamilie, wo die Frau nach wie vor nicht berufstätig ist. Wenn man aber das Einkommen der einzelnen Arbeiter und ArbeiterInnen in ein Verhältnis zu dem von Manager und Unternehmern setzt, so sieht die Einkommensverteilung sicherlich anders aus. Es wäre ja auch ansonsten nicht erklärbar, wie es zu der beeindruckenden Kapitalakkumulation kam. Oder wie wollen die neoliberalen Jubelgarden des asiatischen Wirtschaftswunder beispielsweise erklären, daß in Südkorea eine kleine Elite von nur 0.3% der Bevölkerung ein Vermögen im Werte von 43% des Brutto-Nationalprodukts kontrolliert?! [41] Das Leitmotiv der Bourgeoisie in Ostasien - wie überall - war simpel "Wachstum zuerst - Umverteilung später" [42]. Daher sind die Klassengegensätze sind in der ganzen Region anzutreffen:

"In der Region Südostasien entfallen 40% des akkumulierten Einkommens auf 10% der Haushaltungen, während sich die unteren 60% der Haushaltungen mit 25% begnügen müssen." [43]

 

V.2. Privilegierte Unterstützung durch den US-Imperialismus

 

Die Intensität und das Ausmaß der Unterdrückung der Arbeiter und Arbeiterinnen ist nicht zu verstehen, wenn man nicht die Unterstützung durch den US-Imperialismus (bzw. den britischen) berücksichtigt. Der aufkommende Kalte Krieg machte Südkorea, Taiwan, Hong Kong und Singapur zu Frontstaaten gegen die degenerierten Arbeiterstaaten China und Nordkorea. Aus diesem Grund widmete v.a. die USA diesen Staaten eine Unterstützung, wie sie kaum einem anderen Staat (abgesehen natürlich von Israel) zugute kam.

 

Zwischen 1945 und 1978 ließen die USA Südkorea Wirtschaftshilfe im Wert von 6 Mrd. US-$ zukommen, das entspricht der Wirtschaftshilfe für ganz Afrika im gleichem Zeitraum! Das Ausmaß dieser Unterstützung wird ersichtlich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß in den 1950er Jahren 80% aller Importe Südkoreas durch US-Hilfe finanziert wurden. [44] Darüber hinaus gewährten sie den NIC's einen privilegierten Zugang zu ihrem Binnenmarkt - dem größten weltweit. In den 1950er und frühen 1960er Jahren machte die US-Hilfe die Hälfte der Budgeteinnahmen Südkoreas aus. Aber die Hilfe wirkte sich auch direkt auf den Kapitalakkumulationsprozeß aus. Zwischen 1951 und 1965 finanzierte die USA 34% der Brutto-Investitionen Taiwans und gar 59% der agrarischen Netto-Kapitalakkumulation. [45] Und Mitte der 1960er Jahre ging mehr als die Hälfte der Kapitalbildung Südkoreas auf amerikanische Zuschüsse zurück! [46] Dazu kam dann noch massive militärische Finanzhilfe. So erhielt Taiwan zwischen 1951-65 1.5 Mrd. US-$. Zusammenfassend meint der fortschrittliche Ökonom Hamilton, daß sich durch die US-Hilfe die Wachstumsrate Taiwans verdoppelte, das Brutto-Nationalprodukt pro Kopf vervierfachte und die Zeit, um den Lebensstandard von 1964 zu erreichen, um 30 Jahre verkürzte! [47]

 

Es versteht sich von selbst, daß die USA nicht nur einfach Finanzhilfe gaben, sondern sich massiv in die nationalen Entscheidungsprozesse in Politik und Wirtschaft einmischten. Wir haben bereits die kapitalistische Landreform als ein wichtiges Beispiel genannt. Doch auch die andere strategisch wichtige Entscheidungen gingen auf den US-Einfluß zurück. So schlugen die USA Südkorea und Taiwan nach der Erschöpfung der Export-Orientierung mit Niedriglohn-Produkten vor, auf die Produktion und Export von Petrochemie, spezielle Maschinen, Computer usw. umzusteigen. [48] In Taiwan beispielsweise wurden spezielle Kommissionen gebildet, in denen wesentliche Entscheidungen gemeinsam ausgearbeitet wurden. Notfalls erpreßten die USA die Regierung. 1960 drohte die Weltmacht Nr.1 mit dem Entzug jeglicher Unterstützung, wenn Taiwan nicht ein 19-Punkte-Programm annehme, welches die Liberalisierung des Marktes, des Handels und der Währungsumtauschkontrollen, die Entstaatlichung sowie eine anti-inflationäre Geld und Steuerpolitik vorantreiben würde. [49]

 

Natürlich hatten die nationalen Bourgeoisien dieser Länder eigene Interessen, die auch von Fall zu Fall in Konflikt mit der imperialistischen Schutzmacht gerieten. Doch dies wurde überdeckt durch ein gemeinsames strategisches Interesse - das des Kalten Krieges. Dadurch konnten sowohl die USA ihre primär politisch-militärischen Interessen wahren, als auch Südkorea und Taiwan eine rasante wirtschaftliche Entwicklung erfahren. Aufgrund des besonderen Stellenwerts dieser Länder für den US-Imperialismus akzeptierten und förderten sogar die USA eine außergewöhnlich massive Stärkung und - im Vergleich zu anderen Bourgeoisien - Selbstständigwerdung dieser Bourgeoisien. Denn solange der Kalte Krieg die Weltlage prägte, waren die NIC's und die USA durch ein politisch-strategisches Band verbunden. Natürlich vergasen die USA nicht, auf ihre ökonomischen Interessen zu achten, wie der erzwungene Import von US-amerikanischen Agrarprodukten zeigt. Aber wie man anhand der vergleichsweisen geringen imperialistischen Auslandsinvestitionen in Südkorea und Taiwan sehen kann, war dies nicht das primäre Motiv.

