Hermann Dworczak (1948 – 2026): Ein persönlicher Nachruf

Hermann Dworczak (1948 – 2026): Ein persönlicher Nachruf

 

Von Michael Pröbsting, 9. Februar 2026

 

 

 

Nach schwerer, mehrjähriger Krankheit ist Hermann Dworczak in der Nacht zum 20. Januar 2026 im Alter von 78 Jahren gestorben. Hermann war der bekannteste Vertreter der „Gruppe Revolutionärer Marxisten“ (GRM) – der größten trotzkistischen Organisation in Österreich in den 1970er und 80er Jahren, die mit der „Vierten Internationale“ in der Tradition von Ernest Mandel verbunden war. Nach einer schweren Krankheit in den frühen 1990er Jahren und zunehmenden Differenzen mit seiner – mittlerweile in „Sozialistische Alternative“ (SOAL) umbenannten – Organisation, nahm er als Einzelkämpfer an zahlreichen Aktivitäten teil. Zeit seines Lebens blieb er jedoch seiner Vierten Internationale verbunden.

 

Ehemalige Mitstreiter aus den späten 1960er und 1970er Jahren haben bereits kurze Erinnerungen an Hermann veröffentlicht. [1] Ich möchte an dieser Stelle einige persönliche Erinnerungen hinzufügen. Ich lernte Hermann im Frühjahr 1984 kennen, als ich im Alter von 16 Jahren der GRM beitrat. Er war für mich die mit Abstand beeindruckendste Figur dieser Organisation, und zwar aufgrund von Eigenschaften, die er sich sein ganzes Leben lang bewahrte. Hermann war nicht nur ein begnadeter Agitator – in seinen Glanzseiten hielt er „donnernde“ Reden, die keinen unberührt ließen. Er zeichnete sich auch durch Hingabe und Enthusiasmus aus, das Fehlen von Zynismus und Abgeklärtheit – Eigenschaften, die man leider so oft bei den jahrzehntelangen Routiniers der Linken (und sogar auch bei vielen noch nicht so lange Aktiven) antrifft.

 

Damit zusammenhängend lag ihm jeglicher Karrierismus fern. Auch wenn ich als Jugendlicher noch nicht alle Zusammenhänge in der GRM durchschaute, war mir doch bald klar, daß sich Hermann von den „angesehenen Intellektuellen“ der Organisation wohltuend durch einen mangelnden Ehrgeiz auszeichnete, einen – üblicherweise gut dotierten – Aufstieg (besser gesagt Abstieg) in bürgerlichen Medien, der Gewerkschaftsbürokratie oder den Grünen anzustreben. Hermann war, wie man so schön sagt, eine „ehrliche Haut“.

 

Ein weiteres hervorstechendes Merkmal von Hermann war sein grenzenloser Optimismus. Immer suchte (und fand) er Grund zu neuen Hoffnungen, daß diese oder jene Bewegung bzw. politische Kraft neue Möglichkeiten für Klassenkämpfe und fortschrittliche Politisierung bot. Allerdings war dieser Optimismus widersprüchlicher Natur, denn er war nicht so sehr ein tiefgehender, auf historischen Einsichten beruhender Optimismus, sondern einer, der sich von immer neuen politischen Phänomenen die Lösung der historischen Führungskrise der Arbeiterklasse versprach. Hermann erhoffte sich von reformistischen oder sogar offen kleinbürgerlichen Kräften (wie der in den 1980er Jahren entstandenen Partei der Grünen), daß diese über längere Zeit eine vorantreibende Rolle im Klassenkampf spielen könnten. Dieser einseitige, ja oberflächliche Optimismus öffnete dem Opportunismus gegenüber solchen Kräften und dem Verzicht auf den Aufbau einer revolutionären Partei, die gegen solche Kräfte politisch ankämpft, Tür und Tor. Wenig überraschend wurden diese Hoffnungen regelmäßig enttäuscht. [2]

 

Das politische Debakel mit den Grünen war für mich auch eine wichtige Erfahrung, nach einem kurzen Fraktionskampf die SOAL Ende 1988 zu verlassen und mich meiner Organisation (Arbeiterstandpunkt, heute RCIT) anzuschließen. Logischerweise trennten sich dadurch auch Hermanns und meine Wege fürs erste. Seitdem hielt er meine politische Positionierung für ultralinks und ich die seine für opportunistisch – was jedoch unserer gegenseitigen Wertschätzung keinen Abbruch tat.