 

Diese dauerhafte, strategische Unterstützung und Stärkung durch den US-Imperialismus unterschied Südkorea und Taiwan von fast allen anderen Halbkolonien. Es gab natürlich auch enge Allianzen mit anderen halbkolonialen Regimes, beispielsweise in Lateinamerika. Aber sie erlangten nicht dieses Ausmaß und diese Dauerhaftigkeit. Israel bildet hier eine Ausnahme. Allerdings verhinderte die scharfe politisch-militärische Frontstellung und somit weitgehende Isolation Israels gegenüber der gesamten arabischen Region, daß sich die zionistische Bourgeoisie in einem ähnlichen Ausmaß im regionalen Markt mittels Handel und Kapitalexporten integrieren und dadurch stärken konnte, wie das für Südkorea und Taiwan in Asien möglich war.

 

V.3. Hochentwickelter Staatsmonopolistischer Kapitalismus

 

Südkorea und Taiwan zählen zu den relativ entwickelten Fällen des für die imperialistische Epoche charakteristischen Typus des Kapitalismus - des staatsmonopolistischen Kapitalismus. Die Verbindung und Verschmelzung zwischen Staat und Kapital nahm vielfältige und in den beiden Ländern unterschiedlich gewichtete Formen an.

 

Im allgemeinen muß die Rolle des bürgerlichen Staatsapparates in diesen Ländern als eine wesentliche sowohl im politischen als auch im ökonomischen Sinne verstanden werden. Es liegt auf der Hand, daß sich diese beiden Ebenen in einem dialektischen Verhältnis standen (und stehen) und sich gegenseitig bedingten, ergänzten und beeinflußten. Während wir den im engeren Sinne politischen Aspekt in einem späteren Kapitel besprechen, soll hier die staatliche Rolle in der Wirtschaft diskutiert werden.

 

i) Unterstützung bei der Herausbildung eines Finanzkapitals

 

Die erste und ganz zentrale Aufgabe des bürgerlichen Staates war die Transformation des agrarischen und Handelskapitals in ein industrielles und dann auch Finanzkapital. Zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs der japanischen Kolonialherrschaft waren das koreanische und das taiwanesische Kapital auf die Landwirtschaft und den Handel beschränkt. Die Industrie wurde fast absolut von den Japanern dominiert und war somit nach 1945 herrenlos. Der kapitalistische Staat verteidigte diese zuerst einmal gegen eine revoltierende Arbeiterklasse (Südkorea) bzw. vor dem Hintergrund allgemeiner Bürgerkriegswirren (Taiwan), um sie dann auf staatkapitalistischer Basis zu übernehmen und weiterzuführen (Taiwan) bzw. in kontrollierter Form der nationalen Bourgeoisie zu übergeben und so diese zu stärken. Die vom Staat organisierte kapitalistische Agrarreform zwang das Kapital ebenso, seine Investitionen mehr auf die Industrie zu orientieren und schließlich kanalisierte der Staat die US-Hilfe in Richtung Kapitalakkumulation. Im allgemeinen spielte der Staat in Taiwan aufgrund der geringeren Kapitalkonzentration eine wichtigere Rolle als in Südkorea.

 

Sowohl in Taiwan und noch mehr in Südkorea spielte der Staat eine wichtige und vorantreibende Rolle beim Konzentrationsprozeß des Kapitals zu mächtigen Monopolen (den sogenannten chaebols in Südkorea). Zwar dominierte in Taiwan das staatliche Kapital in der ersten Periode (55% der gesamten Industrieproduktion in den frühen 1950er Jahren). Aber noch in den 1950er Jahren transferierte die eng mit dem Kapital verbundene KMT-Regierung vier große Konzerne an private Kapitalisten. Ebenso wurde auch in Südkorea das private Kapital gefördert. Laut einer Untersuchung bildeten sich die meisten der 50 größten Industriegruppen in der Periode 1945-61 heraus. [50]

 

Diese Monopole dominieren die nationale Ökonomie - besonders in Südkorea. Die Umsätze der 10 größten Chaebols entsprachen 1983 65.2% des BNP und die 10 größten Exporteure stellten 1984 70% aller Exporte. [51]

 

ii) Staatskapitalistisches Eigentum

 

Staatskapitalistisches Eigentum spielte in Taiwan eine größere Rolle als in Südkorea. Nach der Vertreibung der Japaner verstaatliche Taiwan viele der nun herrenlos gewordenen Konzerne. Insgesamt befanden sich nach der Vertreibung der Japaner 90% des Unternehmenskapitals in staatlicher Hand. [52] Dies führte dazu, daß zwischen 1952 und 1961 51.3% der industriellen Produktion auf staatliche Unternehmen zurückging. In den folgenden Jahrzehnten allerdings sollte sich aufgrund einer systematischen Privatisierungpolitik das Verhältnis zwischen privaten und öffentlicher Produktion auf 83.8% (1982-87) zugunsten ersterer verschieben. In Südkorea dagegen nahm das privatkapitalistische Eigentum von Anfang an eine dominante Stelle ein (86-88%) und blieb in den 1960er und 1970er Jahren auch konstant auf diesem Niveau. [53]

 

Auf der Ebene der Investitionen zeigt sich ebenfalls die Bedeutung staatskapitalistischer Wirtschaftspolitik. So gingen beispielsweise zwischen 1962-73 durchschnittlich 30% der Investitionen Südkoreas auf den öffentlichen Sektor zurück. In Taiwan startete das Regime in den 1970er Jahren eine Reihe von Großprojekten, die als Wachstumsmotor für die gesamte Industrie fungierten.

 

Internationale Vergleiche deuten jedoch darauf hin, daß die öffentlichen Investitionen in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren in den ostasiatischen Halbkolonien nicht von qualitativ größerer Bedeutung waren als in verschiedenen Staaten Lateinamerikas oder Afrikas. Erst in den 1980er Jahren zeigen sich hier deutlich höhere öffentliche Investitionsraten als in den anderen Kontinenten, wo diese klar zurückgingen.

 

iii) Banken und Kredite

 

Die vielleicht wichtigste Form staatmonopolistischer Kapitalverhältnisse ist der Bankensektor. Nach dem Putsch von 1961 wurden in Südkorea die Banken verstaatlicht. 1970 waren 95% aller Finanzinstitute staatlich kontrolliert. In Taiwan besitzt der Staat 70% des Grund und Bodens und faktisch alle Banken. [54]

 

Die Folge war eine langfristig angelegte staatliche Kreditpolitik, deren Ziel die Kanalisierung des auf den Banken bzw. in Postsparkassen liegendes Geldkapital (von Konsumenten eingezahlt) in billige Kredite in der Industrie war, um so die Kapitalakkumulation voranzutreiben. Dies funktionierte mit beträchtlichen Erfolg. Verschiedene Ökonomen meinen, daß der Aufbau der koreanischen export-orientierten Fertigwaren in den 1960er Jahren und der Schwer- und Chemieindustrie in den 1970er Jahren erst durch die staatlichen Kredite möglich wurden. Ebenso wurde mittels dieser Kredite das rasante Wachstum des Kapitalstocks wesentlich finanziert. Insgesamt waren zumindest 50% aller inländischen Kredite in den 1970er Jahren und immerhin noch 30% in den 1980er Jahren staatlichen Ursprungs. [55]

 

Dies stellte faktisch eine massive Form der Umverteilung von der Arbeiterklasse und den Bauern hin zum Großkapital. Denn zu einem Großteil gehen die Kredite die hohe Sparquote, also den Einzahlungen der Bevölkerung zurück. [56] Aufgrund des weitgehenden Fehlens staatlicher Sozial- und Gesundheitssysteme sind die Arbeiter und Bauern meist gezwungen, privat vorzusorgen. Darüber hinaus wurde und wird es den kleinen Sparern mittels verschiedener Mechanismen erschwert, ihr Geld von der Bank wieder abzuheben. [57] Durch äußerst niedriger Einlagezinsen bleibt den Sparern aufgrund der höheren Inflationsrate am Ende faktisch weniger über als sie ursprünglich einzahlten. Das Resultat sind negative Zinsraten. So betrugen die realen Zinsraten (also nach Abzug der Inflation) in Südkorea -5.3% (1962-66), 5.7% (1967-71), -6.2% (1972-76) und -3.5% (1977-79). [58] Die bürgerlichen Ökonomen nennen das bezeichnenderweise "finanzielle Repression". Diese "finanzielle Repression" war zentraler Bestandteil der staatlichen Kreditpolitik, denn sie ermöglichte den Banken, die Kredite zu äußert günstigen Konditionen an die Unternehmer weiterzugeben und somit als Geldkapital in den Akkumulationsprozeß einfließt. Auch hier wiederum waren die Zinsen negativ, womit also die Unternehmer weniger zurückzahlen mußten als sie ursprünglich als Kredit aufnahmen. [59]

 

Dabei gab es in der historischen Entwicklung gewisse Unterschiede zwischen Südkorea und Taiwan. Auch bei der Herausbildung der Sparquote spielt der Staat in Taiwan bzw. die über den Staat vermittelten US-Unterstützungen eine bedeutendere Rolle als in Südkorea. Während in Taiwan die Ersparnisse privaten Ursprungs einen Anteil von 50.9% (1952) und später 64.2% (1988) an den gesamten hatten, lag dieser Anteil in Südkorea bei 92.3% (1945) und dann 76.1% (1984). [60]

 

iv) Staatskapitalistische Regulation

 

Eine weitere zentrale Bedeutung der staatlichen Wirtschaftspolitik besteht in der Regulation der allgemeinen Reproduktionsbedingungen des Kapitals. Dazu zählen allgemeine Ausbildung der Arbeitskräfte, spezifische Schutzzölle bzw. niedrige Zölle, Forschung&Entwicklung , der Ausbau der Infrastruktur sowie die Steuerpolitik.