 

Wie bereits eingangs erwähnt, verließ Hermann in den 1990er Jahren ebenfalls die SOAL. Er warf seinen ehemaligen Genossinnen und Genossen vor, sich passiv in ihr Lokal zurückzuziehen und sich auf interne Diskussionen und Zeitungsproduktion zu beschränken, anstatt sich auf Klassenkämpfe und soziale Bewegungen zu orientieren. Diese wiederum lehnten seinen einseitigen Optimismus und sein Einzelkämpfertum, daß sich jeglicher kollektiven Disziplin verweigerte, vehement ab. Gewissermaßen hatten beide Seiten recht.

 

Als er seine Krankheit überwunden hatte und in der Sozialforumsbewegung der frühen 2000er Jahre aktiv wurde, kreuzten sich unsere Wege wieder. Zuerst war der Kontakt nicht unbedingt freundschaftlich, da Hermann und sein Freund Leo Gabriel zu dieser Zeit noch eng mit der KPÖ zusammenarbeiteten. Auf einer Anti-Kriegsdemonstration am 19. März 2005 hatte ich deswegen eine scharfe Auseinandersetzung mit ihm, als wir mit der Hälfte der ca. 1000 Demonstrationsteilnehmern zur US-Botschaft marschierten anstatt zur offiziellen Abschlußkundgebung, wo die KPÖ uns und anderen Antiimperialisten jegliches Rederecht verweigerten.

 

Doch unser Verhältnis änderte sich bald zum Besseren als die KPÖ ihre bürokratische Ausgrenzungspolitik auch Hermann und Leo spüren ließen. Im Jahr darauf arbeiteten wir eng zusammen bei der Organisierung einer Großdemonstration gegen den Besuch des damaligen US-Präsidenten Bush im Juni 2006. In den darauffolgenden Jahren bis zum Beginn seiner schweren Krankheit Ende der 2010er Jahre waren wir in vielen gemeinsamen Bewegungen aktiv – darunter der Mobilisierung gegen den EU-Vertrag, dem Wahlprojekt LINKE im Jahre 2008 oder dem Griechenland-Solidaritätskomitee nach 2012, in welchem er die treibende Kraft war.

 

Ein weiteres Thema, das wir beide mit große Interesse verfolgten, war der Aufstieg Chinas als neue Großmacht. Allerdings vertraten wir dabei sehr konträre Ansichten, da er China nach wie vor als einen „deformierten Arbeiterstaat“ einschätzte, wir dagegen als eine neue aufsteigende imperialistische Macht. Seine Beziehungen zu Institutionen des chinesischen Regimes – der von Professor Cheng Enfu geleiteten “Academic Division of Marxism Studies” an der Chinese Academy of Social Sciences sowie der mit dieser verbundenen World Association for Political Economy – trübten ohne Zweifel sein politisches Einschätzungsvermögen in dieser Frage. [3]

 

Darüber hinaus bestritten wir in all diesen Jahren auch zahlreiche Diskussionsveranstaltungen, bei denen er und ich bzw. meine Genossin Medina Avdagić (Gunić) am Podium sprachen. (Siehe dazu auch die Bilder unten).

 

Hermann war kein Theoretiker, aber er war ein kluger und aufmerksamer Beobachter des politischen Geschehens – weltweit und in Österreich. In all den Jahren trafen wir uns daher auch regelmäßig zu persönlichen Gesprächen – vorzugsweise in seinem Wiener Lieblingscafe, der Aida. Ein Meinungsaustausch mit ihm war dabei immer befruchtend, selbst wenn wir unterschiedliche Standpunkte vertraten.

 

Hermann war in verschiedener Hinsicht ein ungewöhnlicher Mensch – nicht nur wegen seinen bereits eingangs erwähnten Eigenschaften der Hingabe und des aufrichtigen Engagements. Über seinen politischen Aktivismus hinaus hatte er ein großes Interesse an Kultur. Er nützte fast jeden politischen Auslandsaufenthalt, um die kulturellen Sehenswürdigkeiten der jeweiligen Stadt zu besuchen. Darüber hinaus war er ein leidenschaftlicher und hervorragender Boogie-Woogie und Rock'n'Roll-Tänzer – eine Faszination, für die er mich nie erwärmen konnte.

 

Mir wiederum gelang es nicht, sein Interesse für die zahlreichen Demonstrationen von Migranten zu wecken, die in Wien seit dem Beginn der Arabischen Revolution Anfang 2011 stattfanden. Dazu war er doch zu sehr geprägt von der Denkweise der österreichischen Linken und ihrer tiefsitzenden Distanz zu arabischen und muslimischen Migranten, die vielleicht nicht so viel von Marxismus verstehen, jedoch mit den wichtigsten Befreiungskämpfen der jüngeren Geschichte verbunden und zu den größten Opfern bereit sind.