 

Die Funktionalität der kapitalistischen Staatsbürokratie für den Kapitalismus stellte sich auf verschiedene Weise her. Ein Transmissionsriemen für die die private Kapitalakkumulation vorantreibende staatskapitalistische Wirtschafts- und Sozialpolitik ist die institutionalisierte Koordination zwischen Großkapital und Staatsbürokratie. Diese Funktionalität wird auch von den neoliberalen Propagandisten der Weltbank positiv betont:

"Japan, Korea, Malaysia und Singapur etablierten Foren, die sogenannten Beratergremien, um die Gruppierungen des privaten Sektors in die Lage zu versetzen, die Formulierung und Durchführung der Regierungspolitik in ihrem Sinne zu beeinflussen." [61]

 

Eine andere wichtige Funktion der Staatsbürokratie waren die sogenannten Wirtschaftspläne. In speziellen Institutionen wie dem südkoreanischen Economic Planing Board (EPB) kamen monatlich wichtige Vertreter des Staates und des Großkapitals zusammen. Dort wurden alle wichtigen nationalen und internationalen Wirtschaftsdaten gesammelt, ausgewertet und die notwendigen Strategien für das Kapital erarbeitet. Das koreanische EPB nimmt eine zentrale Stelle ein bei der Entwicklung langfristiger Orientierungen wie der Umstellung auf eine export-orientierte Industrialisierung in den 1960er Jahren, die Schwerpunktsetzung auf den Aufbau einer Schwer- und Chemieindustrie Anfang der 1970er Jahre oder auf die Entwicklung einer hoch-technologischen Elektronik- und Autoindustrie Ende dieses Jahrzehntes. In regelmäßigen Abständen erarbeitete das EPB Mehrjahrespläne - natürlich nicht als Planung wie in einem Arbeiterstaat, sondern im staatskapitalistischen Sinne, wie es auch Ansätze in anderen kapitalistischen Staaten gab (z.B die französische Planification unter de Gaulle, sozialpartnerschaftliche Gremien in Österreich). Kurz eine hochentwickelte Form des staatsmonopolitischen Kapitalismus.

 

Südkorea und Taiwan legten sowohl Gewicht auf eine breite Grundausbildung der Bevölkerung als auch, später dann, auf eine weiterführende Berufsausbildung bzw. Hochschulbildung. Natürlich ist die Ausbildung eng an die Bedürfnisse des Kapitals angepaßt. So verwalten Privatunternehmen ca. die Hälfte der berufsausbildenden Institutionen Taiwans. Eine vergleichende Studie zeigt die Erfolge dieser Bildungspolitik: Während in Südkorea 2.6% der Bevölkerung studieren, sind es in Chile nur 1.1%, Kolumbien 1.1% und Thailand 0.3%. [62]

 

Ebenso verfolgte Südkorea und Taiwan eine auf die Bedürfnisse der Kapitalakkumulation abgestimmte Zollpolitik. Während die Einfuhrzölle für wichtige Kapitalgüter niedrig angesetzt wurden, lagen jene für konkurrierende Waren strategisch wichtiger Branchen besonders hoch (Textil-, Chemie-, Schwerindustrie u.ä.). Im internationalen Vergleich etwa mit lateinamerikanischen Ländern erweisen sich die Importtarife nicht als außergewöhnlich hoch. [63] Doch die spezielle Unterstützung durch den Imperialismus hatte zur Konsequenz, daß es dieser auf protektionistische Maßnahmen weit weniger negative Konsequenzen folgen ließ als im Falle anderer Halbkolonien. Trotz der zunehmenden Handelsliberalisierung nimmt die Bedeutung der Importe ab, was auf die Herausbildung eines kaufkräftigen Binnenmarktes schließen läßt.

 

Der Bereich Forschung&Entwicklung (F&E) nimmt generell einen zentralen Stellenwert für die ökonomischen Fortschritte des koreanischen und taiwanesischen Kapitalismus ein. Die beiden Länder gehören zu jenen mit dem höchsten F&E-Anteil am Brutto-Nationalprodukt (BNP) weltweit. Dies geht auf konzertierte Bemühungen seit den 1970er Jahren zurück. Bereits 1975 lag der Anteil Südkoreas bei 0.5% des BNP. Chile und Kolumbien hatten zum Vergleich je 0.1%. Bis 1986 konnte Südkorea dieses Verhältnis auf 1.8% steigern (Chile und Thailand 0.5%, Kolumbien 0.1%) und Anfang der 1990er Jahre betrug der Anteil Südkoreas und Taiwans jeweils 2.5%. Besonders kraß kommt der Unterschied zu anderen Halbkolonien zum Vorschein, wenn man die im Produktionssektor getätigten F&E-Ausgaben betrachtet. Hier lag der Anteil Südkoreas 1986 bei 1.4% des BNP, während Vergleichsstaaten wie Thailand, Chile oder Kolumbien schlichte 0% hatten. [64]

 

Ein wichtiger Teil der F&E-Ausgaben kommt von staatlicher Seite. In Taiwan wird ca. 60% der industriellen F&E-Ausgaben vom privaten und 40% vom öffentlichen Sektor finanziert. Bei den gesamten F&E-Ausgaben ist es umgekehrt: 40% privat und 60% staatlich. Die privaten F&E-Ausgaben kommen v.a. von den großen Konzernen.

 

V.4. Langfristige und rapide Kapitalakkumulation

 

Die historischen Niederlagen der Arbeiterklasse, die nachhaltige Unterstützung durch den Imperialismus sowie die staatkapitalistische Regulation ermöglichten eine dynamische Entwicklung der Kapitalakkumulation. So wuchs in den 1960er Jahren der Kapitalstock Südkorea um jährlich 15.2% und in den 1970er Jahren gar um 24.7%. [65] Diese rasche und langfristige Kapitalakkumulation stellt einen essentiellen Faktor für den Aufstieg Südkoreas und Taiwans von rückständigen Halbkolonien zu den weltweit bedeutensten Exporteuren von Waren und mittlerweile auch Kapital (v.a. im Falle Südkoreas).

 

Der japanische Ökonom Kawai zeigt in einer vergleichenden Studie folgendes: Die Akkumulationsrate der privaten inländischen Brutto-Kapitalbildung betrug in Südkorea zwischen 1970-80 durchschnittlich 27.2% im Jahr und 1980-90 12.8%. In Taiwan lagen die Durchschnittszahlen bei 18.9% (1970-80) bzw. 12.1% (1980-90). Etwas geringer schritt die Kapitalakkumulation in Thailand und Malaysia voran. Wenn man jedoch die Akkumulationsrate Lateinamerikas als Vergleich hernimmt, so zeigt sich der krasse Unterschied. Während kaum ein Land (Süd)Ostasiens eine Akkumulationsrate im untersuchten Zeitraum 1970-90 von unter 5% aufweist, gibt es kaum einen unter den sieben aufgelisteten lateinamerikanischen Staaten mit einer Akkumulationsrate von über 5% jährlich. [66]

 

Wie weit war bzw. ist diese rasche Kapitalakkumulation vom imperialistischen Ausland abhängig? Sie war es und war es aber auch gleichzeitig nicht. Wie wir bereits gezeigt haben, ermöglichte die massive und brutale Ausbeutung der Arbeiterklasse eine ungeheure Mehrwertabschöpfung und somit Akkumulation. Nichtsdestotrotz spielte die imperialistische Unterstützung eine wichtige Rolle nicht nur auf politischer sondern auch auf ökonomischer Ebene. Wie wir im Kapitel V.2. darlegten, handelte es sich hierbei in erster Linie um finanzielle Unterstützungen, die für die Kapitalbildung verwendet wurden.

 

Aufgrund des spezifischen politisch-militärischen Interesses des Imperialismus an Südkorea und Taiwan war aber diese Unterstützung für die Kapitalakkumulation eine indirekte; Eine, deren primäres Ziel die ökonomische und somit auch politische Stabilität der Länder war und nicht hauptsächlich von unmittelbaren Profitinteressen motivierte. Daher war in diesen beiden Ländern die Bedeutung ausländischer Direktinvestitionen (FDI) im Vergleich zu anderen eng an den Imperialismus gebundene Halbkolonien und auch im Vergleich zu anderen Finanzierungsformen relativ gering. Während in Südkorea z.B. die FDI 1962-79 nur 1.2% der inländischen Brutto-Kapitalbildung ausmachten, zeichneten ausländische Kredite für 18.9% verantwortlich. [67] Insgesamt machten in Südkorea FDI nur 10% des gesamten Auslandskapital, der Rest waren ausländische Kredite. [68]

 

In einer vergleichenden Studie weist Kawai nach, daß die Bedeutung von ausländischen Kapitals für die gesamte Kapitalbildung eher gering war. So betrug der Anteil der FDI an den gesamten Privatinvestitionen in Südkorea nur 1.4% (1970-80) bzw. 0.4% (1980-90). In Taiwan war die Bedeutung ebenfalls gering (-1.6%, 1970-90), allerdings zeigt sich in der jüngeren Vergangenheit eine ansteigenden Tendenz (2.7%, 1980-90). Trotzdem liegt der Anteil beider Länder unter denen anderer kapitalistischer Staaten Südostasiens. [69] In Brasilien beispielsweise lag der Anteil der FDI an den Privatinvestitionen bei 4.5% (1970-80) bzw. 2.7% (1980-90), in Mexiko bei 3.6% bzw. 3.7%, in Chile -1.1% [70] bzw. 5.7% und in Argentinien bei 0.6% [71] bzw. 8.0%. [72] Eine andere vergleichende Studie des italienischen Ökonomen Pietrobelli, in der Südkorea, Thailand, Chile und Kolumbien untersucht werden, zeigt ebenfalls den unterschiedlichen Charakter der koreanischen Ökonomie. [73]

 

Damit soll natürlich nicht behauptet werden, daß FDI unwichtig gewesen wären. Das südkoreanische (ab 1970) und das taiwanesische Regime (ab 1965) bemühten sich ausländisches Kapital anzuziehen in dem sie sogenannte Export Processing Zones und später sogenannte Export Industrial Estates einrichteten. Dies gelang auch in einem beträchtlichen Ausmaß und Mitte der 1970er Jahre nahmen ausländische Konzerne einen zentralen Stellenwert bei den Exporten der beiden Länder ein: 31.4% aller Exporte Südkoreas (1974) und 30% Taiwans (1975) gingen auf ausländische Konzerne zurück. Allerdings zeigte sich die relative Stärke des koreanischen Kapitals darin, daß bereits vier Jahre später der Anteil der multinationalen Konzerne an den Exporten auf 18.3% zurückging. [74]

 

Allerdings, und dies zeigt auch eine andere Untersuchung des japanischen Ökonomen Urata, zog Ost- und Südostasien in den letzten Jahren massiv ausländisches Kapital an. Nicht verwunderlich angesichts des hohen Wirtschaftswachstums. Dabei steigt die Bedeutung ausländischer Investitionen in Taiwan deutlich mehr als in Südkorea, was den rückständigeren und schwächeren Status ersterer reflektiert. Trotzdem gilt es festzuhalten, daß die Rolle ausländischer Direktinvestitionen für die rapide Kapitalakkumulation in Südkorea und Taiwan keine außergewöhnlichen Dimensionen annahm und somit nicht die Herausbildung relativ starker und eigenständigen Bourgeoisien behinderte.