 

Hermann zeichnete auch eine weitere Eigenschaft aus. Im Unterschied zu den meisten Männern der Linken (nicht nur den älteren!), verhielt er sich immer aufmerksam gegenüber Genossinnen. Viele nehmen (unbewußt) politische Stellungnahmen von Frauen weniger ernst als die von Männern – vor allem dann, wenn diese Partnerinnen von anwesenden Genossen sind. Hermann tat das nicht und sein respektvoller Umgang mit Genossinnen hob ihn sehr wohltuend von vielen Männern der österreichischen Linken ab.

 

Wenn man von seinen allerletzten, von fast vollständiger Isolation wegen seiner schweren Krankheit, geprägten Jahren absieht, hatte Hermann ein intensives, von rastloser Aktivität geprägtes Leben. Er war ein Kämpfer mit seinen Überzeugungen und Initiativen. Er handelte, prägte, tat – anstatt zuzuschauen oder mitzulaufen. Er war zweifellos einer der Besten, die die österreichische Linke nach 1968 hervorbrachte. Künftige Generationen können auf seinen Stärken aufbauen und aus seinen Fehlern lernen. In jedem Fall ist sein Tod ein schwerer Verlust!

 



[1] Einige Nachrufe finden sich auf der Homepage der „Sozialistischen Alternative“, https://soal.at/stimmen-zum-leben-und-tod-von-hermann-dworczak-1948-2026/

[2] Zu unserer Analyse der Geschichte der Vierten Internationale siehe z.B. The Death Agony of the Fourth International and the Tasks of Trotskyists Today, https://www.thecommunists.net/theory/archive-documents-from-the-lrci-and-lfi/#anker_7; Michael Pröbsting: Healy’s Pupils Fail to Break with their Master, October 2013, https://www.thecommunists.net/theory/healy-and-fourth-international/.

[3] Zu unseren deutsch-sprachigen Publikationen über die Analyse der kapitalistischen Restauration Chinas und seinem Aufstieg als imperialistische Großmacht siehe z.B. Kapitel 8 in unserem Buch von Michael Pröbsting: Der große Raub im Süden. Ausbeutung im Zeitalter der Globalisierung, Promedia 2014; vom gleichen Autor: China: Über das Verhältnis der „Kommunistischen“ Partei zu den Kapitalisten), 8. September 2024, https://www.thecommunists.net/theory/china-on-the-relationship-between-communist-party-and-capitalists/#anker_5; China: Über Stalinismus, kapitalistische Restauration und die marxistische Staatstheorie, 15. September 2024, https://www.thecommunists.net/theory/china-on-stalinism-capitalist-restoration-and-marxist-state-theory/#anker_5; China: Unterstützt oder widersetzt sich das stalinistische Regime dem Kapitalismus? 22. September 2024, https://www.thecommunists.net/theory/china-does-the-stalinist-regime-support-or-oppose-capitalism/#anker_1; zahlreiche weitere Beiträge in englischer Sprache finden sich auf dieser Unterseite der RCIT-Homepage, https://www.thecommunists.net/theory/china-russia-as-imperialist-powers/.

 

 

Hermann Dworczak (1948 – 2026)

Veranstaltung zu 90 Jahre Oktoberrevolution 1917 (12.10.2007)

Hermann Dworczak (rechts) und Michael Pröbsting (links)

Veranstaltung zum Wahlprojekts LINKE (05.07.2008)

Hermann Dworczak (zweite von rechts) und Medina Avdagić (Gunić) (dritte von links)

Presseaktion des Wahlprojekts LINKE (19.08.2008)

Hermann Dworczak (rechts) und Medina Avdagić (Gunić) (zweite von rechts)

Presseaktion des Wahlprojekts LINKE (14.08.2008)

Hermann Dworczak (zweiter von links) und Michael Pröbsting (mit Mikrofon)

Diskussionsveranstaltung zu Hugo Chavez und die Fünfte Internationale, (25.02.2010)

Hermann Dworczak (rechts) und Michael Pröbsting (zweiter von rechts)

Diskussionsveranstaltung zu China (28.09.2012)

Hermann Dworczak (zweiter von links) und Michael Pröbsting (rechts)

Diskussionsveranstaltung zu Griechenland (12.02.2013)

Hermann Dworczak (zweiter von rechts am Tisch) und Michael Pröbsting (links)

Diskussionsveranstaltung zu Griechenland (31.08.2013)

Hermann Dworczak (mit Mikrofon) und Medina Avdagić (Gunić) (links)

Diskussionsveranstaltung zu Griechenland (03.09.2016)

Hermann Dworczak (links am Tisch) und Medina Avdagić (Gunić) (rechts am Tisch)