 

V.5. Bonapartistische Herrschaftsform

 

Das Bindeglied zwischen der politischen Unterdrückung der Arbeiterklasse und der staatskapitalistischen Wirtschaftspolitik ist das bonapartistische Regime, das so charakteristisch für faktisch alle halbkolonialen Länder Ost- und Südostasiens ist. Die Regimes Südkoreas und Taiwans gingen beide aus den Unterdrückungsorganen des Staatsapparates hervor: In Taiwan aus dem geschlagenen Armee der Kuo-Min-Tang, in Südkorea aus Polizei und Militär. Beide konnten ihre Herrschaft durch erfolgreiche und blutige Konterrevolutionen errichten und beide konnten sich auf die weitreichende Unterstützung durch den US-Imperialismus verlassen.

 

Diese beiden Faktoren - historische Niederlage für die Arbeiter und imperialistische Unterstützung - ermöglichten den Regimes eine relativ stabile Basis. Im Unterschied zu vielen halbkolonialen bonapartistischen Regimes, die v.a. in den 1950er und 1960er Jahren eine bürgerlich-nationalistische Politik verfolgten, um mehr Spielräume und Unabhängigkeit gegenüber dem Imperialismus zu erlangen, konnten die Staatsbürokratien dieser Länder ihr nationale Kapital massiv fördern, protektionistische Maßnahmen anwenden usw. und sich trotzdem auf die absolute Deckung durch die USA verlassen. Den an sich von ihrer Klassenbasis her relativ schwachen Regimes der halbkolonialen Bourgeoisie, die sich daher in Regel entweder auf Teile des Kleinbürgertums und manchmal auch Teile der Arbeiterklasse stützen oder sich völlig dem Imperialismus unterwerfen müssen und dadurch überhaupt keinen Spielraum besitzen, wurde so eine für halbkoloniale Länder außergewöhnliche Stabilität verliehen.

 

Die enge Anlehnung an den Imperialismus drückte sich auch in einer weitgehenden Anbindung der Bürokratie an diesen. So erfuhren 1961 ca. 6.000 Offiziere eine Ausbildung an US-Militärakademien wodurch die Militärkaste zum westlichsten und modernsten Teil der Gesellschaft wurden.

 

Spezifische Ausgangsbedingungen des koreanischen (in abgeschwächter Form auch des taiwanesischen) Kapitalismus verstärkten noch den hochgradigen staatsmonopolistischen Charakter. Nach dem Ende der japanischen Besatzung fehlte in Korea eine entwickelte Bourgeoisie. Diese war größtenteils zersplittert und Landwirtschaft und Handel beschränkt. Gleichzeitig kam aufgrund des zugespitzten Klassenkampfes und des Krieges der Staatsbürokratie eine politisch absolut zentrale Rolle für das Überleben des Kapitalismus zu. Diese Faktoren führten zu einer engen, fast schon symbiotischen Entwicklung von Bourgeoisie und Bürokratie. Viele Offiziere wurden Manager und Kapitalisten. Über verschiedene Mechanismen wurden die engen Bande zwischen Kapital und Bürokratie (v.a. Armee) aufrechterhalten.

 

Natürlich konnte dies nicht die im Kapitalismus (und besonders in seiner halbkolonialen Form) unausweichlichen Konflikte und Spaltungen zwischen verschiedenen Fraktionen der herrschenden Klasse verhindern. Aber der hohe Grad der Verschmelzung, der Kalte Krieg "vor der Haustür" und die Klammer der imperialistischen Schutzmacht sowie die materielle Stärkung durch den kapitalistischen Aufschwung ermöglichten eine für halbkoloniale Länder außergewöhnliche Stabilität. In Taiwan herrschte die KMT überhaupt ohne Unterbrechung seit 1945. [75] In Südkorea fanden zwar 1960/61 und 1979/80 jeweils ein Regimewechsel durch Putsch statt, doch dies ist für halbkoloniale Länder wenig. Das Ende der Diktatur und der Übergang zu einer begrenzten bürgerlichen Demokratie 1987 durch eine Massenbewegung der Studenten und Arbeiter weist in gewissen Sinne auch auf die relative Stabilität der kapitalistischen Herrschaft hin, da dieser Übergang ohne große interne Spaltungen innerhalb der herrschenden Klasse bewältigt werden konnte.

 

VI. Bilanz und Perspektive

des Kapitalismus in Südkorea und Taiwan

 

Wir verfügen hier nicht über den Raum, um die chronologische Entwicklung des Kapitalismus in Südkorea und Taiwan bis heute im Detail darzulegen. Wir müssen uns auf eine allgemeine Bilanz der kapitalistischen Entwicklung heute sowie die Umschreibung wichtiger Bruchlinien für die Möglichkeiten und Widersprüche der Bourgeoisie in diesen Ländern beschränken. Die Lage und die sich daraus ergebenden Perspektiven und Aufgaben der Arbeiterbewegung werden wir in einem anderen Artikel behandeln.

 

Die erfolgreiche kapitalistische Industrialisierung hat es Südkorea und Taiwan ermöglicht, in den 1980er Jahren in entwickelte und zentrale Branchen vorzudringen und damit vom Status des Exporteurs billiger Textilwaren wegzukommen. Beide sind zu weltweit bedeutenden Produzenten und Exporteuren in der Elektronik- und Computerbranche geworden, Südkorea auch noch im Bereich Schiffsbau und Autos.

 

In der bürgerlichen aber auch linken Literatur wird die Frage diskutiert, wie erfolgreich die beiden Staaten bzw. deren Bourgeoisie bei ihren Bemühungen waren, eine unabhängige und starke Position am Weltmarkt einzunehmen. Die Mehrheit der Ökonomen neigt dabei zu einer sehr einseitigen und an der Realität vorbeigehenden Einschätzung. Dahinter steckt die Unfähigkeit zum politisch-ökonomischen Denken in dialektischen und Klassenkategorien.

 

Die übergroße Mehrheit der bürgerlichen Ökonomen teilt eine überoptimistische und unkritische Sichtweise des kapitalistischen Erfolges in Südkorea und Taiwan. Dies kommt zusammengefaßt in der Weltbank-Studie von 1993 "The East Asian Miracle" sowie der Unzahl von Artikeln und Untersuchungen vor und nach dieser Studie. Dies liegt im politischen und ideologischen Interesse der Bürgerlichen begründet, am Beispiel der beiden Länder ein Modell erfolgreicher Modernisierung durch Weltmarktorientierung und Überausbeutung der Arbeiterklasse zu propagieren und andere Halbkolonien zu deren Nachahmung anzuhalten. Die einzige Differenz innerhalb des Weltbank-Lagers besteht in der Frage, welche Rolle die staatliche Regulation spielte. Während die orthodoxen Neoliberalen jegliche Rolle des Staates für die ökonomische Entwicklung leugnen [76], insistieren die japanischen Ökonomen auf eine positive Darstellung einer gewissen staatlichen Industriepolitik.

 

In den 1980er Jahren hat sich auch die Schule der "new growth theory" (Romer, Grossman/Helpman, Amsden, Nolan), welche im Unterschied zu den Neoliberalen die Rolle der staatlichen Regulation in der Wirtschaft positiv bewerten. Darüberhinaus betonen sie die Bedeutung der inländischen Kapitalakkumulation. Diese Schule glaubt im sogenannten "ostasiatischen Modell" eine weltweit anwendbare Alternative zum neoliberalen Modell der weltmarkt-orientierten freien Marktwirtschaften gefunden zu haben. [77]

 

Eine nicht unwichtige Rolle in der wissenschaftlichen Diskussion spielen auch die Unterstützter des sogenannten Akamatsu-Theorem der "Wildgänse". Laut diesem Theorem gibt es Produkt-Zyklen, wonach fortschrittliche Technologie und Produkte nach einer bestimmten Periode vom wirtschaftlich entwickelteren Land auf weniger entwickelte übergehen. Dies wäre die Erklärung für die Modernisierung Japans gewesen und ebenso für den erfolgreichen Aufholprozeß der NIC's.

 

Es besteht kein Zweifel, daß die "new growth"-Theoretiker weit besser die Ursachen des ostasiatischen Aufholprozesses verstehen als die bornierten neoliberalen Ideologen. Trotzdem gibt es einen wesentlichen Punkt, den all diese bürgerlichen und kleinbürgerlichen Theoretiker nicht verstehen: den Ausnahmecharakter des Aufholprozesses der NIC's. Wir haben in diesem Artikel gezeigt, daß eine Kombination bestimmter Faktoren diesen langen kapitalistischen Aufschwung ermöglichte. Wir haben hier nicht den Platz, genauer auf die Entwicklung in anderen asiatischen Staaten und deren Ursachen einzugehen. Jede Untersuchung wird aber zeigen, daß die anderen südostasiatischen Länder, die in der bürgerlichen Literatur als 2.Generation der NIC's herumgeistern, durch die Errichtung pro-imperialistischer bonapartistischer Militärregimes, westliche Unterstützung und die Unterdrückung der Arbeiterklasse teilweise hohe Wachstumsraten seit den späten 1970er Jahren erzielten. Aber es gelang den südostasiatischen Bourgeoisie nicht, eine relativ eigenständige Position am Weltmarkt zu erlangen. Im Gegenteil, sie sind stark von ausländischen Direktinvestitionen abhängig und beschränken sich weitgehend auf arbeitsintensive, nicht-hochtechnologische Branchen bzw. auf Zuarbeiten für Konzerne in der Computer- und Elektronik-Branche. Außerdem sind sie zumeist im Ausland hochverschuldet und weit stärker als v.a. Südkorea aber auch Taiwan von spekulativen Portfolio-Investitionen abhängig; Allerdings - und auch das muß angemerkt werden - immer noch deutlich weniger als die meisten lateinamerikanischen Staaten. [78]

 

Darüberhinaus stellt - entgegen den Ansichten der new growth-Theoretiker - für die internationale Arbeiterklasse das asiatische Modell keine fortschrittliche Alternative zur neoliberalen Hegemonie dar. Denn auch wenn die stärkere staatliche Regulation und die eigenständigere Kapitalakkumulation eine etwas geringere Abhängigkeit der halbkolonialen Nationalstaaten vom Imperialismus mit sich bringt, so profitiert davon die Bourgeoisie, aber nicht das Proletariat und die Bauernschaft. Kein Sozialist und kein Demokrat darf vergessen, daß das "asiatische Wirtschaftswunder" durch jahrzehntelange Unterdrückung, Ausbeutung und Verweigerung jeglicher demokratischer Grundrechte erkauft wurde. Für die Arbeiterklasse sind abstrakte Wachstumsziffern bedeutungslos, wenn sie auf Blut und Tränen basieren.

 

Die Schwäche linker und Dependenz-Theoretiker sowie auch der Regulationsschule mit ihrem Konzept des "peripheren Fordismus" besteht darin, der relativ erfolgreichen kapitalistischen Aufholprozeß der NIC's faktisch zu leugnen. Die Regulationisten, Fröbel, Wallerstein u.a. betrachten die NIC's ausnahmslos und undifferenziert als verlängerte Werkbank der imperialistischen Zentren. Die Broschüre der französischen zentristischen Lutte Ouvriere-Gruppe beispielsweise behauptet, daß "die NIC's kaum eine Schwerindustrie herausgebildet hätten", daß der technologische Graben zwischen den NIC's und den imperialistischen Staaten gewachsen sei, diese geringe Investitionen in Forschung&Entwicklung tätigen usw. [79] Sie betrachten diese Staaten ausschließlich als vom Imperialismus völlig abhängige Marionetten, deren rasante Wachstumszahlen keine reale Industrialisierung und Stärkung am Weltmarkt repräsentieren würden. Diese Interpretation, motiviert durch eine oberflächlich verstandene Feindschaft zum Imperialismus, ist - wie wir gezeigt haben - falsch. Aber nicht nur das: Sie ist unfähig der revolutionären Avantgarde ein korrektes Verständnis der konkreten Entwicklung des Kapitalismus in der gegenwärtigen Epoche zu geben und damit die Grundlage für eine den gegebenen Klassenkräfteverhältnisse entsprechende revolutionäre Strategie und Taktik zu liefern. Wer die Stärke seines Gegners (in diesem Fall der koreanischen und taiwanesischen Bourgeoisie) unterschätzt, kann der Arbeiterklasse keine ausreichendes politisches Rüstzeug zum Kampf bieten. Schließlich diskreditiert eine solche kleinbürgerliche Analyse die marxistische politische Ökonomie und macht sie so leicht zum Gespött bürgerlicher Ökonomen. Kurz: sie entwaffnet die revolutionäre Avantgarde ideologisch anstatt sie zu bewaffnen.

 

VI.1. Sind Südkorea und Taiwan imperialistische Staaten?

 

Unsere internationale Tendenz, die Liga für eine revolutionär-kommunistische Internationale (LRKI), hat sich immer wieder mit der Analyse des Imperialismus im allgemeinen und anhand einzelner Länder im besonderen befaßt. [80] Für uns sind zwei Aspekte zentral für die Bestimmung einer Ökonomie als imperialistisch:

·       die Herausbildung eines relativ eigenständigen Monopolkapitals

·       die Bedeutung des Kapitalexports (und nicht bloß des Warenexports)

 

Wir haben bereits die Bedeutung des Monopolkapitals v.a. in Südkorea erwähnt. Wir wollen an dieser Stelle nur noch einmal die Tatsache betonen, daß sich v.a. in den 1970er und frühen 1980er ein südkoreanisches Monopolkapital herausbildete, daß heute die absolute Hegemonie innerhalb der nationalen Ökonomie ausübt (und daher auch entscheidenden Einfluß auf die Politik der bürgerlichen Regimes hat. Während die Umsätze der 10 größten Chaebols noch 1974 nur 15.1% des Brutto-Nationalprodukts entsprachen, belief sich dieser Anteil 1983 bereits auf 65.2%!

 

Die Kapitalkonzentration in Taiwan ist nach übereinstimmender Meinung sowohl neoliberaler als auch "new growth"-Theoretiker deutlich geringer. Diese Ökonomie ist viel stärker von Klein- und Mittelbetrieben geprägt. Dies drückt sich auch bei der Analyse der international operierenden Konzerne aus den beiden Ländern. Gemessen am Auslandsvermögen finden sich alleine unter den 10 größten Multis mit Ursprung aus der III.Welt vier aus Südkorea, während der größte aus Taiwan erst an 14. Stelle auftaucht. [81]

 

Damit kommen wir auch schon zum zweiten wichtigen Punkt: dem Kapitalexport. [82] Dieser Bereich ist ja in gewissen Sinne für Marxisten wichtiger bei der Analyse des Entwicklungsgrades einer Ökonomie als die bloßen BIP-Wachstumsraten, da sie die relative Stärke und Eigenständigkeit des jeweiligen Kapitals zeigen. Hier zeigt sich im allgemeinen folgende Entwicklung.

 

Beide Staaten - Südkorea und Taiwan - sind erst seit relativ kurzer Zeit wichtige Kapitalexporteure. Während bis Mitte der 1980er Jahre eindeutig der Warenexport dominierte - und somit dem klassischen Bild einer Halbkolonie entsprach - gewann der Kapitalexport ab diesem Zeitpunkt an Bedeutung. 1992 wurde Südkorea zum Netto-Kapitalexporteur - d.h. es exportierte mehr Kapital als ins Inland strömte. [83] Insgesamt ist das relative Gewicht der koreanischen Kapitalexporte im Vergleich zur Gesamtökonomie nicht sehr groß: zwischen 1990 und 1994 erreichten die koreanischen FDI einen Wert von durchschnittlich 2.0% des BNP. In Taiwan lag derselbe Anteil mit 7.8% deutlich höher. Allerdings übertrifft der Anteil der ausländischen FDI/BNP in Taiwan selbst ebenfalls den südkoreanischen Wert (Taiwan: 5.6%, Südkorea: 3.3%). Die Bedeutung der Kapitalexporte liegt damit unterhalb jener in den USA (1990-94: 9.1% FDI/BNP) oder Japans (1990-94: 10.0% FDI/BNP), [84] aber klar über jener von schwachen imperialistischen Ländern wie Österreich (1990 erreichte das Verhältnis des österreichischen FDI zum BIP 1.05% den Höhepunkt in der Nachkriegszeit und fiel 1993 wieder auf 0.77% zurück).